Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Lückenhafter Index ZORES 2011

13&god, own your ghost - alien transistor, 2011                            Verhangene Melancholie und eine Art besonnener Trotz vermengen sich auf diesem zweiten Album des transatlantischen Projekts 13&god, von dem manche meinen, es hätte etwas konturierter ausfallen können. Vielleicht verhindert die eigene Betroffenheit (Dax Pierson ist seit einem Unfall gehandicapt) gerade die gern gewählte plakative Herangehensweise an die Themen Verfall&Tod. Das Leben ist ist ein biophysikalischer Kurzschluss mit dem Tod, alles Puffern und Speichern ist nur ein Aufschub. Tod ist das ultimatve Lösungsmittel. Aber der eine oder andere Tonträger darf vorher schon noch fertiggestellt werden.

AGF, gedichterbe - AGF producktion, 2011     Geschmeidig legen sich die Sounds um die Worte, wie auf den Textleib geschnitten. Roh und zerzaust nur im Ansatz, selbst bei Schiller, dessen "Macht des Gesanges" sich flüsternd aus mildem Störgeräusch erhebt. Ansonsten: schönes Pochen, geschmeidige beats, warmes Herzklopfen, lichtes Hallen. Ab und zu Klirren und Rauschen, wo nötig. Die Worte: eher undramatisch, beiläufig, leise genug oft, um zum Zuhören einzuladen. Dabeisein, DADAbeisein auch. Der Witz und das Bemühn (Sidonia Zäunemann) sind nicht vergebens. Antye Greies Gedichterbe mag ein Wagnis sein, aber mich hat es in seine vielgestaltigen Fülle gefangengenommen.

AGF, beatnadel     - Morr, 2011           Die Beatnadel, dabei angesprochen, hält fest und schafft Konturen, wenn auch oft gespenstische. Antye Greie produziert keine netten Klangsticheleinen, kaum heimelige tracks. Wo Schönheit erscheint, wirkt sie entfremdet, wie ein Echo. Beatnadel schreibt über den schönen Schein des Electro weg, etwas solipsistisch und vor allem eigensinnig. Wer hier zuhört, kriegt von der Beatnadel Einiges verpasst. Es geht durchaus unter die Haut.

Ahleuchatistas, location location - open letter records 2011       Die Welt verwirrt das Duo Ryan Oslance (dr) + Shane Perlowin (git) , und es trägt seine Verwirrung und Verwunderung zu uns. Sie müssen nichts mit Worten erklären in einer Welt, in der Erklärungen gerne ins Leere laufen. Was bei anderen zu Erschöpfung führen würde, wird hier in Energie umgesetzt, die sich ab und zu verrennt. Aber dann schlägt sie einen Haken und findet den Weg ins Freie. Und weiss zugleich, dass dieses Freie zugestellt ist von allen Seiten, weiter und immer weiter.

Arabrot, Solar Anus - Fysisk Format, 2011       Manche filosofieren mit dem Hammer, andere mit der E-Gitarre. So gross muss da der Unterschied nicht sein. Kjetil Nernes und Vidar Evensen bilden seit zehn Jahren die Stammbesetzung. In der rohem Wucht und ungestümen Emphase, die alle tracks durchzieht, zeigt sich, das Arabrot derzeit zu den intensivsten Bands ihrer Art zählen. Feinsinn und Delikatesse, Schönheit gar, braucht hier freilich niemand zu erhoffen. Das ist einfach nicht die Philosophie dieser Musik.

Augst / Carl, Oben_ Beltz Remixed - Badly Organized, 2011         Oben möglicherweise. Oben sitzt Matthias Beltz auf seiner Wolke und grinst sich eins. Oben ist die Stimme, die Aufnahmen des 2002 verstorbenen Autors, Kabarettisten, Moderators und Flaneurs entnommen ist. Oliver Augst und Rüdiger Carl haben Klänge daruntergelegt, wie einen Teppich – einen beiläufig kunstfertigen allerdings, nicht irgend so einen platten roten Läufer zum Abschreiten und Vergessen. Und was gibt’s zu hören? Eine Art Chansons hat der österreichische Komponist Friedrich Cerha mal ein Liederwerk betitelt und das mag auch hier taugen.

Avey Tare, Down There - Paw Tracks, 2010     Ganz bei sich, entfernt vom Getriebe der Welt und doch sachte unter Strom, so präsentiert sich Avey Tares Soloalbum Down There als klingendes Sumpfgewächs, sacht beflügelt durch musikalisches Voodoo und gesotten im dampfenden Gumbo verschliffener Rhythmen. Ein Gospelton führt sogar in manchen Song, bevor die Musik sich wieder in schillernden Klangblasen auflöst.

Aural Fit, Mubomuso - Utech Rec, 2010            Mit geringstmöglichen Mitteln eine Musik höchster Spannung und Intensität zu erzeugen ist das Ziel von Aural Fit und das ist ihnen nicht schlecht gelungen. Nebenbemerkung: Bei der Suche nach dem Bandnamen tauchte au ch immer wieder Gehörschutz als Thema auf. Ein Narr, wer da an Zufall glaubte.

 Mark Boombastik & Eduardo Delgado Lopez, Adiós Berlin - shitkatapult, 2011 Angstelectro zwischen Mietrückstand und Champagner: Der erstaunliche Mark Boombastik hat mit vielen, wie Angie Reed, nicht zuletzt aber mit Felix Kubin zusammengearbeitet. Und Adiós Berlin klingt wie ein eigensinniger Widergänger aus Zeiten, als geniales Dilletantentum noch geholfen hat. Das Klangdesign ist etwas schicker und geschmeidiger, und übrigens vor allem Beatboxing, das geloopt und live bearbeitet wird.

Broken.Heart.Collector (same) - Discorporate Rec., 2011             Es bedarf gelinder Zuversicht, mit einer Musikerin wie Maja Osojnik zusammenzuarbeiten. Osojnik (Rdeca Raketa, Maja Osojnik Band, FruFru, Subshrubs) spielt, singt, wispert, trällert und heult Leichtgewichte wahrscheinlich wie ein falbes Blatt an die Wand. Aber Bulbul haben  in ihrer windungsreichen Karriere bewiesen, dass ihnen zwischen progressivem Schweinerock und hirnverschwurbelter Klanginstallation kaum etwas unzugänglich ist und nehmen es Seit an Seit mit der improerprobten Bassklarinettistin Susanne Gartmayer mit ihr auf. Und es klappt, ergänzt sich, wächst schon über sich heraus. Die Maschine setzt sich in Gang, eckig und lärmend, aber auch untergründig sachte und energisch schwingend. Das dreht auf und nimmt sich auch mal zwischendurch zurück. Es träumt sich in Idylle und erwacht in dornüberwucherten Gestrüpp. Darüber ein gleissender Mond, neongrell. Das Sammeln von gebrochenen Herzen ist nichts Leichtes, tut aber not und gut. 

Charming Hostess, The Bowls Project - Tzadik, 2011    Die klingendsten aller Verwünschungen...

Dave I.D., response - K7!, 2011                          Mag ja gut sein, wenn alles an seinem Platz ist. Aber das ist hier nicht der Fall. Das hier ist schräg. Und das beginnt schon beim Digipack mit seinen schiefen Kanten. Das Echo, das aber auf Dave I.D.s Album wiederhallt, nimmt einen grossen dunklen Raum ein. David Hedges ist der Mensch hinter Dave I.D. und sagt, dass seine vielbeschriebene Anonymität vor allem seiner Unbekanntheit geschuldet ist. Nach response könnte sich das ändern.

Deadbeat, Drawn And Quartered - Blkrtz, 2011                Auf Drawn And Quartered findet sich nicht die quirlige Musik, die für die Höhepunkte einer Nacht wichtig ist. Die Musik hier, ein sachte bewegter Strom aus wenigen, aber präzise ausgesuchten Klängen und Geräuschen, steht für sich. Sie verlangt und belohnt waches Zuhören. Remixe, die andere Zusammenhänge eröffnen mögen, gibts inzwischen auch.

Driver & Driver, We Are The World - Staatsakt, 2011                      Versponnen wie einst Trio, romantisch wie Kirmestechno, DAF und Devo auch dabei. Texte, die mensch schon mitsingt, bevor sie das Hörzentrum erreicht haben können. Und die den Kampf "von Top Ten zu Hartz 4" an die Verwertungsfront tragen.

Hurray For The Riff Raff  (same) - Loose Music, 2011   Keine neuen musikalischen Horizonte also, die Hurray For The Riff Raff hier erobern. Der Sonnenuntergang bleibt schön da, wo er hingehört (auf der Plakatwand), davor erstreckt sich die Piste, auf der Pickups rumkurven. Stromkabel baumeln (lose?) im Wind. Ein Pferdehalfter hängt an der Wand und Alynda Lee Segarra hat das Banjo zur Hand genommen. Die alten Lieder, hier sind sie weder runtergesungen noch totgetrampelt, hier steckt einfach noch zuviel Leben in ihnen drin. Und sie mussten dafür nicht mal elektrifiziert werden. Nö, ein mit 17 ausgerissenes Gör hat sie sich geschnappt und zieht mit ihnen und ein paar FreundInnen seit ein paar Jahren durch die Gegenden, die diese von früher kennen. Und vom Grau des Alltags gezeichneten Orte und Nicht-Orte kriegen auf einmal  ordentlich frische Farbe, besonders von den traurigen und spukhaften dieser Songs. Oder dem mit dem Zitat von Jad Fair.         

PJ Harvey Let England Shake - Island Records              schlicht substatiell

Marc Hurtado + Alan Vega, Sniper - Le Son de Maquis, 2010       Welcome back im Maschinenraum: Öl, Schweiss, schwarzes Gummi, sägendes Geräusch. Und auf der Kanzel steht ungebeugt der alte, düstere Crooner: Alan Vega. Und er hat sich noch nie geschont, 60 Minuten Spiellänge mutet er uns zu auf diesem Album namens Sniper. Ein Heckenschütze der (Anti-)Popgeschichte war Alan Vega (ua die Stimme von Suicide) schon immer. Keiner zum Wohlfühlen, zum Ablenken. Ein Prediger, der niemand überzeugen muss, gellt seine Stimme durch die Finsternis. Massiv und düster, abweisend und zugleich schweisstreibend sind die sägenden beats, die Marc Hurtado unter Vegas Worte legt.

Jazkamer, metal music machine 2 - Pica Disk, 2010       Metal Music Machine 2 von Jazkamer ist dem Andenken an Ronnie James Dio gewidmet. Es ist eine sehr pure, sehr schöne, auch packende Veröffentlichung geworden, ohne Gesang, wie es sich dem traurigen Anlass gemäss versteht. Das Spielerische ist nicht mehr so selbstzweckhaft und doch ziemlich bei sich. Jazkamers erneute Exkursionen ins Metal-Universum gehen diesmal einen Schritt zurück, treffen auf 80s Thrash, Doom und klassischen Heavy Metal. Diese Selbstbeschränkung ist dem Album gut bekommen.

Andrew Liles, Mind Mangled Trip Monster - Dirter, 2010              Mind Mangled Trip Monster ist eines der jüngeren Werke des vielseitigen Mr Liles. Und der Titel ist geeignet, HörerIn in die Irre zu führen. Auch alle, die seinen Umgang mit Elektronik, auch mit nostalgisch gefärbten Versatzstücken versunkener populärer Kultur kennen, müssen sich umstellen. Das ist ein Songalbum, eines, das ziemlich konsequent in Richtung Folk steuert. Zumeist wird der prägende Gesang Eisabeth Oswells von einer schlichten, aber eindrücklichen Wandergitarre begleitet. Mehr als ein Hauch von herbstlicher Melancholie hängt über den Liedern, aber vom Neofolk trennt der Verzicht auf alles Martialische oder aufgesetzt Dramatische. Zwielicht und Dämmerung, sanfte Verwirrung und eine gewisse Unbehaustheit sprechen aus der Musik, aber auf Flügeln eines Gesangs, der die Grenzen der der Erhabenheit streift, werden wir mitgenommen und darüber hinweggetragen. War da was? Monster im Busch? Die Apokalypse? Wir aber singen, und seis ein Song von Joy Division.

Andrew Liles, Muldjewangk, Morgawr & Other Monsters - tourette records, 2011  Gib dich nicht mit Andrew Liles ab, er ist eh immer beschäftigt und werkelt in seinem Studio. Er kriegt nichts von dir mit. Lass es sein, du wirst sonst verschlungen von dieser somnambulen Idylle mit den verdorrten Ästen, den Splittern kleiner Knochen und dem schmatzenden Klang von Wasser, das die Spuren deiner Schritte füllt. Dir ist dann auf Erden nicht zu helfen und du besorgst dir womöglich noch eine Monster-Scheibe von Andrew Liles.

Liturgy, Aesthetica - Thrill Jockey, 2011          Für Hunter Hunt-Hendrix, die kreative Kraft hinter den  a n d e r e n Liturgy, spielt seine Band Black Metal. Übrigens, wie Wolves In The Throne Room, bevorzugt in Alltagsklamotten. Die Realitäten müssen strapaziert werden, die Erwartungen unterlaufen. Da ist es folgerichtig, dass das Album Aesthetica, ihr zweites, bei Thrill Jockey erscheint, no home of metal, wie ihr wisst. Sprengkraft und Beharrlichkeit gehen indes eine kraftvolle Gemeinschaft ein, gute Voraussetzung für Musik, die auch immer wieder irritiert. Die Sehnsucht nach ästhetischer Auslöschung ist ja eine der Triebfedern von black metal. Sie wird nur immer wieder und auch hier konterkariert von der Lust am erfindungsreichen Erschaffen des Immerähnlichen.

Lasse Marhaug, All Music At Once - Smalltown Superjazz, 2010   All Music At Once: Alle Musik zugleich - verspricht uns Lasse Marhaug auf einem aktuellen Album und das hört sich schwer nach letztlich undefinierbarem Lärm an, wie zu erwarten. Und das trifft denn auch zu, zu Teilen allerdings. Lasse Marhaug hat in seiner gut zwanzig Jahre währenden Karriere allein und mit anderen gefühlt so viele Tonträger veröffentlicht wie alle anderen MusikerInnen Norwegens zusammen: So bietet auch All Music At Once nicht unbedingt Neues. Aber es vermittelt in seiner vorherrschenden Schrundigkeit doch den Eindruck, das hier nicht einfach fröhlich Lärm gemacht wird, sondern bewusst Geräusch organisiert.               

Men, Talk About Body - IAMSOUND Rec., 2011             JD Samsons aktuelles Projekt hat einen knappen Namen: Men. Mit dabei sind Michael O´Neill und Ginger Brooks Takahashi, sowie ab und an, nicht nur bei drei Texten, Emily Roysdon. Talk about Body, ihr aktuelle Album, spricht geschliffen zu uns. Es kann seine Ursprünge im Dancepunk nicht verleugnen, ist aber ein ganzes Stück gradliniger geraten. Überraschend ist, wie wenig Überraschungen es bietet.

Menace Ruine, Union Of Irreconcilables - Aurora Borealis, 2010 Unterhaltungsmusik vom Feinsten für alle, die sich an den drastischen Künsten (D. Dath) laben und dabei gerne, wie ich, auf dem Sofa sitzen, ein Glas Rotwein zur Hand oder so. Erlösung ist nicht in Hörweite, nirgends. Auch die glockenkühle Stimme von Mlle Geneviève verheisst ja eben keine wirkliche Befreiung von irgendwelcher Pein. Das ist so gut und soll auch bleiben. Darunter wälzt sich Lärm, marschieren die Hoffnungslosen, schabts, keuchts und rauscht. Dazu dröhnt später die Orgel, als wäre S de la Moth Ehrengast beim Ball der Vereinigung Wahnsinniger Wissenschaftler. Black Metal: Aber ja! Beseeligendes Pathos: Geht immer! Finstere Rituale: Jederzeit! Ein wenig Leere, saugende Leere findet sich darunter. Auch OK. Wohliger Schauder ist robusteren Naturen auch beim neuen Album von MR stets garantiert.

Efrim Manuel Menuck, High Gospel - Constellation, 2011                           Zum Schluss klärt sich alles

N.R.F.B. (same) - Major Label, 2011   N.R.F.B. ist, in aller Kürze, ein Ereignis. Es wird nix überstrapaziert. Der Rahmen bleibt charmant, die Texte sind elfentauglich, die Musik tut ihr Mögliches. Das ist gut so. Nach der Explosion der N.R.F.B. ist die Spielwiese wieder frei, alles abgeräumt ausser den üblichen Unzulänglichkeiten zwischen Pellkartoffeln und Parkplatzsorgen. Ach, und Frieden macht Pause. Mal hier, mal weniger. Und N.R.F.B. steht für Nuclear Rape Fuck Bomb. Alle tot, Ende gut. Und wenn ich wüsste, dass morgen der Tag des Jüngsten Gerichts wäre, würde ich heute noch mal Jens Rachut hören.

Sandro Perri, Impossible Spaces - Constellation, 2011 Impossible Spaces, unmögliche Räume, eröffnet uns Sandro Perri aus Toronto auf seinem aktuellen Album. Zuvor, mit Polmo Polpo und Glissandro 70, hat er andere Orte bespielt. Diese hier sind, ja: Unschuldiger, leuchtender und überwiegend freundlich. Das macht es ein bisschen schwierig, diese Musik zu kategorisieren. Sie naiv zu nennen, trifft es aus meiner Sicht, aber es stecken auch eine Menge Kunstfertigkeit und instrumentales Gegrummel in diesen charmanten Songs.                       

Phonophani, Kreken - rune grammofon, 2010                 Hardangerfidel, Flöten und Gesang aus dem Fundus traditioneller norwegischer Musik sind die Basis, aus dem Phonophani (Espen Sommer Eide) die Tracks des aktuellen Albums destilliert. Aus Bordunklängen werden Loops, ungeschliffene Instrumentalklänge rufen Assoziationen an schräge elektronische Sounds hervor, so weht eins ins andere. Alles klingt leicht und angenehm beiläufig, vieles auch tanzbar.

PlanningToRock, W - DFA, 2011       Vor allem unerschrocken ist PlanningToRock, nicht nur hinter ihrer Maske, die nicht einmal mehr androgyn ist. W ist weit draussen, ein Planet für sich und dabei nicht zuletzt mit allen Verwandlungen und Verzerrungen ihrer Stimme, doch ganz nah. Und die tracks entwickeln eine Wucht, einen Sog, ziehen auf den Dancefloor. Sie gehen ins Ohr und in die Beine zugleich. Sie sind manchmal etwas verhangen oder etwas düster, aber daraus erwächst ja für mich die schönste Euphorie.                       

Colin Stetson, New History Warfare Vol.  2: Judges - Constellation, 2011  "...als habe er zwei Herzen, vier Lungen und singe von zweierlei Sorgen zugleich..." ist in einer Rezension zu lesen. Das triffts meiner Meinung nach auf den Punkt. Stetsons Musik ist intensiv und zugleich ausbalanciert, verstörend und zu Herzen gehend. Auf der Basis eines Jazzinstruments wie dem Saxophon entfaltet Colin Stetson auf Judges eine sehr eigentümliche Musik, die durchaus Pop ist, aber auch weit mehr als das. Efrim Menuck (Godspeed/A Silver Mt Zion) hat aufgenommen, Shazad Ismaily war Produzent und Ben Frost hat das Album abgemischt, was den exzeptionellen Rang dieser bewegenden Musik noch unterstreichen mag. Für mich, wie andere auch, eins der Alben des Jahres. 

Tetragrammaton, Point of Convergence - Utech Rec., 2010         Trance, Heilung, Realitätserfahrung und Loslösung: Tetragrammatons Musik ist formlos und zielgerichtet, erhaben und spielerisch zugleich. Sie kratzt und schabt, gleisst und drönt und vor allem ist sie ziemlich unaufhaltsam. Bei aller Wucht wirkt sie zugleich eigentümlich leicht und traumhaft, klangverliebt sowieso. Elektronische und akustische Klänge durchdringen einander, elektrisieren und tragen über Abgründe, die vielleicht nicht so tief sind wie sie scheinen. Das macht aber nichts. Point of Convergence, so der Albumtitel, verspricht ja eine Art Übereinkunft. Das heisst ja nicht, das, was hier zusammenfindet, sonst unvereinbar ist.

The Pussywarmers, The Chronicles of… - Voodoo Rhythm, 2011               Viele Worte hierorts für eine Musik, die ihrer eigentlich nicht bedarf. Sie ist melancholisch lebenslustig, überdreht, zärtlich, feurig und verträumt, vorzüglich alles zugleich. Sie leuchtet unmittelbar ein, ist in ihrem pêle-mêle zugleich unangestengt kunstfertig. Sie ist für den Tag gemacht, aber ohne Verfallsdatum. Tanzen ist Medizin für die tödliche Krankheit namens Leben. Das Leben aber ist ein Freak-Zirkus und the Pussywarmers spielen die Musik dazu. So einfach ist das, fertig. Und so hinreissend natürlich auch.    

TV On The Radio, Nine Types Of Light - Interscope, 2011                           vielschichtig euphorisierend

Ultralyd, inertiadrome - rune grammofon, 2010               Aus Mitgliedern von Noxagt und MoHa! speist sich Ultralyd und auf Inertiadrome spielen sie sich mit drastischer Gelenkigkeit die Bälle zu. Es ist leicht, hier überrollt und mitgerissen zu werden und es macht vielleicht gerade Spass. Aber die Musik taugt genauso dazu, analytisch gehört zu werden. Es ist nicht langweilig. Die Kompaktheit der hier vorgestellten Musik hat etwas von einer Skulptur und auf deren klingender Oberfläche bilden sich stets aufs Neue einander verschlingende Wirbel. Sie lassen nicht los, sie ziehen, ziehen immer tiefer hinein. Trash, Techno, Minimal, Metal? Alles egal. Hier wird es per Ultraschall in explodierendem Sound zermahlen.                                                                              

Uz Jsme Doma, Caves - Cuneiform, 2010        munteres Lebenszeichen aus der Tiefe

Emily Jane White, Ode to Sentience - Talitre Rec. 2010                Kammerfolk ohne Attitude

Kendl Winter, Applecore - K Rec., 2011            DIY-Folk, zwischen Selbstgespräch und Banjo-Attacken

WOLS, Unframe - Pingipung 2011     Erfreulich verspielt kommt das Elektro-Album namens Unframe daher, lässt sich in keinen Rahmen fixieren. Das trifft auf die Titel der einzelnen tracks übrigens ebenso zu wie auf deren musikalische Umsetzung. Zwei gegen den Rest der Welt, einfach so. Dubstep ist die Folie, über der die beiden russischen DJs Evgeni Shchukin und Alexander Tochilkin ihre Sounds schweben lassen. Der warme Klang von sowjetischen Vintage-Synthesizern prägt den Klang, aber auch die drummachines wissen, wo sie zur Punktlandung ansetzen müssen.

Wormskull, Sound of Hell - Ad noiseam, 2011                Sound of Hell: Wenns in der Hölle wirklich keine anderen Klänge gäbe als beim altbewährten Maschinenfest oder dem kuscheligen Elektroanschlag, wäre ich ein wenig enttäuscht. Nun, darüber wäre späterhin zu berichten. W. sind Jason Köhnen, dessen musikalische Spannweite sich zwischen dem Moniker Bong-Ra und dem ätherischen Kilimanjaro Darkjazz Ensemble erstreckt, Mike Redmann aka Deformer und Drummer Balázs Pándi.

John Zorn´s Ipsissimus - Tzadik, 2010                            Mit Ipsissimus hat John Zorn einen neuen, recht gelungenen, wenn auch nicht unbedingt weitere Horizonte aufreissenden Beitrag zu seiner Moonchild-Serie kreiert. Wer Vergnügen an überlegt strukturierter Musik von hoher Ereignisdichte und fern von blossem Schönklang hat, wird nicht enttäuscht werden. Und ja: eben diese Momente befreiter, gelöster Melodik schälen sich immer wieder unter all der beschworenen Drastik hervor. Da darinnen steckt vielleicht ein bisschen der innere Kern dessen, was John Zorns Musik umtreibt und in vielfältige Formen gekleidet immer wieder anders erscheint: Es wird wohl eine Art von Erleuchtung sein, eine Epiphanie.

 


Niobe, The Cclose Calll                                                                                    Tomlab, 2011 - 12 tracks, 38 Min.

Manches ist ein bisschen viel, beginnend bei den zusätzlichen Konsonanten des Albumnamens: The Cclose Calll. Das rollt nicht nur, nein es grimassiert schon ein wenig. Aber gemach, uns erwarten ja auch nicht weniger als zwölf Trips, getarnt als musiksatte Minihörpiele. Yvonne Cornelius´ sechstes Album (innerhalb von zehn Jahren) ist einfach nicht auf den Punkt zu bringen. Oder nicht einfach auf den..? Nun, je nachdem. Es ist ein Sammelsurium, ein Kaleidoskop unterschiedlicher Stile, gern jazzy, catchy und ein wenig in Soul getränkt, Telephonklingeln inklusive. Es geht durchaus ums Was wäre wenn, ums Noch einmal davongekommen sein, um Fallhöhen und Abgründe. Immer neu spielt Niobe das durch, für unterschiedliche Personen (einmal auch zur Männerstimme gepitcht), in allerlei Songformate komprimiert und insgesamt schon noch mehr auf dem Punkt als frühere tracks der experimentierfreudigen Musikerin. Das musikalische Gewand ist in keinen zwei Stücken gleich, wird aber durch die intensive und eigenwillige Stimme Niobes zusammengehalten. Die konnte auch bei ihrem Auftritt im K4 gefallen. Die ganze ausgefeilte und vielschichtige musikalische Einkleidung des Ganzen freilich erschliesst sich freilich vor allem auf dem Tonträger. Und da gibts reichlich Details zu entdecken, was den Spass an The Cclose Calll noch erhöht. Nicht unerwähnt bleiben soll die Beteiligung des Instituts Für Feinmotorik bei dem Stück Walk The Walk!

Anspieltipps: The Stillness, Asthmatic Person In Pink, Walk The Walk!, You Have To Be More, Exotic - The Swarm       

 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.1.2012          


Mutter, Mein kleiner Krieg                                                                                                  Die Eigene Gesellschaft, 2011 – 9 Songs, 42 Min.

Schnell gehts jetzt, nach Trinken Singen Schiessen von 2010 kommen Mutter mit einem neuen, knappen Album und auf Tour, die sie zu einem eindrucksvollen Konzert auch nach Nürnberg führte.

Kleiner Krieg, Krieg im Kleinen. Einen brauchts mindestens, meist aber zwei. Dann ein Piano dazu, fertig: "ist man einig und zufrieden / stellt den anspruch dann zurück / das ist mein kleiner krieg..." Die Konfliktlinien verlaufen bis ins Private; das ist wo Zweifel und notwendigerweise stets erneuerte Selbstvergewisserung zu Hause sind.

Eine Ballade von Mutter? Undenkbar war das nie, war nur überdeckt von all der schmerzhaften Brachialität, die von der Band immer wieder überzeugend vorgeführt wurde. Und ist das freilich nicht zwingend angesichts der Verhältnisse, in denen wir uns eingerichtet haben? Beispiele dafür gibts auch auf Mein kleiner Krieg zu Genüge. Und doch, die Band scheint jetzt gefasster. Das Verstörende und Bedrängende, das in seiner Gesamtheit die Welt ausmacht, wird in ein oft bei allem Ungestüm doch bedenkenswert samtig anmutendes Klanggewand gepackt. Selbst eine Flöte, gespielt von Antonia Ganz, bekommt einmal eine tragende Rolle. Den Gegenpol bilden die schmerzhaft direkten Texte von Sänger Max Müller, die in kurzen Zeilen Wirklichkeiten auf den wunden Punkt bringen.  Die Titel sprechen für sich: "wie wir waren": "der mensch ist eine traurige maschine" in "häuser(n) ohne augen". Schöngeschminkt wird hier nichts, wozu auch. Es gibt auch keine Fluchten in irgendwelche (Post-) Ironie. "kein gespür / keine haltung / irgendwas und irgendwo". Hier bricht die Band mal aus dem Duktus der scheinbaren Gelassenheit aus, der das Album über weite Strecken trägt. Die Gesamtsituation lädt nicht zur Zufriedenheit ein, Mutter machen keine Hehl daraus. Und dazwischen ein Heinz Rühmann-Cover ("regenwurm"), das alle vorgeführte Niedlichkeit letztlich gegen sich selber wendet. Das liegt nicht zuletzt an Müllers nicht unbedingt konventionell schöner, aber klangvoller und drängender Stimme - die, nebenbei, das Konzert zu einem besonderen Erlebnis machte. Auch das Fazit dieses grandiosen Albums findet sich eingeschrieben: "es strengt mich an / zu wiederholen / was jeder weiß..." Es ist aber, wie stets bei Mutter, unserer Mühe wert.

Anspieltipps: Von dem schönen Schein und dem dummen Sein, Regenwurm, Kanndies, Wo die Sonne nicht scheint, Mein kleiner Krieg

 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.1.2012    


Schachtanlage Gegenort. Denise Ritter, aufgelassen                               Hands, 2010 - 13 tracks, 68 Min.

Was, wenn nicht die Montanindustrie, wäre denn industriell zu nennen? Einstmals Kern europäischer Einigung, ist sie aber auch grossflächig zum Erliegen gekommen und taugt zu Erbauung, Belehrung und Unterhaltung. In diesem weiteren Umfeld sind denn auch die Arbeiten von Schachtanlage Gegenort zu verorten, die den einschlägigen Hinterlassenschaften Töne abnimmt, um daraus eigenartig urtümliche, frühindustrielle, insoweit gar nostalgisch-schauerliche Soundscapes zu konstruieren. Nostalgie freilich im Sinn von Harter Arbeit - Karger Lohn. Schachtanlage Gegenort ist einerseits ein existierender Ort im Saarland, andererseits Name des Projekts der Klangkünstlerin und Soundinstallateurin Denise Ritter. Aufgelassen ist ihre vierte Veröffentlichung, die Zweite beim einschlägig renommierten Elektrolabel Hands. Es gibt sicher derbere und wüstere Veröffentlichungen bei Hands, aber, scheint mir, wenig so rohe, aufs erste Hören unbehandelte wie die von Denise Ritter. Sie verwendet offenbar ausschliesslich Feldaufnahmen, die sie montiert und traktiert. So entstehen metallisch knirschende, scheppernd kreischende, auch gurgelnde, tief hallende, meist monomane und selten von Rufen durchschossenen Klangspuren aus einer inzwischen oft verriegelten Unterwelt (was oberirdische Teile einschliesst). Archaisch und nicht unbedingt direkt konsumierbar, verweist das Projekt Schachtanlage Gegenort mit dem Album betitelt Aufgelassen auf das Andere, das von einer postindustriell organisierten Gesellschaft an die Ränder ausgelagert wird. Hier wird inzwischen zumeist in Reinräumen produziert, mit Filteranlagen, Atemmasken und kontaminationsgeschützt. Gegenorts gibts nichts davon. Nur Lärm, allenfalls manische Präzision, und reichlich Belastung. Einiges davon hat Denise Ritter, eine der wenigen Frauen in diesem derben Elektro-Bereich, erfahrbar gemacht.

Anspieltipps: La Mine, St. Charles, km 58,8, Schachtwasser, Konverterhalle, Site Kazebierg

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.1.2012

Katja Peglow/Jonas Engelmann (Hg.), Riot Grrrl Revisited. Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung                                                                                 

Ventil Verlag, 2011 - 198 S., illustriert, € 16,90

 

Willkommen zur Rückschau auf immerhin 20 Jahre Riot Grrrl. War da was? Ausser einem legendenumwobenen Medienboykott? Und hat das für heute überhaupt Bedeutung?

Die HerausgeberInnen des Buchs Riot Grrrl Revisited sind Katja Peglow, Kulturwissenschaftlerin und Journalistin in Essen und Jonas Engelmann, Literaturwissenschaftler und Testcard Herausgeber aus Mainz. Ausser den beiden kommen im Buch zu Wort Beteiligte von damals und Bewegte von heute.

Somit ist klar: Es wirkt weiter, wenn auch verändert. Bemerkenswertes Beispiel sind nach wie vor die Ladyfeste. Auch in Nürnberg gab es ein grossartiges, mit enorm viel Aufwand aller Beteiligten auf die Beine gestelltes Ladyfest.  2011 gabs Feste ua in Darmstadt, Leipzig, Münster u. Rostock. Andererseits stehen bei den Pop/Rock-Grossereignissen, den Festivals, Gradmessern von Erfolg und Aufmerksamkeit. nach wie vor reichlich wenig Frauen auf der Bühne. Ok, The Gossip, Warpaint, Ellen Alien oder Janelle Monae. Geschenkt, das ist vor allem Kommerz und  bewusstseinsvernebelnder Bullshit, wo sich junge Menschen beiderlei Geschlechts um einen Alkausschank mit bezeichnendem Namen drängen. Egal, ein paar davon sind vielleicht trotzdem für Veränderung aufgeschlossen. So. Aber hier in Nbg. waren immerhin ua Thermals, Les Reines Prochaines, Scream Club, The Coathangers, Men und einige mehr. Lydia Lunch kam in die Desi, Doro Pesch in den Hirsch. Boy kommen demnächst nach ER. Worse than Queer gibts am 21.1. im K4, mit Ex Best Friends und zwei anderen tollen Bands. Im Electrobereich tut sich überhaupt viel, im Folk, bei Singer/SongwriterInnen, im Jazz. Nur, die Aussenwirkung fehlt ein bisschen. Denn das gibt es auch, durch harte Arbeit, Selbstbewusstsein und with a little help from Music Industry: Es gibt die Liga der Ikonen: Immer noch Madonna, Shakira, Lady Gaga. Das hat allerdings mit dem gewöhnlichen Leben nix zu tun. Die Dinge, die angepackt werden sollten, spielen sich hier, vor Ort ab, im Musikverein, im Kunstverein, der MuZ, der Desi, meinetwegen im Hirsch. Es ist vielleicht nicht erstrebenswert, dass  Frauen in tendenziell konservativen Genres wie Industrial (Maria Zerfall) oder Black Metal (Darkened Nocturn Slaughtercult) spielen. Es sollte allerdings auch nicht unvorstellbar sein. Riot Grrrls haben sich in einer Umgebung durchgesetzt, die schon von Härte und Machismo geprägt war. Sie wollten nie die netten konsumorientierten Mädchen sein, die als Vorbilder nach wie vor extrem präsent sind. Das wisst ihr ja alles.

Riot Grrl Revisited bietet nun aufschlussreiche Interviews mit Jessica Hopper, Melanie Groß (übers Erwachsenwerde der Girls) und mit Kerstin und Sandra Grether (Parole Trixi). Maren Volkmann ist auf Spurensuche in den Nullerjahren. Julia Downes befasst sich zitategesättigt mit Geschichte und Vermächtnis der Bewegung und nebenbei unterschiedlichen Kulturen in den USA. Gudrun Ankele dokumentiert Manifeste und Geschichten feministischen Widerstands. Julia Gudzent berichtet aus ihrem eigenen Leben über Girls to the front und über die zu überwindenden Schwierigkeiten auf dem Weg, in a man´s world Konzerte zu organisieren. Dazu finden sich Themen wie Film, lyrics und Körperpolitik in diesem Sammelband. Mit Shut Up and Speak wird auch ein aktuelles Berliner Spoken Word Projekt vorgestellt.

Musik an sich ist nicht so wichtig. Musik machen, Konzerte organisieren, Flyer entwerfen, all das Tun und Netzwerken aber schon und Frauen sollten ein selbstverständlicher Teil davon sein. Riot Grrrl war und ist ein Anspruch auf Teilhabe, Selbstbestimmung und einiges Anderes mehr, wie unterschiedliche Ansichten darüber. Utopie sowieso. Zukunft kann nur gestaltet werden, wenn mensch ein paar Vorstellungen darüber hat, vielleicht beflügelt von Musik.

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.1.2012