Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Andreas Dorau, Das Wesentliche, Tapete Records, 2019 – 15 Refrains, 33 Min.

1. Waren bei den schönen Liedern von Andreas Dorau nicht immer schon die Refrains das Allerschönste?

2. Nun hat Herr Dorau, inspiriert von einer Berliner Veranstaltung, ein ganzes Album ohne die lästigen Strophen dazwischen erschaffen.

3. Das Wesentliche beinhaltet von daher 15 knackige Songs nur mit dem Wesentlichen und mit feiner Soundgarnitur.

4. Angewandte Lebenshilfe und charmante Tanzmusik gehen darin Hand in Hand.

5. Dinge können sich ändern, aber nicht Andreas Doraus Kunst, auch Grosses im Kleinen aufscheinen zu lassen.


Hodja, The Flood, Noisolution, 2919 – 19 Songs, 32 Min.

1. „"Mit Schlagzeug, Gitarre und Gesang kann man im Grunde nichts falsch machen." sagt Tenboi Levinson, Gitarrist von Hodja aus Kopenhagen, der es folglich wissen muss.

2. Dem Trio genügen diese begrenzten Mittel auch auf dem dritten Longplayer voll und ganz, um auf wenig mehr als einem Bierdeckel enorme Power zu entfesseln.

3. Sie speist sich vor allem aus den schwarzen Wurzeln des Rock'n'Roll, der dunklen Spielart des sumpfigen Delta Blues und rabiatem Punk-Gesense, um rasende spoken word Passagen nicht zu erwähnen..

4. Es knallt und knarzt wunderbar auf diesen in relativ kurzer Zeit entstandenen und eingespielten Songs, denen man aber die Intuition und Emotionalität anhört, mit denen sie geschrieben wurden.

5. Stets eine Hauptrolle in diesem mitunter wüsten Mit- und Durcheinander grob geschnitzter Strukturen aus entstellter Rockmusik und seelenschlürfendem Voodoo-Soul spielt dabei der im New Yorker Underground künstlerisch sozialisierte Claudius Pratt, der in düster glühenden Stücken gerne so lange schamanisch barmt, bis Levinson seine Klampfe inmitten einer präzisen Blues-Figur nach allen Regeln der Laubsägekunst zerlegt. (alle Zitate nach bestem Wissen & Gewissen)


Jesus Chrüsler Supercar, Lücifer, Dr. Music Records, 2019 – 11 Songs, 43 Min.

1. Besessene Autos kennt mensch ja zu Genüge aus dem Kino.

2. Auf diesem Höllentrip sitzen aber echte Menschen am Steuer des Jesus Chrüsler Supercar.

3. Lücifer ist das dritte Album der Stockholmer Meute um Robban Bergeskans, Nicke Forsberg, Tobbe Engdahl und Pär Jaktholm (Ex-Refuse).

4. Die dezente Verwendung von Tremazeichen („Pünktchen“) darf sicher als Verneigung vor einer Legende verstanden werden.

5. In Sachen grandios-dreckigen Gelärms haben Jesus Chrüsler Supercar kaum Überraschungen zu bieten, aber dafür auf den Pünkt alles richtig gemacht.


Orsak:Oslo (same), Kapitän Platte, 2019 – 6 tracks, 45 Min.

1. Ganz im Stil der Gegenwart veröffentlichten Orsak:Oslo ihre ersten Alben nur digital.

2. Für FreundInnen physischer Tonträger kompilierte das Duo, das inzwischen zum Quartett angewachsen ist, eine feine Auswahl ihrer Musik zu diesem sozusagen Debutalbum ohne Titel.

3. Postrock ist das Genre, das hier gekonnt, mit Melancholie und Wucht bedient wird.

4. Gesang können andere womöglich besser, deshalb wird er hier ohne Nachteil weggelassen.

5 Orsak:Oslo überzeugen mit ihren episch-differenzierten, aber nicht langatmigen Stücken, die gerne auch mal ins Psychedelische abdriften.


Zeal And Ardor, Live in London, Mvka, Radikalis, 2019 – 22 Songs, 79 Min.

1. Manuel Gagneux ist so oder so ein ziemlich umtriebiger Musiker, wie uns Discogs zeigt.

2. Sein zweites Projekt Zeal And Ardor startete zumindest in den Feuilletons raketengleich, und für meinen Teil kann ich das nachvollziehen.

3. Was da anfangs von Gagneux allein im stillen Kämmerlein am PC zusammengeschraubt wurde, funktioniert inzwischen auch im Bandformat mit Backgroundgesang ganz trefflich.

4. Das zeigt das Album Live in London, erfüllt von Material für ein 80minütiges Konzert.

5. Und die einzigartige Mixtur aus Blues, Gospel und Black Metal wirkt dabei durch die Konzentration auf Gagneux´ intensive Stimme noch roher und aufwühlender als auf den beiden prima Studioalben.


Kate Tempest, The Book Of Traps And Lessons, American Recordings, 2019 – 11 tracks, 45 Min.

1. Wer sich als KünstlerIn politisch äussert, kann sich leicht in die Nesseln setzen (- ja so hiess das, bevor die Welt den Shitstorm erfand).

2. Genau das ist mit Kate Tempest geschehen, die eine BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) –nahe Organisation unterstützte. Wobei, Nebensätze, ich mich frage, warum es zwar eine zT offen antisemitische Israelkritik gibt, aber kaum eine Pakistan (Afghanistan)- oder Mynamar (Rohynga)- Kritik? (Post-)Kolonialismus?

3. Kate Tempest ist dessen ungeachtet eine äusserst klarsichtige, wortgewaltige Künstlerin, die die alltäglichen gesellschaftlichen Verwerfungen mit ebenso genauem wie poetischen Blick aufs Korn nimmt.

4. Von daher lohnt die Beschäftigung mit ihrem aktuellen Album The Book Of Traps And Lessons, das von Produzent Rick Rubin mehr zu einer minimalistischen spoken word performance gemacht wurde als zu irgendeinem hippen Hip Hop Ding.

5. Am ehesten vergleichbar in der äusseren Gestalt ist es daher nicht mit den anderen Alben von Kate Tempest, sondern zB mit Marquesa von Lydia Lunch, ohne in deren strenge Attitude zu verfallen.


Bernadette La Hengst, Wir sind die Vielen, Trikont, 2019 – 13 Songs, 50 Min.

1. Wir sind die Vielen: Der Name ist Programm: So vielseitig war Bernadette La Hengst noch nie.

2. Und sie feiert ausgiebig die Schönheit der Vielfalt.

3. Bernadette La Hengst ging auf Spurensuche, reiste über das Mittelmeer, begegnete Menschen, tauschte sich aus und blieb dabei offen und neugierig.

4. So ist, mit vielen Gästen, ein sehr munteres, buntes, gelegentlich auch nachdenkliches Album entstanden, das eigentlich ohne jede Erläuterung bleiben kann.

5. Wir sind die Vielen ist ein musikalischer Roadtrip, der auch musikalisch äusserst vielseitig, aber ohne Gefühligkeit davon erzählt, wie aus allen Unterschieden gegenseitiges Verständnis und Solidarität erwachsen können.


Kumbia Queers, La Oscuridad Bailable, Horario Invertido Records, 2019 – 10 Songs, 33 Min.  

1. In Argentinien hatten sie einen schweren Stand, das mag sich gebessert haben, aber in Europa werden sie zu Recht euphorisch gefeiert.

2. Der Name ist Programm, auch wenn die Kumbia Queers ihr musikalisches Spektrum etwas in Richtung Elektronik erweitert haben.

3. Privates und Politisches gehen auf in der tanzbaren Dunkelheit - La Oscuridad Bailable -, wobei der Musik alles Verbissene abgeht.

4. So heisst es auch „Eigentlich wollte ich einen Protestsong schreiben“, aber nach dem Genuss gewisser Substanzen fällt der Bezug zur Realität schwer, sodass es dann doch wieder ein Partysong wird – wie unlängst in der DESI zu erleben.

5. Tropipunk mit Herzblut: Live ist die Frauenbande eine Wucht, aber Spielwitz und grimmiger Humor lassen sich auch prima auf den Tonträger übertragen.


Ellen Allien, Alientronic, BPitch Control, 2019 – 8 tracks, 50 Min.

1. Techno beweist sich auf dem Platz, nicht im Feuilleton.

2. Nichtsdestotrotz referiere ich bei Gelegenheit auch gerne über die Techno-Tonträger, die es in diese Sendung schaffen, auch wenn ich mich in dem Genre kaum auskenne.

3. Ellen Allien debutierte 1995, legte mit Stadtkind 2001 ihr erstes Album vor und gründete mit BPitch Control ein Label von legendärem einschlägigem Ruf.

4. Auf dem Boden von Techno und Acid blickt Alientronic, Album Nr.8, nicht ohne Zuversicht in eine visionäre Zukunft.

5. Ein halluzinogener Trip auf dem schmalen Grat zwischen Erwartbarkeit und vergnüglichem Regelbruch: Ellen Allien zeigt beinah spielerisch, warum sie zu den Grossen gehört.   

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.8.2019

sowie Wiedervorlage „Death´n´Roll“ ZORES 2009