Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Felix Kubin mit Mitch & Mitch, Bakterien & Batterien Lado ABC, 2014 - 10 tracks, 32 Min.

Da habe ich doch das Vergnügen, Euch schon wieder ein Album von Felix Kubin vorzustellen: Bakterien und Batterien heisst es und wer ausser Felix Kubin würde auf so einen Namen verfallen? Eingespielt hat er es mit Mitch & Mitch. Das heisst, ausser den schlicht Mitch & Mitch benannten Mitch & Mitch wirken noch mit Crackin´ Mitch, Mitch the Kid, Spiral Mitch, Poster Mitch und Tobias le Mitch... Mitch wer? Nun, diese elegante Warschauer Kapelle variaber Grösse, deren Bekanntschaft ich bei dieser Gelegenheit mache, ist in vielen Sätteln zuhaus, von Bossa Nova über Filmmusik, Afrobeat, Barbershopsounds bis, fast erwartbar nach alldem: Black Metal, den sie allerdings nicht mehr pflegen. Serious Mitch trägt ja  auch keinen Schnurrbart mehr, ist allerdings hier auch nicht an Bord. Alles steht somit bereit für eine spannende Begegnung der anderen Art, denn Felix Kubin ist ja schon seit längerer Zeit auf Suche nach verschollenen futuristischen Relikten des europäischen Ostens. Zu finden beispielsweise in Filmmusik, denn zu Zeiten des SozRealismus verdienten sich auch bedeutende Komponisten damit die Butter aufs Brot. Und diese verhangene Vergangenheit ist es wohl auch, deren Schatten diese musikalischen Kabinettstücke immer wieder in ein düsteres Licht tränkt. Der panakustische Retronaut Felix Kubin, ausgerüstet mit diversen vorzugsweise elektronischen Klangerzeugern trifft somit bei der Versuchsanordnung namens Bakterien und Batterien auf eine vielseitige polnische Combo, deren Sound von Vibraphonen, Xylophon und natürlich Bläsern gesättigt ist. Als Ergebnisse hören wir eine Bricolage, die zB Folgendes beinhaltet: Filmisches Easy Listening auf Abwegen, charmante Miniaturen aus einer Zeit, als eine übersättigte Welt noch unterging, Tanz der german angst, geschmeidige Muzak Concrète u. natürlich Boogie Woogie.

| Die müden Hände von Madame Curie legen sich noch einmal sacht auf die Regler, ein paar Versuche noch, dann liefern die sorgfältig ausgewählten Bakterien genug Strom für die Batterien, um die Zeitkapsel in eine Vergangenheit zu schicken, in der Lubos Fiser seine faszinierenden Filmpartituren erstellte und damit Proben zu entnehmen, um diese weiteren musikalischen Tranformationen zu unterziehen, sie zu reduzieren und augmentieren, sie im milden Licht der Cerenkov-Strahlung zu hellem Glühen zu veranlassen. Danach wird man weiter sehen. |

Es wuselt und wimmelt in der musikalischen Petrischale, strahlender Bigband-Sound trifft auf minimale Elektronik und dazwischen singt Felix Kubin ein bewegendes Lied über Gedächtnisverlust. Die musikalische Versuchsanordnung, an der sich Kubin und das hier siebenköpfige Duo Mitch & Mitch, das auch schlicht schräges Geräusch machen kann, zeitigt mitunter merkwürdige Resultate. Das alles hat einmal gefunkelt und geblitzt und zu schönsten Hoffnungen berechtigt. Strahlende Menschen schritten einer strahlenden Zukunft entgegen, in Ost und West. So wirds ja immer noch verkauft. So gehen wir auf dem Boden der Tatsachen einer Zukunft entgegen, der Schicht auf Schicht all das in sich trägt, was auch mal Zukunft war, dann aber nur noch entsorgbares Gerümpel. Oder Zeugnis einer um- und weggeschriebenen Vergangenheit. Da mitzuhalten kann ein Gedächtnis leicht überfordern, es verbietet aber keineswegs den Spass an diesem zumeist leichtfüssigen, überdrehten und mit sachter Melancholie getränkten Tonträger von Felix Kubin und Mitch & Mitch.

Anspieltipps: Horizontal Rain, Creeper, Narzissmus & Musik, The Tired Hands of M. Curie, Bój się boogie, Schnursenkel

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.7.2014        


Carla Bozulich, Boy  Constellation, 2014 - 10 Songs, 42 Min.

Carla Bozulich hat Evangelista einstweilen(?) zur Seite gestellt, ihr neues Album erschien wieder unter ihrem  eigenen Namen. Boy betrachtet sie als ihr Pop-Album, aber was bedeutet das für eine Künstlerin, die alle möglichen Genre-Grenzen bis zum Zerreissen strapaziert hat (und wohl auch darüber hinaus?) Für uns HörerInnen ist es jedenfalls ein Glücksfall, um mein Fazit vorwegzunehmen.

Carla Bozulich beeindruckt nicht unbedingt mit einer "schönen" Stimme, gerade weil diese mit Rauheit, grosser Intensität und dunkler Kraft begabt ist. Und mit dieser Stimme zeigt sie, welches widerborstige Potential in diesem ausgelutschten Begriff "Pop" immer noch steckt. Zehn Songs sind hier zu hören, nachgerade klassisch im Aufbau, ertränken sie nicht immer wieder in einem dekonstruierenden Meer aus Klang und Geräusch, wobei ausser Carla Bozulich eigentlich nur ihr langjähriger Mitstreiter John Eichenseer beteiligt war sowie der Schlagzeuger Andrea Belfi. Manche Lieder verweisen auf ihre Verwandtschaft mit Country, Gospel und Blues (sie hat ja am Anfang ihrer Karriere ein Willie Nelson-Album gecovert). Aber Carla Bozulich - die Welt ist schliesslich nicht heil - scheut sich nicht, diese Referenzen in die Mangel zu nehmen und ihnen ihren ureigenen Stempel aufzudrücken, sie zu zerdehnen, verdrehen, verflüssigen, bis sie wie grimmige Schemen einer als besser imaginierten Vergangenheit die Basis dieser dunkelschönen Lieder bilden, die Bozulich zu singen beschlossen hat. Ihr Talent als Arrangeurin kann leicht unterschätzt werden, hier, in eher sparsamer Instrumentierung und in einem griffigen Format, ist es gut nachzuhören, wie Stimme, Gitarren (Bozulich), Viola (Eichenseer), Keyboards, Elektronik und Schlagzeug (zumeist Belfi) die Songs zuerst anschieben, um sie danach gekonnt ins Schlingern und Straucheln zu bringen. Grimmig und anziehend zugleich - eine Musik, die sich sozusagen mit zusammengebissenen Zähnen dieser schuftigen Welt in den Weg stellt. Ja, gerade so kann Pop, das alte, nach allen Seiten ausgelutschte Unterhaltungsungeheuer sein, denn Carla Bozulichs neues Album Boy kann HörerIn unerwartet sogar: verzaubern. Grosses Songwriting, eine Hand für betörend-verstörende Melodien: es ist schon tragisch, dass eine so integre, ausdauernde und kreative Künstlerin wie Carla Bozulich nicht bekannter ist, nicht längst als das wahrgenommen wird, was sie ist: jederzeit auf der Höhe von mindestens Tom Waits, Nick Cave oder Michael Gyra. The Quietus weiss, warum das nicht so ist: Bozulich ist eben, anders als der Titel ihres Albums verlautet, kein Boy... Boy handelt von Männern und ihren Händeln, ihrem Willen. Und biegt dann ab: "Don´t blow me out before I finish burning / I´ve settled in to a life of learnig". Davor aber "There ain´t no grave that can hold me down". Schädel und Knochen sozusagen, sowie "Waiting for the one hard man": Mörderballaden. Dann aber: "I´m Gonna Stop Killing Today. Make better use of my hands - maybe start up a band". Und überhaupt "I wish I could fuck up the whole world." Elementar - natürlich ist die Musik dazu bei aller kunstfertigen Verschrobenheit letztlich  geerdet. Es ist die Erde von einem Ort wie Twin Peaks, auch wenn das Album grossteils in Berlin entstanden ist, jener humosen Stätte freiflottierender Kreativität. Kein Spagat, aber Carla Bozulich hatte ein Ziel vor Augen. Herausgekommen ist ein Album, das bei jedem Hören zunehmend an Tiefe gewinnt. Und dabei so packend und ergreifend bleibt wie beim ersten Anhören.

Anspieltipps: One Hard Man, Drowned to the Light, Don't Follow Me, Deeper Than the Well, What Is It Baby?               

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.7.2014 


Current 93, I Am The Last Of All The Field That Fell (A Channel) The Spheres, 2014 - 11 Songs, 67 Min.

"I am the last / Of all the field that fell" -  der englische Dichter John Clare schrieb das in den 1830er Jahren und David Tibet hat diese Verse als Titel für seine jüngste Veröffentlichung gewählt. A Channel, heisst es da noch, der Sänger ist ein Bote, es singt durch ihn von weit. Und was singt da, getragen vom Klavierspiel Reinier van Houdts, das das Album förmlich imprägniert und ihm seinen eigenen Charakter verleiht? Es ist das inwischen gewohnte anspielungsreiche Rätsel, gewebt aus Profanem und Mythologischem, voller Anrufungen und Beschreibungen und Verweisen und fremden Zungen - das dann doch in der Art des vogelwilden Predigers David Tibet, erneut auf dem Weg. Der Einstieg allerdings fällt recht verhalten aus. Tibet rezitiert recht zurückhaltend den Textstrom, dazu spielt das Klavier ein paar neoklassische Tonfolgen. Ganz diskret stimmen dann ein paar andere Instrumente mit ein und Bobby Watsons Gesang mischt sich subtil unter Tibets Stimme. Die unsichtbare Kirche macht von sich wenig Aufhebens.

Ein Album also, das sacht beginnt und erstmal in dieser Tonlage verbleibt. Mensch ist von Current 93 anderes gewohnt, mehr Exaltation und Extase. Hier bleibt erstmal vieles in der Schwebe - der Sinn der anspielungsreichen Texte sowieso, ist aber zunehmend durchtränkt vom filigran gewebten Zuspiel anderer Instrumente, denn das Klavier bleibt über weite Strecken im Vordergrund. Dabei ist die Liste der Mitwirkenden wieder einmal erstaunlich. Saxophon spielt niemand Geringerer als John Zorn, auch so ein Meister musikalischen Kabbalismus. James Blackshaw spielt Bass, Tony McPhee (Groundhogs) Gitarren, Jon Seagroatt Flöte und Bassklarinette, Carl Stokes Schlagzeug, Jack Barnett von These New Puritans Orgel. Mit Gesang zu hören, wie bereits erwähnt, Bobby Watson (Comus), Anthony Hegarty und Nick Cave... All das fügt sich zu einem halluzinatorischen Gesamtkunstwerk - wer hätte auch etwas anderes erwartet? Und doch ist manches anders, nicht nur die angeschlagene Tonlage. Ganz langsam wirds dann doch etwas dramatisch. Der alte Seher reckt sich und gibt Nachdruck auf die Stimme. Es wird noch ein paar andere Ausbrüche geben, einmal kommt David Tibet, der ja auch ein begnadeter Crooner ist, dem Cabaret Song recht nah. I Am The Last Of All The Field That Fell ist ein Album, das erkennbar als Ganzes konzipiert ist. Folkige Flötentöne stehen ihm ebenso gut, wie Jazz-Anklänge oder eine Prise Funk & Soul, die das gewohnte Klangbild um neue Facetten erweitern. Das sperrt sich mehr als einmal und entfaltet doch seinen eigentümlichen Reiz. Die Apokalypse hat viele Gesichter und David Tibet nimmt sich die Freiheit, ein weiteres zu zeigen. Zum Höhepunkt in der windungsreichen Geschichte von Current 93 taugt  I Am The Last Of All The Field That Fell eher nicht. Das liegt nicht einmal an Reinier van Houdts stets präsentem, lichten Klavier, nicht an der zurückhaltenden Dramaturgie, der die Musik folgt, auch wenn gewisse Längen nicht zu überhören sind. Es ist eine Musik, die viel ausprobiert und sich auf keine Linie festlegen lässt, was natürlich auch spannend ist. Aber, bei allem, wenn auch raren, intensiven Saxophongekreisch, es mangelt ein wenig an Höhepunkten. Es bedarf ein bisschen Geduld, die reichlich vorhandenen musikalischen Finessen des Albums aufzuspüren und ihnen nachzulauschen. Darüber legt sich allerdings der nie abreissende Strom von David Tibets Rätselreden, deren wildwuchernde Zeilen HörerIn andauernd auf gedankliche Abwege führt. So bleibt das Geheimnis wieder einmal gewahrt. Erhellen und Verdunkeln zugleich, bei Current 93 ist das Enigma die ganze, schwindelerregende Kunst...

Anspieltipps: The Invisible Church, Those Flowers Grew, The Heart Full Of Eyes, Why Did The Fox Bark ?, I Remember The Berlin Boys, Spring Sand Dreamy Larks           

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.7.2014


Automat (same)  Bureau B, 2014 - 7 tracks, 42 Min.

Anflug: Arbeit, Färber, Zeitblom. Tempelhof, Tegel, Schönefeld, Gatow heissen die Ziele in Berlin, wo sie leben und arbeiten, starten und landen. An Bord für je einen Trip: Lydia Lunch, Genesis Breyer P-Orridge, Blixa Bargeld. Das kommt nicht von Ungefähr. Die Musiker sind geübte Gentlemen der Post-Punk-Schule. Jochen Arbeit, der die fein ziselierten Geräusche und Melodien beisteuert, spielt(e) Gitarre bei Die Haut und bei den Einstürzenden Neubauten. Achim Färber, der mit den Drums den Takt vorgibt, treibend und geschmeidig, bedient(e) das Schlagzeug bei Project Pitchfork und Phillip Boa. Und Georg Zeitblom, der mit seinem ultradeepen Bass den Teppich zu allem legt, hat eine schwer experimentelle Vergangenheit, etwa mit dem Avantgarde-Rock-Projekt Sovetskoe Foto, mit preisgekrönten Hörspielen und dem Bau eines „Bio-Adapters“ für Unterwassermusik. (Zit.)

Der Automat arbeitet. Er arbeitet ruhig und stetig im Fluss. Er pulsiert und produziert Musik. Er macht das beherrscht und elegant. Ein bisschen kreist er auch um sich. Airport, Wartehalle, Lounge. Ein Flugzeug landet. Alles geht seinen Gang. Spuren von Fernweh. Das Blut pulsiert, aber nicht zusehr, man ist das ja gewohnt. Alles programmiert, alles im Takt. Der Schritt beschwingt, aber ohne Hektik. Hier gibt es nichts zu stolpern. Nur Aussicht, Klarheit Helligkeit. Jetzt hebt der Flieger ab. Es gilt erneut der Plan. Drei Piloten mit reichlich Erfahrung steuern den Automaten. Sie tun das mit leichter Hand. Der menschliche Faktor ist einkalkuliert. Die Schwankungen am Rand werden unmittelbar kompensiert. Nie war Fliegen schöner. Geschichte leuchtet nach in mildem Schein. So kann es weitergehen in endlosem Kreisen. Mag auch ein Flughafen geschlossen werden, es tun sich neue Ziele auf. Von oben wirkt das Chaos wie ein schönes Ornament am Ereignishorizont. Das Album Automat vom gleichnamigen Trio mit Gästen ist ein schönes, dunkel glänzendes Ding geworden. Es setzt die Dinge in Gang und so bleiben sie: Monaden des moderaten Tanzes. Ein Ende ist nicht vorgesehen. Stell den Hebel auf "Repeat". Hier ist der Weg das Ziel. FreundInnen von Ausbruch und Absturz werden das bedauerlich finden.

Anspieltipps: THF, The Streets (feat. Lydia Lunch), Mount Tamalpais (feat. Genesis Breyer P-Orridge), GWW    

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.7.2014   

dazu

Hurray For The Riff-Raff, Small Town Heroes

ATO Records, 2014

Gewidmet den Musikern, Menschen und Geistern von New Orleans. Alynda Lee Segarra ist eine Geschichtenerzählerin, ihre Texte drehen sich im weitesten Sinn auch um feministische Themen, ihre hre Vorbilder sind Woodie Guthrie, Pete Seeger oder Big Mama Welch. Die Musik lebt von der Steel Guitar, dem verschleppten drum-set, beizeiten Geige und Orgel und vor allem von der zupackend-zerbrechlichen Stimme ihrer Sängerin.

The Tiptons Sax Quartet & Drums, Tiny Lower Case

Sowiesound, 2014

Die umtriebigen Tiptons erstmals mit Trommeln: Robert Kainar aus Salzburg gibt beherzt  Impulse. Eigener Stoff, meist von Amy Denio und Fremdkompositionen, zB von John Lurie, traditionelle italienische Musik, abgeschmeckt mit Punk, Funk und Ska geben seit jeher der Musik des Saxophonquartetts eine besondere Note weit über die Jazzgrenze hinaus. Und manchmal erheben sie jetzt auch ihre Stimme.