Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Damaged Bug, Bunker Funk, Castle Face, 2017 - 14 tracks, 40 Min.

Irgendwas muss im Bunker schwer schief gegangen sein. Die Töne, die aus dem Funkgerät dringen, sind merklich neben der Spur. Welcher Stoff genau ausgetreten ist, der diese Folgen zeitigt, müssen Fachleute abklären. Vielleicht war es ein Fehler, den Mann da mit seinem Gerätepark reinzulassen. Ohne Schaden für die Hörgewohnheiten geht das nicht ab.

Damaged Bug ist nichts, was eins von der Windschutzscheibe kratzt, sondern John Dwyers mehr-oder-weniger Soloprojekt für seine absonderlicheren musikalischen Einfälle. Beim aktuellen Album Bunker Funk hat er noch Heidi Alexander, voc und Ryan Moutinho, dr dabei, alle anderen ca. 14 Instrumente, die zum Einsatz gelangen (von der Flöte über Gesang bis zum Moisturizer) bedient der Kopf von Bunker Funk selber. John Dwyers Hauptaufmerksamkeit gilt ja bevorzugt der Garage-und mehr-Rockband Thee Oh Sees, mit der er in zehn Jahren ungefähr 18 Alben aufgenommen hat. Aber der rastlose Mann (zuvor etwa Pink and Brown, Coachwhips, The Hospitals und gay-electro Zeigenbock Kopf) ist ja auch sonst vielseitig interessiert und talentiert, bildender Künstler und Labelbetreiber sowieso. Keine Zeit also. Grad mal, die aus dem Kopf purzelnden kuriosen Einfälle zu sammeln, unter Musik zu setzen und zu einem ebenso amüsanten wie hibbeligen (sic!) Album zu bündeln, übrigens auch schon das dritte aus dem Haus Damaged Bug. Rappelig und trotzdem unverschämt melodisch erscheint Damaged Bugs Bunker Funk wie eine glitzernde Wunderkammer voller feiner Dinge und Tinnef. Hitzig und unterkühlt, angestrengt und ausgespart, überdreht und monomanisch, sachte albtraumhaft und zugleich neben jeder Spur… dazwischen unverschämt charmantes Singalong vereint das Album LoFi Garage und Psychedelic wie ein irrlichterndes Kaleidoskop. Bunker Funk schafft es auf Albumlänge, ebenso skizzenhaft wie vollendet zu erscheinen. Irgendwo dazwischen liegt wohl die Wahrheit.

Anspieltipps: Bog Dash, The Cryptologist, Rick´s Jummy, Bunker Funk, Liquid Desert, The Night Shopper       

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.8.2017 


Algiers, The Underside of Power, Matador, 2017 – 12 Songs, 44 Min.

Das müsste es ja alles nicht mehr geben: Hunger, Krankheiten, Ausgrenzung, Gewalt und noch so einiges mehr. Aber das scheitert bislang zuverlässig an der Verteilungsfrage, an Dummheit, Gier und Verachtung (und einigem anderen). Mit Musik lässt sich das, mein nimmermüdes Mantra, am wenigsten ändern. (Deswegen auch hör ich so gerne Musik). Es gibt ja Bücher, Dokumentationen, Debatten genug, Demos, zivilen Ungehorsam, fragwürdig handgreifliche Widerstandsformen. Und in unserem und einigen anderen Kulturkreisen als Medium der Verständigung eben doch: Musik. Womit ich beim gelungenen zweiten Album der Algiers bin, dem als einziges das profunde Überraschungsmoment des Debuts mangelt. Und ja, der Name ist Programm.

Algiers: Einfach einlegen und durchhören. Das wäre schon mal das Beste, was diesem Album passieren könnte. Aber das ist natürlich kein journalistischer Ansatz. Beim Hören einfach in Begeisterung ausbrechen (und umstandslos die Welt und ihre Zustände vergessen, what a mess!). Aber das ist natürlich kein kritischer Ansatz. Was solls. Ich bin kein gelernter Musikjournalist, mein Interesse speist sich auch immer wieder aus hemmungsloser Begeisterung. Und wie schon das erste, namenlose Album dieser in Atlanta und London beheimateten Band reisst mich dieses, The Underside of Power, einfach mit. Nein, intellektuelle Widerstände müssen hier nicht überwunden werden. Denn alle Drangsal, aller Schmerz, alle Verzweiflung: In diese Songs sind sie jederzeit eingeschrieben, aber nie ein Grund dafür, sich davon stumpf überwältigen zu lassen. Hier brennt eine Flamme, ein mitreissendes Feuer, das solidarisch fortträgt. Und kömmt mit einem nachgerade ätherischen Track, Bury Me Standing, kurz vor Schluss, zum Halt. Es ist ja immer ein Ende nah. Bevor ein letzter Gospeltrack uns Zuhörer*innen umarmt und wieder in den Strudel des Lebens reisst. Zeit zu gehn? Wohin? Jedenfalls nicht in ein von Missmut erfülltes Inneres. Hier geht es nicht um Selbstmitleid, um gefühlte mangelnde Wertschätzung, um abgenutzte Parolen, um Selbstrettung in meine kleine Welt. Um mich selbst zu zitieren: Algiers suchen sich, wie manch andere politische Band, eine Nische zu schaffen, in der es aufrichtig zugeht. Musikalischer Widerstand kann einstweilen nur symbolisch sein. Er gewinnt aber sicherlich, wenn zumindest musikalisch Funken stieben. Und das schafft diese Band, die doch zugleich jeden einzelnen Ton auf problematische Implikationen abzuwägen scheint. Was daraus aber wird, hat seinen eigenen, stark hymnisch unterfütterten Klang, der jedoch kein Zeichen von Zuversicht sein muss. Im Gegenteil. Er bezeichnet viel eher die brutal klaffenden Lücken im Zusammenleben einer Gesellschaft, die mit dem Versprechen des Strebens nach Glück für alle angetreten ist. Keine Heimat somit, nirgends. Schon gar nicht der konkrete Ausgangspunkt Atlanta, eine Stadt, die seit den 90er Jahren (Olympiade 1996) in die Hände bedenkenloser Grosskonzerne gefallen ist mit allen erwartbaren Folgen für Arme und Schwache. Nicht London, nicht New York, wo die Bandmitglieder später lebten. Und auch nicht der Gospel, dessen Spuren in den ebenso überwältigenden wie irrlichternden Songs von Algiers herumgeistern. Gospel mag eine Zuflucht bieten, aber es ist mehr nötig als die Errettung von Seelen. Es wäre ein anderer Aufbruch nötig, einer der die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringt. Algiers sind auf der Suche danach. Die Erlösungshoffnung trifft dabei auf die ruppigen Sounds einer Zeit, in der derlei Dinge eben selbst in die Hand genommen werden müssen.   

Anspieltipps: Walk Like a Panther, The Underside of Power, Death March, Cleveland, Bury Me Standing, The Cycle/The Spiral: Time To Go Down Slowly         

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.8.2017


Children of Alice (same), Warp, 2017 - 4 tracks, 40 Min.

Children of Alice speisen sich letztlich aus einem Verlust. Trish Keenan, Sängerin der Band Broadcast, starb vor einigen Jahren viel zu früh. Die früheren Broadcast-Mitglieder James Cargill und Roj Stevens taten sich vor einiger Zeit mit Julian House (The Focus Group) zusammen und nannten sich nach einer der bedeutendsten Inspirationsquellen von Trish Keenan, nämlich Alice in Wonderland (hier vorzugsweise wiederum in der TV-Adaption von Jonathan Miller 1966). Was schon damals Sinn und Zweck war, traumnahe musikalische Verwirrung zu stiften, erreicht hier ohne Sängerin eine neue Stufe gezielter Verwirrung. In der Abfolge der vier tracks lose an den Jahreszeiten orientiert, dreht sich ein buntes Rad des Lebens weiter und weiter, manchmal schlingernd, dann und wann innehaltend, keinen Abweg auslassend, sinnend und träumend auf Exkursion ins Reich der erfundenen und vorgefundenen Klänge. Hauntology und Sampledelic von Graden, der dünne rote Faden kreist lose um sich selbst, zerrt und dehnt, bis er halt irgendwann reisst. Unabänderlich, aber auf dem Weg begegnen wir schrecklich schönen Idyllen, Sirenen, kuriosen Gestalten, Insektensurren, dem Schlagen von Uhren, Vogelrufen, Sir Singalong und Lady Happiness, merry old England überhaupt und dem langsam tröpfelnd vergehenden Momentum der Zeit unserer Träume. Mehr dream als pop, und stets musique, wenn auch concrete.

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.8.2017


Gravetemple, Impassable Fears, Svart Rec., 2017 - sickz trakks, 34 Min.

Bitte anschnallen und alle Lichter löschen! Nach den grossangelegten Studien The Holy Down und Le Vampire De Paris legt das höchst unheilige Trio Attila Csihar, Oren Ambarchi und Stephen O'Malley nun ein paar radiotaugliche trakks vor, radiophon jedenfalls, was die Spieldauer betrifft. Die Klänge selbst sind nach wie vor verderblich, mesmerisierend und ätzend, wie von einem Höllenbreughel in Luft gemeisselt. Zwei ältere Herren und ein jüngerer, die im Rufe stehen, musikalisch keine Gefangenen zu machen, haben sich hier wieder einmal zusammengefunden, um einen rechten Wall der Furcht aufzurichten. Keine grosses Sache, das. Es hat ja stets etwas Therapeutisches, alte, chthonische Kräfte anzurufen und sich ihnen in einem Ritual auszusetzen, das alle Bedrängnisse der Menschheit aufruft. Es ist eine Sache, dies anzugehen und eine andere, dies ohne Furcht zu tun. Attila Csihars altbewährt gurgelnde Kehlkünste, Stephen O´Malleys dröhnende Gitarren- und Synthiesounds und Oren Ambarchis technoschamanistisches Getrommel öffnen und schliessen zugleich einen Raum, in dem gewaltige Kraftlinien  zusammenschiessen. Alles geschieht mit einiger Wucht, aber selbstverständlich ohne nennenswerte Eile. Mit den ersten Tönen tut sich ein Schlund auf, der alles einsaugt, was den Raum nicht rechtzeitig verlassen hat. Nach einer chaotischen, irrlichternden Fahrt über Klippen und Abgründe, nur kurz unterbrochen von ätherischen Halluzinationen, entlassen Gravetemple ihre Gefangenen schliesslich in der weit hallenden Leere eines ungeheuren Raums. Tja. Da sitzt eins nun und staunt. Gut so. Nur fast ein bisschen kurz, genau wie das Leben der Sterblichen.     

Anspieltipps: A Szarka, Áthatolhatatlan Félelmek, Az Örök Végtelen Üresség

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.8.2017


The Bug vs Earth, Concrete Desert, Ninja Tune, 2017 - 10 tracks, 68 Min.

Das hätte einfach enorm werden können, aber es bleibt bis kurz vor Schluss ein wenig unter seinen mir vorstellbaren Möglichkeiten. Concrete Desert nennt sich das Album, zu dem sich Kevin Martin und   Dylan Carlson zusammengefunden haben, aber sie haben den Begriff Wüste in seiner enormen Kargheit recht wörtlich genommen. Nun, auch Beton hat in seinem ersten Leben wenig Lebendiges, aber zeugt doch oft von Monumentalität und Massivität. Ja, so sind meine misslaunigen Wunschträume eben beschaffen und The Bug und Earth sind gerade nicht schon aufs erste bereit, sie mir leichthändig respektive tonnenschwer zu erfüllen. Earth: „Reiner fetter, den ganzen Weltraum einehmender, überwältigender Heavy-Sound. Sogar die Erdumdrehung verlangsamte sich dank (Album) Earth 2 nachweislich um einige Hundertausenstelmikrosekunden. Edle Einfalt. Die Grösse war definitiv nicht still“, charakterisiert Christian Schinger (derStandart.at) das einschlägige Wirken der 1990er Jahre. Nun hat Earth in der Person Dylan Carlson seit den Anfängen einen verschlungenen Weg zurückgelegt, der von dröhnendem Doom in die Gefilde eisgekühlter Westerngitarre führte. Dies im Hinterkopf, sind die Voraussetzungen doch einigermassen anders und die Spur des Gemeinschaftswerks nachvollziehbarer. Auch The Bug aka God, Techno Animal, Ice etc. Kevin Martin ist seit den 1990er Jahren in massiv drönenden Klanglandschaften zuhause, gern unterfüttert mit verschlafenen Dubsounds, die umstandslos den Putz von den Wänden fallen lassen. In Dystopia hat er mindestens eine Zweitwohnung, wenn nicht gar ´nen ganzen Wohnblock. Dystopia, home of the American Dream as seen by J. G Ballard und anderen, you know. Wir nennens möglicherweise Los Angeles und ist schon lang kein Platz für Engel mehr. Aber wem erzähle ich das? Hier also, unweit der hämischen Kulissen zügellosen Wohlstands, spielt sich trotzdem noch so etwas wie Leben ab. Ein Leben, das sich für viele in atemloser Geschäftigkeit von Job zu Job erfüllt, für andere in betäubendem Rausch. Das ist die Welt, in der Concrete Desert angesiedelt ist. Ein wüstes Land, darin Gewimmel sonder Zahl. Es entbehrt ja nicht einer gewissen Logik, das dem musikalisch nicht mit besonders exquisiten Sounds beizukommen ist. Es ist ein Reich stumpfer Schwere, erfüllt von hallender Melancholie, ein wenig Trotz und verwehenden Träumen und The Bug vs Earth, die sich zu einem Ninja Tune Jubelfest zusammengefunden hatten, machen davon nüchtern Bestandsaufnahme. Dass sich darin packende Momente ebenso finden wie Momente zielloser Monotonie, ist unvermeidlich. Müssen wir halt durch.  

Anspieltipps: Gasoline, Agoraphobia, Snakes vs Rats, American Dream, Hell A, Concrete Desert         

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.8.2017

sowie

Ulan Bator, Stereolith – Bureau B. 2017

Amaury Cambuzat ist seit 1993 mit dieser Band unterwegs, die zunehmend zu seinem Soloprojekt wurde. Sein 12. Album verweist auf die Anfänge zwischen Psychedelik und Krautrock, unterfüttert von knackigen Spritzern Postrock. Kein grosser Wurf, aber ein gediegenes Lebenszeichen dieses musiklischen Nomaden.

Six Organs of Admittance, Burnig The Threshold – Drag City, 2017

Vermutlich einfach eines der besten Alben von Ben Chastny überhaupt. Getragen von seinem leisen, aber intensiven Gesang, musikalisch immer wieder von einer Schar illustrer Gäste bereichert, ganz bei sich und doch immer wieder an der Schwelle eines überrumpelnden Aufbruchs.