Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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ZORES - Jahresrückblick 2016

So. Die Lage ist verfahren, aber das ist sie ja immer. 40 Jahre Musikverein und 40 Jahre Kunstverein gabs zu feiern, aber was der KV hinter sich hat, Umbau und Auslagerung, steht Musikverein und Cafe Kaya noch bevor. Wie´s ausseht, ist mehr als feste Daumendrücken nicht drin. Das Engagement dieser und aller anderer Institutionen der hiesigen Subkultur ist dafür unumwunden zu Loben und zu Preisen. Mehr zu sagen, zu den Weltläuften und allgemein, seh ich mich allerdings ausserstande. Da mag dann an meiner/unserer Stelle ausgiebig Musik sprechen.                     

Eine kleine Auswahl an Tonträgern, die wir Euch übers Jahr hinaus ans Herz legen:

A Tribe Called Knarf, Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte    

Mit Widersprüchen arbeiten könnte das genannt werden, Widerspruch aus dem Bauch der Bestie, um kleine Zonen des Nichteinverstandenseins zu generieren, in dem Bewusstsein selbstverständlich, dass es sich dabei allenfalls um einen prekären Übergangszustand handeln kann. Dem trotzdem ein erhellender Moment abzuringen wäre und verkleidet in ansprechende, soulig warme Musik als Verhandlungsbasis. Nun, die Textflächen, zumeist von Knarf Rellöm kehlig und hell vorgetragen, sind davon nicht zu trennen. Sowas ist vielleicht der Widerschein einer Utopie, wo im richtigen, also falschen Leben, gerne nach billigen Alternativen für wir da unten vs die abgehobenen Oberen geschrieen wird, möglichst unter Verzicht auf eigenes Nachdenken. Das Letztere wird hier niemandem erspart.                        

Leila Abdul-Rauf, Insomnia                                                                                         

Ein ansprechendes Berufsleben, daneben satt metal and gore (Vastum, Hammer of Misfortune) – für eine Frau mit den schöpferischen Qualitäten von Leila Abdul Rauf ist das einfach nicht genug. Also baut die Multiinstrumentalistin mal eben noch ein sphärisches Album namens Insomnia, das sich von ihrer sonstigen musikalischen Produktion, nun ja, unterscheidet. In der Zwischenwelt von Tag und Traum treiben hier geisterhafte Melodien, spuken Klavier- und Bläserklänge (ja, Trompete spielt sie auch) und schillern klingende Phantome sacht beunruhigend. Dazwischen wird auch ein wenig gesungen.

Aesop Rock, The Impossible Kid

The Impossible Kid: Nichts weniger als die klingende Autobiographie eines wortgewaltigen Sprechkünstlers? Aesop Rock – es gibt Leute, die zählen so was – verwendet von allen Rappern die meisten unterschiedlichen Worte in seinen Texten, und nicht nur das vorangehende Album Skelethon bestätigte das eindrucksvoll. Auch da ging es schon um einige Lebensumstände, hier, auf The Impossible Kid, legt er noch eine Schippe Persönliches drauf. Und verzichtet auf manches seiner hirnverschlingenden  Wortspiele. Denn wir sollen ruhig teilhaben an dem, was ihn treibt. Klar, dass das nicht immer angenehm ist. Aber trotzdem nicht ohne Witz.

All diese Gewalt, Welt in Klammern

Dem Titel (Welt in Klammern) gemäss spielt sich hier viel in Zwischenräumen ab, in einem auch musikalischen Zwielicht, das die Farben filtert. Zwischen Postpunk, Shoegaze und der Lust an spukigen und skurillen Geräuschen entfaltet sich die Musik von All diese Gewalt. Kein Punkt wird mehr fixiert, hiess Max Riegers erste Veröffentlichung unter diesem Namen und irgendwie scheint das auch die Maxime zu sein, entlang der sich die Songs, nun ja, entwickeln. Der Umweg ist das Ziel und zugleich viel spannender und ergiebiger als das vielgepriesene Ankommen. Daher neigen die Lieder auch zum Um- und Abschweifen, gerne entlang einer Laut&Leise-Dramaturgie. Laut denken, aber die Gedanken nicht zu Antworten gerinnen lassen. Das ist wohl so etwas wie die Idee, die hinter diesem Album von All diese Gewalt steckt. Die Welt bleibt hier erstmal ziemlich aussen vor, soweit sie sich nicht in Alltagsgeräuschen manifestiert. Natürlich ist sie vorhanden, aber wir wissen auch: Die Welt ist Klang. Und ja, Max Rieger will schon gefallen mit diesem seinem sehr eigenen Ding. Aber sich nicht anbiedern.

Alte Sau, To Be As Livin´                                                                                                     

Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein. Doch, doch: manche schauen und hören hin, wenn Jens Rachut die Alte Sau zum zweiten Mal durchs Dorf treibt. Und es ist markant: "Kein Bass aus Bass, keine Gitarre aus der Gitarre, keiner bläst, streicht oder fummelt am Laptop. Was bleibt sind 2 Orgeln gespielt von 10 Fingern und einem Fußpedal – das Schlagzeug ist von der Firma „Spärlich“ und der Gesang ist so uralt und klar, daß man froh ist, daß man auf die richtige Sprache gesetzt hat" (Zitatende). Soundmässig harter Stoff, klangtechnisch allenfalls Rachuts anderem Projekt NRFB verwandt oder (entfernt) dem Orgelinferno mancher Zitronenalben. Verdankt sich: Rebecca Oehms: Orgel, Raoul Doré: Schlagzeug und natürlich Jens Rachut: Gesang wirken als kompakt eingespielte Einheit, manchmal unterstützt von einem frenetischen Chor. Das groovt und geht auch an die Nieren und der alten Frage: Ist das Kunst oder kann das weg? wird auf das Entschiedendste aus dem Weg gegangen: Durch Flucht nach vorn ins Rachutsche Wörterlabyrinth, wo sich schroffe Tatsachenfeststellung und abgedrehter Taumel ein sinnverwirrendes Tänzchen liefern.

Astronautalis, Cut the Body Loose                                                                            

„Mir wurde ziemlich früh klar", sagt Astronautalis, "dass diese Platte vom Süden handeln würde, in, um und in dessen Nähe ich aufgewachsen bin, aber auch vom Süden meines Vaters, meiner Mutter, vom Süden der Vergangenheit und der Zukunft, von der Magie, der Mystik, dem Horror und der Tragödien mit ihrer seltsamen, schwitzigen, abgefuckten Schönheit, die dem Süden innewohnt.“ Seit 2003 macht der 34-jährige Alternative HipHop und bis jetzt ist er eine Art Geheimtip geblieben. „Das große Thema das Albums ist es, Menschen in äußerst widrigen Umständen dabei zuzusehen, wie sie die Dinge in die Hand nehmen und noch immer die Kraft finden, zu tanzen, sich zu verlieben oder Kunst zu erschaffen.“ Cut the Body Loose ist so gesehen, ein Album über ein weitgespanntes Thema und folgerichtig nicht aus einem Guss. Das mag für manche ein Manko sein, aber der Wechsel von melancholischen Songs und brachialen Wortkaskaden ist aufs Ganze gesehen gelungen, auch wenn manchmal ein wenig mehr Nachdruck besser gewesen wäre. Aber in diesem vielseitigen Mann stecken eben auch ein Poet und ein Träumer.

Danny Brown, Atrocity Exhibition                                                                                       

Mit Drogen dealen und eingeknastet werden stiftet eine Menge street credibility. Mach was draus. Von 50cent wegen der Jeans nicht geliked zu werden: Mach was draus! Nimm deine schneidende Stimme als Waffe. Sie ist einzig. Mach! Und so landete Danny Brown mit seinem vierten Album, Atrocity Exhibition, bei Warp. Er hat was draus gemacht, aus Gefährdungen, Exzessen und dem Willen, daraus grimmige, ätzende Kunst zu formen. Atrocity Exhibition kreist um den Ground Zero eines Künstlers der reich beschenkt wurde mit Begabung und Selbstgefährdung. Eigentlich ein Witz. Du schaust dem Teufel ins Gesicht und kannst nicht aufhören zu lachen. Die Mitte, die es zu finden gilt, entpuppt sich als mächtiges Schwarzes Loch. Danny Brown präsentiert mit seinem aktuellen Album das Grand Guignol einer Künstlerexistenz. Ein grässliches Theater, das durch massive Kunstfertigkeit und Spielwitz sich vorläufige Rettung zu verschaffen versucht.

Bianca Casady & the C.i.A., Oscar Hocks                                                               

Natürlich kennt ihr die verknautschte Stimme, ein wenig auch die Atmosphäre. Nein, ich spreche da nicht von Tom Waits. Es geht um Bianca Casady, die eine Hälfte von CocoRosie ist und ihr Album, das eben nicht einfach ein Soloalbum ist. Sondern Teil von etwas Umfassenderen, ein musikalisches Theater, von dem hier nur der Soundtrack erklingt. Und es ist kein pompöses Theater, keins, das mit Plüsch und tiefen Sesseln und Goldverzierungen ausgestattet ist. Das war es vielleicht einmal, aber jetzt sind die Vorhänge verschlissen, die Tapeten haben sich abgelöst, der Stuck und die prunkvollen Bemalungen lösen sich in grossen Stücken. Und durch die Ritzen pfeift der Wind. Das Klavier, das hier seit hundert Jahren steht, kriegt alles mit und ab und entwickelt so seinen Charakter. Und damit ergänzt es prima die abseitigen Gestalten, die hier die Bühne bevölkern und ihre Lieder singen. Wunderliche Charaktere allesamt, so wie auch bei CocoRosie, hier aber vielleicht noch abseitiger, etwas abgerissen und in nimmermüde Melancholie gehüllt.

Dälek, Asphalt for Eden                                                                                                           

Eins vorweg: Dälek bleiben Dälek, auch wenn Producer Oktopus nicht mehr dabei ist. DJ ReK (ohnehin in ganz alten Tagen schon dabei) und Mike 'Swarmbots' Manteca kriegen die düstere Wucht, aber auch anderes, ebenso gut hin. Nach dem letzten Album Gutter Tactics (2009) hatten sich die Wege mehr oder weniger getrennt, die Beteiligten hatten sich anderen Projekten zugewandt. Doch MC Dälek besann sich letztlich anders und nun sind Dälek wieder am Start. Das Label ist neu, aber bezeichnend: Profound Lore, die kanadischen Spezialisten für extreme metal und drowning noises. Passt!

Die Heiterkeit, Pop & Tod I & II                                                                                      

Lustlosigkeit als Kunstform? So zumindest benennt es DIE ZEIT. Damit sind Die Heiterkeit ja ein Weilchen gut gefahren. Aber dann das: Nicht weniger als zwanzig (!) Songs formen jetzt ein, tatsächlich!  Konzeptalbum. Gross, entschleunigt, von einem melancholischen Glühen erfüllt, das zugleich sakrale Kälte ausstrahlt. Hier wird nicht im Bauchnabel der Gefühligkeit gestochert (wie das einige angesagte deutschsprachige Bands gerne tun): Hier geht es um die grossen Dinge, die jederzeit mit Gleichmut an sich herangelassen werden.

Die Nerven, Out                                                                                                            

Die Nerven hattens mit ihrem letzten Album schon zu so etwas wie Lieblingen des Feulletons gebracht und zu Lieblingen der FreundInnen heftiger, fordernder Musik sowieso. Die üblichen Schubladen - Deutschpunk, Noiserock - griffen ja bei Den Nerven, wie einigen anderen, ähnlichen Bands stets zu kurz und vermochten grad mal ne lose Abgrenzung zu vermitteln. Was daran natürlich passt, ist das DIY-Ding, mit dem eigenen Standpunkt, zugleich dem Hang zur Vermeidung platter Statements. Eine ratlose, angepisste Unnahbarkeit, eingebettet inzwischen in eine Musik, die gleichermassen das Sperrige beherrscht, wie das Leichtfüssige, die fette Ausrufezeichen setzt und tönende Fragezeichen. Ein bisschen Resignation, eine Schippe Traurigkeit und alles doch kein Grund, nicht an den Songs und Sounds zu schreiben, nicht Platten aufzunehmen. Jeglicher Zorn, alle Frustration, sogar Verbitterung sind nachvollziehbar, aber kein Grund, sich unterkriegen zu lassen, nicht weiterzumachen. Mit jedem Einsatz der Stimme wird das klargemacht. Üblicher Gesang ist halt anderswo zuhaus. Die Nerven: Musik aus dem musikalischen Outback der Vororte, wo nichts passiert, wenns denn nicht selbst in die Hand genommen wird.

Drangsal, Harieschaim                                                                                               

Tristesse, Langeweile, kulturelles Brachland. Könnte fast überall sein, im konkreten Fall Max Grubers ist Ort der Nicht-Handlung aber konkret Herxheim. In der Pfalz. Auch altbekannt als Harieschaim, was dem Debutalbum zu einem einigermassen schräg parfümierten Titel verhilft. Das könnte zugleich die Blaupause sein, über der die Künstlerpersona Drangsal ihre Musik hochzieht. Die hemmungslos wirkt, wie aus den 1980er Jahren herübergebeamt. Und die grosse Namen des Wave als Referenzen mit sich führt.

Half Japanese, Perfect

40 Jahre Noise Rock und kaum ein bisschen leiser. Der unvergleichliche Jad Fair gibt den Crooner, der Country im Blut hat und den Anarchisten im Nacken, der ihn zu verrückten Dingen antreibt. Perfect bietet Perfektion mit Schrammen, zugleich simpel, weh- und übermütig.

Anna von Hausswolff, The Miraculous

Miraculous, die dritte CD von Anna von Hausswolff, ist noch abgründiger, noch überwältigender geraten. Ein tiefschwarzer Monolith, beflügelt von 900 Orgelpfeifen (und einer Band). Musik zwischen Schönheit und hysterischem Horror, links winken ausserdem gelegentlich Black Sabbath, auf der anderen Seite grüssen die Swans.

Hazmat Modine, Extra-Deluxe-Supreme

Die Band um den Sänger und Mundharmonikaspieler Wade Schuman präsentiert erneut einen apart instrumentierten Kessel Buntes aus dem Schmelztiegel NY. Americana World: Meist fröhlich, gelegentlich sinnierend, durchwegs entspannt.

Human Abfall, Form & Zweck                                                                                    

Ich will das hier nicht auch noch Punk nennen. Obwohl: Diese messerscharfen Ansagen – mitten ins Konsumentenherz. Wir stehen doch alle, mehr oder weniger gewollt, „Knietief im Falschen“. Wo viele von uns womöglich eine „Bequeme Stellung“ einnehmen. Da heisst es „Denken lernen“. Immer wieder „Montags“ ist es besser als jemals zuvor, denn „Es ist, wie es ist“. Die grössten Zerstörungen deutscher Städte fanden bekanntlich nach 1945 statt: „Realismus verpflichtet“. Wir müssen doch alle „Von A nach B“, oder? Statt „RTLM“ hören wir lieber Radio Z und bemühen uns bevorzugt um Solidarität. Immer wieder „Neu leben“, das ist es uns wert. Es muss ja nicht so ausgehen wie bei der Frage „Wo ist Franz? Antwort: Im Dschihad“. Sind ja keine Ingenieure. Statt Mode & Verzweiflung dann doch besser „Form und Zweck“, das gibt ein starkes Rückgrat. Damit schaffens wir auch „Zurück zum Brutalismus“, denn wir sind der Moderne doch so tief verpflichtet. Und das alles ist kein Traum, das geht ja nicht, wir stehen beidbeinig gut aufgestellt und wenn wir in uns hineinblicken, zeigt sich „Wir hatten soviele Pläne“ und, wie jedenfalls ich, so wenig Mut. Flavio Bacon stellt immerhin fest. "Ich bin nicht befähigt, ein Instrument zu spielen, dementsprechend lasse ich es lieber sein.

Isolation Berlin, Und aus den Wolken tropft die Zeit

Jung, depressiv, keine Scheu vor Pathos. Im allgegenwärtigen gute Laune- Pop ist das schon mal eine Position, die hervorsticht.  Und wenn sie dann auf einem gutgeölten Indiegitarrenfundament einherkommt, umso besser. Das mag einiges von dem kleinen Hype erklären, der sich zumindest in Deutschland um die Band so rasch entwickelt hat. Es scheint, dass es so etwas wie eine Sehnsucht nach ganz konkret beschriebenen (Miss-) Empfindungen gibt, die darauf wartet, erfüllt zu werden. Auf diesem Album namens Und aus den Wolken tropft die Zeit werden sie ausgiebig bedient. Was sagt uns das? Isolation Berlin haben eine Antwort: Ach, wenn wir nicht so hungrig wären / wie glücklich könnten wir sein. Berlin – No future again. So glücklich könnten wir sein. Wenn die Welt uns denn liesse, Chef, Arbeitskollegen, Nachbarn, die Verhältnisse, die Depression. Und aus den Wolken tropft die Zeit fasst private Stimmungen zusammen, bebildert eine Reise ins steinerne Herz des Finales. Ungerührt hat mensch standzuhalten: Seht, das habt ihr aus mir gemacht.

Joahsino, Meshes

Joahsinos Meshes: Das Ambient-Album der anderen Art. Cico Beck musiziert mit einem von Nico Sierig angeleiteten Roboter-Orchester als erleuchteter Professor im Musiklabor und erzeugt spannend abgedrehte Soundscapes mit einem eigenartigen Hang zur, tja, Eingängigkeit, somit ein echtes Kunststück.

Karies, Es geht sich aus                                                                                                     

Pestpocken sind gemein und ätzend. Aber Karies nervt natürlich auch. Wie ihr draussen an euren Radioapparaten und anderen Empfangsgeräten aber sicher schon vermutet, geht’s hier nicht um Seuchen, sondern natürlich um… Musik. Um und bei Punk, einem inzwischen weiten Feld, das so  Genres wie Noiserock, Coldwave und Postpunk einschliessen mag. Schon sind wir bei einer  weiteren Stuttgarter Band, nämlich Karies und ihrem schräg betitelten Album Es geht sich aus. So heimelig-dialektal sich das anhört, mit einem Schillern ins Österreichisch-Gemütvolle, so sehr führt das  in die Irre. Während das dorten nämlich für ein Passt-noch stehen mag, passt hier nichts mehr. Auf Es geht sich aus liegen die Nerven ziemlich blank, breitet sich störrische Unruhe in Etappen aus. Karies´ neues Album klingt ebenso massiv wie ausgemergelt. Getriggert von spärlichen Textzeilen entfaltet sich eine reichlich unheimelige Atmosphäre. Hier strebt etwas dem Ende zu, und das war wohl nicht nur eine Beziehung.

LAND, Anoxia                                                                                                      

Grundsätzlich ist die Abwesenheit von Sauerstoff (Anoxia) mit dem menschlichen Leben nicht vereinbar. LANDs zweites Album Anoxia spielt daher in labyrinthischen Klangräumen einer posthumanoiden Welt. Hinter LAND steht der Sounddesigner Daniel Lea, zur Umsetzung seiner musikalischen Visionen hat er sich einiger Mitstreiter versichert, wie den Schlagzeugern Rupert Clervaux, Mark Wastell und Jamie McCarthy, Clive Bell, Shakuhachi und dem Gitarristen Leo Abrahams. Ben Frost ist als Produzent der geeignete Mann, aus diesen prinzipiell kühlen und komplexen  Klangvisionen ein strahlend pulsierendes Meisterwerk zu verfertigen. Was leicht zu einer düster-morbiden Dystopie üblichen Sinns hätte geraten können, entwickelt für mich hypnotische und vitale Klangreize ganz anderer Art. „Die Schönheit der Dinge im Fall ist nicht die unsere“, heisst es an anderer Stelle, aber Anoxia, gedanklich in einer menschenfreien Zone angesiedelt, ist da ein eigen Ding.

Jeffrey Lewis & Los Bolts, Manhattan                                                                     

Manhattan? War da was? Lou Reed ist tot, Tuli Kupferberg ebenfalls und überhaupt ist es ist zu teuer, um noch herzuziehen. Auch die coolen Menschen sind alle schon weiter. Irgendwann ist es ganz leer. Vielleicht ist das genau der Grund, Manhattan ein Album zu widmen, ebenso bunt und nachdenklich wie seine Comic Strips: Jeffrey Lewis hat es getan. Immerhin wurde er 1975 in New York geboren und wuchs in Manhattans Lower East Side auf. Jeffrey Lewis´ Manhattan also: Eine Handvoll lakonischer Songminiaturen, eingespielt mit seiner Band Los Bolts (Heather Wagner, die auch singt u. Caitlin Gray) und ein paar weiteren helfenden Händen und höchst professionell produziert von John Agnello. All das und mehr erfahren wir aus dem beigefügten Comic-Panel, das Jeffreys andere Begabung höchst launig unterstreicht. Musikalisch pendelt das Album zwischen gewohnt schrabbeligem Anti-Folk, wie nicht anders zu erwarten und einem krätzig-euphorischen Anteil Punk á la Crass, denen ja seine Begeisterung ebenso gilt und was bereits er in einem Coveralbum unterstrichen hat.

Nick Mott, Here Begins the Great Destroyer                                                                          

Ah… Musik. Da war doch was. War da was? Das hier, ist das welche? Hic sunt leones schrieb man früher auf Karten, wo man nicht weiterwusste. Hier beginnt der grosse Zerstörer, schreibt dagegen Nick Mott über sein Album. Es bleibt nichts, was es war. Und das ist Warnung genug. Lasst uns daher über Musik reden. Jedenfalls ein anderes Mal. So wie neulich. Als ob nichts gewesen wäre. Das tut ja nichts zur Sache. Es muss einem nicht peinlich sein. Kann schon mal vorkommen. es ist dann nicht mehr so wie es nie war. Sagt man ja so. Wird ja auch viel dahergeredet, in diesen schlauen Artikeln, wo die Worte ständig ihre Konsistenz ändern, sich shiften, mit anderen mitlaufen, mit gespitzter Lippe sozusagen und niemals, NIE! auf ihre vorige Existenz zurückschauen. Flötentöne im Wald. Bringt auch nix. In die zerbrochenen Schalen schlüpft kein Küken mehr zurück. Es gilt das mal kurz festzustellen. Sonst entgleitet das ja alles, windet sich, ein Gestaltwechsler am Werke. Schillert ein wenig, bevor er sich dem gerasterten Hintergrund angleicht. Passt. Kaum zu erkennen. Schau genau hin: Früher war das mal Musik.

Maja Osojnik, Let them Grow                                                                                 

Es gibt kaum ein musikalisches Gebiet, in dem Maja Osojnik nicht zuhause wäre. Sie spielt in Gruppen wie Low Frequency Orchestra, Frau Fru, Rdeča Raketa oder Broken.Heart.Collector, die hier schon hinreissende Auftritte hinlegten. Auf ihrem Soloalbum bedient sie sich ihrer Stimme, field recordings, paetzold bass recorder, e-bass, melodicas, toys, radios, glockenspiel, cassette recorders, abandoned pianos, installations tubes, electronic setup with dj cd player and different guitar pedals und sie verwendet Instrumentalsamples. Let them grow ist verstörend und grossartig. Maja Osojnik ist auf der Suche nach dem Song, der alles in sich fasst, was sie umtreibt. Der Weg dahin ist eingehüllt in samtene Dunkelheit, durchwoben von feinsten Details.

Oum Shatt (same)       

«Oum Shatt ist eine Berliner Boy-Group unterhalb der Armutsgrenze» heisst es animierend im Pressetext. Und wie wahr: Alle Musiker blicken auf eindrucksvolle, aber kommerziell wohl weniger erfolgreiche Karrieren zurück: Da wäre Sänger Jonas Poppe - ex-Kissogramm, ferner Gitarrist und Schauspieler Hannes Lehman - ex-Contriva, der exemplarische Schlagzeuger Chris Imler (unter vielem anderen Teil von Driver&Driver, dazu bekanntlich der «Don Corleone des Berliner Rock’n’Roll») sowie Jörg Wolschina (auch bei Der elegante Rest) an Bass und Moog. Tiefenentspannt und tanzbar zugleich sind die lakonisch verspulten Songs, die so gesehen Britpop, Wave, Surf und nahöstliche Harmonien aufs unbeschwerteste verquicken. ´s muss ja nicht immer in Isolation enden.

Poliça, United Crushers                                                                                                         

Selten wurde mit soviel schimmernder Wärme über allerlei Unbehagen gesungen wie auf Poliças neuem, dritten Album United Crushers. Und anders als zuvor findet der Gesang binnen Minuten heraus aus dem Autotune-Korsett, das sie zuvor angelegt hatte wie eine Rüstung und das der Musik natürlich auch einen eigentümlichen Reiz verliehen hatte. Sängerin Channy Leaneagh und Produzent Ryan Olson gründeten Poliça 2011 in ihrer Heimatstadt Minneapolis. Justin Vernon, Chef der Gruppe Bon Iver, brachte Poliça kurze Zeit später ins Gespräch, als er in einem "Rolling-Stone"-Interview behauptete, Poliça sei die beste Band, die er je gehört habe. Vielleicht ein wenig übertrieben, aber uns gefiel die Musik auch, eine feinabgestimmte Melange aus Indie, Elektronik und Trip Hop. Im Zentrum der Stücke steht meist Leaneaghs charismatische Stimme, die spürbar am R'n'B amerikanischer Provenienz geschult ist. Durch den weitgehenden Verzicht auf Verfremdungseffekte geht es auf dem neuen Album ein ganzes Stück poppiger zu. Über den Albumtitel United Crushers sagt Leaneagh: "Das ist ein Graffiti in Minneapolis. Es ist quasi eine Hommage an Minneapolis und will sagen, dass wir gemeinsam einen Gegendruck auf die bösen Mächte der Dunkelheit ausüben müssen. Gemeinsam erschaffen wir etwas Gutes." Anstelle bunt blühender Blumenwiesen sieht sie nämlich beim Blick nach draußen "postindustrielle, urbane Landschaften, übersäht mit gebrochenen Versprechen." Die Musik zu diesen eher düsteren Gegenwartsbetrachtungen vibriert und pulsiert allerdings eher sanft, dabei mangelt es ihr aber nicht an einer gewissen Entschiedenheit. Das ist ja auch kein Gegensatz.

Reverend Beat-Man, Surreal Folk Blues Gospel Trash Vol. 2                

Dass auch Schweizerkünstler den Blues haben, ist gar nicht so erstaunlich. In einem Land, in dem, wie es heisst, jeder wehrfähige Mann sein Gewehr bei sich zuhause im Schrank stehen hat, ist das sogar naheliegend. Auch die Abschaffung des Bankgeheimnisses wird daran nicht viel ändern. Und ausserdem gibt es ja immer noch das Schweizer Armeemesser. Kommen wir also zu Reverend Beat-Man, der nicht nur Musiker ist, sondern auch Betreiber des wundersamen Labels Voodoo-Rhythm, ein Mann, der damit festen Willens ist, jede Party zu ruinieren. Ein hehres Ziel, und was den mainstream jeder Art anbelangt, sicher erfolgreich. Die Musik des Reverends ist rauh und ungeschliffen, aber voller Inbrunst. So hat das ja auch zu sein. Love it or leave it heisst die Devise und ihr habt im Folgenden die Gelegenheit, Euch mal zu entscheiden. Das Album ist schon 2007 herausgekommen, aber zeitlos desorientiernd und es ist mir einfach ein Bedürfnis, euch das mal auf die Ohren zu geben. Reverend Beat Zeller serviert der geneigten Hörerschaft ein starkes Gebräu aus Surreal Folk Blues Gospel Trash – wie der Albumtitel schon sagt. Auf den Grund gespielt, auf dem diese Musik wachsen und gedeihen konnte und fern ihrer Herkunft so absonderliche Blüten treiben, wie sie uns hier dargeboten werden. Das kommt von Herzen und weckt den Teufel in dir, aber wenn du nicht aufhörst zu tanzen, dann kannst du gerettet werden. So zumindest verstehe ich das und somit ist dann doch alles eigentlich, für den Moment jedenfalls, in dem diese Musik gepredigt wird, alles grad nochmal in Ordnung. Aber eine Garantie dafür gibt’s eher nicht. 

Schwabinggrad Ballett/Arrivati, Beyond Welcome                                                    

Wenn ich ein Turnschuh wär, bräuchte ich keinen Schlepper, käme wohlversorgt auf den europäischen, den deutschen Markt, würde wertgeschätzt. Und verkauft. Für Menschen ist das bekanntlich nicht so einfach. Sie sind allenfalls verraten und verkauft, von Umständen, die allseits bekannt sind. Und die ansonsten wertgeschätzte Eigeninitiative wird, ausser bei hochqualifizierten Immigrant*innen als Makel angesehen. Trotzdem sind sie da, es sind viele, aus den unterschiedlichsten Ländern und Gründen sowieso. Der Staat, in dem wir leben, rang sich für einige Zeit zu einer gewissen Grossherzigkeit durch, die wiederum von Teilen der Bevölkerung aufs Heftigste angegangen wurde und wird. Alles bekannt.   Da war nun einmal ein Willkommen. Und jetzt, und für viele schon vorher, geht das Leben weiter, die Lage nach dem Willkommen, der Alltag. Womit The Arrivati zur Sprache kommen sollen: Angekommene Menschen, die jetzt hier, d.h. in Hamburg leben und arbeiten (und womöglich immer noch um ihr Bleiberecht streiten). Und sich zu einem Kunstkollektiv zusammengeschlossen haben. Mit ihren Performances kämpfen sie in den unterschiedlichsten Zusammenhängen um faire Bedingungen für Immigrant*innen und Flüchtende. So ergab sich auch die Zusammenarbeit mit dem frei fluktuierenden Aktionsensemble Schwabinggrad Ballett. Beyond Welcome heisst das Album, das so zusammen aufgenommen wurde. Eine vielgestaltige Musik gegen Verhärtungen, für ein respektvolles Miteinander. Ein Produktivmachen von unterschiedlichstem musikalischem Material: Jazz, Postpunk, elektronischer Afro-Kraut-Musik und viel mehr, erzählend von den Deutschen und den Nichtdeutschen, vom Zusammenkommen jenseits einer Willkommenskultur, vom Durchhalten ohne Papiere, von sozialen Tänzen, von zu erkämpfenden Freiräumen. Ja, alles böses, scharfes Gutmenschentum. Und, ich sag mal, so gesehen alternativlos.

Soundwall Collective & Jesse Paris Smith feat. Patti Smith, Killer Road. A Tribute To Nico   

Reduziert, zurückhaltend, aber auch verstörend und gespenstisch entfaltet sich die Musik auf Killer Road, einer Hommage an Nico, die unvergleichliche Sängerin. Patti Smith versucht nirgends, Nicos unterkühlte und distanzierte Stimme zu imitieren. Wozu auch? Sie hat ja ihre eigene, unverkennbare und die tut dieser Musik auf ihre Weise ebenso gut. Selten singend, meist rezitierend taucht sie in den düsteren Klangraum, den das Soundwall Collective hier errichtet. Field Recordings, ua aus Ibiza, Insektenklänge, Vogelgeschrei und schimmernde Drones vereinigen sich zu einem gar nicht mal so kühlen Klangstrom.  Pattis Tochter Jesse Paris Smith spielt dazu farbenreiche Percussion aus allerlei resonierenden Klangkörpern. Alles zusammen ergibt einen faszinierend morbiden Soundtrack, aber alles andere würde Nico und ihrer Musik ja auch nicht gerecht. Ein grossartiger Tribut an eine immer noch verstörende Künstlerin: Killer Road feiert die Musik von Nico auf angemessene Art als dunkle Messe. Nicos legendäres Harmonium hat seinen Auftritt, aber auch die unverzagt lärmenden Grillen, die wohl das letzte waren, was sie hörte. Liebeslieder auf dem Weg in den Tod, Liebeslieder, die den Tod ihrer Sänger schon vorwegnehmen. Nico hat der Musik sehr viel gegeben. Hier gibt die Musik, auf berührende Weise, ein gutes Stück zurück.

Stereo Total, Les Hormones                                                                                      

Klingt Pop-Trash besser als Schlagerpunk? Auf alle Fälle! und doch… Falls nämlich ein Schlager ein Popsong ist, der unmittelbar ins Ohr geht, bei dem spätestens der Refrain zum sofortigen hemmungslosen Mitsingen animiert, dann sind sie, werte Hörer*innen, bei diesem Begriff, so totgelutscht er ist, genau richtig. Und das seit gut 20 Jahren. Was soll unsereins da noch sagen? Schon bei einer vor kurzem erschienen Compilation fügte sich altes und neues Material wie Teile eines grossen Puzzles innig aneinander und auch Les Hormones, das aktuelle Album, fügt dem Panorama von Stereo Total genau genommen „nur“  Details hinzu (vermehrt japanischer Gesang, etwas weniger überkandidelte Sounds): Natürlich liegt das auch an dem gar nicht mal so kleinen Fundus, aus dem das sympathische Berliner Duo seine Lieder zusammenbaut. Darin finden sich Trash, Surf, Chanson, Filmsounds aus der B-Etage, Synthipop und Spacepunk, um nur davon zu sprechen. Ist ja auch genug und allemal gut. Rock´n´Roll können andere besser, wie Francoise Cactus meint. Und sich jedesmal neu zu erfinden, ist ihre Sache, nach rund 15 Alben, auch nicht. Und wie wäre auch etwas zu verbessern, das auf seine verspulte Art einfach perfekt ist?

The Coathangers present Nosebleed Weekend

Das Trio haut gewohnt rotzige Riot-Grrrl-Power um die Ohren, überzeugt aber auch mit unerwarteter musikalischer Präzision. Ein Album aus musikalischen Momentaufnahmen, die Ernsthaftigkeit und Charme gekonnt verbinden.

The Dad Horse Experience, Eating Meatballs on a Blood-stained Matress in a Huggy Bear Motel           

Eine gute Schippe Seltsamkeit, aber eine, die aus dem Herzen kommt: The Dad Horse Experience, auf der Bühne eine 1-Mann-Combo mit Banjo, später auch Mandoline, einem Basspedal und einem Kazoo. Und ja, seine Stimme hatte er an diesem Abend auch aufs Wirkmächtigste dabei und nun durfte, wer dazu gewillt war, mit Dad Horse Ottn auf eine Reise gehen, die keiner Untiefe unserer Existenz aus dem Weg ging. Und ja, es mochte am Ende ein Silberstreif stehen, eine nicht nur vage Hoffnung, dass das Licht am Ende des Tunnels kein entgegenkommender Zug ist. Ich klinge, ein recht ältliches Mittelstandskind, immer noch spöttisch. Und ich fühlte mich doch sacht angefasst von einer Musik, die immer auch nicht weniger als Erlösung verspricht, von der sehr speziellen Art weissem Gospel, den Ottn auf seine Weise mit neuem, widersetzlichem Leben erfüllt. Ottn war knapp 40, und schwer am Abstürzen, als er seinem Leben eine neue Wendung gab, Da fiel ihm ein Banjo-Lehrbuch in die Hände und kurz darauf, er selbst hätte sich nie eins leisten können, wurde ihm ein Banjo geschenkt. Ich, immer noch so verdammt ironisch: Dies, ihr Lieben, nehmt als Zeichen. Ottn, kurze Zeit später bereits The Dad Horse Experience machte wirklich und lernte zu spielen und schrieb seine Lieder. Er kam weit rum dabei und entwickelte seinen Stil des Kellergospels, Musik von einem Sünder für ebensolche, und ja, die schlimmsten Sünden wie die Trägheit des Herzens sind als solche ja oft gar nicht so leicht zu erkennen. Er ist ein Prediger, wie er es in gewissen ländlichen amerikanischen Gemeinden erfahren hat, wo jedes fünfte Haus eine Kirche ist und jedes zehnte eine Crackküche. Seine Götter sind vielleicht gar nicht einmal so weit entfernt wie jenes „Höherewesendaswirverehren“, sondern waren auf recht irdische Art wackere Sünder und auf ähnlichen Wegen zugange wie jener dünne Typ aus Norddeutschland, dessen Musik nicht so richtig rund läuft, weil das ja auf den klapprigen Wegen auch nicht taugt. Ich spreche von Johnny Cash, Hank Williams oder Hawkwind, um nur diese zu nennen. Ihnen zollt Dad Horse Ottn auf eigenwillige Weise seinen Tribut, begleitet von den scharf zirpenden Klängen seines Banjos oder der spröden Mandoline, unterstrichen vom tiefen Drönen des minimalistischen Pedalwerks.

The Julie Ruin, Hit Reset        

Was gäbe es nicht alles über Kathleen Hanna zu erzählen – ich empfehle euch da den Film „The Punk Singer“. Aber lasst uns hier über Musik reden. Sie hat jetzt, nach langer, krankheitsbedingter Pause,   das zweite Album ihrer aktuellen Band The Julie Ruin herausgebracht: Hit Reset! Grossartig. Aus gerechtem Ärger geborene mitreissende Songs bilden ein Album, bei dem sich Hit an Hit reiht, hier mal im positivem Sinn. All die Gefühle der Vergeblichkeit, die sich im Ringen um feministische Positionen leider wieder zunehmend aufstauen, können hier mal rausgelassen werden. So gesehen, liefert dieses Album ausser den rohen musikalischen Qualitäten nichts Geringeres als einen Motivationsschub in Sachen Frauen/Queers/Misfits of all Gender. 

The Schwarzenbach, Nicht sterben. Aufpassen.                                                        

Böse Musik am Anfang, Totsein dazwischen, auch Ungeduld. Ein Kontersong und es ist noch nicht zu Ende. Denn wir müssen: Aufpassen. Und nicht nach verschlüsselten Botschaften suchen. Das hier dies neue Album von The Schwarzenbach, es sendet sie mit strahlender Helligkeit. Lieder, die für ein Hörspiel entstanden sind um einen Maler, der nur noch mit seinen Farben spricht, gekoppelt mit einem Songbatzen, der für das Projekt „Böse Musik“ geschaffen wurde: The Schwarzenbach schrauben das mit grösster Selbstverständlichkeit zusammen und dazwischen wird nicht einmal alemannischer Dialekt ausgespart, zermürbt von einer gewissen Resignation. Aber sonst nichts davon. Es ist als musikalisch delikat gewandeter Agitprop zu verstehen, vorgetragen mit offenem Visier unter dem gewöhnlichen Wahrnehmungshorizont dieses Landes. Das kann mensch Dietmar Dath abnehmen, es aber auch als etwas hochtrabend empfinden. Unbestreitbar dagegen ist das elegante, diverse Stilarten leichthändig verflechtende Gewand, das das Kammerflimmer Kollektief als musikalischer Part von The Schwarzenbach vorführt. Geschmeidig geht das ins Ohr, und selbst die musikalische Grobstrickware von Zarte Blüte Hass ist meilenweit von auch vorstellbarem Aggrogebratze entfernt. Vermutlich erfüllt sich der Vortragende Darth Dath dabei trotzdem einen Herzenswunsch.

Emily Jane White, They Moved in Shadow All Together                                         

Der Titel des Albums bezieht sich auf einen obligat finsteren Roman von Cormack McCarthy (am besten bekannt für No Country for Old Men) und schon wird klar, dass der eben genannte Dreampop auch viel mit Alpträumen zu tun hat, speziell jenen, in die sich der sog. Amerikanische Traum unversehens verwandeln kann. Da sind dann auch Traumata nicht ferne, seelische und körperlicher Verheerungen, die sich tief in die menschliche Existenz graben. Das ist das Thema. Für manche die Gelegenheit, das grobe musikalische Besteck auszupacken, aber Emily Jane White weiss genau, dass mensch mit feineren Instrumenten viel tiefer in die Schatten dringen kann.

V. A., Borsh Division – Trikont

Borschtsch, die Rote Bete-Suppe ist so etwas wie das Nationalgericht der Ukraine und wird je nach Region unterschiedlich zubereitet. Das musikalische Pendant dazu, aber keineswegs einen Eintopf, versammelt dieser markant unausgewogene Sampler, den Yuriy Ghurzy (Born in UA) uns zur Freude zusammengestellt hat. Kaum eine Band ist hier so recht bekannt, und für Stilpuristen ist alles sowieso ein Gräuel. Alles hat natürlich einen politischen Hintergrund. Jede Band hat auf dem Maidan gespielt und für eine freiere Zukunft demonstriert. Ob die ukrainischen Hoffnungen aufgehen und nicht in krudem Nationalismus, schimmernden Neoliberalismus oder gar im engen Bruderbund mit Russland erdrückt werden, bleibt leider derzeit dahingestellt. An der Musik sollte es jedenfalls nicht liegen. Zeigt nicht nur DakhaBrakha.