Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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The Heliocentrics & Melvin Van Peebles, The Last Transmission, Now-Again Records, 2014 - 2x 12 tracks, 36 + 46 Min.

Space is the place, ihr Lieben! Und das nicht nur im Kino oder beim Projekt Marstrip ohne Wiederkehr, sondern immer mal wieder auch im Eskapismus-Medium Pop. Auf Sun Ras und verwandten Pfaden bewegt sich seit einiger Zeit auch das Londoner Projekt The Heliocentrics. Gerne holen sie sich extravagante Gäste, so haben sie mit Orlando Julius und Mulatu Astatke zusammengearbeitet. Auf ihrem jüngsten Trip, The Last Transmission, gelang ihnen ein ganz besonderer Coup. Sie holten den legendären Blaxpoitation-Filmemacher, Poeten etc etc Melvin van Peebles mit an Bord. Und los geht’s.

Für einen kosmischen Trip wie diesen ist Melvin (van) Peebles genau der richtige Mann. Ein paar Abschnitte aus seinem windungsreichen Lebenslauf mögen das verdeutlichen. 1932 geboren, Sohn eines Schneiders, absolvierte er zunächst ein Literaturstudium und heuerte anschliessend für dreieinhalb Jahre bei der US Army an, wo er in Aufklärungsflugzeugen seinen Dienst verrichtete. Die folgenden Jahre sahen ihn, verheiratet mit der deutschen Schauspielerin und Fotografin Maria Marx, als Maler in Mexico. Anschliessend verdingte er sich als Cable Car-Fahrer in San Francisco, wo er begann, Stories über diese Erfahrung zu schreiben. So entstand sein erstes Buch The Big Heart. Eines Tages schlug ihm ein Fahrgast vor, Filme zu machen. So entstand 1957 sein erster Kurzfilm, Pickup Men for Herrick. Hollywood konnte allerdings nichts mit ihm und seinen Filmen anfangen, aber in New York fand sich ein Mann, der seine Filme in Frankreich zeigen wollte. So gelangte Peebles nach Europa, aber zunächst in die Niederlande, wo er ein „van“ vor seinen Nachnamen setzte und am Nationaltheater arbeitete. Die Ehe scheiterte unterdessen, aber van Peebles wurde von Henri Langlois, dem Gründer der Cinémathèque Française, der seine Filme schätzte, nach Paris eingeladen. Er lernte französisch und lebte von der Übersetzung des Mad Magazins, schrieb Stücke und begann mit Sprechgesang zu experimentieren, woraus sein erstes Album Brer  Soul entstand. Ausserdem veröffentlichte er Erzählungen und drehte einen weiteren Kurzfilm, worauf 1968 sein erster Film in voller Länge entstand (La Permission), der endlich Hollywood interessierte, wobei van Peebles allerdings für einen Franzosen gehalten wurde. 1970 entstand Watermelon Man, sein erster, unter starken Einschränkungen gedrehter Hollywood-Film, der die Geschichte eines Rassisten erzählt, der eines Tages mit schwarzer Hautfarbe aufwacht. Sein nächstes Projekt wollte van Peebles aufgrund seiner Erfahrungen mit Columbia Pictures komplett in Eigenregie realisieren. Das gelang auch und mit Sweet Sweetback's Baadasssss   Song (1971) gelang ihm gegen alle Widrigkeiten ein ernsthafter Erfolg. Der Soundtrack stammte von Earth, Wind & Fire und statt einer üblichen Werbekampagne, die nicht zu stemmen war, wurde die Musik als Erstes herausgebracht, um Interesse zu wecken. Der Film gilt als eine der Initialzündungen der Blaxploitation-Bewegung. Die 1980er Jahre sahen van Peebles dagegen als Börsenhändler und Autor einer einschlägigen Abhandlung. Seit den 2000er Jahren ist Melvin van Peebles dagegen wieder künstlerisch aktiv und The Last Transmission zeigt ihn mit eigenem Text auf einem unabsehbaren Trip in die Weiten eines unfassbaren Kosmos und merkwürdiger Lebensspuren. In eine ätherische Lebensformen verliebt sich so der Reisende und verwandelt sich ihr schliesslich an.

Der vielbeschäftigte Schlagzeuger Malcolm Catto ist Kopf der Heliocentrics, die seit 2005 ihren vitalen Mix aus HipHop, Funk, Jazz, Psychedelic, Elektronika und Musik aus aller Welt auf die Beine stellen. The Last Transmission enthält zwei Tonträger. Auf dem einen davon ist die charakteristische, sonore Sprechstimme des unglaublichen (s.o.) Melvin van Peebles zu vernehmen, der seine extraterristrischen Berichte erstattet. Auf dem anderen finden sich, kaum weniger interessant, zum Teil abweichende und längere Instrumentalversionen der Tracks. Ein wirklich abgespactes Hörabenteuer, raffiniert und üppig, auch ein wenig vertrackt, gar geräuschhaft zwar, aber immer von der Kraft des Lebendigen durchströmt.

Anspieltipps: Gib Dir den Trip!

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2015

ausserdem:

Weyes Blood, The Innocents - Kemodo Rec., 2014

Stimmungen, die jedeR kennt, so aber noch kaum je: Weyes Bloods zweites Album verzaubert und verstört. Denn Alltägliches bricht immer wieder verstörend in die Spiegelwelten einer jungen Frau, die dabei ist, erwachsen zu werden. Natalie Mehring singt das gelenkig wie eine ausgebildete Konzertsängerin und zugleich unbefangen wie Macauley Culking hinterm Duschvorhang. Ein paar Instrumente sind auch dabei.

O´Death, Out Of Hands We Go - Northern Spy Rec., 2014

Beherzt und liebevoll, Zuckerbrot und Peitsche, Brot und Spiele: Berührender Gothfolk der New Yorker Band, der klingt, als müsste er die Welt retten. Muss (und tut) er ja auch. Unangestrengt, verspielt, dabei sicher wie ein Fels in der Brandung. Bittersüsse Medizin für Herzen, die sich am Dasein wundgerieben haben. Und alle anderen auch.

 


Fire! Orchestra, Enter, Rune Grammofon, 2014 - 4 tracks, 54 Min.

Wieviel Fire! steckt denn noch im Orchestra? Drei nämlich plus 25 weitere Mitwirkende? Von Idee und Konzeption her sicherlich Einiges, zumal sich das norwegische Hochenergie-Trio Fire! schon früh Gästen geöffnet hatte; das war freilich nur jeweils eine Person, allerdings mit Oren Ambarchi und Jim O´Rourke jeweils sehr gestandene Musiker. Die Probe aufs Fire!Orchestra gemacht wurde mit dem Live-Album namens Exit. Und hier, auf Enter? Das Fire! Orchestra gibt sich unverhohlen als mächtige Bigband. Konzipiert wurde die Musik dieses Studioalbums von Mats Gustafsson, Johan Berthling, Andreas Werliin (die den Kern von Fire! bilden) sowie der Vokalistin Mariam Wallentin. Sie ist aber nicht die einzige Sängerin, denn wir hören ausserdem noch die Stimmen von Sofia Jernberg und Simon Ohlsson. Eine 14köpfige Bläsersektion tritt auf, dazu Gitarren, Keyboards, drei Bässe und drei Schlagzeuger. MusikerInnen der skandinavischen Jazz/Avantrock/Impro-Scene, mit allen Wassern gewaschen, die mit dem entfesselten Feuer spielen, es anfachen, es dimmen, dem Spiel der musikalischen Flammen verträumt nachschauen und es dann wieder zu höchster Leuchtkraft anblasen. Vieles ist in diesem suitenartigen Werk geboten, von nachgerade nostalgischen Bigband-Anklangen ebenso wie deren erfahrungsgetränkter Adaption an des 21. Jahrhundert, Verweise auf Pop (Beatles) und Rock (Motorpsychoesk), spaciges Stimmenreden (Sofia Jernberg) ebenso wie der sachte Schwung einer rauchigen Ballade. Das alles folgt aufeinander mit traumwandlerischer Sicherheit, sich von einem ins andere schiebend, Entfaltung einer irisierenden Wunderblume und dabei mit dem Gespür für die notwendigen Rückzugsräume. Enter ist ein Kaleidoskop, das die „natürlichen“ Grenzen einer Bigband immer wieder durchbricht, mit der Musik hymnisch abhebt, in abgedrehte Sphären eintaucht. Und dann, einfach so, mit nachgerade erinnerungssatten Orgelklängen, wieder mit beiden Füssen auf bluesgetränkter Erde landet. Nach John McPhee: „It´s not a dream, it is an awakening.“

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2015 


GRMMSK, One World - Nowhere To Hide, Sozialistischer Plattenbau, 2015 - 12´´ - 4+3 trakks, 30 Min.

Alte Leier: Es braucht keinen Ring mehr, um alle zu knechten. Das macht jetzt: Das Netz unter allgemeiner freiwilliger Mitarbeit und das lässt sich nicht so einfach in einem Feuerberg entsorgen. (Siehe aber SPON: Weltuntergangsszenarios, Supervulkane). Die psychische Verfasstheit der Meisten von uns Jägern&SammlerInnen sorgt dafür, dass wir, einmal angefüttert, dran- u. drinbleiben. Und bleibt somit und wird noch zunehmen, kein Raum frei von Überwachung, von Selbstkontrolle und natürlich Strafe (immanent, allein in der Teilhabe). Nimm es, brauch es. Gezahlt wird unaufdringlich, subkutan, aber kontinuierlich. So what? So haben wir uns eingerichtet, bis auf kleine radikale Minderheiten (Ja, was machen die Amish?). Pretty good privacy ist verschlissen und die VERSCHWÖRUNGSTHEORETIKER haben natürlich recht, aber sie suhlen sich (alle) in falschen Fährten. Die WAHRHEIT ist längst draussen, schon JG Ballard hats gewusst. Soweit, so öde. GRMMSKs 12´´ One World – Nowhere To Hide setzt dem nichts entgegen, liefert nur einen finsteren Soundtrack dazu als Doomdub. Dazu verlegt er sonnige Reggaeklänge ins kalte Finnland, wo er inzwischen wirkt und lässt sie mählich einfrieren. Hellsinki hat bereits den Tango für sich und Finnland im Marschrhythmus adaptiert. Wenns nach GRMMSK ginge, ist nun der Reggae dran, der unter weissem Licht, umgeben von leicht-ragenden Betonbauten und Stadtautobahnen, ausbleicht, bröckelt und zerfällt, wie die Lebensfreude in einer durchkapitalisierten Kontrollgesellschaft. Ein Klangtüftler war GRIMM schon zuvor, der 1999 mit der Produktion von auf Feldaufnahmen basierenden Montagen unter dem Namen TOTSTELLEN seine akustische Karriere begann. GRMMSK wurde für eine Konzerttournee durch Finnland erschaffen. Aus der Anarchopunkszene stammend, machte er erstmal den Rockelementen den Garaus. Punk war dead again und wurde in Form alptraumhafter Cut-ups zu Grabe getragen. Und damit hätte die Geschichte von GRMMSK zu Ende sein können, denn es kam erstmal nichts mehr. Erst ein richtiggehender Umzug nach Finnland und eine Wiederbegegnung mit musikalischen Jugendlieben wie Dub und Reggae entfachte neue Ideen. Dabei half es sicherlich, diese Musik in Schneeschauern auf einem Walkman zu hören, dessen Batterien allmählich den Geist aufgeben. So ist GRMMSK wieder da, mit ruinierten Sounds einer sonnigeren Weltgegend, bei denen mensch sich allerdings auch krass gegensätzliche Lebensumstände, eine eigenartige Spiritualität und ein gerüttelt Mass an offener Gewalt mitdenken sollte. Das bricht sich an an den halb halluzinierten, halb umgesetzten Vorstellungen einer durchorganisierten, auf Perfektion getrimmten und zum permanenten Konsum verpflichtenden Schönen Neuen Welt nach Massgaben kalifornischer Hippiekapitalisten. Kollateralschäden sind unvermeidlich. Die bleichen Füchse überwintern. Doomdub liefert die Andeutung eines denkbaren Soundtracks.     

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2015


Cristian Vogel, Polyphonic Beings, Shitkatapult Strike, 2014 - 7 tracks, 47 Min.

Techno und Karlheinz Stockhausen sind zwei musikalische Welten, die eigentlich kaum zusammenfinden können, gemeinsam ist allenfalls die Verwendung elektronischer Mittel. Der in Chile geborene Cristian Vogel, Pionier einer zweiten Techno-Generation der 1990er Jahre und ausgebildeter Komponist, sieht trotzdem Gemeinsamkeiten und macht daraus ein Album, mit dem er sich vom Dancefloor verabschieden will. Nun, Letzteres klappt nicht so recht, denn Vogels dunkelschimmernde Musik hat dazu nach wie vor zuviel drive, zuviel kicks und zuviel coolness. Polyphonic Beings nennt er das Album, ein Stockhausen-Wort aufgreifend und das meint, im Vorgang des Hörens von Musik verwandeln wir uns, ohne es wirklich erfassen zu können (Vier Kriterien Elektronischer Musik, 1972). Am Ende des abstrakteren Vorgängeralbums Eselsbrucke griff der jetzt in Berlin arbeitende Musiker diesen Gedanken auf und entfaltet ihn jetzt auf den 7 tracks der aktuellen Veröffentlichung.

Du bist, was du hörst. Du wurdest zu dem, was du bist, durch die Musik, die du aufgenommen hast. Zweifellos ein faszinierender Gedanke und erschreckend, bedenkt mensch, wieviel nebenbei oder gedankenlos weggehört wird. Das, ist zu hoffen, imprägniert unser Inneres dann wenigstens nicht so intensiv, wie alles, was wir mit Interesse, Faszination, Erschrecken, Hoffnung, mit Ekstase und Begeisterung oder mit zunehmendem (oder abnehmendem) Befremden an unser Inneres dringen lassen. Die Stücke von Cristian Vogels Polyphonic Beings machen es eigentlich einfach. Sie zeugen von der mühelos wirkenden Kunstfertigkeit eines Musikers, der auch für die Tanzbühne komponiert hat, der immer noch fähig ist, die vibrierende Energie, die besonders basslastigen technoiden Spielarten zu Eigen ist, wirken zu lassen und darauf Stücke zu bauen, die von Wärme, Klangreichtum und etwas geisterhafter Melancholie zugleich gesättigt sind. Grau mag die Theorie wie die vom vielstimmigen Selbst auf dem Papier sein, bei Cristian Vogel schillert sie in düster-glühenden Farben. Vielleicht bis auf Society of Hands, dem letzten Stück des Albums Polyphonic Beings, der noch einmal einen Haken schlägt. Die Kraft der Empathie wohnt dieser Musik inne und sie soll sich, robust unterfüttert, auf alle HörerInnen übertragen. Die Pulse machen es ja leicht. Dann öffnet sich die Echokammer, die Ereignisdichte wächst, spiegelt sich, zerbirst in Partikelchen, kommt auch mal haklig auf Kollisionskurs und fängt sich vibrierend wieder in atomisierten Schichten von ausgezirkeltem Klang. Ein halluzinatorischer Trip, klar, alles in allem wohl zu fein komponiert für besinnungslos durchgefeierte Nächte, auch wenn sich das eine oder andere Stück dieser Musik immer noch geschmeidig in ein durchdachtes Set einfügen liesse...

Anspieltipps: McCaw´s Ghost, La Banshee 109, Forrest Gifts, Society of Hands

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2015