Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Xiu Xiu, Angel Guts: Red Classroom                                                                        

Bella Union, 2014 - 14 Songs, 44 Min. 

Zwölf Jahre Xiu Xiu, zwölf Alben und nichts ist gut. Schon lange war Jamie Stewarts Musik nicht mehr so furchterregend wie hier, bei Angel Guts: Red Classroom. Der Titel verweist auf eine japanische Filmserie der 1980er, pink films, Geschichten von Vergewaltigung und Pornographie. Ängste und Selbstmord sind dann Themen, die Stewart selbst beisteuert, angeblich alles inspiriert von einem Umzug, der ihn unwissend mitten in ein L. A. Bandengebiet mit Mord und Totschlag führte. Und doch ist das natürlich eine Welt, in der sich Stewart seit je bewegte. Neuer ist dagegen der Umstand, das Xiu Xiu bei einer Swans- Tournee als deren Vorband agierte, ein Fakt, der einiges an Unerschrockenheit erfordert. Nicht nur was den Vergleich von schierem musikalischen Overkill bei den Swans und den tendenziell gestrippten Xiu Xiu-Sounds betrifft. Hier also nun nicht mehr als Percussion – Shayna Dunkelman, Synthesizer [Analog Synth, Microtonal Synth] – Angela Seo, Vocals [Vox], Synthesizer [Analog Synth], Drum Machine [Analog Drum Box] – Jamie Stewart und als Gast Drums [Drum Set], Percussion – Thor Harris von den Swans. Und die Welt verschwimmt in schwarz (und rot): Xiu Xius Welt, wieder einmal. Ein Schritt zurück auch, weg von der aufblitzenden militanten Euphorie mancher Songs der letzten Alben. Hier ist mensch geborgen im enggewirkten Kokon der Verzweiflung, in einer Welt der Deprivation, Perversion und Mutilation, angetrieben durch eine stumpf geräuschhafte Musikmaschinerie. Ein Hexenkessel aus waberndem Synthiesound, Industrialgeräuschen und stampfendem, scheppernden Geklöppel. So gesehen, in seiner prächtig verstörenden Wirkung, die keine Sekunde gute Laune erkennen lässt, ein ungemein stimmiges Album. So, wie mensch es von Jamie Stewart erwarten kann und will. Ja, die Wahrheit ist hässlich und das Schöne schrecklich, wir lassen uns von Xiu Xiu zu den Abgründen führen und schauen dann hinein. Und was zurückblickt, weiss ich nicht, ich weiss aber, das wir angeleint sind und sicher. 44 Minuten lang. Oder wie lange mensch sich eben der Musik aussetzt. Dann ists vorbei und wir stolpern durch die Untiefen des eigenen Lebens zurück in unseren Film, der oft weder schwarz noch pink ist. Sondern von einem körnigen, gleichförmigen Grau. Vor dieser Schablone heben sich Jamie Stewarts musikalische Obsessionen gleissend ab, das ist klar.

Also quasi zwei Schritte vor, einer zurück. Xiu Xius Angel Guts: Red Classroom ist in seiner schneidenden, kalt glühenden Düsternis ein grossartiges Album. Und zugleich eins, das seinen Kreis der Hölle nicht verlässt, sondern sich darin ganz ausgefeilt strapaziös eingerichtet hat. Das ist ganz ok. Betrachtet die Umstände. Und alles bleibt doch in der weitgehenden Fokussierung auf anstrengenden Lärm unter den Möglichkeiten, die ich Jamie Stewart zutraue. Nach dem Satz, der einer Liebeserklärung von seiner Seite so nahe kommt wie nur möglich, nämlich: "Ich hasse alle ausser dir". Aber es macht natürlich auch Spass, dauernd "Black Dick" zu keifen...

Anspieltipps: Archie's Fades, Black Dick, El Naco, Adult Friends, The Silver Platter, Cinthya's Unisex

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.8.2014


Kirin J. Callinan, Embracism

Siberia, 2013 - 10 Songs, 40 Min.

Was erwartet mensch von dem ehem. Gitarrist einer austral. Indierockband (Mercy Arms)? Sicher nicht das Album, das Kirin J Callinan mit Embracism vorgelegt hat und das HörerInnen ziemlich direkt ins Gesicht springt - nur um uns fest zu umarmen. Wie bei einem Ringkampf. Sehr physisch und ungestüm kommt das erste Album des Solokünstlers Callinan einher und es mag sich zugleich musikalisch keineswegs festlegen: von der Ballade über Popsongs hin zu schroffen Industrialklängen reicht die Palette. Einem biographischen Hintergrund, ist zu lesen, verdankt sich das Album, einer Trennung nämlich. Der Künstler fand sich als 26jähriger zum ersten Mal als männlicher Single wieder. Und hinterfragt hinfort sein Dasein als Mann und stellt es zugleich aus, nicht ohne in Videos und offenbar auch bei Liveshows manch Queeres auszuprobieren. Wie eine Wundertüte voller Überraschungen hört sich Kirin J. Callinans erstes Soloalbum an. Nicht nur wegen seiner Stimme wirkt es, als ob er sich ziemlich schutzlos in die Musik wirft, die er um seine Songs entworfen hat. Auch das Karussell der Emotionen kommt mächtig in Fahrt, und zeigt Facetten der Stimme des Künstlers, der hörbar nicht an erster Stelle ein Sänger ist. Aber als Mann muss er die Herausforderungen annehmen und sich ihnen stellen, klar. Tränen dürfen dann auch mal fliessen, zumindest bei Bruce Springsteen. Rauh und attackierend beginnt Embracism, eine wohlbewusste Wortneuschöpfung, um dann wiederholt unerwartet die Richtung zu wechseln. Auch Unerfreuliches wie Rachefantasien spart der Künstler nicht aus, um wenig später die Trauer um einen toten Freund zu zeigen. Zurückhaltung ist ein Wort, das Kirin J. Callinan nicht zu kennen scheint. Das verbindet ihn mit Xiu Xius Jamie Stewart. Aber während dieser vor allem Verletztheit und Zurückweisung thematisiert und darin beinah lustvoll aufgeht, wird Callinan ungeachtet aller Widerstände offensiv. Das macht das Album erfrischend, auch wenn der durchgehende musikalische rote Faden fehlt. Andersrum wird ein Schuh draus: Es zeigt uns nämlich, wie der Künstler all die losen Fäden lustvoll in der Hand hält. Und daraus sein Garn spinnt. Einfach ist das nicht, die Sache mit der Männlichkeit. Sie kommt hier jedenfalls nicht so gockelhaft daher wie im Hip Hop und nicht so gymnastisch wie im EBM. Sie ist trotzdem da, in einer im Westen veränderten Welt und mag sich auch nicht unbedingt auf heterosexuelle Stereotype reduzieren lassen, wie es manche Ideologen des Männlichkeitswahns gerne sehen. Männlichkeit ist präsent und trotzdem nicht eindeutig, denn welche Erscheinungsformen sie annimmt ist diskursfähig. Kirin J. Callinan stürzt sich da mit Wucht rein. Aber es ist immer auch eine Bühnenpersona, die uns zum Wettstreit auffordert. Und: auch Humor ist ein wenig in die Sache verwickelt. Es ziemlich gross und verquer, dieses Album, es hat die Kraft, mich und Dich zu packen und, nicht ohne Zärtlichkeit, fest an sich zu drücken.

Anspieltipps: Embracism, Come on USA, Scraps, Chardonnay Sean, Stretch It Out      

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.8.2014 


Ensemble Economique, Melt Into Nothing

Denovali Rec., 2014 - 6 tracks, 35 Min.

Von den fulminanten Starving Weirdos zum ätherischen (Solo-) Ensemble Economique ist der Weg von Brian Pyle nur kurz und ein Titel wie Melt Into Nothing mag da schon fast alles sagen. Wolken wohliger Melancholie umfangen die sacht dröhnenden Tracks und im Hirn erwächst der Wunsch nach zugezogenen Vorhängen, bequemem Gestühl und einer Flasche gehaltvollem Rotwein, um sich ein wenig eskapistischen Gedanken über die Vergeblichkeit allen Trachtens hinzugeben. Indes, auch dieser Impuls will erst einmal angefacht werden und dazu müssen Menschen zu Werk gehen. Brian Pyle hat das getan. Wenn jemand seine Musik als letztlich psychedelisch bezeichnet, ist es ihm auch recht. Wave, Dark Pop oder so etwas, die amerikanische Machart, fast ohne Worte allerdings: Das geht auch... Sehr atmosphärisch ist die Musik und alles, was nach beherztem Zugriff aussieht, eher nicht vorgesehen. Damit passt das neue Album des recht produktiven Musikers recht gut in die beinah klassische Schiene des Labels Denovali, auf dem sie erschienen ist. Die soft skills des Pop sind es, die hier ihr Wesen treiben, der inszenierte film noir mag nicht gut ausgehen, aber sicher kein drastisches Ende haben. Orgelklänge, Synthiestreicher, entspannte Gitarren auch, pluckernde Elektrosounds und Feldaufnahmen, wohl auch einmal der Gesang von DenMother auf einem Track werden fein und präzise montiert. Ein kühler Hauch, getragen von der Kunst nachdrücklicher Wiederholung, weht durch die wortlosen Songs, die durchlaufen und auf einen offensichtlichen Höhepunkt verzichten, falls nicht das etwas dramatischere, aber auch nicht gerade Fahrt aufnehmende Never Gonna Die für einen gelten sollte. Aber das geht vorbei, der Regen rauscht und noch eine kurze, natürlich dezent absteigende Notenfolge wiederholt sich bis zum Schluss: Melt Into Me. Mach keinen Unterschied. Ein Satz wie "In Schönheit sterben" bietet sich angesichts der recht gut durchgehaltenen Düsternis dieses Albums zwar an, triffts aber nicht. Das Sterben würde einen Schlusspunkt setzen, die hier delikat beschworene Atmosphäre milder Verzweiflung hat aber kein Ende. Irgendwann ist auch der Wein alle und das Leben geht weiter. Mit dem Soundtrack von Melt into Nothing im Ohr, das schon. Der hat ja auch etwas, vielleicht gerade weil er sich dem Spektakel verweigert. 

Anspieltipps: Make-Out in The GDR, Hey Baby, Never Gonna Die

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.8.2014 


Alte Sau (same), Major Label, 2014 - 12 Songs, 40 Min.

Ees giebt natürlich die Legende, wie die Alte Sau speziell zu ihrem Namen gekommen ist. Hier jetzt nichts dazu. Trotzdem, in der Reihe eigentümlicher Namensgebungen von Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut, Oma Hans oder Kommando Sonne-nmilch fällt dieser (Alte Sau, ihr erinnert euch) eines Jens Rachutschen Musikprojekt doch ein wenig... ab. Sauegal, wenn eins denn den Tonträger einlegt. Hier giebts Rachut-Songs, gut wie schon lang nicht mehr. Denn: Kommando Sonne-nmilch: zuletzt vielleicht zu prägnant auf den Punk gekommen. NRFB: am redundanten Anspruch zuletzt ein wenig implodiert. Hier nun, als Tonträger, die gleichbenamte Alte Sau, ein orgelbeflügeltes Trio mit Rebecca Oehms (auch NRFB und vor allem: Grossartiger Gesang) und Raoul Doré. Die Alte Sau ist vom Leben tief gezeichnet. Sie hat Weisheit aus dem Trog geschlürft und ihren Weg nehmen lassen. In glücklichen Stunden hat sie sich gesuhlt, hatte vielleicht auch Sex. So ist das Leben, das bekanntlich verschiedene Geschichten schreibt. Manchmal sind welche darunter, in denen niemand zu Schaden kommt. Aus dem Rest werden gerne Lieder gemacht. Einige davon sind hier zu finden.

Alte Sau finde ich einfach klasse. So, das nehmt und stimmt mir zu (oder lasst es bleiben). Sie gastiert im September im K4. Vorläufig lege ich euch das Album ans Herz. Es zeichnet sich durch zudem durch viele Stimmen aus: Als Damenchor gastieren darauf nämlich zu Herrn Rachut und Frau Oehms Die Sibirischen Falten. Es wird dabei nichts gut. Aber es ist prima in Musik gesetzt. Es gibt auch unterschiedliche Rhythmen. Orgel sollte mensch nicht hassen, dann wird alles gut im Rahmen des Möglichen. Mehr hab ich hier nicht sagen wollen, es ist alles drin schon in der, wie erwähnt, Musik und den Worten dazu. Ihr werdets hören. Ihr solltet´s hören. Und vielleicht sogar drauf tanzen...

Anspieltipps: Böse Winde, Druck, Besitz, Hexenjagd, Verkackte Grillen, 3        

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z,  5.8.2014 


Japanische Kampfhörspiele, Welt ohne Werbung

Unundeux, 2014 - 20 trakks, 59 Min.

"Drei Jahre haben die ungekrönten Könige des Pop-Grind verbissen den Sargdeckel von innen zugehalten. Nun ist Schluss mit Sense - JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE sind wieder da." (wie das die KollegInnen von Metalnews.de so schön und faktensatt formulieren). Knapp 60 Minuten Musik kredenzen die geringfügig umbesetzten Herren, das ist, den hidden track eingerechnet, eine Menge Stoff, der keine Scheu vor gewaltigen Dreiminütern kennt. Wie ein Comeback-Album fühlt sich Welt ohne Werbung, so der agitproperprobte Titel allerdings nicht unbedingt an. Eine Menge gewohnter Zutaten, musikalischer wie textlicher Art, sind da zu finden, aber auch einige Faxen, die die Bandbreite der Interessen der JaKa-Mitglieder ausloten. Grimmig und verspielt, das ist so etwas wie der gemeinsame Nenner, unter dem das Album laufen könnte. Der Grind-Anteil wurde zugunsten brachialer Death Metal-Riffs zurückgefahren, die Texte pendeln zwischen erhobenem Zeigefinger und ätzendem schwarzem Humor, was angesichts der Zustände nicht verwundert. Nachzulesen sind sie im Booklet, denn durchweg verständlicher Gesang ist hier klar keine Sache. Käpt´n Rummelsnuff hat für einen elektrifizierten Track angedockt, aber die unabdingbare Hymne ist natürlich Herrn Zingultus (Endstille) vorbehalten.   

Ein flottes Biest ists geworden. Es hat den Biss des Neuanfangs, kann auch mal beinah lässig sein, bevor dann wieder massive Lärm-Breitseiten auf HörerIn abgeschossen werden. Dabei ist das prima produziert, demonstriert quasi nebenbei grosses musikalisches Können und ist überhaupt ungehemmt gewitzt. Die sachte musikalische Neuausrichtung wird manchen nicht gefallen, für andere ist sie sicher Grund zu (heimlicher) Freunde. Ja, es steckt Pop im Grind und Riffs und Refrains sind kein Tabu mehr. Aber das wars dann mit den Kompromissen. "Glaubt dem Mainstream nicht ein Wort" lautet das kernige Motto. Den gar nicht traurigen Geschmack einer Welt ohne Werbung sollte man sich dafür hier auf der Zunge zergehen lassen. Die Kriterien eines perfekten Produkts erfüllt diese Veröffentlichung dennoch und hinterlässt uns als zufriedene Maschinen... Vorläufig bleibt der Mensch der alte Affe, der nach dem neuesten Gimmick giert und den Müllberg wachsen lässt. Dafür wird weiter nach Kräften gesorgt, auch wenn JaKa derb dagegenhalten (selbstverständlich im Rahmen des real existierenden Marktgeschehens).

Anspieltipps: Weiter Im Programm (feat. Simon Schaffrath), Anderen Zugucken, Gedopte Sklaven (feat. Rummelsnuff), Der Neue Hitler (feat. Zingultus), Der Traurige Geschmack, Zufriedene Maschinen, Soviele Menschen, Glaubt dem Mainstream nicht ein Wort, Überflussromantik

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.7./5.8. 2014

 

Und dazu

Niobe, Child of Paradise, Onglagoo Rec.

Nach dem etwas düster eingefärbten Vorgängeralbum serviert Yvonne Cornelius aka Niobe einen perfecten musikalischen Cocktail für sinnliche Tagträumereien. Exotische eingefärbte Popavantgarde, die auch elegant mit easy listening umzugehen weiss und aus diesen und anderen Zutaten leichtfüssige Songs verfertigt. Coco Rosie winken dieser verspielten Melange aus der Atmosphäre hoher Berge, Bossa nova, strudelnden Tiefseepflanzen und dudelnden Radios vor Sonnenuntergangstapete freundlich zu.  

Graveyard Train, Hollow, Cargo Rec.

Die erbarmungslose (australische!) Sonne brennt... erbarmungslos. Knochen bleichen im Sand. Ein bisschen was zuckt noch... Die erbarmungslose australische Sonne ist untergegangen. Der zwilichtige Pfaffe im schwarzen Gewand reitet im letzten Licht. Klapperschlangen zischen Zombies an: Und schon sind wir in der makabren Welt dieses australischen Septetts, dessen scheppernder Death Country vor allem auch durch den Wechselgesang zwischen Leadvokalist Nick Finch und seinen Kollegen bezaubert.