Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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ZORES Supersommersause

 

Acht Eimer Hühnerherzen, s/t, Destiny Rec., 2018 - 14 Songs, 30 Min. 

1. Wenn es einen Preis für abgedrehte Bandnamen gibt, spielen Acht Eimer Hühnerherzen sicher in der obersten Liga.                                                                                                                                        

2. Wo doch heute knackige Einsilber so im Kommen sind.                                                          

3. Apocalypse Vega, Sen. Bottrop und Bene Diktator sind jedoch keine heurigen Hasen, sondern Nylonpunker aus Kreuzberg, die den Stecker nicht gefunden haben.                                                            

4. Keine Umschweife, dafür Kratzen, Beissen und Lob des Mittelmass, alles könnte schnöder sein.       

5. Rumpelig, aber nicht stumpf, unbekümmert, aber nicht unbeteiligt, frei Schnauze, aber nicht ohne Pogo: Acht Eimer Hühnerherzen haben auf ihrem selbstbetitelten Debut vieles richtig gemacht.


Actress x London Contemporay Orchestra, Lageos, Ninja Tune, 2018 - 10 tracks, 51 min.

1. Mit seinem neuen Album positioniert sich Darren Cunningham im Feld elektronischer Musik (erneut) weit vorne resp. draussen.                                                                                                  

 2. Eingespielt wurde es mit den Musiker*innen des London Contemporary Orchestra, ohne dabei Neoklassik-Klischees zu erliegen.                                                                                            

3. Als Musiker arbeitet Actress prozessorientiert und setzt seine tracks aus vielen stimmigen Details, aber auch tauglichen Fehlern zusammen.                                                                                                    

4. Dabei nimmt er gerne neue Perspektiven ein und beim Zusammentreffen von Elektronika und akustischen, wenn auch zum Teil präparierten traditionellen Instrumenten geschieht genau das: Ein Perspektivwechsel auf einen Klangkörper sehr eigener Art..                                                        

5. Davon unbetroffen sind natürlich die seltsame Schönheit und verschrobene Atmosphäre, die Actress Album Lageos wie gewohnt auszeichnen.


Deadbeat, Wax Poetic For This Our Great Resolve, BLKRTZ, 2018 - 11 tracks, 56 Min.

1. Elektronische, gar technoide Musik wird heutzutage eher selten mit politischen Botschaften in Verbindung gebracht, auch wenn ihre Ursprünge in verschiedenen Subkulturen liegen. .                                        

2. Der produktive Kanadier (und Wahlberliner) Scott Monteith aka Deadbeat hat das für sich gerade geändert.                                                                                                                               

3. Die phänomenale physische Gegenwart von Deadbeats weithallender Musik hat sich auf dem Album Wax Poetic For This Our Great Resolve dafür geöffnet.                                                                       

4. Einer Welt, die nachgerade obsessiv nach echten oder gefakten schlechten Nachrichten giert, stellen Freund*innen des Künstlers sehr unterschiedliche, mehrsprachige Botschaften der Hoffnungen entgegen. 5. Getragen von Deadbeats präzisem Gespür für Sounds und Rhythmen ist so ein vielgestaltiges, warm klingendes Electroalbum entstanden, das im Kopf ebenso funktioniert wie auf dem Dancefloor.


P. Paul Fenech, The F-Files, Mutant Rock Records, 2018 - 13 Songs, 46 Min.

1. P. Paul Fenech ist ja, dies zur Erinnerung, der Mann, der 1980 den einzig echten Psychobilly erfunden hat und seither mit The Meteors zeigt, wo der Hammer hängt (wahlweise auch der Laserblaster oder das Schlachterbeil).                                                                                                     

2. Weil das den umtriebigen Mann nicht auslastet, gönnt er sich ein paar Nebenprojekte und lässt zudem regelmässig Soloalben vom Stapel, auf dem die oben angedeutete Thematik in etwas anderem Gewand behandelt wird.                                                                                         

3. Es bleibt aber stets süffiger, räudiger Rock´n´Roll, auch wenn er mit Twang, Surf, Ennio Morricone oder finsterstem Blues gekreuzt wird.                                                                          

4. The F-Files ist das nunmehr 10. Soloalbum, in dem er mit Gästen beliebte Themen der B-Popkultur jederzeit launig, finster und mit markanter Stimme behandelt.                                                    

5. Aliens, Satan, Tod und gute schlechte Laune sind in P. Paul Fenechs Meisterhand eben immer prima aufgehoben.


Mahlstrom, Mæander, Through Love Rec., 2018 - 10 Songs, 36 Min.

1. Der Anfang macht schon mal klar, wo der Hammer hängt, aber manchen Problemen ist mit diesem Werkzeug nicht beizukommen.                                                                                                   

2. Hardcore weiss seit je genau, was mit der werten Gesellschaft nicht stimmt, aber es ist schon klar, dass einfache Lösungen nicht in Sicht sind.                                                                                     

3. Als direkt und effektverliebt bezeichnet sich die Band Mahlstrom, die schon seit etlichen Jahren und bislang so gut wie ohne Album unterwegs waren, sie kann aber auch sperrig und fragil.                            

4. Das Pathos bleibt nicht nur textlich auf dem Boden der Tatsachen (weiteres Bandzitat) und macht damit viel Boden gut, aber die allgegenwärtige Frustschranke wird dann doch mit aller Wucht genommen.                       

5. Auch in Ditzingen resp. Hamburg wird der HC/Emo/Punk nicht neu erfunden, aber so ziellos, wie der Albumtitel Mæander es verheisst, treibt die Musik nicht vorbei – schliesslich steht der Bandname ja für einen kräftigen Sog ins Dunkle, vielleicht Freie.


John Maus, Addendum, Ribbon Music, 2018 - 12 Songs, 35 min.

1. Screen Memories, das vorletzte Album des abgedrehten Musikwissenschaftlers John Maus hatte sechs Jahre auf sich warten lassen, dafür wurde ihm Addendum, wie der Name anklingen lässt, gleich hinterher geschoben.                                                                                                         

2. Maus hatte nämlich mehr Musik geschrieben als für ein Album zuträglich.                                  

3. Somit bietet Addendum viel Typisches aus dem dystopischen Klanguniversum des eigenwilligen Künstlers (der auch das BDS, also den ziemlich unappetitlichen Israel-Boycott unterstützt), aber nichts eigentlich Neues.                                                                                                 

4. Aber wer will das in diesem Zusammenhang wirklich? Schliesslich ist auch das Cover ein Selbstzitat.       

5. 1980er Goth-Pop und Barockorgel, Horrorfilm-Soundtrack und die abgründigen Stimme des vielbelesenen Künstlers ergeben nach wie vor den fruchtbaren Boden für Songs, die gerne mal gross und finster sind, angefüllt von einer irritierenden Spannung (und Spuren schrägen Humors).


Monokini, Systopia, Damenklo Rec., 2018 - 13 tracks, 34 Min.

1. Live sind Monikini vielleicht noch einen Zacken spielfreudiger, aber das macht nichts, weil ihr neues Album Systopia ohnehin grossartig ist.                                                                                      

2. Und es besticht durch ein paar zusätzliche klangliche Finessen wie dem Vibraphon, denen sich unsereins gerne zuhause im Sessel hingibt.                                                                                    

3. Dass Monokini auf Texte verzichten unterstreicht den Charakter einer Musik, die im Kopfkino jederzeit Dinge wie Sommer, Sonne, kühle Drinks und Spuren von Radioaktivität anlaufen lässt.                             

4. Monokini spielen auch auf diesem 3. Album ihrer langjährigen Geschichte klassischen Surfsound mit ein paar delikaten stilistischen Einsprengseln und es ist kaum glaublich, das solch feine Klänge aus einer Gegend stammen, wo der Strand doch eher am Baggersee liegt.                                                     

5. Das fast verlorene Paradies von Love & Happiness: Manchmal liegt es ganz nah - beim Plattenladen deines Vertrauens.


Perel, Hermetica, DFA / |PIAS|, 2018 - 12 tracks, 69 Min.

1. Ein Signing bei James Murphys Label DFA ists schon eine ziemlich grosse Nummer, Annegret Fiedler hats geschafft.                                                                                                                                       

2. Seit Jahren als Perel in der Berliner Clubscene unterwegs, legt sie mit Hermetica ein samtig-düsteres Album vor, das zwar eingedunkelt, aber nicht verschlossen einherkommt.                                                  

3. Inspiration aus den kantig-minimalen 80ern, eine gute Hand für den gewissen Pop-Faktor und ihre Fähigkeit als Sängerin verbinden sich in Perels Musik zu etwas recht Speziellem.                                              

4. Sie hat keine Scheu vor langen tracks, die alle schön durchhörbar und entschieden elegant produziert worden sind.                                                                                                                                          

5. Von Thalheim im Erzgebirge in die weite Welt geht eine auch als selbstbestimmte Tech-Musikerin keinen leichten Weg, umso erfreulicher, dass sie ihn selbstbewusst beschritten hat und wir mit dürfen.


Reverend Beat-Man & The New Wave, Blues Trash, Voodoo Rhythm, 2018 - 12 Songs, 41 Min.

1. Dem Beat-Man verdanken wir das famose Label Voodoo-Rhythm – er sei gepriesen.                               

2. Folk, Blues, Gospel und Trash sind aber auch sein eigenes surreales Werk – es sei gepriesen.                            

3. Weil Reverend Beat-Man aus der Schweiz ist, sei diese ausnahmsweise gepriesen.                     

4. Die Musik des Reverends ist rauh und ungeschliffen, aber voller Inbrunst und diesmal wird er von guten Freund*innen unterstützt: Nicole Izobel Garcia, Mario Batkovic, Resli Burri, Julian Sartorius – sie seien gepriesen.                                                                                                                                   

5. Blues Trash im Sinn des Reverends ist stets eine Sache des Herzens: Hier jederzeit nachzuhören – das sei gepriesen.


Schlammpeitziger, Damenbartblick auf Pregnant Hill, Bureau B, 2018 - 8 tracks, 37 Min.

1. Der Schlammpeitzger ist ein gründelnder Fisch, Schlammpeitziger dagegen der Musiker Jo Zimmermann, der gute Gründe für sein elektronisches Tun und die Lust zum klanglichen Fabulieren auf seiner Seite hat.                                                                                                                                   

2. Die munter schlingernde musikalische Fahrt auf dem aktuellen Album wird flankiert von präzise gezeichneten Fantasien und neuerdings auch dem guten alten Wort.                                                                                   

3. Mit kleinem Maschinenpark werden munter mäandernde Klangmixturen in schwingende Bewegung gesetzt, die gerne vom deutschen Faible für Wortkomposita beflügelt werden.                                    

4. Was dabei unter einem Damenbartblick, noch dazu auf Pregnant Hill, zu verstehen wäre, wüsste ich freilich auch nicht zu erläutern.                                                                                                            

5. Dass Schlammpeitzigers Album mit dem grad erwähnten Titel allerding munter Freude versprüht und samtig gute Laune verbreitet, kann ich mit Sicherheit bestätigen.


Wiegedood, De Doden hebben het goed III, Century Media, 2018 - 4 growls, 33 Min.

1. Dritter und womöglich leider letzter Streich der Belgier Wiegedood aus dem Church of Ra-Umfeld.      

2. Wim Coppers (Rise and Fall, Oathbreaker), Gilles Demolder (Oathbreaker) und Levy Seynaeve (Amenra) benötigen nicht mehr als zwei Gitarren und Schlagzeug, dazu etwas infernalisches Gekreische, um den Puls geneigter HörerInnen in schwindelerregende Höhen zu treiben.                                    

3. De Doden hebben het goed III ist wie die Vorgänger eine drastisch-schmerzliche Erinnerung an einen toten Freund.                                                                                                                                           

4. Für uns aber zählt doch in erster Linie die Musik, und die ist mit ihrer flirrenden Energie und hypnotischen Durchschlagskraft jederzeit geeignet, alles bedenkenlos wegzufegen, den ganzen Verhau, der das Leben so ausmacht - bis sie zwischendrin innehält, sich auf ihren inneren Kern zurückzuziehen scheint, in erhabener Düsternis.                                                                                                                         

5a. Keine Ängste, keine Sorgen, keine harte Landung mehr und endlich mit sich selbst identisch: Die Toten haben es gut, eigentlich.                                                                                                          

5b.Nur leider müssen sie auf etwas verzichten, was mir lebenslang immer viel Freude bereitet hat: Musik nämlich, wobei es natürlich nicht immer Black Metal sein muss.


Zeal & Ardor, Stranger Fruit, MVKA/Radicalis Music, 2018 - 16 Songs, 47 Min.

1. Am Anfang steht Manuel Gagneux, Sohn eines afroamerikanischen Vaters und einer schweizer Mutter, der mit Birdmask bereits ein Kammerpop-Projekt am Laufen hatte.                                               

2. Gagneux hört aber gerne auch härteren Stoff, zB Black Metal.                                             

3. Er suchte auf einer einschlägigen Plattform nach ehrlichen Antworten und wurde mit einer infamen Herausforderung konfrontiert.                                                                                 

4. Mit Eifer und Hitze stellte er sich ihr und damit der Frage, was geschehen wäre, hätten die amerikanischen Sklaven Satan statt Jesus umarmt.                                                      

5. Mit Zeal & Ardors Album Stranger Fruit kommt die noch ausführlichere Antwort, aber zum Glück hängen keine seltsamen Früchte mehr leibhaft am Baum, die Früchte dieser Herausforderung sind aber auch seltsam und oft berührend.

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.8.2018