Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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All diese Gewalt, Welt in Klammern, Staatsakt, 2016 - 10 Songs, 43 Min.

Grad noch Herbst, und eine Art Herbstplatte ist diese Welt in Klammern. Noch ein bisschen Licht des ausklingenden Sommers fällt in diese Musik, aber frostige Starre des Winters ist schon zu ahnen. Soviel zur Atmosphäre dieses Albums. Es stammt von Max Rieger, der Fans und Feuilleton sonst mit den Nerven begeistert. Das hier ist sein Soloprojekt namens All diese Gewalt. (Inzwischen ohne abschliessendes Ausrufezeichen.) Aber von Gewalt, von starken Emotionen hält sich diese Musik fern. Die Welt, deren Umtriebe und Zumutungen, verschwindet regelrecht hinter den Klammern. Wobei Max Rieger selber äusserst rastlos unterwegs ist auf der Welt, die zehn so organisch sich reihenden Songs entstammen einem sehr viel grösseren Fundus. Er ist ja auch noch gern als Produzent tätig und hat ein eigenes Label. Die deutsche Sprache, in der er singt, ist für ihn Mittel zum Zweck, er kann sich damit am besten ausdrücken. Versuche, ihn dadurch zu verorten, lehnt Max Rieger jedenfalls ab. Und bevor es andere tun, labelt er seine Musik als All diese Gewalt (natürlich in Klammern) als drone pop. Sie entsteht aus einer Fülle einzelner Klangspuren, die sich aber für live-Auftritte auf Rockformat herunterbrechen lassen. Auf dem Album freilich ist eine Menge Klang unterwegs, von Feldaufnahmen bis zu behelfsmässiger Percussion, alles geadelt durch Riegers Eingeständnis, nicht besonders viele Instrumente gut zu beherrschen. Aber auch das macht den verhangenen Charme dieser traumverlorenen Musik aus, die sich selten sogar zu Aufschwüngen ins Lichte versteigt. Und doch bleibt viel im Ungefähren, die Aggression, die die Nerven etwas ziellos toben lässt, wird hier ausgeblendet.  Dem Titel (Welt in Klammern) gemäss spielt sich hier viel in Zwischenräumen ab, in einem auch musikalischen Zwielicht, das die Farben filtert. Zwischen Postpunk, Shoegaze und der Lust an spukigen und skurillen Geräuschen entfaltet sich die Musik von All diese Gewalt. Kein Punkt wird mehr fixiert, hiess Max Riegers erste Veröffentlichung unter diesem Namen und irgendwie scheint das auch die Maxime zu sein, entlang der sich die Songs, nun ja, entwickeln. Der Umweg ist das Ziel und zugleich viel spannender und ergiebiger als das vielgepriesene Ankommen. Daher neigen die Lieder auch zum Um- und Abschweifen, gerne entlang einer Laut&Leise-Dramaturgie. Wobei am Anfang oft nur ein kleines Stück Klang steht, an das sich dann Schicht um Schicht weitere Klänge anlagern. Das Prinzip ist aus der Biologie bekannt, es entstehen so Perlen. Dementsprechend wird das Album auch weithin gelobt. Laut denken, aber die Gedanken nicht zu Antworten gerinnen lassen. Das ist wohl so etwas wie die Idee, die hinter diesem Album von All diese Gewalt steckt. Die Welt bleibt hier erstmal ziemlich aussen vor, soweit sie sich nicht in Alltagsgeräuschen manifestiert. Natürlich ist sie vorhanden, aber wir wissen auch: Die Welt ist Klang. Und ja, Max Rieger will schon gefallen mit diesem seinem sehr eigenen Ding. Aber sich nicht anbiedern.

Anspieltipps: Wie es geht, Jeder Traum eine Falle, Stimmen, Morgen alles neu, Geister            

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.12.2016 


Karies, Es geht sich aus, This Charming Man, 2016 - 11 Songs, 43 Min.

Pestpocken sind gemein und ätzend. Aber Karies nervt natürlich auch. Wie ihr draussen an euren Radioapparaten und anderen Empfangsgeräten aber sicher schon vermutet, geht’s hier nicht um Seuchen, sondern natürlich um… Musik. Um und bei Punk, einem inzwischen weiten Feld, das so  Genres wie Noiserock, Coldwave und Postpunk einschliessen mag. Und schon sind wir bei einer  weiteren Stuttgarter Band, nämlich Karies und ihrem schräg betitelten Album Es geht sich aus. So heimelig-dialektal sich das anhört, mit einem Schillern ins Österreichisch-Gemütvolle, so sehr führt das  in die Irre. Während das dorten nämlich für ein Passt-noch stehen mag, passt hier nichts mehr. Auf Es geht sich aus liegen die Nerven ziemlich blank, breitet sich störrische Unruhe in Etappen aus. Karies´ neues Album klingt ebenso massiv wie ausgemergelt. Getriggert von spärlichen Textzeilen entfaltet sich eine reichlich unheimelige Atmosphäre. Hier strebt etwas dem Ende zu, und das war wohl nicht nur eine Beziehung. Freilich bricht sich das Nicht-Einverstanden-Sein nirgends einfach plakativ Bahn. Das hier atmet den Geist einer existenziellen Unzufriedenheit und bringt sie immer aufs Neue zum Fliessen. Und schon haben sie mich (und dich?) Gute Laune verbreiten Karies mit Es geht sich aus an keiner Stelle. Störrisch und trotzig stellen sich die Songs vor die Hörerschaft und entwickeln ihren düsteren, sich gelegentlich ins Hymnische steigernden Sog. Das hat dann schon seinen eigenen, schrägen Reiz, der allen Freund*innen gepflegt dunkelgrauer Musik das kleine Herz aufgehen lässt. Und alles auf musikalisch hohem Niveau: stoischen Basslinien, einem zielsicher holpernden Schlagzeug und Gitarren, deren Klang zum Ertrinken einlädt… Krise? Sowieso. Schlafen, Aufwachen und der Rest: Das Leben wird mit allem fertig. Dazwischen Fernsehflimmern. Leere und glücklich getrennt sein: Das ist das Fest des Lebens, dem sich Karies stellen und zugleich mit ihren Songs in den Weg stellen. Reine Freude kann da nicht aufkommen. Aber doch lässt sich Energie draus ziehen. Freilich keine, bei der leichtfüssig die Funken stieben. Das hier ist vorwiegend von bohrender Intensität, dem Schweigen und Verstummen abgerungen: "Alleine kann man schlecht pervers sein / Ich muss mal wieder unter Leute gehen." Bei Karies hört sich eine Zeile wie diese schlicht zwingend an. Aber auch wer Musik macht, kann damit unter die Leute. Dann wird alles vielleicht etwas aushaltbarer. Auch wenn das Glas nicht mal halbvoll ist.

(Karies im K4 im März 2017).

Anspieltipps: Mühlen, Frage & Antwort, Es geht sich aus, Pervers, Einheiten    

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.12.2016 


Danny Brown, Atrocity Exhibition, Warp, 2016 - 15 Tracks, 46 Min.

Mit Drogen dealen und eingeknastet warden stiftet eine Menge street credibility. Mach was draus. Von 50cent wegen der Jeans nicht geliked zu werden: Mach was draus! Nimm deine schneidende Stimme als Waffe. Sie ist einzig. Mach! Und so landete Danny Brown mit seinem vierten Album, Atrocity Exhibition, bei Warp. Er hat was draus gemacht, aus Gefährdungen, Exzessen und dem Willen, daraus grimmige, ätzende Kunst zu formen.

Schon als Knabe im „kindergarten“ in Detroit hatte Daniel Dewan Sewell nur einen Berufswusch – Rapper zu werden. A pretty funny job, wurde ihm erwidert und im Lauf seiner Karriere lernte er die zugehörigen Höhen und Tiefen gut genug kennen. 2010 erschien mit The Hybrid sein erstes eigenes Album und etablierte sein Markenzeichen, die hohe, überdrehte Stimme. Dahinter steht eine ebenso überdrehte Person, deren Leben zwischen Drogenexzessen, lähmenden Orgien, inzwischen auch einer Familie sowie bezwingendem Reimwillen und einem erstaunlich breiten Interesse an verschiedenster Musik schlingert. Und nach einem Abstecher in zugänglichere Gefilde (Old, 2013), schickt uns Danny Brown auf einen ebenso hypnotischen wie referenzgesättigten Trip in den Abgrund. Atrocity Exhibition – vermutlich kaum ein Zufall, dass ein Song von Joy Division genau so heisst. Danny Browns Album Atrocity Exhibition kann als Schlussstück einer Trilogie betrachtet werden. Der Titel Downward Spiral (ja, denkt ruhig an NIN) greift Zeilen von seinem Album XXX auf, das den Anfang machte. Hier spricht ein Autor, einer, der gewillt ist, sein eigenes, eher sperriges Ding durchzuziehen (auch wenn Features von Kendrick Lamar oder Kelela zu hören sind). Jederzeit hörbar wird Danny Browns Lust zu Rappen, zum Spiel mit Worten und Rhythmen. Das ist heutzutage gar nicht so angesagt, von den Themen ganz zu schweigen. Praktisch kein Bling Bling, kein Gehabe. Atrocity Exhibition kreist um den Ground Zero eines Künstlers der reich beschenkt wurde mit Begabung und Selbstgefährdung. Eigentlich ein Witz. Du schaust dem Teufel ins Gesicht und kannst nicht aufhören zu lachen. Die Mitte, die es zu finden gilt, entpuppt sich als mächtiges Schwarzes Loch. Danny Brown präsentiert mit seinem aktuellen Album das Grand Guignol einer Künstlerexistenz. Ein grässliches Theater, das durch massive Kunstfertigkeit und Spielwitz sich vorläufige Rettung zu verschaffen versucht. Als äusserst tragfähige Basis taugt bestens ein von Paul White dicht gewebtes Gewirk düsterer Electronica, einschliesslich Samples von Guru Guru, Carla Bley, Embryo oder Raz Mesinai. Subkutan winken New Order, Stooges oder Bauhaus. Überhaupt zeigt sich Hip Hop hier wieder einmal als legitime Fortführung von Industrial, aber jetzt mit einer eindrucksvollen, am Rand des Überschnappens und doch stets präzise artikulierenden Stimme. Danny Brown hat schon wieder was draus gemacht.   

Anspieltipps: Downward Spiral, Tell Me What I Don´t Know, Really Do, Ain´t It Funny, Goldust, Today

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.12.2016


Wiegedood, De Doden Hebben Het Goed, Consouling Sounds, 2015 - 4 Songs, 38 Min.

"... Mein Cognac schmeckt nach Seife / Mein Pudding schmeckt nach Jod / Und mein Schwein fängt an zu pfeifen /... Am liebsten wär ich tot" sang schon in grauer Vorzeit sehr nachvollziehbar der Barde Ulrich Roski. Keine Ängste, keine Sorgen, keine harte Landung und endlich mit sich selbst identisch: Die Toten haben es gut. Eigentlich. Nur leider müssen sie auf etwas verzichten, was mir lebenslang immer viel Freude bereitet hat: Musik nämlich. Wobei wir bei dem ebenso drastischen wie zwischendrin hochmelancholischen Album De Doden Hebben Het Goed der belgischen Formation Wiegedood angelangt wären, das schon 2015 herausgekommen ist. Alle Mitwirkenden entstammen dem fruchtbaren Sumpf der Genter Church of Ra. Gelegentlich ist ZORES damit bereits in Berührung gekommen. Wim Coppers (Rise and Fall, Oathbreaker),  Gilles Demolder (Oathbreaker) und Levy Seynaeve (Amenra) benötigen nicht mehr als zwei Gitarren und Schlagzeug, dazu etwas infernalisches Gekreische, um den Puls geneigter HörerInnen in schwindelerregende Höhen zu treiben. Das musikalische Umfeld der drei Musiker ist ja von einer Mischung aus Sludge, Doom, Crust, Hardcore, Drone, Postrock und Ambient geprägt. Hier erobern sie folgerichtig ein weiteres Terrain, eins, das dank Bands wie Wolves In The Throne Room oder Liturgy sogar unter Avantgarde- oder Hipnessverdacht steht: Black Metal. Wieweit Wiegedood an deren philosophischen Subtext anknüpfen, sei mangels Textverständlichkeit mal dahingestellt. Levy Seynaeve, von dem die Texte stammen, hält sie jedenfalls für ebenso persönlich wie bedeutungsvoll. Gleichviel: In erster Linie zählt die Musik, und die ist mit ihrer flirrenden Energie und hypnotischen Durchschlagskraft jederzeit geeignet, alles bedenkenlos wegzufegen, den ganzen Verhau, der das Leben so ausmacht. Bis sie zwischendrin innehält, sich auf sich selbst zurückzuziehen scheint, in erhabener Düsternis. Es wird ja gar nichts gut. Also weitermachen, in infernalischer Raserei über alle illusorischen Hoffnungsfünkchen hinweg. Da braucht es keinen Plan, nur die manische Spielwut von Wiegedood, die ihr Projekt mal eben in einer Auszeit ihrer Hauptbands gestartet haben. Das hilft auch über die Zeit weg, bis mensch es womöglich endgültig gut hat. Gut hat. Gut hat. Endgültig. Und jeden Tag Manna statt Metal. Echt jetzt, gut?

Anspieltipps: Swanesang, De Doden Hebben Het Goed

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.12.2016 


Katla (Embryo), Svart Records, 2016 - 9 Songs, 44 Min.

Ein Spritzer schwedischer Folkrock, eine gute Prise Krautrock und ansonsten alles, was an den 70er Jahren in Sachen Psychedelica magisch und unvergesslich war: Das sind Katla und ihr etwas inoffiziell Embryo betiteltes Album, erschienen auf dem feinen und einschlägigen Svart Label. Was die Stärke dieses Trios mit Sängerin ist, erschliesst sich sofort beim Abspielen des Tonträgers: Schwerer psychedelischer Stonerrock im Vintage Style, wie er momentan sehr beliebt ist. Ein Pluspunkt ist ohne Zweifel die Sängerin Lisa, deren vielseitige Stimme den Songs eine markante Kontur verleiht. Nachteil ist aber, dass wenige eigene Ideen spürbar sind. Katla bieten mit ihrem Erstlingswerk ein gekonntes Mash-up der 70er Jahre, haben ihre Lektionen sehr gut gelernt. Trotz allem fehlt ein wenig die eigene Handschrift. Dabei ist angesichts der Fähigkeiten der Musiker*innen zu vermuten, dass da ein Potential vorhanden wäre. So ist dieser Tonträger zwar nicht schlecht gelungen, aber er bleibt ein bisschen arg der Vergangenheit verhaftet.

Anspieltipps: Horsehead, Eat, Sleep, Die, Illusions, A Black Slimy Smooth And Tongue Shaped Form

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.12.2016


Und ausserdem in ZORES

Cheena, Spend the Night with… - Sacred Bones Records, 2016

Launiges Nebenproject einiger New Yorker HC- u. Noisemusiker*innen, darunter Margaret Chardiet aka Pharmakon. Fröhliches R´n´R-Gelärme auf den Spuren von den Ramones, Iggy Pop, New York Dolls,  Lou Reed und The Gun Club.

Weyes Blood, Front row Seat To Earth – Hemando Rec., 2016

Für manche muss dieser Tonträger von Natalie Mehring eine arge Enttäuschung gewesen sein, entbehrt er doch aller Ecken, Kanten und Störgeräusche. Aber vielleicht ist das gerade die Art der ehemaligen Jackie –O –Motherfucker-Bassistin, mit purem Wohlklang mal wider den Stachel zu löcken.