Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Candelilla, Camping, Trocadero, 2017 - 10 Songs, 29 Min.

Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. 30 Minuten reichen aber auch, um die Welt komplett vor den Kopf zu stossen und damit haben Candelilla wiederum kein Problem. Selbst wenn in der Mitte der knapp bemessenen Zeitspanne unverhofft ein Popsong hervorblitzt. Wer zB letztes Jahr 40 Jahre Musikverein mitgefeiert hat, weiss das und hat Freude dran.

Camping heisst nachgerade verharmlosend der dritte Tonträger, den Mira Mann, Lina Seybold, Rita Argauer und Sandra Hilpold diesmal mit Tobias Levin als Produzenten aufgenommen haben. Camping hat so etwas natur- und wesenhaftes und mit etwas Glück ist es ruhig draussen. Ha. Sowas gibt es nicht mal auf eingehegten deutschen Campingplätzen. Da muss eins schon in die Wüste, um zu atmen. Wenn aber das Tier kommt, gehts zurück in den Pool, der natürlich ein See in einer aufgelassenen Schottergrube ist, die Musikerinnen darin wassertretend bis ans Kinn voll drin in einer Musik aus Spaß, Angst, Lust und Gewalt. So. Jederzeit über den Verhältnissen der hiesigen Popkultur arbeitend, ja schuftend, voller Selbstbewusstsein als Künstlerinnen. Was sich als Statement auch nur ergeben hat, aber jede dieser vier könnte es jederzeit mit den Jungs aufnehmen. Campingsex hiess ja Max Müllers erste Band in den gloriosen 1980er Jahren, als die Welt noch unterging. Und, geht sie nicht unter seitdem, Stück um Stück? Candelillas Musik sperrt sich in ihrer Schroffheit kein bisschen dagegen. Wort um Wort bettet sich in kantige, frostige Musik, ohne das eins davon versöhnlich würde. Wucht und Verweigerung. Dringlichkeit, Unrast, Zorn. Eine Präsenz, die einhüllt und körperlich spürbar wird bis zum Herzklopfen am Anschlag. Eine Stimme als Werkzeug. Nervös, insistierend. Mantras auf schwankendem Rhythmusgrund. Texte als zerstückelte Botschaften, die dunkle Schatten werfen. Schon im Frühling "Endlich Herbst, der Sommer der jungen Wilden ist vorbei." Es ist aber gar nicht trocken und staubig, eher bedrängend und ein scharfer Zug von angespanntem Frost durchdringt die Musik, zu der die Textzeilen eher skandiert als gesungen werden. Angespannt und ungefällig, von schneidender Körperlichkeit - ja: Die Songs tragen inzwischen auch richtige, knappe Titel statt abstrakter Zahlen - Intimität ist in dieser Konstellation kaum etwas anderes als eine geteilte physische Präsenz in durchdringendem Neonlicht. Lauter Trümmer, die Nerven liegen bloss: Und doch kein Grund, wegzuhören. Die so eindeutig scheinende Missstimmung dieses Tonträgers wird nämlich zugleich in den verschiedensten, giftig schillernden Farben durchgespielt. Es mag nicht herzerwärmend sein - dafür gibts übergenug andere Quellen. Es ist indes jederzeit, wie Jens Friebe in der Jungle World schrieb, ein extrem erfrischendes Erlebnis. Dem hab ich nix hinzuzufügen.

Anspieltipps: Hand, Trocken und staubig, Transformer, Atmen, Wüste

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.4.2017


Xiu Xiu Plays the Music of Twin Peaks, Bella Union, 2016 - 12 tracks, 68 Min.

Xiu Xiu, Forget, Altin Village & Mine, 2017 – 10 Songs, 43 Min.

Euch, geschätzte ZORES Hörer*innen, Xiu Xiu vorzustellen hiesse eigentlich Eulen nach Athen zu tragen. Aber es gibt immer wieder erstaunliche Facetten in dem verstörend-betörenden Werk von Jamie Stewart und natürlich ausserdem mehr als ein neues, feines Album. Twin Peaks, die Musik zur vielgerühmten Fernsehserie David Lynchs und Mark Frosts. Ich muss gestehen, dass ich zwar viel davon gehört habe, aber nie Zeit und Gelegenheit hatte, sie mir anzuschauen. Indes, von der Musik Angelo Badalamentis war da noch gar nicht die Rede. Sie unterstreicht ja meisterlich den bizarren Genremix, der Twin Peaks ausmacht, von Düster-Bedrohlichem der Kriminalhandlung mit Mystery-Elementen bis hin zum Schmachtfetzen einer Soap. Und da kommen jetzt Xiu Xiu ins Spiel. Sie, die ja auch schon Nina Simone und Sal Mineo gehuldigt haben, nehmen sich Badalamentis Musik nicht ohne Respekt vor. Statt eines opulenten Orchesters wird aber radikal gestrippt auf die gewohnte, kleine Besetzung, die ausser Stewart im Wesentlichen Shayna Dunkelman und Angela Seo umfasst. Aber das genügt. Es ist alles da. Vielleicht war Twin Peaks immer schon ein Hintergrundrauschen in der ebenso brutalen wie zerbrechlichen Welt dieses Musikers, der hier dafür einen, wenn auch nur imaginären Ort gefunden hat. Ausgangspunkt dieses Projekts war allerdings nicht die jetzt in Aussicht stehende 3. Staffel Twin Peaks, sondern eine Ausstellung von Arbeiten David Lynchs, die Xiu Xiu um eine musikalische Ebene erweitern sollten. Badalamentis ikonische Musik steht natürlich für sich. Xiu Xiu gelingt es aber, sie einerseits nahe am Original nachzuspielen, sie aber zugleich immer wieder mit dezenten Momenten von Verstörung aufzuladen, die deutlich ihre eigene Handschrift zeigen. Das dabei nichts verloren geht, ist schon eine Kunst für sich. Xiu Xius Version der Musik von Twin Peaks beinhaltet so gesehen die ganze weite Spanne von Anmut, Emphase, Verletzlichkeit ebenso wie von Unbehagen, Verstörung und Gewalt, eingehegt in der sachte geschnürten Zwangsjacke eines ingeniösen Soundtracks. Xiu Xiu gelingt dabei das Kunststück, ebenso weit entfernt von sich zu sein wie ganz nah dran.

Anspieltipps: Laura Palmer´s Theme, Into the Night, Blue Frank/Pink Room, Falling                                                                                                                                                                                    

Und nun Xiu Xiu, wie sie geschätzt oder gehasst werden. Forget heisst das aktuelle Album, an dem sich die Band einige Zeit abgerackert hat. Haben sie sicher im Gepäck, wenn sie am 7. Mai im lovely Zentralcafe aufschlagen. Verletzlichkeit und Bedrohung liegen ja bei Xiu Xiu immer nur um Messers Schneide entfernt und Jamie Stewarts exaltierte Stimme vereint diese scheinbaren Gegensätze sowieso. Die solchermassen entstehende Ungemütlichkeit kann aber etwas Bezwingendes haben, soweit Hörer*in gewillt ist, sich darauf einzulassen und den ruppigen Sound netterweise als Anstubser versteht. Wie heimelig erscheint unsereinem da die oft wohlige, allen Misshelligkeiten zum Trotze doch recht ausgepolsterte Welt, in der zum Beispiel ich lebe. Wärs nicht so, ich würde vielleicht gar nicht Xiu Xiu hören wollen oder wenn, dann mit Schmerzen. Mit ein wenig Empathie begabt, lässt sich dieser Schmerz aber dabei doch nachvollziehen. Er ist ja gar nicht abstrakt, die Ungeheuerlichkeiten liegen ja im Nachhinein selten mehr als einen Steinwurf entfernt. Der immanente Wille zum Verstören zeigt sich immer wieder in Stewarts Textzeilen. Das ist nichts Neues und wird auf Forget weitergeführt. Loser Faden dieses Albums sind also die Kräfte des Vergessens und die Mühen der Erinnerung, beides ja fragile Vorgänge. Und dieser Faden ist nicht unbedingt stark. Es ist aber auch gleich. Am Ende steht unausweichlich der Tod. Mag manche diese Erkenntnis hemmen, Jamie Stewart und seine Mitstreiter lassen sich davon zu einer Menge gespenstisch schöner Klängen nebst allerlei aparter  Kakophonie inspirieren. Das macht Forget trotz aller Zerfahrenheit zu einem überraschend zugänglichen Album mit einigen der schönsten Xiu Xiu-Melodien seit langem.   

Ganz einfach war es offenbar nicht mit diesem Album. Zuletzt griff Stewart auf ein älteres Konzept zurück „Musik funktioniert, wenn du nicht denkst, sondern handelst. Das Unterbewusstsein ist der Schlüssel dafür.“ sagt er im Intro-Interview. Gleichwohl ergab sich manches trotzdem wie von selbst und dafür zeichnet Greg Saunier, seit längerem Xiu Xiu-Produzent, hier aber auch Mitwirkender. „Mit Greg ist es bei jeder Platte anders. Das ist mittlerweile das fünfte Album, an dem wir gemeinsam gearbeitet haben. Diesmal stieß er schon während des Arbeitsprozess dazu, nicht erst gegen Ende, wie wir es sonst machten. Von ihm kommen diverse Gesangsmelodien, für die er einfach ein Mikrofon in die Hand nahm, ohne Vorbereitung ein Falsett summte und damit direkt etwas Schönes, Elegantes erschuf. Es haute mich um, wie einfach das für ihn war. Darüber hinaus spielte er Orgel, Gitarre, Bass-Synth und arrangierte viel um. Wenn du mich fragst, würde die Platte ohne ihn nicht dieselbe sein.“ Nun, am Ende steht ein Xiu Xiu-Album mit vielen Höhen und Stärken und ein paar Schwachstellen. Die Band hat sich nicht neu erfunden, sondern ist ihren Weg weiter gegangen. Da Jamie Stewart ein breites Feld musikalischer Interessen hat, ergibt sich, wie bei einem unendlichen Puzzle, ohnedies jedes Mal eine für mich faszinierende Mixtur aus Altvertrautem und neuen Elementen. So gesehen fügt sich Forget nahtlos in die lange Reihe von Xiu Xiu Alben, die allesamt zugleich wie ein gleissender Verhau entspannten Hörwünschen im Weg stehen. Das ist doch mal nicht schlecht. Queere Konnotationen sind dabei jederzeit mitzudenken.

Anspieltipps: The Call, Get up, Jenny GoGo, Forget, Faith, Torn Apart             

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.4.2017


Automatisme, Momentform Accumulations, Constellation Rec., 2016 - 6 tracks, 44 Min.

Der Kanadier William Jourdain ist ein reichlich produktiver Kopf. Er studiert Kunstgeschichte, arbeitet in einem Plattenladen, malt, erstellt Installationen und, für uns hier am Wichtigsten, er produziert elektronische Musik. Seit 2013 brachte er unter dem Namen Automatisme auf eigene Faust eine ganze Reihe vielbeachteter tracks heraus und letztes Jahr sein erstes Album bei Constellation, einer ja durchaus feinen Adresse. Als MusikerIn steht eins ja ohnehin auch stets auf der Schulter von Riesen. Für Automatismes William Jourdain sind Elektromusiker wie Mika Vainio, Pole oder Alva Noto so etwas wie ein Massstab, an dem  es sich zu messen gilt. Ein gewisser Minimalismus, eine Portion Sprödigkeit stehen da also Pate für Musik, deren Ausgangspunkt sorgsam ausgewählte Feldaufnahmen sein sollen - welch letzteres sich mir selbst nach mehrmaligem Hören nicht so recht erschliesst. Aber gleichviel, die Sounds, die das Album Momentform Accumulations erfüllen, sind reizvoll genug. Drone, Dub, Techno, Ambient und Noise sind so etwas wie die Grundsubstanzen, die Automatisme hier, durchweg rhythmusbetont, leichthändig fein verschraubt und gelenkig adjustiert. Alles überglänzt von einem reichlich warmen Synthesizerklang, der auch über reduziertere Strecken trägt. Offenbar wirkte dieses Album auf manche Hörer*innen eher desorientierend, ich erkenne aber so etwas wie einen durchgehenden Fluss an Klang, der hin und wieder durch Wirbel, Untiefen oder auch den einen oder anderen Katarakt nicht wirklich in seinem Lauf gehemmt wird. Fein strukturiert, elegant, aber doch körperhaft, sind die Tracks, die William Jourdain auf seinem Debut versammelt. Eigenwillig, auch mal irritierend und doch immer wieder zum Eintauchen einladend, sind diese sich ansammelnden Augenblicksformen einerseits doch einem strengen Kalkül entsprungen und zum anderen ein erstaunlich ausgefeiltes Debut. Ich, der ich stets grad mal an der Oberfläche aktueller elektronischer Musik entlangschramme und daher so viel nicht kenne, finde es grossartig.

Anspieltipps: Transport 1, Transport 3, Simultanéité 4

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.4.2017 


Ausserdem in ZORES

Cherry Glazerr, Apocalipstick – Secretly Canadian, 2017

Im Moment ist Clementine Creevy noch etwas berühmter (Model, Schauspielerin) als ihre Band Cherry Glazerr, aber das kann sich bald ändern. Statt Glitterish nun Riot Grrrlism, eine taffe Band auf den Pfaden der Coathangers, mit ebenso feinen Melodien, aber mehr Glam (und Apocalypse).

Christiane Rösinger, Lieder ohne Leiden – Staatsakt, 2017

Schön, dass sie wieder da ist: Nach sechs Jahren, zwei Büchern und vielen anderen Aktivitäten meldet sich Christiane Rösinger zurück. Andreas Spechtl (Ja, Panik) hat ihr einen vielseitigen Klangteppich ausgerollt und darüber singt Rösinger in ihrem speziellen Tonfall über Vieles, was sie umtreibt (und uns auch bewegen sollte.) Ganz ohne Melancholie ist das freilich nicht zu haben. Aber das steht ihr ja gut.