Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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The Antlers, Blight

Transgressive, 2025 - 9 Songs, 45 Min.

Heimat ist für Viele etwas Schönes, Heimeliges. Etwas, das bleibt, bleiben muss, weil es schon immer da war. Da könnten wir schon mal zu streiten anfangen, ob das stimmt. Und doch müsste die Diskussion um Heimat, als Habitat gelesen, noch einmal auf eine ganz andere Stufe gehoben werden. Denn diese Heimat, egal ob sie geliebt oder gehasst wird, droht auf elementare Weise zerstört zu werden. Ja, schon bin ich beim Klimawandel angelangt, der von Menschen inzwischen wissentlich am Laufen gehalten wird und die Gestalt von Heimaten aller Art unwiederruflich zu zerstören droht. Darum geht es im neuen Album der Antlers namens Blight, davon singt Peter Silberman, unterstützt von Michael Lerner am Schlagzeug.

The Antlers sind eine altgediente (2006) Indierockband, die mal mehr, mal weniger heftig zu Werk ging. Blight, also „Heimat“, heisst das eher zarte aktuelle Album. Wobei der erste Höreindruck täuschen kann. Denn betörende Melodien und berührender Gesang  werden mit der Realität konfrontiert in Gestalt von allerlei spukig Geräuschhaftem, das der gedankenlosen Verwertungswut unserer Spezies entspricht. Heimat ist etwas, das vernutzt, zugemüllt und zerstört wird, weil es zur Verfügung steht und wir nichts anderes gelernt haben.

Es war die Begegnung mit der Natur ums Studio, die Peter Silberman zu diesem Album bewegte. Das Zusammentreffen menschlichen Wirkens mit der Sphäre aller anderer Lebewesen, die dadurch mindestens beschädigt, wenn nicht ausgelöscht werden. Die oft metaphernreiche Sprache Silbermans weicht auch deshalb hier schlichten, schnörkellosen Worten. Die Lage ist ziemlich klar, nicht nur in der Grillsaison. Das alles fasst diese Album in anrührende, sich aber vom Gram nicht überwältigen lassende Songs. 

Es hätte eine wütende Anklage werden können. Was der Mensch der Natur (und sich selbst) antut ist ziemlich mörderisch und kaum mehr gutzumachen. Aber würde uns das einer Lösung näher bringen? Es wäre ja das Gleiche unter umgekehrten Vorzeichen. Die Antwort von The Antlers fällt anders aus. Zurückhaltender, im Glauben, das eben noch nicht alles verloren ist. Das die Hoffnung zwar nicht frei von Befürchtungen sein muss, aber am Ende das ist, was uns bleibt und weiter singen lässt.  

Anspieltipps: Pour, Carnage, Something in the Air, Calamity

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2026


La Dispute, No One Was Driving The Car

Epitaph, 2025 - 14 Songs, 64 Min. 

Auch die Band La Dispute gibts schon ziemlich lang, ohne dass ich sie bisher zur Kenntnis genommen habe. Lücken sind mein Höchstes, zumal mit dem Wort Emo verbunden. Ah, aber ich hasse Emo-bashing. Emo bleibt für mich ein bisschen schwierig. Aber in der Kombination mit den tags post hardcore, screamo und spoken word sieht das anders aus. Hoffentlich bin ich nicht im falschen Film.

Ein Film namens First Reformed und ein Unfall, bei dem im Wortsinn niemand am Steuer sass (selbstfahrender Tesla) bilden das Grundgerüst des einigermassen komplexen, ausufernden und mit unterlegten alten Tonkonserven einen weiteren Zeithorizont eröffnenden fünften Studioalbums der 2004 in Grand Rapids, Michigan beheimateten, dem Post Hardcore (aber nicht nur) zuzurechnenden Band um den charismatischen Sänger und Rezitator Jordan Dreyer, die mit ein paar Schlagworten kaum einzufangen ist, zumal es hier auf No One Was Driving The Car, wie oben erwähnt, ein Befund, um nicht weniger als Kontrollverlust geht, ja, Kontrollverlust. Ist. Zu. Vermeiden. Dazu hilft das beigelegte umfangreiche Textblatt. Um wenigstens in dieser Hinsicht auf der sicheren Seite zu verbleiben.

Inspirationen aus dem Bereich der Kultur waren immer schon Bestandteil des Songwritings bei La Dispute, aber hier ist die schiere Fülle der Verweise und Bezüge nochmal um einiges höher. Aber die Band hat Sekundärmaterial zur Verfügung gestellt, das den Diskurs sicher fördert. Ansonsten unterliegt dem Ganzen eine dreiaktige Struktur, auf dem sich dieses Drama von Kontrollverlust und Sinnkrise facettenreich entfaltet. Bisschen viel Anspruch für mehr oder weniger populäre Musik, mag sein. Aber Menschen machen sich eben auch abseits von Seminaren und Instituten Gedanken und bringen sie in zugänglichere Form - wobei das im Fall von La Dispute (!) schon auch ein hörenswerter Widerspruch in sich sein mag. Ihre Dringlichkeit stellt die Musik mit eher herkömmlichen Mitteln unter Beweis, wobei Jordan Dreyers Stimme das Gesagte, den Zweifel, die Verwirrung und angelegentliche Zerknirschung dramatisch unterstreicht. Wann, wenn nicht bei solchen Themen, soll und muss unsereins emotional werden? Ja, ich weiss, das verkürzt das Thema. Aber auch unter einer unterstelltenPose kann eine Haltung liegen.                    

Anspieltipps: I Shaved My Head, The Field, Landlord Calls The Sheriff In, Top Seller´s Banquet, Saturation Driver

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2026


Kim Gordon, Play Me

Matador, 2026 - 12 Songs, 29 Min.

Mit der Welt draussen ist weiterhin nicht fertigzuwerden. Kim Gordon hat das auch gar nicht vor, auch wenn sie wie viele von uns desillusioniert hinschaut. Und dem, was sie sieht, mit Humor begegnen möchte. Weils anders gar nicht geht, ohne Verzweiflung oder Nihilismus anheimzufallen oder hoffen, dass ein “starker Arm“ Ordnung schafft im Tohuwabohu der technisierten Welt. Im Übrigen gilt: Fasse dich kurz, trotz Krautrock-Energie. Und zähle mal in einem Song einige der vielen Worte auf, vor denen Trumps Amerikka (und andere) so furchtbar viel Angst haben. Wie eingangs.

Wie also auf diese vermaledeite Gegenwart reagieren, wenn jemand nichts MEHR! mag als eine verstimmte Gitarre? Klarer Fall: Play Me, Kim Gordon. Gekreuzt mit attitude, aufgefüllt mit Rock´n´Roll-Relikten und ohne Rücksicht auf Kratzer am Denkmals als Noiserock-Ikone. Diese Welt liefert Stoff, mach was draus. In diesem Fall erneut mit dem bewährten Produzenten Justin Raisen (Charli XCX, Sky Ferreira, Yves Tumor). Beiden gelingt ein nervöses, fiebriges und lebendiges Album, das nur ein bisschen allzu knapp geraten ist.

Was bleibt? Produktive Ohnmacht angesichts einer Welt aus obszönem Reichtum,  ungebremster social media, grassierendem Antitainment via Spotify und der bevorstehenden Weltherrschaft der künstlichen sogenannten Intelligenz. Dann doch lieber noch mal in die Suppe spucken, die der Herrschaft kredenzt wird. Klar, die haben schon soviel verkostet, dass ihnen davon nichts auffällt. Und trotzdem, es muss. Distinktion gibt es nicht nur oben. Diesem Club, der die Welt zu regieren scheint, möchte ich auch nichtangehören. Und ob die Physik des Lebendigen ihm beitritt, ist zweifelhaft. Hier liegt ein Quantum Trost. Und in ungebärdiger Musik ebenso. 

Anspieltipps: No Hands, Black Out, Busy Bee, Sub Con, Post Empire, Nail Biter, Byebye25

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2026


Author & Punisher, Nocturnal Birding

Relapse, 2025, 8 Songs, 34 Min.  

Vögel inspirieren die Menschen schon lange und auf viele Weise. Ihre Flugfertigkeiten etwa, die zu lange vergeblichen Nachbauten anregten. Oder der Gesang, der nicht nur beim französischen Komponisten Olivier Messiaen klanglichen Niederschlag fand. Auch Tristan Shone, seines Zeichens Maschinenbauer, hat sich nach eigenen Worten zuletzt von Vogelrufen inspirieren lassen. Dabei wäre von ihm eher ein mechanisches Vogelwesen zu erwarten gewesen, wenn eins weiss, dass dieser Mann als Author & Punisher seit langem brachiale Geräuschmusik mit heftigen Metal-Anteil fertigt. Nun denn, Nocturnal Birding heisst dennoch sein aktuelles, apokalyptisches Album. Und es sind wahrscheinlich Phönixe und Hippogreife, deren Gesang in den Klängen ihren Niederschlag gefunden hat. Und nicht die Nachtigall.

Oder ist es ein Vogel wieAl Jourgensen auf einem Ast, der Author & Punishers Tristan Shone ins Ohr keift? Nocturnal Birding ist von Vogelrufen inspiriert, die aber ziemlich drastisch verwandelt in Rhythmen und Atmosphäre eingegangen sind. Doug Saboliks (A Life Once Lost)  Gitarre bringt mit massivem Geriffe  tonnenschweres Leben in die stampfende Klangmaschine. Zugegeben, das Ganze organisch zu finden, fällt ungeachtet an den Sohlen klebender Sludge-Anteile nicht immer leicht. Denoch wohnt brodelndes Leben in dieser dräuenden Musik, nicht zuletzt vertreten durch ungewohnt zahlreiche Gäst*innen (Megan Oztrosits - Couch Slut, Kuntari und Fange).

Ein umfassendes Anliegen nicht nur zugunsten der Natur vertritt Author & Punishers Album Nocturnal  Birding. Wenn auch in nachtdunkler Verpackung und mit dem Hammer in der Hand. Vielleicht nicht der schlechteste Einschlag in ein Biotop, dass sich zwar gerne in Misanthropie ergeht und womöglich dafür eine gnadenlose Natur abfeiert, aber auch keine Lösungen vorweist. Die sind zwar hier auch nicht in Sicht, aber der einigermassen optimistische Ansatz, der in dieser rabenschwarz erscheinenden Soundarena aufscheint, ist gar nicht so schlecht.

Anspieltipps: Mute Swan (feat. Megan Oztrosits - Couch Slut), Black Storm Petrel (feat Fange), Titmice, Thrush                                                          

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2026


Divide // Dissolve, Insatiable

Bella Union, 2025 - 10 tracks, 34 Min.  

Unersättlich zu sein hat keinen guten Ruf. Für ihr neues, ohne Drummerin Sylvie Nehill eingespieltes Album wählte Takiaya Reed denoch diesen Namen: Insatiable. Vielleicht weil sie da die Grenzen des doomigen Konzepts von Divide//Dissolve weiter sprengt, in ganz andere Bereiche hin auflöst. Die Künstlerin hat, um die Bandbreite ihres Schaffens anzudeuten, immerhin unlängst ihre 1. Sinfonie vorgestellt.

Takiaya Reeds Divide//Dissolve verknüpften ja Doom mit klassischen Materialen und reichlich Atmosphärischem.

Und unterfütterten die Sounds mit Postkolonialismus, Abkehr von westlichen Hierarchisierungen und Vorstellungen einer befreiten Zukunft. Ein mutiger Ansatz in einem Genre, dem das nur bedingt anzuhören ist. Wobei D//D dabei nicht alleine stehen. Und die Frage erhebt sich, wie sich das am Klang festmachen lässt. Die Antwort ist natürlich, dass die festgefügte Ordnung des Vorgefundenen in Bewegung gebracht wird, ins Tanzen sozusagen und seine Grenzen verlässt. Ohne den Geist der Musik dabei völlig aus den Ohren zu verlieren. Insatiable lässt sich so auch als Bündel Studien hören. Das Dunkle und Verlangsamte des doom wird in musikalisch andere Sphären überführt. Und wenn dann Reeds Saxophon sich in dark ambient Regionen verliert, ist das auch recht. Es ist ja noch nicht das letzte Wort.

Das je Eigene von kolonial unterworfenen Menschen steht im Zentrum der Kunst von Takiaya Reed. Dazu bedient sie sich Formen des weissen Kulturkreises und eignet sie sich an. Doom hat ohnehin etwas zeremoniell Hymnisches und mag sich mit seiner Kraft und Wucht dazu besonders zu eignen. Insatiable zeigt, wie wenig es dazu braucht:  Reeds Saxophon und Gitarre, Seth Chers drums vor allem. In einer Vision entblösst bis zum Herzen der Musik. So wird den Kräften der Zerstörung ein Sturm von Empathie und Mitgefühl entgegengestellt und genau dabei sollten wir sein: Unersättlich.  

Anspieltipps: Hegemonic, Monolithic, Loneliness, Provenance, Disintegrate

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2026


Ada Rook, Unkillable Angel

self release, 2025 - 13 Songs, 39 Min.

Ada Rook habe ich mir (und natürlich euch) seit Jahren vorenthalten. Dumm gelaufen. Dabei hätte es jede Menge Gelegenheit gegeben, über sie und ihre Aktivitäten zu stolpern (metaphorisch natürlich). Da wären Bandprojekte wie Angel Electronics oder Black Dresses, allerlei Aliasse und Produktionen unter dem eigenen Namen. Und wer sich Ada Rook nun als verträumte Singer-Songwriterin vorstellt, der irrt. Ada Rook ist nicht leise. Sie mag Träume haben, aber die können mehr als Spuren von Blut und anderen Flüssigkeiten enthalten. Und was den Pop angeht, der ist am Explodieren. Um dann in Zeitlupe in sich zurückzuschnurren, unter Hinterlassen einer zarten Spur von Wasabi-Popcornaroma.

Unkillable Angel heisst das Album von Ada Rook und der Titel bringt ins Grübeln. Müssen Engel nicht ohnedies Einiges aushalten? Qua schwebender Existenz, gegliedert in allerlei Heerscharen? Vermutlich schon, auch wenn sie sich auf einer Nadelspitze zu Legion die Füsse abwetzen. Doch so theologisch ist das alles nicht gedacht. Es geht um das verletzte Kind, das Ada Rook einmal war. Und es bleibt keine Wahl ausser dem Standhalten. Bei aller Misanthropie (Der Fehler der Welt ist, dass sie uns beinhaltet, steht aud ihrer Website) ist das verständlich. Unkillable Angel ist ein Beweis dafür, ein delirierender Bastard aus Industrial, Aggrotech, Cybergrind, Arcade-Spielen und Dancesounds, verquirlt zu einem rabiaten Bastard, erfüllt von persönlichsten Gefühlen.

Frauen können Lärm, warum auch nicht. Das haben Künstlerinnen wie Himukalt oder Military Posizion ebenso bewiesen wie Aya oder Uboa. Sie gehen vielleicht inzwischen unbefangener mit diesem mit Männlichkeit gepimpten Genres um. Und selbstbewusster. Unkillable Angel von Ada Rook ist ebenso verstörend wie betörend, umwerfend wie poetisch (hinter den Noiselabyrinthen), gewalttätig und zärtlich, Raserei und Suche nach dem Sinn des Lebens. Mindestens. Lasst uns ein Stück zumindest mitgehen.

Anspieltipps: cortisol_inside cortisol_explosion excessive_cortisol cortisol_everywhere,

PARTY TIME SEXY DISORDER, ALL Tails Deaths Animations, BURY YOURSELF, LOSE YOURSELF, weed store kratom, sun's violent arc

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2026


The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid To Die, Dreams Of Being Dust   -           Epitaph, 2025 - 11 Songs, 44 Min.

Überraschung. Hier kommt Emo - ein Genre, das ZORES noch nie bedient hat.

Am Ende ist alles gut, die Erde ein schöner Ort und es gibt keinen Grund, sich vor dem Sterben zu fürchten. Ja, das könnte stimmen, Trost bieten und trifft sicher zu, wenn wir, wieder einmal, von der Existenz menschlicher Niedertracht absehen. Dann legen wir uns ins sacht zitternde Gras, als Teil der Allmutter Natur und hauchen noch ein letztes Mal, bevor dann emsige Wesen den Verwesungsprozess einleiten und uns schliesslich als Staub mit der Erde vereinen. Die Band mit dem episch-einschlägigen Namen The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid To Die  starteten in den 2010er Jahren das Emo-Revival mit, erweitert um Postrock Anteile. Ein Kennzeichen war nicht zuletzt der Wechsel zwischen weiblichem und männlichem Gesang, der hier, auf Album Nr. 5 durch heftigen Gäste-Einsatz etwas in den Hintergrund tritt. Aber das ist eben gelebte Kunst-Solidarität.

The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid To Die bleibt ihren Emo-Wurzeln auf Dreams Of Being Dust ziemlich treu, fährt den Postrock-Anteil deutlich herunter und lässt Metalcore und Screamo deutlich mehr Raum. Ja, sie sind wütend. Und zurecht, wie wir alle wissen. Das zeichnet die Musik detailliert und mit einschlägigen Mitteln präzise nach. Und trifft auf den Punkt, ungeachtet aller hier erwartbaren musikalischen Klischees, die immerhin höchst kunstvoll eingesetzt werden. Ja, alle diese Mittel durfte oder musste unsereins schon auch zuvor hören und dessenungeachtet entwickelt sich daraus ein in Trotz gebadetes und recht tiefes Einverständnis. Dreams of Being Dust geht mit aller Macht und gelegentlcher Zurückhaltung ans Herz.

Die Welt als schöner Ort? Denkbar, aber nicht hier und jetzt. Keine Angst vor dem Sterben? Ja, vielleicht. Aber nur, weil das miese kleine zuckende Leben im täglichen Kampf um die Existenz ja längst alle Angst in sich gefressen hat. Und daran erstickt, wie und mehr und mehr klar wird. Und wahrscheinlich werden nicht einmal die happy few davon verschont, die sich in Unsterblichkeitsfantasien flüchten. Nun, denn, ihr Lieben da draussen. Wappnet euch. Zumindest ein bisschen. Und lasst dabei euer Herz nicht verhärten. Das ist die Kunst und vielleicht lehrt uns das auch ein bisschen dieses ziemlich überwältigende Album von The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid To Die. Das genau darum auch hier reingehört.

Anspieltipps: Dimmed Sun, Beware the Centrist, Oubliette, Reject All and Submit, For Those Who Will Outlive Us

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2026


Viz Michael Kremiez, Ambient Koan

Sleeper Rec., 2025 - 11 tracks, 70 Min.

Ein Koan ist im Zen Buddhismus ein Paradox, das zum tieferen Nachdenken anregen soll. Etwa: Was für einen Klang erzeugt das Klatschen mit einer Hand allein? Viz Michael Kremiez ist langjährig Klangreisender mit der Shakuhachi (Flöte) und Zen-Übender und bringt auf dem Album Ambient Koan beides zusammen. Mit sinnverwandten Gästen wie Limpe Fuchs, Jochen Irmler oder Troum.

Musik entfaltet sich in der Zeit. Das gilt selbst für die Reise eines einzelnen Tons. Da ist es nicht ganz einfach, dabei jederzeit bei sich, im hier und jetzt zu sein. Die Ausdehnung der Schallwelle(n) erschafft zudem einen dreidimensionalen Raum, in der sie sich und ihre Geschwister fortträgt, zum Klingen bringt. Ich glaube, genau diesen Phänomenen geht Viz Michael Kremiez nach, mit dem gebotenen Ernst, also spielerisch. Und mit langem Atem, der der Würde jedes Tons angemessen ist. Somit ein klanglicher Koan, der zu keiner Auflösung strebt, sondern sich ganz im Moment nachlauscht.

So, im Atem, findet die Musik hier zu sich. Sie bleibt sich ähnlich. Sie bezieht sich auf unterschiedliche spirituelle Praktiken und so streift sie auch Thelema. Obwohl der dort praktizierte Zen vermutlich von anderer Art war. Einheit der Gegensätze, mach daraus ein Koan. Mit Limpe Fuchs führt ein Weg dahin, ins Haus. Viele Wege führen ins Haus. Die Welt ist, aus der Weite betrachtet, auch ein Haus. Auch wenn wir dort nur Gäste sind. Und sie mit Musik erfüllen, manchmal. Da klatscht dann eine Hand dazu, in der anderen hält sie die Flöte an die Lippen.

Anspieltipps: Broken Gods, Fire of the Mind (COIL), Weg ins Haus m. Limpe Fuchs, Jamagoe m. Jochen Irmler, Sleep m. Reiko Ozaki  

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.6.2026