Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Ottone Pesante, Apocalips                                                        

B.R.ASS, 2018 - 9 tracks, 44 Min.

Ja, ich habe sie jetzt gesehen und also gehört im Kunstkeller zu Fürth und war schlicht überwältigt. Was war denn das?! Die Legende geht so, dass Francesco Bucci und Paolo Raineri Metal spielen wollten, aber zu spät dran waren. E-Gitarren waren alle weg. So kams, dass sie zu Trompete und Posaune greifen mussten, zu unser aller Vergnügen und sich im Brass Metal einrichteten. Ist ja eigentlich konsequent. Was wäre denn mehr Metal als Blechblasinstrumente? Beppe Mondini hatte mehr Glück und durfte so oder so ans Schlagzeug. Brassphemie Set In Stone hiess das Vorgängeralbum, mit dem Ottone Pesante dem staunenden Publikum schon mal zeigte, was sich mit Tuten und Blasen im Metal-Bereich alles anstellen liess. Mit dem nicht mehr ganz taufrischen Album Apocalips setzten sie noch eins drauf unter Verweis auf die christlich-abendländische Kultur, in deren Hauptbuch ja auch Blasinstrumente eindrucksvoll Verwendung finden. Wer, wenn nicht die fabelhaften drei aus Faenza wäre geeigneter, das in wahrhaft erschütternden Klang zu transformieren?

Stichwort Metal: Wer hier an Apocalyptica denkt, die ja auch auf genre-untypischen Instrumenten spielen, liegt schon mal falsch. Denn spätestens hier, auf Apocalips, entwickeln Ottone Pesante eine ganz eigene musikalische Welt, die mit Metal eher noch lose Berührungspunkte hat. Am konkretesten wohl noch im track The Fifth Trumpet mit Gastsänger Travis Ryan von Cattle Decapitation. Ansonsten ist die Spannbreite weit, sogar auf einem unternehmungslustigen Jazzfestival könnte ich mir Ottone Pesante vorstellen. Die alles wegblasen und wegklopfen, was bis drei nicht in Deckung ist. Irrwitzige Band, grandioser Sound und zudem ein beeindruckend verrenkungssicheres live-Spektakel: Drei Mann an Trompete, Posaune und Schlagzeug und elektronische Spielsachen dazu sorgen für einen immensen Sound, der mit wenig direkt zu vergleichen ist. Da sie sich aber auf dem aktuellen Album ein ernstes Thema vorgenommen haben, nämlich die Apocalypse, gehen sie auch sehr ernsthaft an die Angelegenheit ran, ohne jedoch ihre Lippen im Mindesten zu schonen, wie zu befürchten steht. Immer mit dabei: das frenetisch hämmernde Schlagzeug über dem sich auftuenden Abgrund. Und mit Trompete und Posaune wird unerschütterlich das Ende eingeblasen. Es ist eine ernste Sache also mit Trompeten und Posaunen, das ist leicht in Vergessenheit geraten angesichts von frivolen Trachtenkapellen. Ottone Pesante holen das Verdrängte in die Mitte ihrer musikalische Bemühungen zurück, mit grossem Können und der notwendigen Angestrengtheit. Ungeachtet dessen scheitern ihre Bemühungen, den Ernst der Lage begreiflich zu machen, an ihrer nachgeprüft irrwitzigen Spiellaune und einem Hörvergnügen, dass sich nachgerade in offenstehenden Mündern manifestiert. So gesehen kann ich nur hoffen, dass die Bläser der Apocalypse das Niveau halten. Da wär ich dann sogar nicht ungerne dabei.    

Anspieltipps: Shining Bronze Purified In The Crucible, Angels Of The Earth, The Fifth Trumpet feat Travis Ryan, Doom Mood

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.2.2020


Fiva, Nina                                                                                    

Kopfhörer Recordings, 2019 - 10 tracks, 32 Min.

Fiva war eine der ersten deutschsprachigen Rapperinnen, die ich gehört habe. Anfangs gerne, dann, vor allem mit bunter Bigband, wurde es zu viel Sonnenschein für mich altes Kind der Nacht. Jetzt gibt’s ein neues Album zum 20jährigen Bühnenjubiläum, ohne Orchester. Gelegenheit für einen Neuanfang für mich und Fiva? Nina, so heisst es, ist sehr persönlich geworden, eine Art klingender Selbstvergewisserung mit dem eigenen Leben und dem darin eingewobenen Sterben. Macht 10 Songs in kurzen 30 Minuten Spieldauer. Hip Hop, Soul und Pop vereinen sich auf Fivas neuem Album zu einer leichtfüssigen Mischung. Sehr direkt, ins Ohr gehend, ziemlich unprätentiös – wie es eben Fivas Art ist. Es ist eine Nahbarkeit, die gerne vergessen lässt, wieviel Arbeit da dann doch drin steckt, damit es so rund läuft. Und Fiva schaut hier auf Nina Sonnenberg und zeigt uns eine Frau, die die skills hat, Dinge vielleicht ein bisschen besser auszudrücken, als wir. Die aber das gleiche bewegt. Weg von Fiva, hin zu Nina. Persönliche Erfahrungen verändern den Blick auf die Welt, das musste auch die Künstlerin erleben. Dazu kam, dass sie das Gefühl hatte, mit der Jazzrausch-Bigband alles erreicht hatte, was an (live-) Klang ging. Hier nun ein Schritt zurück, ein Blick auf das Wesentliche, das was eineN umwirft oder beglückt. Die Kanten bei Fivas Texten sind meistens nicht so scharf, aber sie sind da. Fiva will nicht unbedingt die Leute vor den Kopf stossen, lieber nimmt sie sie mit (soweit sie das überhaupt wollen). Das bringt ein wenig die Gefahr allzugrosser Nettigkeit mit sich, aber klar, Fiva ist ihren Weg gegangen und muss sich keinen Hut aufsetzen, der ihr nicht taugt. Somit ist das Fazit etwas zwiespältig. Nina ist eine sehr schön laufende Platte, fein instrumentiert und grundsympathisch. Von daher ist es keine Offenbarung geworden, denn Fiva ist verlässlich. Und keine Schwester Ewa. Aber in aufgeregten Zeiten ist das vielleicht die gute Nachricht. Und schliesslich heisst es auch: „Roll roll roll, wenn das dein Käfig ist“ – „Du hast es in der Hand, es hat dich nicht im Griff.“  Für alle, die die Welt gerne ruppiger und zorniger gezeigt bekommen wollen, empfiehlt sich ein Besuch im Z-Bau.  Explizit Rap heisst der Veranstaltungsreigen, der vom 20.-22.2. schon ab dem Nachmittag über die Bühne geht. Mit dabei ua Ebow und Haiyti, die uns andere Aspekte von female Hip Hop zeigen.         

Anspieltipps: Der Apfel fällt feat Flo Mega, Popcornmonologe, Anti, Nina, Abends ungern nüchtern

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.2.2020


Comfort, Not Passing                                                                                     

Anxious Music, 2019 - LP, 9 tracks, 21 Min.

Der saublöde Brand hat das Treiben des Musikvereins leider ja schwer beeinträchtigt, bis jetzt, aber das Konzert von Comfort hat wenigstens stattfinden können dank Z-Bau. Prima, es hat mich umgehaun. Nicht ganz wörtlich, aber es war schon raumgreifend, wie Vokalistin Nathalie ausserhalb des Geräuschkästleins agiert hat. Eine physische Erfahrung, wie sie gar nicht mehr so oft anzutreffen, wütend, aber auch verletzlich. Nathalie und ihr Bruder Sean am Schlagzeug bilden das Duo Comfort aus Glasgow. Der Name der Band wirkt ein wenig unzutreffend angesichts der Musik. Bequem, behaglich ist da nichts. Letztes gilt nur für den Teil der Menschen, die sich im Leben so einrichten konnten, wie sie sichs aus Gewohnheit vorstellen. Die fühlen sich dann herausgefordert, von Einstellungen, Lebensweisen, die trotzdem da sind. Und nicht mehr verschwinden. Genderkacke, zum Beispiel. Und springt dir ins Gesicht.  

Als Post-Punk, Electronic, Post-industrial wird der Sound von Comfort beschrieben, ich fühl mich aber auch an die Sleaford Mods erinnert. Obwohl die in Sachen Stoizismus in eigener Liga spielen. Aber es ist eine vergleichbare Wut, die produktiv gemacht wird, statt sie im eigenen Saft zu simmern. Ein Blick auf die Welt von einer Aussenseiterposition, die immer leicht zugeschrieben werden kann. Dargeboten mit einer elektrisierenden Mixtur aus elegantem drumming, harschen Gelärm und einer Stimme, die alle Gegensätze aufnimmt wie brutal, aufrichtig, poetisch, Eingeweide packend, zornig und berückend. Einerseits ist das von den Mitteln her sehr minimal, die Wirkung aber ist die einer eiskalten Dusche von beeindruckender Wucht. Comforts Album Not Passing selber muss ohne den unmittelbaren Eindruck einer Show auskommen. Ich bin da ja glücklich befangen, aber ich finde, es kommt viel rüber von den Dingen und Lebensumständen, die das Geschwisterpaar Nathalie und Sean um- und antreibt. Die Wunden, die das Leben nicht nur im Kapitalismus schlägt, werden nicht nur vorgezeigt – sie taugen auch als Ansporn. Die Musik auf Not Passing ist nichts, was gepflegt im heimischen Ambiente bei einem Gläschen Rotwein wegkonsumiert werden sollte – es ist dies auch nur schlecht vorstellbar. Die schmerzhaft verletzlichen und gleich darauf radikal antreibenden Vokallinien, die ratternden, zappelnden Stücke Musik, sie lassen keine Ruhe, drängen rastlos voran zur Utopie.    

Anspieltipps: Not Passing, Calm of the Crowd, Work through Fault, Together, Better Need Assumptions

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.2.2020


Ulver, Drone Activity                                                                               

House of Mythology, 2019 – 4 tracks, 71 Min.

Dass die bekannte Bärchenbrause auch Musikfestivals veranstaltet, wundert mich nicht. Dass darunter auch eine Reihe namens Drone Activity auftaucht, wundert mich schon eher. Dass das Ganze so an mir vorbeigegangen ist, wundert mich angesichts des Veranstalters dann doch wieder nicht. 2018 jedenfalls gabs ein Konzert in einer enormen ehemaligen Fischhalle in Oslo (was dann sofort zu Gentrifizierungsgedanken einlädt). Und es gab eine recht kurzfristige Einladung an Ulver, dort zu spielen. Ulver, das wissen wir, sind enorm wandlungsfähig. Zwar hatten sie mit dem songorientierten Album The Assassination of Julius Caesar gerade wieder eine andere Richtung eingeschlagen (sowas wie Synthie-Pop), aber das zeigte ja nur, was sie so alles draufhaben. Zumal dessen Vorgänger. das Tierkreis-Album, ja überwiegend auf Live-Improvisationen beruhte. Und einen Track namens D-Day Drone enthielt… Schliesslich gabs ja auch noch Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit Sunn O))). Kurz, Ulver waren auch bei engem Zeitplan und Abwesenheit einiger Bandmitglieder gerüstet und willens, in einem finsteren Ambiente aus Lautstärke, Laser und Bühnennebel Töne so lange zu wiederholen, bis das Publikum eingefangen ist. Drone Activity eben. Und ja, ich finde, auch wenn Ulver das Gaspedal dabei nicht unbedingt durchdrücken, das ist gelungen. Das Album enthält 70 Minuten eines anderthalbstündigen Konzerts in Norwegen ohne allzugrosse Bearbeitungen des Materials. Gesang findet nicht statt. Beteiligt waren Ole Alexander Halstengård, Anders Møller, Kristoffer Rygg, Stian Westerhus und Tore Ylvizaker mit Electronics, Keyboards, Percussion und E-Gitarre. Dem Geist des Ortes am Hafen entsprechend geht’s in langen Wellen dem Abgrund zu. Ohne Eile, aber besonders beim empfohlenen Laut-Hören, mit Wucht. So solls ja sein im Reich des Dröhnens. Mensch darf sich das gerne auch im Finstern geben, Laserlicht und wallenden Nebel imaginieren, obwohls solchen Schnickschnack nicht unbedingt braucht. Es läuft auch so. Vier tracks finden sich auf dem Album, deren Ablauf allein auf inneren Notwendigkeiten beruht. Orientierung wird oft überbewertet. Im lichtlosen Abgrund ist sowas eh überflüssig, wenn dessen Schauder ausgekostet werden soll. Im Hintergrund versteckt sich die Maschinerie, die notwendig ist, solche Orte zu erreichen und macht sich durch maschinelles Klingeln und Rattern bemerkbar. Ulver verstehen es, sich in den unterschiedlichsten Gefilden einzurichten, so auch hier. Sie nehmen sich Zeit, richten sich ein und lassen den Klängen ihren Lauf. Und wer ein Ohr für derartige, eher abstrakte, hingebungsvoll wuchernde Klangskulpturen hat, wird reichlich Vergnügen haben.

Anspieltipps: Twenty Thousand Leagues Under The Sea, Blood, Fire, Woods, Diamonds

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.2.2020

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Emily Jane White, Immanent Fire – Talitres, 2019

Songtitel wie Surrender, Drowned oder Infernal lassen an ein Metal-Album denken. Aber leicht gefehlt. Es ist immer noch Emily Jane White, die aber mit ihrem Produzenten Anton Patzner ein sattes Schippchen süffige Düsterkeit auf die Musik getan hat, die gleichwohl nach wie vor durch Whites leuchtende Stimme bezaubert. Ansonsten könnten auch FreundInnen von Chelsea Wolfe oder Nadine Shah ihre grimmige Freude an diesem Album haben. 

Richard Dawson, 2020 – Weird World/Domino, 2019

Richard Dawson hat mit “2020” ein schlichtweg fulminantes Album vorgelegt, das seine Vergangenheit im Folk zwar nicht verleugnet, aber mit musikalischen Spielerein deutlich erweitert. Der oftmals deprimierenden Gegenwart begegnet er mit unverschämt freundlichen Melodien. „How little we are in the mouth of the world“ ist eine zunächst niederschlagenden Erkenntnis, die, die aber niemanden davon abhalten sollte, etwas zu tun. Zum Beispiel, dieses grossartige Album zu schreiben.