Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Zu, Ferrum Sidereum 

House of Mythology, 2026 - 11 Songs, 79 Min.

Die italienische Band Zu gibt es seit rund 25 Jahren und wir konnten die Wucht ihres Spiels und die erhabene Schönheit der Musik auch hierorts bereits bewundern und bestaunen. Ihr seht schon, das wird wohl keine wirklich kritische Würdigung des aktuellen Albums namens Ferrum Sidereum.

Zu ist ein Trio in der Besetzung Baritonsaxophon (Luca T. Mai), Bass (Massimo Pupillo) und Schlagzeug (Paolo Mongardi). Sie alle bedienen zusätzlich elektronische Klangerzeuger und sind musikalisch in allerlei Richtungen anschlussfähig. Jazz und Punk finden sich ebenso, wie Progrock und eine ordentliche Ration Metal. Wobei Prog im Fall dieses aktuellen Albums via Mellotron-Klängen deutlichere Spuren hinterlässt als zuletzt. Und Prog findet sich auch im spirituelle Hintergrund dieser überaus und in jeder Hinsicht üppigen Produktion. Diese lag in den fähigen Händen Marc Ursellis, die dem Sound besondere Wucht und Weite verlieh.

Ferrum Sidereum heisst das aktuelle Album der italienischen Avantgarde-Band Zu. Zu deutsch Meteor- oder Himmelseisen. Das findet nicht nur in der Homöopathie Verwendung. Gerade in der Antike besass dieser spezielle Stoff spirituelle Bedeutung, die sich in vielen Formen ausdrückte. Die Musik von Zu ist getränkt von diesem Hintergrund, was sich zumeist in energetischem Fluss und massiven Ausbrüchen äussert. Aber pure Brachialität trägt nicht unbedingt über üppige 80 Minuten Spielzeit und so finden sich immer wieder auch Punkte des Innehaltens, der Atempausen, des Nachsinnens über die Themen, die die Titel dieser Tracks beschwören: Von Golgatha über die nur mit der Sonne bekleidete alchemistische Frau, von saturnischem Furor bis Sterneneisen, das zu uns aus den Weiten des Kosmos spricht, reicht das kunstvolle, philosophische unterfütterte Tableau aun Klängen, die uns diese einzigartige Band so grosszügig präsentiert. Ja, das mag mal anstrengen, aber es bläst auch immer wieder den Kopf frei von Alltagsgedanken. Die Alchemie der Klänge beherrschen Zu wie wenig andere. 

Anspieltipps: Golgatha, A.I. Hive Mind, La Donna Vestita Di Sole, Fuoco Saturnio, Ferrum Sidereum

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2026


Little Simz, Lotus 

AWAL Rec., 2025 - 13 tracks, 49 Min.

Simbiatu Abisola Abiola Ajikawo ist der reale Name der britischen Rapperin Little Simz, die inzwischen zu den bedeutendsten Stimmen britischer Musik gehört. Lotus heisst ihr aktuelles, 6. Album. Die Lotusblüte steht für Reinheit und Neubeginn. Und der war wohl nötig, seit sich Little Simz von ihrem bisherigen Producer hintergangen sah. So ist Lotus ein sehr persönliches Album geworden. Und von „Little“ im wörtlichen Begriff kann ja schon lange nicht mehr die Rede sein.

Neuer Produzent (Miles Clinton James), viele Gäste: Lotus ist ein sehr vielstimmiges, abwechslungsreiches Album geworden. Auch mal rauh und brüchig, dann wieder fröhlich und unbeschwert: Hier ist viel zu finden und die Musikerin lässt ihr Publikum immer wieder ihr auf die Pelle rücken. Da ist viel, das brodelt und sie umtreibt, da ist aber auch die Freude am Neubeginn. Und allem, was sie sich unerschrocken beigebracht hat. Auch wenn hier der Hip Hop nicht neu erfunden wird, Little Simz verleiht ihm hier ihre eigene, unüberhörbare Stimme.

Little Simz ist eine sehr vielseitige Künstlerin, die auch schon als Schauspielerin gearbeitet hat. Nach dem Zerwürfnis erwog sie sogar, die Musik aufzugeben. Das wäre sehr schade gewesen. Lotus markiert einen Neubeginn. Und wo andere womöglich ein Rachealbum inszeniert hätten, geht Little Simz ziemlich rasch über die Sache hinweg, nämlich mit dem knappen Einstieg. und danach entfaltet sich ein Panorama zeitgenössischen Hip Hops. Sphärische Klänge, anschwellende Streicher, Gitarrenparts und theatralische Choräle treffen auf die heavy bouncenden Beats einer Old-School-HipHop-Pose. Wie der Soundtrack eines Spielfilms umgarnen, tragen oder kicken sie die ebenso prägnanten wie pointierten Worte von Little Simz. Keine Therapiestunde ist hier vonnöten, nur die selbstbewussten und rotzigen Worten dieser Künstlerin.

Anspieltipps: Flood, Young , Hollow, Lion, Enough, Blood 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2026


Hayward x Dälek (same)                                          

Relapse Rec., 2025 - 9 tracks, 54 Min.

Zwei Undergroundlegenden folgen einer Einladung zum gemeinsamen Musikmachen, finden rasch zusammen und erfreuen unser dunkles Herz mit einem düster brodelnden Ergebnis. So liesse sich Hayward x Dälek kurz und knapp zusammenfassen. 2023 trafen sich The Heat-drummer Charles Hayward und der Rapper und Produzent Will Brooks bei Samarbeta, einer KünstlerInnenresidentur im UK. Dort nahmen sie Musik auf, gleich darauf ergänzte Brooks aka Dälek seine Worte und in weniger als einer Woche lag die fiebrig pulsierende Suite aus Klang und Text vor, die wir nun auf uns einwirken lassen können.

Hayward x Dälek verbindet zwei Generationen, zwei Kontinente und vor allem die Unerschrockenheit, Neuland zu entdecken. So finden sich hier Hip Hop, Impro, Ambient und rhythmischer Furor in variablen Mengen verschmolzen, aber immer voller Spannung und Intensität. Der aktuelle Zustand der Welt hat deutlich Spuren hinterlassen, was Dälek in schmerzerfüllte Worte fasst. Aber es bleibt nicht nur laut (und komplex). Hayward x Dälek sind wie wir alle nur Gäste auf diesem Planeten und widmen diesem Gedanken eine langen, introspektiven track. Dann aber kehren Beklemmung und Unruhe mit Macht zurück, bleiben aber irritierend verspielt und hautnah kompromisslos. Wer düstere Sounds, langen Atem und Hip Hop fern aller Klischees schätzt, ist hier genau richtig.

Am 15.4. kommt Dälek in den Soft Spot.

Und dazu gibts dann noch ein neues Album.

Anspieltipps: Increments,Breathe Slow, Asymetric, As Children Chant

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2026


Uboa & Whitehorse, The Dissolution of Eternity

Tartarus Rec., 2025 - 2+5 tracks, 23 + 23 Min.

Whitehorse sind ein australisches Doom-Biest und nicht zu verwechseln mit den kanadischen Folkies. Sie steuern zwei epische tracks bei auf einem Split mit ihrer Freundin, dem Catgirl of Noise Xandra Metcalfe aka Uboa. Ambient, glitch und Hypernoise treffen auf erdige Metalklänge, getrennt von den zwei Seiten einer, nun ja, Schallplatte. Die Ewigkeit ist bei The Dissolution of Eternity auch nicht mehr, was sie mal war. Sie trudelt, zerfällt und ist am Ende. Aber zuerst wird sie zerdehnt. In unserer kurzlebiger Zeit ist das natürlich paradigmatisch.

Nachdem Whitehorse die schöne Ewigkeit durch den Wolf gedreht und zertrampelt haben, steht Uboa bereit, mit dem Rest aufzuräumen. Das heisst, sie verwandelt ihn in dröhnende, taumelnde, geschredderte, zuletzt erleuchtete Klangschlieren. Hinter Uboa steht die australische Künstlerin Xandra Metcalfe, die sich seit mehr als zehn Jahren in den Randbereichen visceraler Musik umtut, wobei Doom am Anfang stand. Uboa, ihr Namensgeber, ist übrigens ein schreiendes Gespenst aus einem alten japanischen Computerspiel. Quelle ihrer Kunst ist leider persönliches Leid, fussend in ihrer prekären Existenz als Transfrau, zudem geschlagen mit Neurodiversität und anderen Beschwerden. So sieht jemand und hört die Welt auf ganz eigene Weise, vermute ich, wobei sich das allerdings sogar mit den Empfindungen eines alten weissen Manns kurzschliessen lässt (soweit der jedenfalls gewillt ist, sich darauf einzulassen, cis hin, queer her, maybe letzteres hilft). Was für eine Verschwendung an Potential, könnte mensch meinen, bevor es losgeht.

Aber auf einmal schält sich im weissen Nebel ein Song heraus, ätherisch und melancholisch, ein bisschen wie selbstvergessenes singalong im Düsterwald. Es gibt zwar allen Grund, ausser sich zu geraten (wann, wenn nicht jetzt), aber vielleicht mal Anlass, diesen Geist nicht aus der Flasche zu lassen. Sich mal nicht unterkriegen zu lassen von inneren Dämonen und sonstigen Gespenstern. Sie dafür an die Hand zu nehmen, fest, und den Griff nicht lockern. Und dann aus der Ferne ein Licht sehen, oder jedenfalls eine Helligkeit. Und dahinstreben, mit Pomp und Glorie und Zähigkeit. Und wenns das Letzte ist. Ich hoffe aber, dass Uboa sich weiter Musik abringt, gerne unter besseren Umständen.

 

Anspieltipps: WH Wringing Life - Uboa Wasted Potential, The Apocalypse of True Love

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2026 


Zatokrev, ... Bring Mirrors To The Surface

Pelagic Rec., 2025 - 8 Songs, 62 Min.

Zatokrev sind ungeachtet ihres Namens eine schweizer Band. Sänger und Gitarrist Frederyk Rotter gibt auch unumwunden zu, das die Musik von Neurosis inspiriert wurde, was ja keine schlechte Adresse ist. Auch Crowbar wird gerne als Vergleich herangezogen. So erwartet uns auf Album Nr. 6 ... Bring Mirrors To The Surface ein wuchtiges, von Zeitlupen geprägtes Hörabenteuer. 

Postrock und Sludge geben sich bei Zatokrev ein, nun ja, eben nicht munteres Stelldichein. Wucht und Emphase ziehen HörerIn in ihren Bann und tonnenschweres Geriffe trägt die Songs wie Mühlsteine auf dem Weg in den Abgrund voran. Wer gerne zähe Klangmassen über sich zusammenschlagen hört, ist hier an der richtigen Stelle. Planvoll eingestreut sind aber auch zarte Zonen des Zurückgenommenen, wo noch ein wenig über die Klanggewalt dieser eindrücklichen Musik nachgesonnen werden darf. Denn es geht immer auch unser Selbst und sein Bewusstsein.

Monumentaler, ausladender Postrock auf Sludge Basis: Über die Jahre hatten sich Zatokrev einen Ruf erarbeitet, dem sie nach 10jähriger Pause weitere Taten folgen lassen.   ... Bring Mirrors To The Surface ist alles in allem aus einem Guss, wiewohl neben betont brachialen und düsteren Teilen auch Momente fragiler Schönheit aufleuchten. Für all das nimmt sich die Band aber auch Zeit. Jede Menge Zeit. Über eine Stunde wird hier gezeigt, wo der Hammer im Teer steckt. (Und die Seele im Sumpf). Für dieses Unterfangen haben sich Zatokrev hochkarätige Unterstützung ins Studio geholt. Neben Mitgliedern der US-Sludger Minsk und Ines Brodbeck (Inezona) übernehmen mit Manuel Gagneux (Zeal & Ardor), Okoi Jones (Bölzer) und C.S.R. (Schammasch) gleich drei Schweizer Szenegrössen Parts auf dem Album. So ist das eine furiose Strecke Musik geworden, ein Reise über Gipfel und Abgründe, vom hellen Licht anbrechender Tage zur rasenden Trübnis brütender Melancholie. Und retour.

Anspieltipps: Red Storm, Blood, Unwinding Spirits, Faint

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2026

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Case Oats, Last Missouri Exit - Merge Rec., 2025

Casey Gomez Walker ist auf dem Weg. Die Singer/Songwriterin lässt ihre Jugend hinter sich, begleitet von einer leichtfüssigen band. Mit unverbrauchter Stimme besingt sie den Zwiespalt zwischen Heimat und Selbstverwirklichung, die sich aber auch umarmen können. Nur eins bleibt offen: Last Missouri Exit, das Strassenschild, das dem Album seinen Namen gab - ist das jetzt Drohung oder Verheissung?

Hilary Woods, Night Criú - Sacred Bones, 2025

Es gibt eine Menge Sounds auf Hilary Woods neuem Album. Eine Nachtcrew aus Flöten, einem Kinderchor, Blasorchester, diversen Stimmen, Gitarre, Streichern, Klavier und Feldaufnahmen, die ein so stimmiges wie nebulöses Dazwischen beschwören. Hilary Woods hat hier zu ihrer Stimme zurückgefunden, aber richtig beruhigend ist das nicht. Mit leiser Melancholie, aber auch voller Trost machen wir uns auf den Weg. Stehenbleiben ist auch keine Lösung.