Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Schnipo Schranke, Rare, Buback Tonträger, 2017 - 12 Songs, 40 Min.

Pop und Tod heisst das aktuelle Album von Die Heiterkeit und das ist unverkennbar auch das Thema  vom aktuellen zweiten Album von Schnipo Schranke. Trotzdem ist Rare, so der Titel, das denkbar grösste Andere zu deren ambitionierten Musikentwurf. Wie ja auch kaum anders zu erwarten. Das Erhabene und Emblematische dort wird hier auf den schnöden Alltag heruntergebrochen, und es ist an dieser Stelle gleich zu vermerken, dass es auch Katzen dabei gar nicht gut ergeht.

Etwas Besseres als ein Dasein als Blockflötenlehrerin findest du überall, besonders in Hamburg. Die Gründungslegende von Schnipo Schranke ist fast zu schön, um wahr zu sein. Der Schritt von der prekären Existenz als Musikstudentinnen zur prekären Existenz freischaffender Popkünstlerinnen mag als ein kleiner erscheinen, aber er eröffnet eine ganze neue Welt. Eine Welt, die bekanntermassen körperlich sehr geerdet ist und allseits durchdrungen ist von enorm mitsingbaren Melodien. Das erfindet den Pop nirgendwo neu, entwickelt aber seinen eigenen schrägen Charme. So kam es auch rasch zu deutlichem Erfolg als musikalisches Äquivalent zu Charlotte Roches Protagonistin in natürlich „Feuchtgebiete“. Wie um die allgegenwärtige Körperlichkeit zu unterstreichen, klatscht einem das Cover von Rare ein saftiges Stück fein marmorierten Fleisches aufs Auge. (Halb)roh, ausgesucht selten, aber auch dünn – das Lexikon bietet einige Übersetzungsmöglichkeiten. Feinsinn und empfindsame Innenschau, die dem deutschen Pop doch einigermassen zu Eigen sind, finden sich hier schonmal eher nicht. Die Unverstelltheit, die die Songtexte von Schnipo Schranke auszeichnet bis hin zur überdrehten Albernheit hat natürlich schon die eine oder andere Entsprechung, von Stereo Total bis Jolly Goods. Oder, leider schon Popgeschichte, den Lassie Singers. Zwischen charmant und nervig changiert die gnadenlose Reimerei der Texte. Zwischen den oft munteren Zeilen erhebt eine unverkennbare Melancholie ihr graues Haupt, es könnte auch einfach eine realistische Skepsis sein. All das betten Friederike Ernst und Daniela Reis in ein reichlich schlagerhaftes Singalong-Klanggewand aus munterem Keyboardsounds und klöppelndem Schlagzeug, das merkwürdig schlicht bleibt. Schöne Einfachheit einerseits, die nicht von den Texten ablenkt, aber doch zugleich ein Verzicht auf Möglichkeiten, die in manchen Songs stecken. Alles ganz normal wie das namengebende Gericht aus Schnitzel, Pommes, Ketchup und Mayo in einem Land, in dem VegetarierInnen nach wie vor eine Minderheit bilden. Alles so normal wie das gewohnheitsmässige Händewaschen nach dem Toilettenbesuch. Alles so normal wie die landläufige Alltagsdepression, ergänzt durch kleine Fluchten in den Rausch. Alle wollen was von einem. Aber nur Wenige schreiben so abgedreht halblustige Lieder drüber. Manche gelungen, andere, muss ich feststellen, weniger. Aber auch das ist normal. Ein „Variete des Unwohlseins“ (Klaus Ungerer, FAZ), nach wie vor geboren aus dem Geist des Selbermachens bietet Rare, musikalisch vielleicht auf diskrete Art ein wenig ausgefeilter als der Vorgänger. Schnipo Schranke bleiben immer noch ebenso zuckrig windschief wie dem rebellischen Geist des Ungenügens verhaftet. Damit singen sie unser Lied, denn hoffnungsfrohe Mängelwesen sind wir doch alle.   

Anspieltipps: Pimmelreiter, Wieder alleine, Gast, Murmelbahn, Sag niemals Ihh 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.3.2017  


Voodoo Jürgens, Ansa Woar, Lotterlabel, 2016 – 13 Songs, 51 Min.

Einem Volk, das mit Vergnügen auch sogenannte Eitrige verzehrt, wird mensch manches nachsehen. So auch den leicht geschmacksunsicheren Künstlernamen, den sich David Öllerer ausgesucht hat, nämlich Voodoo Jürgens. Oder ist er, auf einen zweiten Blick, für einen Volkssänger nicht doch zutreffend gewählt? Nun, Voodoo Jürgens singt keine Schlager, er singt, auf seine verzaubernde Art, grossteils Wienerlieder. Also Lieder vom bösen Ende. Heite grob ma Tote aus lautet einer der feinen und treffenden, aber insgesamt seltenen Refrains, denn hier geht es auch um Exhumierung und Wiederbelebung. Österreich, eh zurzeit das Wunderland prächtiger Popmusik hat seine Traditionen des Makabren und Sozialkritischen ebenso wie das Talent zur Exaltiertheit. Anders als früher werden KünstlerInnen sogar schon zu Lebzeiten gewürdigt und das mit Recht. Ob solche Kränze auch Voodoo Jürgens geflochten werden, steht noch dahin. Verdient hätte er es auf alle Fälle (und so ist auch das Konzert in der Muz am 30. April ausverkauft). Aufgewachsen in einem kleinen Ort „zwischen Zuckerbude und Kadaverfabrik“, mit einem Vater, der einfahren musste, was dem Jungen deutlich zu spüren gegeben wurde, sammelte er reichlich Erfahrungen der unerfreulichen Sorte. Danach arbeitete er als Friedhofsgärtner und sang er jahrelang englisch bei einer Indyband namens Die Eternias, bis er seine eigene Sprache, nämlich ein unverkennbar dialektgefärbtes Österreichisch, gefunden hatte. Jetzt also Ansa Woar – Erste Ware. Und das triffts.    Ein Geschichtenerzähler tritt auf, meist rotzig, aber auch manchmal liebevoll. In Düsternis getauchte Songs, die selten ein gutes Ende finden bieten eine ganze Palette von Typen auf, die sich mindestens in verrauchten Kaffeehäusern und verranzten Bars ihr schäbiges Leben vertreiben und versaufen. Fallotten, Bülcher, Owezahrer, Einidrara, Hallodris und Tachinierer treffen aufeinander und was leicht zu einem Sozialdrama gerinnen könnte, wird hier leichthändig in eine Art Chanson verpackt, deren schrägen Charme eine berufene Stelle wie das Music Information Center Austria als Anti-Folk fürs Beisl charakterisiert. Der Begriff Wienerlied klingt ja auch schon zu abgeranzt für etwas, was auch wie die Ösi-Version des jungen Bob Dylan oder eines Tom Waits einherkommt. Von Moritat über Liebeslied bis Kurzhörspiel ist auf Ansa Woar vieles vertreten, nur kein Glamour. Ein Freund von Geschichten ist Voodoo Jürgens, was nicht besagt, dass die Musik dazu nicht taugt. Ganz im Gegenteil. Sie ist aber in ihrer Durchhörbarkeit, in ihren Anleihen an Vertrautem, ihrer Freude an schiefen und abgeranzten Klängen vor allem eine Grundlage für die Geschichten über Pantscher'l, Gschäftl'n, Betrug, Sorgen, Zuaheit und die Gitti. Ein rundum unrundes Album, das seinen Titel Ansa Woar mit Recht trägt und zugleich einem Augenzwinkern.

Anspieltipps: 3 Gschichtn ausn Cafe Fesch, Heite grob ma Tote aus, Gitti, Alimente, Hansi der Boxer, Fang da nix an  

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.3.2017  


Cindytalk, The Labyrinth of the Straight Line, Editions Mego, 2016 - 10 tracks, 68 Min.

Parallelen schneiden sich auch nicht im Unendlichen, auf einer geraden Linie kann sich niemand verirren. Ist doch so? In einer binären, einer heteronormativen Welt mag das gelten. Aber rechnet mit der menschlichen Fantasie (und nicht nur der), verlasst die Zonen des säuberlich geschiedenen Schwarz und Weiss und taucht ein in die Tiefen einer geraden Linie, die weiter und weiter wird, sich in Partikel versprengt, sich im Innersten auffächert und zu einem enormen Raum wird, in dem die Orientierung auf einmal kein Ziel mehr findet. Frage: Wo sind wir hier? Antwort: In der Musik von Cindytalk. Zur Erinnerung, weils so lang her ist – Cindytalk veröffentlichten in einer ersten Phase von 1984-1994 vier Alben. Nach einer Pause ab 2009 weitere, die meisten jetzt bei Editions Mego: Cindytalk haben eine lange Geschichte und einiges an Veränderungen hinter sich. Als desperate Postpunk-Band gestartet und nicht ohne Erfolg, erfolgte nach dem Album Wappinshaw von 1994 eine Richtungsänderung. Mastermind Gordon Sharp betrieb Cindytalk zuletzt weitgehend als Soloprojekt mit dem klanglichen Schwerpunkt auf  "Ambi-dustrial" (so seine Worte). The Labyrinth of the Straight Line geht als alptraumhaftes Phantasma zurück zu den Wurzeln. Abgründe haben ihre spezielle Schönheit. In praise of The Invisible College lautet das Motto dieses verrätselten Albums und legt damit eine Spur zu naturphilosophischem Mystizismus des 17. Jahrhunderts. Einsprengsel aus dem englischen Film Ghost Dance von Ken McMullen stellen eine weitere Beziehungsebene dar. Und ein Vers bringt die Verhältnisse abschliessend auf den Punkt, der doch nur eine in sich verwundene Gerade ist: “I met a man who lost his mind / in some lost place I had to find, / follow me the wise man said, / but he walked behind.” Der Eingang zum Labyrinth steht offen. Der Fortgang ist ungewiss. Im Herzen des Labyrinths lauerte einmal Gefahr. Das ist lange her. Heute eröffnet es die Chance auf spannende, immer neue Abwege, gekrönt von einer kleinen Verzweiflung. Was als Unternehmen frohgemut begonnen wurde, erweist sich als unterfüttert von Fallstricken, von immer neuen Vergeblichkeiten. Es wäre zu einfach, einem Plan zu folgen, oder einem Faden. Es wäre falsch, die Hoffnung fahren zu lassen. Der richtige Abzweig war immer der, der achtlos passiert wurde. Im Innern des Labyrinths stehen immer alle Wege offen, vor allem die Sackgassen. Erkundung einer magischen Psychogeographie. Das mag das Programm sein, das Gordon respective Cinder Sharp aka Cindytalk dem Album The Labyrinth of the Straight Line zugrunde legt. Abirren, wo es unmöglich erscheint, ganz einfach. Das geht schon. Der Abgrund, in den eins starrt, blickt auch zurück. Was für manche einfach eine gerade Linie ist, entpuppt sich bei näherer Betrachtung womöglich als ein ganzes  ungeheures Geflecht, ein Nebeneinander aus Individualitäten. Das ist das Eine. Das Andere ist vielleicht eine Geisterbeschwörung, vollführt von einer gespenstisch anmutenden Maschinerie, die zwischen gewalttätigem Affekt und körperloser Schönheiten ganze Welten zu evozieren vermag. Gegenwärtig, aber körperlos. Da ist dann auch ein Labyrinth kein Hindernis. Und die Welt ein Film aus Klang..

Anspieltipps: In Search of New Realities, I Myself Am An Absolute Abyss, The Labyrinth of the Straight Line, Who Will Choose My Dress, Filthy Sun in Diminuished Light

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.3.2017  


Mach´s besser: 25 Jahre Die Sterne, Materie Records, 2017 - 24 Songs, 80 Min.

Machs besser, lautet die Aufforderung und, um das Fazit vorwegzunehmen, sie machens doch zumindest reichlich gut. Wer? 24 Bands bzw. MusikerInnen, die Songs der Sterne covern. Ein Geschenk, das sich die Hamburger Band zum Jubiläum machte, statt noch ein Best of-Album herauszuhauen.

Ich muss zugeben: Die Sterne liefen bei mir immer etwas nebenher. Und erst jetzt wurde mir klar, wie produktiv diese textsichere Band über all die Jahre gewesen ist. Aus einem grossen Fundus aus feinem Songmaterial konnte also gewählt werden. Vorgänger (Family 5), Geistesverwandte (Die Aeronauten) und hoffnungsfroher Nachwuchs (Isolation Berlin) wurden eingeladen und trugen ihren Teil zu dieser Kompilation bei, die mit 80 Minuten Spieldauer das Potential des Tonträgers voll ausschöpft. Ansonsten ist von Boy Division über Kreisky und Max Müller bis zu den Zimmermännern ein ganzes grosses Spektrum deutschsprachiger Popmusik vertreten. Basics Die Sterne: Gegründet von Frank Spilker (Gesang, Gitarre) mit Thomas Wenzel (Bass), Christoph Leich (Schlagzeug) und lange Jahre auch Frank Will (Tasteninstrumente), zählen sie zu den Mitbegründern dessen, was unter dem nicht unbedingt geliebten Begriff "Hamburger Schule" die hiesige Musiklandschaft in den Neunzigern nachhaltig prägte. Gut elf Alben mit funky Diskurspop, immer wieder neu gewichtet, darunter mehr als ein paar Tracks, die wie Leuchttürme über den musikalischen Einheitsbrei strahlen. Was der Beitrag der Sterne nach jahrzehntelanger Bandgeschichte zum Pop sein könnte? Dazu erklärt der Waschzettel zur "Für Anfänger"-EP (im Jahr 2012): "Die Sterne – sich stets mit Lässigkeit und ihrer ganzen eigenen Definition von Groove treu geblieben, rotzt die Hamburger Band seit 20 Jahren Wahrheiten in Richtung Welt. Obwohl sie nur Fragen stellen. Und keine Antworten geben.Grundsätzlich lassen sich drei Methoden festmachen, wie auf Tribute-Alben mit den Originalen verfahren wird: Ehrfurcht, Auseinandersetzung und Aneignung. Auf Mach´s besser finden sich alle Varianten im Umgang mit Songs aus einem Vierteljahrhundert Die Sterne. Aber egal, ob bloß nachgespielt, herausgearbeitet oder einverleibt wird: Bei fast jeder neuen Version, ob mit guter Idee oder schlechter, ob mit eigenem Profil oder zu viel Respekt, fällt vor allem auf, dass so ein Song von Die Sterne kaum kaputt zu kriegen ist. Schlussendlich merkt man also immer wieder, und das leistet so ein Tribute-Album ja im besten Falle, wie großartig die Band, der da gehuldigt wird, einmal war – oder in diesem Fall sogar noch ist. Mach´s besser? Besser als Die Sterne? Nun, manchen Songs haben sie seinerzeit nicht alles gegeben, was möglich war, heisst es in einem Interview. Das haben jetzt andere herausgekitzelt. Auch sonst: Die Meisten machen´s gut. Egal  ob nah an der Vorlage oder frei interpretiert: die Wiederhörensfreude an diesen Sterne Covern bleibt ungetrübt. Frank Spilker dazu: „Bei allen Stücken hatte ich das Gefühl, sie seien gleichsam nah und fern der Vorlage.“  Wer, wenn nicht er, könnte es so präzise auf den Punkt bringen.

Anspieltipps: Björn Beton, Depressionen aus der Hölle - Die Aeronauten, Risikobiographie - Egotronic, Scheiss auf deutsche Texte - Fehlfarben, Nach fest kommt lose - Isolation Berlin, Irrlicht - Kiesgroup, Abstrakt - Kreisky, Aber anderseits - Max Müller, Ich will nichts mehr von dir hören - Naked Lunch, Bis neun bist Du o.k. -  The Blood Arm, Ihr wollt mich töten     

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.3.2017  


Und ausserdem

The Hidden Cameras, Home on Native Land – Outside Music, 2016

Die Songs von Joel Gibbs besitzen den unbestreitbaren Vorteil, dass sie unverkennbar sind, egal in welchem Outfit sie einherkommen. Das gilt sogar für ein Album voller Countrymusik, das Gibbs ein langgehegter Wunsch war und für das er zahlreiche interessante Gäste gewinnen konnte (Rufus Wainwright, Feist, Ron Sexsmith oder Neil Tenant). Die Stimme des Preachermans gibt auch dieser indiskreten Ode ans heimatliche Kanada und an schwule Liebe ihren besonderen Reiz, auch wenn so gegensätzliche Dinge wie ein bisschen mehr Schwung oder samtene Melancholie nicht geschadet hätten.

The Tiger Lillies & Cole Porter, Love for Sale. A Hymn to Heroine – Misery Guts, 2016

Während Cole Porter inzwischen als Person kaum mehr präsent ist, sind es überraschend viele seiner Songs nach wie vor. Grund genug für die Tiger Lillies, sich dieser auf eher zurückhaltender Weise, wenn auch manchmal im Falsett anzunehmen. Sophisticated ist ein schwer übersetzbarer Ausdrück, der aber Porters ebenso ökonomische wie glänzend gebaute Songs sehr gut beschreibt, zumal die, die von Heteroliebe singen und schwule Liebe meinen. Im Übrigen eines der weniger überdrehten Tiger Lillies-Alben, almost classical.