Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Ikue Mori, Obelisk, Tzadik, 2017 - 10 tracks, 43 Min.

Freie Musik für freie Geister. Schon seit langem begleitet uns die Laptop-Musikerin Ikue Mori in dieser Sendung, zuletzt mit dem Phantom Orchard Projekt mit der Avant-Harfenistin Zeena Parkins. Nun hat sie ein neues Ensemble um sich versammelt und zugleich exakt notierte Klänge in ihr Repertoire aufgenommen. Ikue Mori war Ende der 70er Jahre von ihrem Geburtsort Tokio nach New York gezogen und spielte dann ohne nennenswerte Ausbildung Schlagzeug bei dem legendären NoWave Projekt DNA. Später agierte sie als Improvisatorin mit drummachines und Samples, bevor sie den Laptop als Musikwerkzeug für sich entdeckte und auf höchst originelle Weise nutzbar machte. Ikue Mori ruft auf ihrem Sampler Geräusche zwischen kühler Elektronik und vitalen Naturlauten ab, um die Klangebenen höchst lustvoll und verspielt zu verbinden. Impressionistisches Rauschen im imaginären Blätterwald bildet einen Teil der so erschaffenen Musik, die anderseits auch ins unbehaglich Schräge und bedrängend Geräuschhafte kippen kann. Solo und mit anderen MusikerInnen zusammen entstanden so Klangstücke von eigenartigem Reiz, schillernd zwischen Neuer Musik, Tanzimpulsen, Death Ambient oder auch mal Jazz, ohne sich dabei festzulegen. Für ihr Album Obelisk hat Ikue Mori neben einigen Stücken aus dem Phantom Orchard-Umfeld auch vieles neu geschrieben, in die Finger und Hände ihres exquisiten Ensembles. Okkyung Lee spielt Cello, Jim Black Schlagzeug und Sylvie Courvoisier Klavier – alle setzen eigene Akzente in den oft träumerischen, manchmal schrofferen, farbenreichen Klangstudien. Und mitten drin das charakteristische Schwirren, Fiepen, Klingeln und Knarren von Ikues Laptop, das das Bild wild wuchernder Vegetation, von Metamorphosen, Rhizomen und Verwandlungen unterstreicht. Und natürlich sind die Stücke von Natur inspiriert, Pflanzen, Insekten und schlaflosen Vögeln. Das natürliche Wachsen und die technische Möglichkeiten der Verwandlung sind so etwas wie das Thema von Ikue Moris klangsattem Album Obelisk. Die vier gutgelaunten MusikerInnen spielen sich die Bälle scheinbar ohne Anstrengung zu. Überhaupt haftet dieser Musik nichts Schweres an. Selbst Geräuschhaftes klingt kaum ungemütlich – es ist nur eine weitere Klangfarbe in diesem weitgespannten Kosmos. Woher nimmt Kunst ihren Ausgang? Diese Frage, die Ikue Mori immer wieder beschäftigt hat, wird auch hier wieder nicht beantwortet. Das ist auch gar nicht nötig. Jedenfalls trifft das etwas aus der Zeit gefallene Adjektiv apart Ikue Moris umstandslos faszinierenden Klangzauber recht gut.

Anspieltipps: Quicksilver, Invisible Fingers, Hotaru (Firefly), Steel Cave, Insomniac Bird         

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.2.2019 


Farai, Rebirth, Big Dada, 2018 - 11 Songs, 35 Min.

Alles nicht so lustig da draussen, im UK wie der Welt als solchen. Und auch der Weltraum ist nur mehr ein Ort, der den Superreichen zur Verfügung steht. Da könnte eins schon verzweifeln. Oder sauer werden. oder schliesslich eine Musiktherapie machen, an deren Ende aus lauter Verdruss doch so etwas wie Spass steht. Farai, der Londonerin mit Wurzeln in Simbabwe, ist genau das gelungen. Rebirth heisst ihr Album, eine Wiedergeburt aus dem Geist von Trotz und Musik.

Haltung zeigen angesichts einer miesen Welt. Vielleicht verbindet das Farai mit Greta Thunberg und anderen, hier umgesetzt in kantige, beinah karge Musik, für die überwiegend der guyanisch-walisische Produzent Tone zeichnet. Adressiert wird, wie schon von den Sex Pistols, ua die aus Funk und Fernsehn bekannte Lizzie, die weltenthoben über dem Scherbenhaufen thront, den ihr Bodenpersonal angerichtet hat. Nun gut, sie hat ja eigentlich keine Macht über die National Gangsters, die ungehinderten Zugriff auf das Volksvermögen haben und ihre Kohle zugleich angesichts des Brexits ausser Kronland schaffen. In blühenden präapokalyptischen Zeiten wie diesen, in denen es an den Hängen des Vulkans nicht ganz Wenigen einigermassen gut geht: Was ist da zu tun, um die in den Blick zu bekommen, die von den Brosamen existieren, die vom Tisch der SUVisten aller Länder fallen? Ihnen zuhören, dieser disparaten Menge, denen zuhören, die ihre Stimme erheben und dann was sagen, was sich in der wohleingerichteten Blase gar nicht gut anhört? Ich weiss es auch nicht, denn es gibt für mich auch Grenzen des Missvergnügens. Hier jedoch nicht, wie ich meine. So, aber ich bin vom Thema abgekommen, wieder mal. Harte Zeiten also. Gute Zeiten eigentlich für sperrige Musik, die das Unwohlsein nicht in Watte packt. Doch das taugt halt all den Fischer-Chören nicht, die sich gern mal durch die Nacht träumen. Farai träumt nicht, sie hat genug gesehen. Knurrige Synthesizer, sperrige Bassläufe, das ausgezehrte Arsenal, das Grime und Postpunk zur Verfügung stellen, kommt hier auf den Punkt zum Einsatz und taugt prima als Grundlage für die sehr souveräne Stimme. „It’s time for the bright young things to rise“ singt Farai Bukowski-Bouquet, und angesichts der mosernden alten Männer (und Frauen allen Alters), die an ihrem hergebrachten Erbe kleben, ist ihr da zuzustimmen. Nicht nur, weil das Album eine neue, migrantisch geprägte  Formulierung von Punk ist, sondern weil es trotz allem Freude macht (Farai=Freude).  

Anspieltipps: Lizzie, Talula, This is England, National Gangsters, Secret Gardens

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.2.2019 


Planningtorock, Powerhouse, |Pias|, 2019 - 10 Songs, 42 Min.

In Bolton gab es ein Kraftwerk und das war Jam Rostrons Mutter, die den familiären Laden trotz schwerer Krankheit zusammenhielt und die Macht der Musik predigte, allen Alltagsbeschwernissen zum Trotz. Hat sich Rostron aka Planningtorock auf den vorangegangenen Alben vor allem mit Gender- und Queerness-Fragen und -Antworten beschäftigt, so wird es diesmal persönlich. Bei allem Zu-sich-kommen ein Blick zurück auf die Familie, die ein Klotz am Bein sein kann und ein Rückhalt, der Auftrieb gibt. Eingefangen hat das Planningtorock über weite Strecken mit dem charakteristischen Autotune-Gesang und gewohnt hell-sparsamen Synthiesounds. Powerhouse ist also vor allem ein persönliches Album, das auf eine Kindheit und Jugend in nicht eben gehobenen Verhältnissen zurückblickt. Verletzungen, eine autistische Schwester, Verwirrungen auf einem Weg, der zu künstlerischem Werk und zur Selbstfindung führt, zu einem geschlechtlich nicht festgelegten Menschen, der/die das noch in allerhand Kostümierungen auf die Bühne bringt. Und mit sierem Auftreten gerne auch mal provoziert, aber vor allem die Augen öffnet. All Love´s Legal hiess nicht umsonst das letzte Album.

Der Körper, dieses merkwürdige Gefäss eines Ichs. Zumeist einigermassen passend zur Person, als die sich begriffen wird, aber eben nicht immer – die Natur verzichtet nicht auf Übergänge. Jam Rostron hörte siere Stimme, als sie elektronisch heruntergepitcht wurde als die eigene. Diese Stimme verwandelte Planningtorock zunächst zu einem Kunstwesen und dann zu einem Menschen zwischen den Geschlechtern, als der sie/er sich begreift. Umso bewegender, wenn auf Powerhouse auch die „echte“ Stimme in einem Song über die Schwester Beulah erklingt. Natürlich ist das politisch, in aufgeregten Zeiten wie diesen zumal. Das Gefühl, dass etwas zu Ende geht, befördert das Festhalten an anscheinend Vertrautem, wenn auch nie Hinterfragten. All das Unbekannte, die X-Faktoren menschlicher Existenz, die sich als Identitäten konstituieren, kollidieren mit den binären Codes, die bislang die (westliche) Welt oben hielten (von ein paar lästigen Vernichtungsorgien abgesehen doch immer auf dem Pfad des Fortschritts). Planningtorock ist eine persongewordene In-Frage-Stellung. Und als Künstler*in so vielfach angreifbar, nicht nur wegen der etwas billig (oder sparsam?) einher kommenden Synthiesounds, die die perfektionistischen Standards zeitgemässer Dance Music ebenso unterlaufen wie die darin gepflegte Hochglanzästhetik. Planningtorocks Version von House ist offenbar künstlich-künstlerisch, aber mit Spuren von Körperflüssigkeiten. Von Leben eben. Das so einfach sein kann, mit Musik, und jederzeit kompliziert. Dazwischen: der Ort, wo wir uns die meiste Zeit befinden. Am besten mit berührenden Musik.   

Anspieltipps: Dear Brother, Somethings More Painful Than Others, Jam of Finland, Beulah Loves Dancing, Powerhouse

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.2.2019 


Julia Holter, Aviary, Domino Rec., 2018 – 15 Songs, 41´+ 48´

Steck den Kopf in eine Voliere voller Vögel und lass dich von ihren Flügeln davontragen. So darf mensch sich den ersten Eindruck von Julia Holters neuem, in jeder Hinsicht üppigen Album Aviary vorstellen. Und für sie war der Satz Inspiration. Und dich trägt es davon, in alle möglichen Richtungen, unterschiedliche Zeiten, unerwartete Räume. Zwischen verträumtem Kammerpop und gewaltig brodelndem Songwriting ist Julia Holter hier auf der Höhe ihrer Kunst und umschifft die Kliffs von blossem Schönklang durch ihre Fähigkeiten, ihre Musik auch bezaubernd sperrig und schräg klingen zu lassen. 

Zuviel Musik, zuviel Verweise, zuviel Songs – von allem zuviel: So könnte der Eindruck auch lauten nachdem Julia Holters Doppelalbum erstmal durchgelaufen ist. In Zeiten von Spotify-Playlisten ein so ambitioniertes Werk herauszubringen grenzt so gesehen schon an Grössenwahn. Zumal es doch alles disponiert ist, voller Bezüge, quasi rhythmisch durchkomponiert (obwohl improvisatorisch entstanden). Aber das ist die Herausforderung, die nicht eben dadurch kleiner wird, das Aviary so „kulinarisch“ einherkommt, allerdings ohne sich stilistisch einordnen zu lassen. „Lecker“ diese üppigen Sounds, delikat die Klänge, angenehm im Ohr die Melodien. Opulent, nachgerade barock, strahlend exaltiert: Alles, was an Julia Holter und ihrem Faible für kulturelle Verankerungen schon bislang zu bestaunen war, steuert hier auf einen Höhepunkt zu, der nicht einmal vor einem Dudelsack zurückschreckt (und Trompeten schon gar nicht). Und Glanzlicht ist ohne Zweifel ihre strahlende Stimme. Aviary ist eine akustische Wunderkammer, in der die Gedanken und Erinnerungen frei herumstreifen und sich immer wieder zu betörend-irritierenden Songs zusammenfinden. Die müssen im Einzelnen gar nicht dechiffriert werden, sind sie im Ganzen doch stimmig. Eine epische Reise durch eine Welt, in der die Zusammenhänge drohen, verloren zu gehen. Und deren lose Fäden dann wieder zusammenfinden, verfugt durch eine überbordende Musik, die das Zerbrechliche ihrer Schönheit jederzeit in sich eingeschrieben trägt. Von einer Phrase zur nächsten hangele ich mich da – es ist ja alles nicht falsch, aber zugleich ist Julia Holters Kunst unter ihrer literarischen und klanglichen Verkleidung… nun ja: Einfach. Einfach grossartige atemberaubende Songs. Mit einer kleinen Botschaft darin von Liebe, Empathie und Nahbarkeit in einer unübersichtlichen Welt. "Send up now, push us up above all the world." singt Julia Holter ausserdem. Getragen von Flügeln unüberwindbarer Musik.

Anspieltipps: Turn the Light on, Chaitius, Every Day Is An Emergency, In Garden´s Muteness, I Would Rather See, Les Yeux to You         

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.2.2019