Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen, Die Biellmann-Pirouette, Broken Silence, 2015 - 12 Songs, 46 Min.

Das sind auch so Existenzen, auf die Welt gefallen. Sich einen gar nicht mal so uneinprägsamen Bandnamen ausdenken. Trotzdem die Lippen spitzen und pfeifen, sonstwo, bloss nicht im Wald. Mit Worten Pirouetten drehen und dazu Drei Akkorde und Ein bisschen mehr-Musik. Kann mensch noch Punkrock nennen, Lars, Steffen und Jochen hätten wohl nichts wirklich dagegen. Das Vorgängeralbum war verschwurbelter, gestattete sich ein paar mehr sympathische Abwegigkeiten. Die Biellmann-Pirouette, das aktuelle Album von Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen kommt musikalisch ein ganzes Stück gradliniger einher, ohne auf die schräge Poesie der Songtexte zu verzichten. Rotziger Elektro ist auch dabei, ohne sich sehr gross in den Vordergrund zu drängen. Den wahren Kick liefern aber die deutschen Texte. Notizen aus der Provinz (Kiel!), mit grimmigem Humor. Hilft da nur, die Zähne zusammenzubeissen - so mensch welche hat - weil sonst die Entscheidung zwischen Knirschen aus Einverstandensein und lauthals loslachen zu treffen wäre: Was nicht leicht ist. Eins steht mal fest: Plattenkaufen hilft im Leben nicht wirklich weiter. Was KZIMALPP nicht davon abhält, sich von gut ausgewählten Bands ein Scheibchen abzuschneiden und zu einem durchaus eigenständigen Gebräu zu verlöten. Ganz der Volltreffer ist die Biellmann-Pirouette für mich trotzdem nicht geworden. Nicht, das hier auf glattem Eis ausgerutscht wäre. Nicht, dass die Grundstimmung zu melancholisch wäre. So ist halt die Stimmung, und über Enttäuschungen lassen sich nun mal die besseren Lieder schreiben. Wahrscheinlich werd ich alt und nehme diese Musik zu persönlich. Es ist schliesslich genug Rotzigkeit drin, an der mensch sich reiben könnte. Es geht immer wieder schön nach vorn, der Bass knarzt, beide Sänger verzaubern mit eigenwilligem Gesang. Es ist vielleicht nur diese gewisse musikalische Schrulligkeit, die bei diesem Album unter den Tisch gefallen ist. Aber klar, es kann und soll nicht jede Band Jens Rachut sein. Und soweit einer dieser ohrwürmigen Refrains lautet 'Ich bin eine Win-Win-Situation und ich hab Spaß', da geb ich Gas und pfeif dir was.... vor Vergnügen schon auch.

Anspieltipps: Das sind auch so Existenzen, Akkorde ermorden, Dem Teufel Geld, Und immer noch nicht gebumst, Ich geh den Berg hoch

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2015


Tetema, Geocidal, Ipecac, 2014 - 11 tracks, 38 Min.

Oh nein, es will Euch niemand einer Klangfolter unterziehen. Das kommt überhaupt nicht in Betracht. Auch wenn die Vorstellung von akustischem Waterboarding nahe liegt. Es ist nur so, das in den Köpfen von Anthony Pateras und Mike Patton die musikalischen Ideen wie rasende Hornissenschwärme umhersausen und nur darauf warten, freigesetzt in Sound zu explodieren. Dann freilich kommt so ein musikalischer Urknall raus wie bei diesem Album namens Geocidal von Tetema, wie sich das Duo benennt. Alles drin, alles permanent ineinander geschnitten und geschachtelt und wundersamerweise sind einige Ruhezonen eingebettet. In denen freilich sich nicht allzu behaglich sich eingerichtet werden sollte. Denn natürlich brodelts auch da, nur nicht so offensichtlich. Die absehbaren Folgen: Unmittelbar und mit voller Allgewalt erwartbar. Geocidal, wie der Albumtitel lautet, klingt für mich übersetzt etwa wie Erdmord. Ein Unding, nicht wahr? Alle haben wir doch die besten Absichten, vielleicht ein paar kurzfristige Gewinnerwartungen, aber sonst… So ein Biest wie dieser Planet ist doch nicht totzukriegen, ausser vielleicht durch die Expansion der guten alten Sonne zu einem roten Riesen (in einigen Millionen Jahren). Zu kurz gedacht. Eine Flutung findet jetzt bereits statt, durch Emissionen aller Art , durch sog. Kommuniation, Lichterzeugung und, wer weiss, durch Googolbits an Geräusch, gemeinhin auch als Musik bekannt. Hier könnte angesetzt werden (sind wir mittendrin): Gefahr im Verzug und die Mahner, unverdrossen, die ihre eigene Show abziehen. Der enorm vielseitige Australier Anthony Pateras, auf einer nachgerade klassischen Ausbildung fussend und der Mann mit den tausend Stimmen, Mike Patton, öffnen ihre akustische Schreckenskammer. Die Schrecken darin freilich sind nur Spiegelungen der Realität. Sie ziehen uns rein, wirbeln uns rum, bis wir nicht mehr wissen, was Innen oder Aussen, Oben und Unten ist. Gut so. Ein musikalisches Gipfeltreffen im Abgrund, inszeniert von zwei musikalischen Hexenmeistern, die sich der Mitwirkung allerlei illustrer Gäste wie WiIl Guthrie am Schlagzeug, versichert haben. Sonst ist, hier bei Tetema, nichts sicher, bleibt nichts, wie es war. Der Countdown läuft. Der Rückzug in den eigenen Kokon ist jedenfalls keine Lösung. Hier brennts lichterloh. Das ist als Empfehlung zu verstehen.

Anspieltipps: Invocation of the Swarm  , Pure War, Ten, Years tricked, 3-2-1 Civilisation, Kid has got the Bomb

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2015 


Noveller, Fantastic Planet, Fire Rec., 2015 - 9 tracks, 38 min.

Doch, zumeist scheint die Sonne. Einer der drei leuchtenden Wasserstoffbälle steht fast immer über dem Horizont, scheint auf den orangenen Starnd, die azurene Vegetation... Es ist ein fantastischer Planet, der hier in Klängen portraitiert wird, eine wunderliche, nur selten erschreckende Welt ziemlich weit draussen. Und, soweit nicht Februar: Es ist ziemlich Sommer. Sarah Lipstate, die texanische Filmemacherin und Musikerin hat das unter ihrem Künstlernamen Noveller in Szene gesetzt. Ein Hörtrip aus Synthesizern und Gitarrenklängen, die gar nicht immer wie solche erscheinen. Seit 2005 ist Noveller als Soloprojekt am Start, lange Zeit in Brooklyn beheimatet und mit einschlägigen MusikerInnen verbandelt. Sarah Lipstate selber war auch Teil von Parts & Labor, die sperrigere Töne anschlugen und noch ihr letztes Album verweigerte sich weitgehend dem Schönklang. Hier ist das alles ein wenig anders, es sind leuchtende und sonnige Klangfarben, die den dronebasierten Tracks ihr Gepräge geben. Sorgfältig arrangiert entwickelt sich die Musik um einzelne Klänge und die kleine Welt, die so geformt wird, scheint wie in einer glänzenden Seifenblase zu schweben. Freilich, das hält nicht lange vor, denn es gibt wenig, was einen weiterwirkenden Impuls auslösen könnte. Zwar schlingern diese Klanggebilde ab und zu, werden mal durch harsches Geräusch erschüttert, aber schnell haben sie ihr sphärisches Gleichmass wieder erreicht. Das ist beinah ein wenig schade, denn so wirken diese musikalischen Miniaturen bei allem Klangreiz doch ziemlich selbstbezüglich, wie in sich eingeschlossen. Es wirkt dann nicht so recht viel nach. Es taugt dann hier wohl, jeden einzelnen Track für sich zu nehmen und wie eine klingende Pille zur Erhöhung des Wohlbefindens sich einzuverleiben. Wie Perlen an einer Schnur reihen sich Novellers Tonbilder einer phantastischen Welt nacheinander auf. Und es besteht die Möglichkeit, sich, ganz dem Augenblick hingegeben, davon gefangen nehmen zu lassen. 

Anspieltipps: Into the Dunes, No Unholy Mountains, Pulse Point, In February, Growing 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2015 


Colleen, Captain of None, Thrill Jockey, 2015 - 8 tracks, 42 Min.

Die barocke Viola da Gamba ist wahrscheinlich das unwahrscheinlichste Instrument, um damit in die Welt des Dub einzutauchen. Für Cécile Schott aka Colleen, die alte Musik ebenso mag wie jamaikanische, war das wahrscheinlich eher ein Ansporn. Natürlich ist Captain of None kein übliches Dub-Album geworden, aber dessen Einfluss ist überall darin mehr oder weniger deutlich. Es ist so ein wunderlich flirrend Ding entstanden, voll von süsser Melodie und sanfter Melancholie. Vom unentwegt Pochen ahnungsvollen Rhythmus´ ganz zu schweigen. Waren bei Colleen früher Samples oder Loops die Grundlage ihrer Tracks, so stehen diesmal dieses antike Streichinstrument und ihre Stimme im Mittelpunkt. Violaklänge, die zumeist nicht mit dem Bogenstrich, sondern mit Schlag- und Zupftechniken hervorgebracht wurden, erschaffen ein ziemlich einzigartiges Timbre. Eingespeist werden sie dann in eine Soundmaschinerie aus Hall und Delay, die sie sozusagen jamaikaifiziert. Nah verwandte afrikanische Percussion stellt sich wie von selbst ein und legt eine weitere Schicht pulsierender Intensität über die hellklingenden Songs. Nicht ganz von dieser Welt scheinen sie zu sein und dabei von schwingender Präzision zugleich. Delikat und doch zupackend, träumerisch, ohne ins Vage abzuheben: Colleen eröffnet sich und uns auf Captain of None eine neue Welt. Die Musik, auf den Darmsaiten einer Viola da Gamba in die Welt gebracht, und dazu ihre zurückhaltende, hauchende Stimme erzeugen ohnehin geheimnisvolle Klangbilder. Loopstrukturen gibt’s natürlich auch noch, aus ihnen formen sich die zumeist verspult-verträumten Songs. Der Klang ist lebendig, warm, organisch, selbst da, wo er ins Spukhafte abdriftet. Ein feines Album, über grosse Strecken eher zurückhalten, aber zugleich von fesselnder Intensität. Klingt wie ein Widerspruch? Colleen löst ihn auf, ganz spielerisch.

Anspieltipps: Holding Horses, I´m Kin, Salina Stars, Eclipse, Captain of None

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2015


Bérangère Maximin, Dangerous Orbits, Made To Measure/Crammed Discs, 2015 - 5 tracks, 69 Min.

1976 im überseeischen Department La Réunion geboren, zog Bérangère Maximin mit 15 Jahren nach Frankreich und warf sich auf die Musik. Frankreich hat ja bekanntlich eine lange Tradition in Sachen Elektronik aufzuweisen und mit Pierre Schaeffer einen der Begründer der musique concréte. Er schuf als erster aus Feldaufnahmen und Alltagsgeräusch Musik mit klassischem Anspruch. Zugleich entwickelten sich die Möglichkeiten rein elektronischer Klangerzeugung und schufen so einen zweiten Strang elektroakustischer Geräuschwelten. Die gegenseitigen Fehden sind historisch geworden. Maximin studierte in Paris bei Denis Dufour, einem Schüler Schaeffers, und ihr stand inzwischen die ganze Bandbreite klanglicher Möglichkeiten zur Verfügung. 2008 erschien bei John Zorns Tzadik-Label ihr erstes Album, Tant Que Les Heures Passent, Musik, die in ihrer Präsenz und Vielgestalt aufhorchen liess (wir haben sie in ZORES vorgestellt). Dangerous Orbits ist Bérangère Maximins viertes Album. Zwei weitere Alben waren zuvor bei Sub Rosa erschienen, ebenfalls eine feine Adresse für individuelle Musik, die sich den Einordnungsschemata zwischen E- und U entzieht. Dies hier ist ein Klangtrip, Musik, die den langen Atem, den sie einfordert, auslebt. Die „digitalen Chimären“ der Komponistin, dieses leichthändige Spiel aus Laptop und Midi-Controllern, eröffnen Räume, die erkundet sein wollen. Unterschiedlich Geräuschhaftes und rhythmische Pulsationen legen ein Fundament, über dem sich sehr variable Klangszenarien entwickeln. Vielfarbig, aber auch hypnotisch, störrisch und immer wieder melodiös entspinnen sich ätherische Stücke, die HörerIn in spannende Innenwelten ziehen. Eine vitale Eleganz umkleidet einen musikalischen Kern, der auch mal rauh und ungeschliffen daherkommt und bringt ihn und uns damit ins Schweben. Der Orbit ist eben ein zumindest unbequemer Aufenthaltsort, Gefährdungen inbegriffen.

Und zupackend, körperlich ergreifend ist Bérangère Maximins Klangwelt auch. Auch wenn IDM im üblichen Sinn eine Welt entfernt liegt, finden sich hier kosmische Echos davon. Dagegen fehlt jede offensichtliche Klangtüftelei, auch wenn an diesen Tracks sicher sehr überlegt geschraubt wurde. Für Ambient im üblichen Sinn sind Maximins klingende Chimären zu vielfältig, fürs Pop-Genre sind sie mit zehn bis 20 Minuten Dauer zu lang. Der Klang, losgelöst von seiner Quelle, steht im Mittelpunkt ihres Interesses. Aus seinem Gehalt, sorgfältig ausgehört, entwickelt sich alles Weitere, setzen sich Entwicklungen in Gang, beginnen Verknüpfungen. Die Prozesse, die dabei verwendet werden, sind elementar. So unterschiedliche MusikerInnen wie Pierre Henry, Luc Ferrari, Eliane Radigue, Fred Frith, Fennesz oder Rhys Chatham, mit denen Maximin zum Teil auch zusammengearbeitet hat, haben in ihrer Musik sicher Spuren hinterlassen, aber sie hat mit Dangerous Orbits das Tor zu einer eigenen, volltönenden Klangwelt geöffnet.

Anspieltipps: Cracks, A Day Closer, OOP (Pou Own Planet)     

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2015


Klangwart, Transit, Staubgold 2014 - 9 tracks, 36 Min.

Markus Detmer und Timo Reuber sind bereits seit 1996 als Klangwart unterwegs. Anders als der pedantisch tümelnde Name es nahelegt sind sie aber eher an den unspektakuläreren Seiten der Elektronik interessiert, im Nimmer- und Dämmerland zwischen Krautrock und Ambient. Detmer betreibt auch das Kölner Label Staubgold, auf dem seit 2008 immerhin vier neuere Klangwart-Alben erschienen sind. Transit ist das Jüngste und hier ist auf organische Weise alles im Fluss. Aus zig Soundschnipseln ist, so ist zu lesen, diese wuchernde Musik aufgebaut. Immer voran, auch über die eine oder andere Hürde. Bewegt, aber ohne dass sich unbedingt eine Richtung vorhersehen liesse. Dicht und durchhörbar zugleich treiben die Tracks voran. Joseph Suchys Produktion lässt die Musik dabei förmlich körperlich werden für diese musikalische Reise. Und wie das Cover nahelegt, in den Lüften, aber, da per Ballon, eher gemächlich, sich treiben lassend, was freilich Turbulenzen nicht ausschliesst. Es gibt somit ein paar Tracks, in denen es heftiger zugeht. Aber prägend sind die nicht. Insgesamt dominiert Unaufgeregtheit, ein musikalisches Einherspinnen, getragen von einem regelmässigen, lässigen Puls. Fast zu fein poliert ist das, die Klangwarte haben anscheinend lange gezögert, bevor sie die metaphorischen Schraubenschlüssel und Poliertücher aus den behandschuhten Händen gelegt haben. Freilich, Menschen, die schon so lang dabei sind wie Markus Detmer und Timo Reuber müssen nichts mehr beweisen. Und es ist auch so, dass in dieser hellen, leuchtenden Musik eine Menge funkelnder Details steckt, ein warmer Klangstrom alles durchfliesst. Und bei aller Kunstfertigkeit, aller Regelhaftigkeit, die in dieser kurzweiligen Elektro-Musik stecken: Es steckt auch genug Flow drinnen, um sie recht angenehm abgehen zu lassen. In der Chill-Out Area, versteht sich.   

Anspieltipps: Passage Pt. 1 + 2, Express, Exile,  Rendezvous

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2015


Ausserdem in ZORES

Various ‎– A Girl Walks Home Alone At Night

Der Soundtrack war ja ein prägender Bestandteil des ebenso ungewöhnlichen wie stylishen Vampirfilms von Ana Lily Amirpour, in dem Coming of Age-Elemente ebenso wie Roadmovie und Spaghettiwestern-Anklänge aufzuspüren sind. Von daher verwundert es nicht, dass der Band Federale soviel Zeit zugestanden wird. Ferner vertreten: die Iraner Radio Tehran, Kiosk, Bei Ru und einige andere, die einen spannungs- und abwechslungsreichen akustischen Bilderbogen in unseren Köpfen entstehen lassen.