Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Misses Next Match, Für Leute die schon alles haben, Broken Silence, 2014 - 12 Songs, 45 Min.

Für Leute die schon alles haben: Hier, bei ZORES sind sie damit genau richtig, die drei nervigen jungen Menschen, die als Misses Next Match firmieren und auf ihrer zweiten Veröffentlichung eben jenes Titels einen abgedrehten musikalischen Gemischtwarenladen im Gepäck haben. Trotziger Postwave, Balladeskes, Krautrock und sogar ein wenig House spielen auf engem Raum miteinander, verkannten sich manchmal und erzeugen einen unwiederstehlichen Sog.

Zitat: "Die Gitarre sollte klingen wie ein schlecht gespielter Bass und der Bass wie eine gut gespielte Gitarre. Die Beats sollten möglichst treibend sein und der Gesang am besten halbwegs verständlich." So könnte auf jeden Fall grob umrissen die Formel für die Musik von Misses Next Match lauten und so verlautbart es das Hamburger Kollektiv, das aus Sänger Michael Spormann, Manuel Schwiers, der für die Elektronik und das Keyboard verantwortlich zeichnet, und Gitarrist und Bassist Dennis Schnellting besteht. Mit an Bord sind ausserdem Geige, Schifferklavier, Fieldrecordings und manch mehr. Und so zaubern sie nicht zuletzt mit unverschämt catchy Melodien ein beglücktes Lächeln in mein Gesicht. Und da hab ich von den Texten noch gar nicht gesprochen. Vom Platz gestellt? Nö, geht gar nicht. Frisch eingewechselt wäre passender, um das muntere, gelegentlich rabiate Treiben von Misses Next Match zu beschreiben. Hypnotisch, von der Musik "immer auf Repeat" natürlich unterstützt, ist das Wortgespinst. Oft nah an der missgestalten Realität, hantieren sie mit einer Melange aus Redensarten, Sprichwörtlichem, Kalauern, schiefen Reimen und tieferen Einsichten. Der Song Kleines Solo verwendet sogar einen Text von Erich Kästner. Das Leben ist nun mal kein Ponyhof, aber aus der Diskrepanz zwischen Wunsch und Verstellung lassen sich prima Lieder machen. Zeilen wie die "Die Ewigkeit ist viel zu lang / besonders gegen Ende hin / das einzige Beständige / beständige Veränderung" fressen sich recht widerstandslos in die Gehörwindungen und dabei ist die innewohnende Philosphie noch gar nicht einmal in ihrer Kohärenz zur Kenntnis genommen worden. Kein Platzverweis also für Misses Next Match, sie verlassen das bunte Feld Popmusik meiner Meinung nach als unwiederstehliche Gewinner. Und das niemand geringerer als Knarf Rellöm auf einem Song die Bassgitarre zur Hand nimmt bestärkt mich durchaus in meiner Meinung.

Anspieltipps: Für Leute Die Schon Alles Haben, Die Ewigkeit Ist Viel Zu Lang, Ein Bau Aus Angst Und Hoffnung, Superheld, Ein Ganz Normaler Jugendlicher, Kleines Solo

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.10.2014 


Meridian Brothers, Salvadora Robot, Soundway Rec., 2014 - 10 tracks, 53 Min.

Keine Band, keine Brüder - der Name Meridian Brothers grenzt an Etikettenschwindel. Aber was dieses Projekt uns zu Gehör bringt, ist einfach zu charmant und verspult, um sich an solchen Kleinigkeiten aufzuhängen: Es ist das Unterhaltungsgewerbe, nicht das Lebensmittelbusiness, ihr Lieben! Salvadora Robot heisst das jüngst erschienene Album des Kolumbianers Eblis Alvarez, es ist das immerhin schon 7. Album seit der Gründung der Meridian Brothers 1998. Eine Kompilation früherer und schwer greifbarer Stücke erschien vor einiger Zeit bei Staubgold, das zur Kenntnisnahme. Wo aber sind wir? Unüberhörbar im kumbianischen Surfparadies Sur_electrica und manchmal wird es creepy.

Ein abenteuerlustiger Klangkünstler im Geist von Felix Kubin oder Candie Hank, hat Eblis Alvarez auch einige Zeit in Europa gelebt, bevor er nach Bogota zurückgekehrt ist, wo er das aktuelle Album aufgenommen hat. Einigermassen bekannt geworden ist er mit dem vorletzten Album Deseperanza, bei dem er sich auf seine schräge Art Salsa-Rhythmen genähert hat. Salvadora Robot ist eine Art Fortsetzung, nur das Alvarez diesmal jeden track auf einen anderen südamerikanischen Tanztypus aufbaut. Von Merengue über Cumbia bis hin zu einem im Reggaeton sich voranschiebenden Trauermarsch ist dem entzückten Ohr vieles geboten. Eblis Alvarez spielt auch traditionelle Musik, zB in Gruppen wie  Ondatropica und Frente Cumbiero. Gleichzeitig ist er aber ein Soundtüftler von hohen Graden und dafür hat er mit Meridian Brothers seine eigene, verdrehte Spielwiese aufgemacht. Lustig und ein bisschen erschreckend zugleich, mit zu Herz gehenden Melodien und in die Beine gehenden Rhythmen verbindet der Multiinstrumentalist Alvarez die Ausgelassenheit traditioneller Tänze mit der frei flottierenden Universitalität der Gegenwart, die natürlich auch vor Südamerika nicht halt macht. Und jeder Song erzählt dabei seine eigene, magisch-realistische Geschichte. Wie die titelgebende des deprimierten Roboters namens Salvadora, der fern seiner Heimat festsitzt und nicht zurückkann. Zwischen musikalischem Cartoon und massiv in Hall gebadeten Surfsounds bewegt sich das Terrain von Salvadora Robot. Erlösung in der geordneten Freiheit ausgelassenen Tanzes und die der binären Ordnung folgende Digitalisierung von Bewegungsmustern definieren die angeschrägt burleske Klangwelt dieses Albums. Es ist ja alles eine Illusion, Fake, beginnend ja schon mit dem brüderlichen Namen. Und zugleich ein irrwitziger Trip durch eine psychedelische Musikwelt, deren Kulissen flattern und verfliessen, über dir einzustürzen drohen und sich doch lieber unter Gelächter davon machen. Grosser Spass, und doch ist eine Warnung darin versteckt. Denn so ohne ist Musik ja doch nicht. Da geht es auch um den Mann, der zuviel übelbeleumundeten Reggaeton hörte und dafür - auf den Elektrischen Stuhl wanderte. Lernt daraus! Zieht Konsequenzen! Und lasst euch nicht davon abhalten, diese wunderliche und ähnliche Musik zu geniessen, allen übelwollenden Eiferern zum Trotz.  

Anspieltipps: Somos Los Residentes, Salvadora Robot, Un Principe Miserable Y Malvado, El Gran Pajaro De Los Andes, Baile Ultimo - Del Preso Que Va A La Silla Electrica Por Ofensa A La Moral Colombiana 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.10.2014 


The Soft Pink Truth, Why Do The Heathen Rage?, Thrill Jockey, 2014 - 10 black metal profanations, 40 Min.

Zuerst: Erinnert Euch an Magne Andreassen! Er wurde 1992 ermordet, ein Jahr noch vor Euronymous, dessen gewaltsamer Tod als spektakuläre Zäsur in die Geschichte des norwegischen Black Metal eingegangen ist. Anders als beim Tod des Mayhem-Gitarristen ist der Grund von Andreassens Tötung eindeutig. Er war schwul, er suchte ein rasches Abenteuer und geriet an den Bård G. Eithun, Schlagzeuger bei Emperor, der ihn ins Dunkel lockte und mit dem Messer erstach: "Smashing Rainbows" (Unter dieser Parole ist nebenbei real eine homophobe Hass-Kompilation erschienen). Menschenfeindlichkeit, Reinheitsfantasien, Allmachtsgefühle, unterfüttert von jugendlichen Ängsten und Zweifeln am Platz in der Welt: All das gab es auch schon vor IS. Und suchte sich ua eine lebensweltliche Spielwiese im Black Metal. Natürlich gibt es Unterschiede, wie den dort verbreiteten Hass auf (fast) alle etablierten Religionen und den Einsatz von so etwas wie musikalischen Mitteln, die zum Teil auf eindrucksvoll betörende Weise gehandhabt werden. Black Metal, ein musikalisches Subgenre, dem gerne männlich Jugendliche noch ohne gefestigtes Selbstbild anheimfallen - warum nicht also auch queere Kids? - es wäre als inzwischen quasi domestifiziertes Randphänomen kaum der Rede wert. Wären da nicht die Virulenz einer zugrundeliegenden Philosophie einerseits, die sich von Nietzsche über diverse Satanismen zu Neuheidentum und NS-Apologetik erstrecken kann und auch qua inszenierte Ästhetik weiterwirken. Und andererseits die fortwährende Faszination seitens erwachsen gewordener Menschen, die das als Karneval und Tummelplatz schwarzer Romantik erkennen können, ohne sich, etwa wegen der drastischen Qualitäten der Musik, davon lösen zu wollen. Da trägt mann dann ein T-Shirt wie Drew Daniel: Das Statement Fuck Varg´s Politics übermalt den Burzum-Druck. Mit seinem Projekt The Soft Pink Truth, erstmal wieder aktiv seit 10 Jahren, feiert und entheiligt Drew Daniel, bekannter als Teil von Matmos, zehn mehr oder minder klassische Black Metal Stücke. Von einem queeren Standpunkt wirft er einen ebenso begeisterten wie spöttischen Blick auf die Erzeugnisse einer Szene, die ihn nie losgelassen hat. Trotz des Morasts, in dem sie auch wuchert, einem trüben Tümpel aus Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und dem Gefühl, auf jeden Fall etwas Besseres zu sein, nicht nur als Musiker. Das gewohnte /In verkneife ich mir aus wohlerwogenen Gründen an dieser Stelle.

Über schwule Musiker in der harten Szene wird ja oft gemunkelt, manchmal verlässt einer den Schrank wie Gorgoroths Vokalist Gaahl, einer der ganz Grimmen, der sich 2008 outete, inzwischen aber offenbar der metal-scene den Rücken gekehrt hat. Es mag sich dann beim Wiederhören eines Albums wie Twilight of the Idols (2003) die Frage stellen: Schwingt jetzt in der Musik etwas Besonderes mit, wenn mensch weiss, dass der Shouter ein homosexueller Mann ist? Einer, der auch durch einen Hang zu Gewalt aufgefallen ist und sei es zur Abwehr homophober Aggression? Und: Taugt so etwas doch als queeres Rollenmodell quer zu gebräuchlicheren LSBT-Stereotypen? Ich kann das nicht beantworten. Die eifrig rotierende mediale Gerüchteküche ist vielleicht ein inzwischen ganz natürlicher Reflex auf zu markant herausgestellte Heterosexualiät. Und tut nichts zur Sache. Spannender wäre da schon die Frage, wieviele queere Menschen denn betonte rüde, aber auch kraftvolle Musikgenres bevorzugen, statt der ihnen gerne unterstellten Disco-, House- oder gar Schlagerseligkeit zu frönen? Viele werdens wohl nicht sein, vermute ich kräftig ins Blaue. Der Spass am funkenschlagenden Zusammenprall zweier für unvereinbar gehaltener Kulturen ist es aber, der durch die verwendeten Stilmittel auf Why Do The Heathen Rage? verhandelt wird und zuweilen absurde, aber treffende, weil kontroverse Antworten findet. Mitwirkende bei diesem Album von The Soft Pink Truth, dessen Cover voller kopulierender und mordender belederter Männer keinesfalls jugendfrei ist, sind ua Anthony, Bryan Edward Collins, Jenn Wasner und Terrence Hannum und Matmos-Co mate M. C. Schmidt.    

Venom, Beherit, Sarcófago, Sargeist, Darkthrone, An, Mayhem, Hellhammer und Impaled Nothern Moonforest liefern die Vorlagen, denen sich Drew Daniel als The Soft Pink Truth ebenso liebevoll wie ketzerisch widmet. Er verleugnet seine Faszination ebenso wenig, wie sein Unverständnis gegenüber einer Haltung, die Politik und Ästhetik sauber auseinanderdividieren will. Am abschliessenden Track lässt sich das (indirekt) noch einmal zeigen. Impaled Nothern Moonforest waren selber schon so etwas wie eine BM-Parodie, ins Leben gerufen von dem ebenso produktiven wie nihilistischen, ums mal so zu nennen, Seth Putnam. Er gründete ua die provokante Grindcore Band Anal Cunt, hatte aber auch immer wieder oft verleugnete Kontakte zu rechtsextremen Bands wie Vaginal Jesus und entpuppte sich als Rassist und Nazi. Nicht anders als in der Dark Wave Scene schlägt die Lust an antibürgerlicher Konfrontation unversehens um in eine Identifikation mit den benutzten Nazi-Stilmitteln. Da setzt dann wiederum Drew Daniel einen scharfen Schnitt und ätzt die Songs mittels Elektronik (und minutiöser Entzifferung des musikalischen Materials durch Owen Gaertner)  in neue, oft genug provokante, weil queer konnotierte Gewänder. Das mag ziemlich camp sein, beim ersten Anhören schräg, aber es zeigt sich vor allem als unverhüllter Ausdruck einer schwierigen musikalischen Liebe (die Auftritte in corpsepaint einschliesst). Aufgenommen wurde Why Do The Heathen Rage? in einem angemessen eisigen Keller in Baltimore im Winter 2013. Pinkes Vinyl! Und dennoch: Erinnert Euch an Magne Andreassen!

Anspieltipps: Invocation For Strength, Black Metal, Sadomatic Rites, Ready To Fuck, Beholding The Throne Of Might, Buried By Time And Dust

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.10.2014

Sudden Infant, Wölfli´s Nightmare, Voodoo Rhythm, 2014 - 12 Songs, 45 Min.

Auch wenn von Seiten des Labels durchaus der hehre Anspruch besteht, Musik bereitzustellen, die jede Party zu ruinieren in der Lage ist: Die dafür bestens tauglichen Sudden Infant hätte ich jetzt nicht als Labelact bei Voodoo Rhythm erwartet. Joke Lanz jetzt somit in der besten Gesellschaft von Reverend Beat-Man, King Automatic, The Dead Brothers, The Pussywarmers oder The Watzloves: eine charmante Vorstellung. Möglicherweise bedingt durch die Erweiterung des bisherigen Soloprojekts Sudden Infant zu einem Trio, das für uns ergreifenden Gospel for the Sickest aufspielt.

Der Albumtitel Wölfli´s Nightmare führt uns zu Adolf Wölfli (1864-1930), Schweizerbürger, ehemaliger Verdingbub, später als geisteskrank diagnostiziert und in der Waldau für den Rest seines Lebens interniert, wo er immerhin zum ungelernten Universalkünstler aus eigenem Antrieb wird, und ein vielverzweigtes Werk hinterlässt, das schon viele KollegInnen inspiriert hat: Nun wohl auch den Schweizerkünstler und Extreme Body Culture Performer Joke Lanz, in dessen Klangwelt harscher Lärm ebenso wie industrialisierter Blues zuhause sind und manchmal Spuren eines dunklen Humors. Art brut ist, nach den Umständen der jeweiligen Existenz, beides und um die Existenz des Menschen geht es Sudden Infant auf diesem ebenso infernalischen wie intensiven Werk namens Wölflis Nightmare.

Sudden Infant ist, nach sehr langen Jahren als Soloprojekt, hier zu einem Trio geworden. Joke Lanz (ua auch Mitglied der notorischen SchimpFluch-Gruppe um Rudolf Eb.er) ist mit Stimme und diversem Gerät schwer im Einsatz. Christian Weber, aktiv ua bei Co Streiff, spielt Bass und am Schlagzeug sitzt der auch in Neuer Musik bewanderte Alexandre Babel. Ein eigenartiges Trio also, dass sich da gefunden hat, das auch imstande ist, innerhalb einer weitgehend brachialen Klangarchitektur differenziertere Akzente zu setzen. Wölflis Nightmare ist indes, wie sollte es anders sein, grossteils direkt auf die Zwölf resp. voll in die Fresse. Und es ist zugleich für mich eine eigentümlich berührende Platte, voller Schmerz, Intensität und Verzweiflung, eben Blues aus der Hand eines radikalen Geräuschemachers, der niemand und sich selbst zuletzt schont. Von zerstörten Hoffnungen und Zumutungen ist in den Songs viel die Rede, von Trost und Erlösung kaum je. Wo manchmal (zB gerade bei Labelkollegen) eine bewegende Melodie über den Jammer der Welt ein wenig hinweghilft, finden wir hier NICHTS. Die Erde ist immer wieder ein umgedrehter Pott mit einem Sprung, durch den ein eisiger Wind weht und dabei Geräusch macht. In Musik findet sich öfters leider eher billiger Trost. Hier wird er gar nicht erst geboten. Das, was EineN am Leben hält, sogar anspornt, wird hier eher dem Trotz abgerungen. Wölflis Nightmare ist, was sonst, ein grimmiges Monster. Lass dich von ihm umarmen!  

Anspieltipps: Wölfli's Nightmare, Father, Girl, Human Fly, Crane Boy I - Acoustic Version, Tandoori Chicken Scooter IV

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.10.2014 


Sowie

V. A., A Tribute to Nils Koppruch & Fink, Trocadero

Traurigster Anlass: Der frühe Herztod von Nils Koppruch, aber eine unglaublich schöne Leich. Wirklich gelungene, weil vielgestaltige Anverwandlung Koppruchschen Liedguts durch ua Bernadette La Hengst, daantje & the golden handwerk, Olli Schulz & Band, Günter "Rex" Märtens, Knarf Rellöm, Click Click Decker, Kettcar, Fehlfaren und mehr.  

Mirel Wagner, When The Cellar Children See the Light of Day, Sub Pop

Sie hats schon wieder getan, auch wenn ihr Keller wahrscheinlich gut belüftet und beleuchtet war. Aber muss wer Dreck gefressen haben, um dem Teufel an der Kreuzung ins Auge sehen zu dürfen, seine züngelnde Rede zu hören und dann eine Entscheidung zu treffen? Bewegender Southern Gothic aus dem finstersten Finnland.