Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

Hier den Livesteam einschalten

 

 

Sookee, Mortem & Makeup Buback Tonträger, 2016 - 14 Songs, 46 Min. 


Ein Zimmer für sich selbst. Was bereits Virgina Woolfe umtrieb und nach wie vor eine reale Sorge für Hartz IV Empfänger*innen und ihre Kinder ist, lässt sich auch auf den Musikbereich übertragen. Das Haus Hip Hop mag viele Zimmer haben, aber in den meisten haben sich Männer mit Macho-Allüren breitgemacht und das daneben gleich mit okkupiert. Eine Frau muss schon mit einigem Nachdruck auftreten, um sich hier einen gebührenden Platz zu verschaffen und das hat mensch Sookees Texten auch immer mal angehört. Das Gute: Sie ist ja keine Einzelkämpferin mehr. Und mindestens genauso gut: Mortem & Makeup, ihr 5. Album, demonstriert ihren bildungsnahen Hintergrund nicht mehr so exzessiv, ohne dabei in flache Gewässer zu geraten. 
Nora Hantzsch übersiedelte als kleines Mädchen mit ihren Eltern in die BRD, studierte, interessierte ausserdem sich für Street Art und kam so mit Hip Hop in Berührung. Da ihre skills im Wegrennen nicht so ausgeprägt waren, verlegte sie sich auf ein Ausdrucksmittel, das sie bestens beherrscht, die Sprache. Und sie hat eine Agenda, die sie mit vielen Mitteln betreibt, aber das wirkmächtigste ist immer noch die Musik. Natürlich ist es auch das Medium, in dem qua Konsumption am meisten an Inhalten untergeht, soweit es nicht ohnehin vor allem die erreicht, die nicht mehr überzeugt werden müssen. Ja, die Filterblase: Über Feminismus, Gendertheorien und Kapitalismus bei Radio Z zu sprechen ist wie Eulen säckeweise nach Athen zu tragen. Wobei sich natürlich trotzdem unversehens Abgründe auftun können, weil ja niemand je an alle denken kann in dieser unvollkommensten aller perfekten Welten.Kurz gesagt, mit Mortem & Makeup riskiert Sookee den Schritt ins Zugänglichere, um auch die abzuholen, die am Rand eines politisch sehr klar zu verortenden Wort & Musikkonzepts stehen. Hervorzuheben ist die schöne Verständlichkeit von ihren Texten, die in keiner Weise etwas von dem zurücknehmen, was die Künstlerin umtreibt. Abgründiges und Schmerzhaftes, Bedenkenswertes und auch mal Spassiges ergeben ein schönes Panorama gesellschaftlicher Zustände im Post-Willkommensdeutschland 2017. Und der Blick fokussiert scharf. Was macht es mit einem, dessen Mutter mit Sexarbeit ihr Geld verdient in einem Land, in dem Hurensohn ein in ganz kleiner Münze allgegenwärtig gehandeltes Schimpfwort ist? Oder die Binnensicht auf Kinderfreundschaft von einem, der von Nazieltern grossgezogen wird? Da stört es nicht, wenn die Reime mal nicht passgenau sitzen und der musikalische Strom, der alles voranbringt, frei von Avantgardeverdacht bleibt. LeijiONE, Riffsn, Danger Dan und einige andere habens angemessen fett und druckvoll hingekriegt, manchmal sind auch Gitarren, Violine und Cello dabei, das geht ja inzwischen. 
Irgendjemand muss es ja machen. Einsame Insel oder Untergrund sind, wie die Geschichte lehrt, auch keine Lösung. Bis zur Revolution "Likörchen, Liebe und Schnittchen" als kurze Auszeit ist aber wohl o.k. Who cares? Bis dahin bleibt ein Album, das die Dinge klar und nicht ohne Witz benennt, das Präsenz zeigt, wo andere sich in Gefühligkeit oder Albernheiten flüchten. Das einen Blick wirft auf Verwundungen, Angestrengtheiten. Jugend ist schliesslich eine Krankheit aus der mensch herauswächst. Aber besser nicht, um sich anschliessend zu verhärten. Auch davon handeln die Texte, Grim104 hat hier einen klasse Auftritt. Eine muss es ja machen. Ihr da draussen, ihr seid eingeladen, mitzutun. Auch davon spricht dieses Album.

Anspieltipps: Q1, Bilderbücher Konferenz, Hüpfburg, Die Freundin von, You Only Die Once, Hurensohn, Who Cares 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.5.2017


V.A., Sammlung. Elektronische Kassettenmusik Düsseldorf 1982-1989, Bureau B, 2017 - 13 tracks, 40 Min.

Sie war ja nie ganz weg, die Kassette. Aber den Nimbus von Vinyl, von einer gewichtigen Schallplatte erwarb sich dieses Tonträgerformat nie. Es war halt praktisch, zum Überspielen, zum Aufnehmen in einer bleigrauen Vorzeit. Und ein Fortschritt, schnell, recht preiswert, nicht so umständlich, aber auch qualitativ nicht so hochwertig wie ein Tonband. Und es war oft erstaunlich robust. Ich habe noch Cassetten, die 20 Jahre bei kühler und trockener Lagerung gut überstanden haben. Und ja, sie ist ein faszinierend kleines technisches Ding, seit dem Walkman zudem nicht mehr ortgebunden. Kassettenmusik ist DIY. Ist Punk und Geräusch, ist ein Medium des rohen Klangs, ein Medium der Tüftler-, Schrauber- und Bastlerinnen. Es erlaubt den Verzicht auf ein Tonstudio, zumal mit dem Aufkommen von noch recht einfacher, aber auch preisgünstiger Elektronik, die zum Ausprobieren einlud. Es war vielleicht nicht die lauschige Höhle eines Schlafzimmers, in der Kassettenmusik erstellte wurde. Es waren eher die klaustrophobischen Betonwände einer Einraumwohnung, die zu musikalischen Sondierungen oder Ausflüchten animierten. 1982, Düsseldorf. Hinter der scheinhaften Eleganz der Königsallee schmucklose Nutzbauten hingekastet. Der Himmel über der Ruhr: Grau. Industrielabyrinthe, zum Teil schon abgestorben. Punk ist tot, ein Freispiel mehr.

Das vorliegende Album heisst Sammlung. Elektronische Kassettenmusik Düsseldorf 1982-1989. Erschienen ist es auf dem Gold- (und Blei-) gräberlabel Bureau B, dessen sich ZORES schön häufiger und immer gern bedient hat. Jetzt also in Form einer CD resp. LP vorliegend, bietet es einen winzigen Ausschnitt aus einer ebenso rührigen wie kleinen musikalischen Szene, die weitgehend verweht ist. Von technischen und musikalischen Entwicklungen überrollt und aufgesogen. Aufbauend auf dem, was andere auch zu keinem rechten Ende geführt haben und immer ein Ohr nach England: Throbbing Gristle, Human League, Nocturnal Emissions, Coil. Kraftwerk als Kraftfeld, aber den kosmischen Trips des Krautrocks eher ablehnend beiseite sich entwickelnd. Lieber zurück zum Beton. Mit leuchtenden Augen. Klangarchäologie im Abseitigen. Düsseldorf war nur eine Szene, aber vielleicht eine besonders rege. Die Vielfalt ist beachtlich, die Strahlkraft blieb, auch eines nicht so einfach zu vervielfältigenden Mediums wegen, eher klandestin. Und doch es war auch eine Sache der Selbstermächtigung, gerade für Musikerinnen, die womöglich das männerverseuchte Bandwesen nicht so schätzten. Birgit Gasser (Dino Oon), Catherine Ledit (Kurzschluss), Christine Weyrether (Maria Zerfall) sind hier vertreten. Maria Zerfall machte wenig später als underground-Ikone in der Gothic-Scene der 1990er Jahre von sich reden. Aus Deux Baleines Blanches entstanden Kreidler. Konrad Kraft legte erst unlängst ein neues Album mit Minimalelektronik vor. Auch Strafe für Rebellion machten weiter. Für andere bliebs ein Abschnitt ihres Lebens, ein Ausflug auf die Spielwiese. Kurz und knapp wie die Titel hier: F, Draht 8, b6, Zyklus VI. Sammlung, von Stefan Schneider als Angehörigem dieser Scene (Deux Baleines Blanches) mit Sachverstand und vermutlich Zuneigung zusammengestellt, erweist sich als anregender Blick zurück in eine experimentierfreudige Subkultur, die vermutlich nie viel mehr sein wollte als eben das.  

Anspieltipps: Konrad Kraft, F - Deux Baleines Blanches, Draht 8 – Mentocome, B6 - Dino Oon, Nr. 6 - Strafe für Rebellion, Boston - Maria Zerfall, Wohin

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.5.2017 


Why?, Moh Lhean, Anticon / Joyfull Noise, 2017 - 10 Songs, 33 Min.

Klingt seltsam. Es klingt altvertraut seltsam, wenn die Musik von Moh Lhean anhebt, ja sie hebt an und so lässt eine*n nicht nur dieser Albumtitel freudig verwirrt zurück, der doch wohl nur der Name von Joni Wolfs Aufnahmestudio ist. Nach längerer Auszeit sind Why? zurück und bieten allerdings zeitmässig allzu kurzen Anlass zur Freude. Why? wurzelte im verdrehten Hip Hop des Anticon-Labels, um sich zunehmend davon zu entfernen. Why? wurden eine Band mit Bruder Josiah Wolf und Doug McDiarmid, die Bandtitel schillerten ins Medizinische wie Alopecia oder Mumps, etc, und vieles war auch der Innenschau des gesundheitlich angeschlagenen Joni Wolf gewidmet. Nun, ich verkürze unzulässig. Denn alle Verdriesslichkeiten, alle Lebensverwicklungen waren in betörende Klänge gehüllt und so bot sich doch einiges an Trost und Wohlsein. Das aktuelle Album dreht die Schraube sozusagen noch ein Stück weiter. Bei aller Schrägheit durchzieht ein unüberhörbar optimistischer Grundton diese Musik. Deshalb ist sie aber nirgends einfacher gestrickt, im Gegenteil. Why? legen ein abenteuerliches klangliches Gewirk vor, zusammengetragen auch von gut einem Dutzend weiterer Mitstreiter*innen. Und ich habe doch etwas auszusetzen. Mag sein, dass sich eins in die so eigenartig verfugte Musik von Why? erst einhören muss, mag sein, dass Joni Wolfs ungeschliffene Stimme nicht jedermenschs Geschmack ist – es ist auf alle Fälle schade, das nach kaum mehr als einer halben Stunde Schluss ist. Für mich ist das zu kurz. Diese zugleich warme und angerauhte Musik legt sich nämlich wie ein Balsam auf die Ohren. Und wirkt dabei nicht betäubend, sondern es ist, als ob sich das Gehör schärft, sensibilisiert wird für die kleinen Reibungen, das Ungebärdige, das einem gewissen Lebenstrotz Abgerungene, das in dieser Musik steckt als ihr Herz, das unruhig und unbeirrt dieses so merkwürdige und unbeständige Leben in Gang hält.

Anspieltipps: This Ole King, Easy, One Mississippi, Consequence of Nonaction (und alles andere auch)

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.5.2017 


Iva Bittová & Čikori, At Home, Pavian Rec., 2016 - 9 Songs, 61 Min.

Zuhaus ists auch mal schön. Zumal wenn eine, wie Iva Bittová, seit längerem in New York lebt, der Stadt, die niemals schläft. Bittová ist nämlich ein Landei, lange lebte sie in Lelekovice, einem Dorf bei Brno. Aber: "Der Kontrast war nicht so hart, wie man denken könnte. Ich bin auf Reisen, seit ich 17 bin. Und ich kannte New York natürlich schon", so Bittová, der Natur und Stille wichtige Musen sind und die sich insbesondere der Landschaft Mährens verbunden fühlt. Für Bittová war die Musik dieser Region von Kindheit an wichtig: "Wir hatten keinen Fernseher, deshalb war das Musikmachen umso wichtiger.“      Iva Bttová stammt aus einer musikalischen Familie, schon früh erhielt sie Ballett- und Geigenunterricht. Später studierte sie Schauspiel, Gesang, Violine und Komposition. Bereits als Kind spielte sie ausserdem verschiedene Rollen in tschechischen Filmen und Fernsehproduktionen. Seit den 1980er Jahren widmete sie sich immer mehr der Musik und entwickelte ihren eigenen Gesangs- und Geigenstil. Zwischen Jazz, Avantgarde, mährischer Folklore und klassischem Songwriting ist sie auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, bei denen stets ihre variable, zarte bis durchdringende Stimme im Vordergrund steht. In den neunziger Jahren fand sie internationale Anerkennung und tritt seitdem regelmäßig in Europa (Desi!), der USA und in Japan auf. Die Zahl unterschiedlichster Musiker*innen, mit denen sie zusammenarbeitet, ist Legion. Nun hat sie mit der tschechischen Band Čikori ein Album aufgenommen, das zu den Wurzeln ihrer Kunst zurückgeht, “nach Hause”. Ihren Durchbruch als Avantgardemusikerin brachte 1985 das Album, das sie mit dem Schlagzeuger Pavel Fajt aufgenommen hatte und das mit ihrem unwiderstehlichen Lachen beginnt. Unverschämt und frisch war diese Musik und eröffnete ihr ein Feld an Möglichkeiten. Aber die überdrehte Iva hat auch eine introvertiertere, in sich ruhende Schwester, die ihre Stimme geistlich inspirierter Musik wie der von  Vladimir Godár ebenso leiht wie Soloaufnahmen, die unlängst bei ECM erschienen sind. Auf At home finden sich beide Bittovás, wobei die ruhigere, quasi alterslose Seite im Vordergrund steht. Eingebettet in schön entspannte Klänge, von Bläserlinien durchzogen. Es ist Nacht, es ist lauschig draussen. Und kein Grund zur Sorge, auch wenn zwischendrin ein paar Spukgestalten Schabernack treiben. "Ich kann nie zu lange in der lärmigen Stadt sein. Dann muss ich mich in mein kleines, ruhiges Nest auf dem Land, in die Natur flüchten." sagt Iva Bittová, die inzwischen etwas ausserhalb von New York wohnt. 2001 gab es schon einmal ein Zusammentreffen von Čikori und Iva Bittová. 15 Jahre später erfolgt die Veröffentlichung von At Home, Aufnahmen, die zwischen 2014 und 2016 in Tschechien entstanden. Ruhig, schön, poetisch - so könnte mensch das Ergebnis zusammenfassen. Verspielt, traumwandlerisch, zeitentrückt. Und immer wieder im Mittelpunkt: Die so faszinierende Stimme und die Geigenklänge der   Iva Bittová. Die Musiker von Čikori sind Vladimir Václavek, Gitarre, Jaromir Honzák, Bass und Oskar Török, Trompete und Flügelhorn. Ausserdem wirken mit: Antonin Fajt, Elektronik u. Keyboards sowie Hamid Drake, Trommeln und in einem Duett Ivo Viktorin.

Anspieltipps: Noc, At Home, Brizy, Je Mi Zima, Želé

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.5.2017


Żywizna, Zaświeć Niesiącku And Other Kurpian Songs, Populista für Bôłt Rec. - 12 Songs, 38 Min.

Bôłt ist ein sehr spannendes polnisches Label für interessante Musik aus Osteuropa. Populista ist ein Sublabel, kuratiert von Michał Libera. Es widmet sich bevorzugt Neuinterpretationen recht eigener Art und hier kommt der Musiker Raphael Rogiński ins Spiel. So, das sind die gesicherten Fakten. Denn über kurpische Musik kann ich gar nicht sagen. Kurpien ist eine polnische Region, östlich von Warschau gelegen, lange Zeit recht unzugänglich und auch deshalb bewahrten die Bewohner recht lange ihre Eigenart. Das 20. Jahrhundert hat das natürlich brachial geändert. Der vielseitig bewanderte Gitarrist und Komponist  Raphael Rogiński ist dort auf Spurensuche gegangen, so wie er es ua auch mit amerikanischer (John Coltrane) und jüdischer Musik bereits gemacht hat. Żywizna ist eines seiner Projekte. In der kurpischen Sprache bedeutet der Begriff Natur. Zaświeć Niesiącku And Other Kurpian Songs heisst das Album und es ist wohl mit kaum etwas vergleichbar, was euch ZORES sonst so vorgestellt hat. Ausser vielleicht Bill Orcutts A History Of Every One. Wie sonst nur obskurer Black Metal entstanden die Aufnahmen in Wäldern, Wäldern in Nordostpolen, im allerdings wohl eher lauschigen Sommer 2016. Raphael Rogiński tat sich mit der Sängerin Genowefa Lenarcik für die Aufnahmen zusammen, der Tochter eines legendären kurpischen Volkssängers, dessen Tradition sie nun fortführt. Ihre Stimme ist unglaublich, ist schwarz wie das unzugängliche Innere enormer morastiger Urwälder, die auch lange Zeit die kurpische Landschaft bestimmten. Hier ist nichts heimelig, hier, gar nicht mal so weit weg von Berlin resp. Warschau, befinden wir uns auf einmal im Herzen der Finsternis, an den Ufern eines imaginären, östlichen Mississippi. Raphael Rogiński ist ein vielseitiger Künstler: Gitarrist, Darsteller, Improvisator, Komponist, Musikologe und einiges mehr. Er studierte Jazz, klassische Musik und Ethnomusikologie und in seiner schöpferischen Tätigkeit bringt er alles unter eine grossen Hut, vor allem Jazzimprovisation und ethnische Musiken. Mit den Gruppen Cukunft und Shofar führt er Traditionen jüdischer Musik weiter, Wovoka verknüpft Rock´n´Roll mit seinen Wurzeln. Hier aber, mit Żywizna, schürft er tief in abseitigen polnischen Musiktraditionen. Hier, hinterm Wald, ist gar nichts wüst und leer, liegt eine Zukunft der Musik. Muss nur wer hinhören. Die kraftvolle Stimme von Genowefa Lenarcik ist dabei nicht zu überhören.

Anspieltipps: Mój Boze, Noc, Matula moja, Na Poli, Cyranecka, Zaświeć Niesiącku

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.5.2017


Nicole Sabouné, Miman, Century Media, 2017 – 9 Songs, 43 Min.

Anna von Hauswolff u. Chelsea Wolfe haben wir Euch in ZORES schon nahe gebracht. Nun ist Nicole Sabouné dran, als nächste Fürstin im Reiche dramatischer Finsternis und opulenter Verzweiflung. Sie weiss schon als kleines Kind was sie später einmal werden will: Musikerin. Und nichts anderes: „Ich kann mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich einen Berufswunsch hatte. Musik war für mich schon in der Schule das Grösste.“ erzählt die schwedische Sängerin mit libanesischen Wurzeln. Mit dem Unterschied, dass im musikalischen Gedächtnis der 25-jährigen Schwedin keine dystopischen Science-Fiction-Gleichnisse, sondern gravitätische Echos von Gothic, New Wave, Torch-Song und Post-Punk verankert sind und sie zudem so exakte Vorstellungen vom eigenen Sound hat, dass sie ihren Zweitling auf eigene Faust produzierte. Und das so voller auf den Punkt gebrachter Wucht, dass der Hörer nicht umhin kommt anzuerkennen, dass er es sowohl mit einer vollendeten Sängerin als auch mit einer hervorragenden Musikerin zu tun hat, die sich bereits in verhältnismäßig zartem Alter als große Dame melancholischer bis düsterer Klangerzeugung profiliert.  Ihr bereits 2015 erschienenes zweites Album „Miman“, trägt den Namen einer Maschine, die in Harry Martinsons Gedicht „Aniara“ sämtliche Erinnerungen der Menschheit aufzeichnet. Es wird über das sonst ausschliesslich dem Metal verpflichtete Label Century Media nun auch außerhalb Skandinaviens veröffentlicht, auch das ein Statement

Kälte, Frost und Einsamkeit. Nur konsequent, das Nicole Sabounés Album mit Frozen, einem Madonna-Cover, endet (und auch das Wetter spielt noch mal kurz mit). Ja, willkommen Endzeit!        Die hier angewendeten Mittel sind ja alle nicht neu, aber sie werden mit Bedacht und Raffinesse eingesetzt. Alles so abweisend schön hier. Es muss auch an dieser Stimme liegen, die den Untergang so mit Euphorie und Emphase besingt, ja förmlich umarmt. Von starken Beats geborgen eilt mindestens die Menschheit beflügelt dem Untergang entgegen. Zugegeben, da arbeiten Andere intensiver und mit wirksameren Mitteln dran als es je ein*e Künstler*in vermochte. Aber als Soundtrack ist das einfach allzuschön. Ich ertappe mich mit sachtem Bedauern bei dem Gedanken, dass die Menschen doch noch in einiger Vernunft zusammenfinden und weniger wuchtige Musik ausreicht. Aber die zwielichtige Zeit bis dahin lasst auch mal erfüllt sein von den erhabenen, ehernen Klängen einer Musik, in der sich einige der berauschendsten musikalischen Dystopien unserer Kultur eindrucksvoll eingeschrieben haben.

Anspieltipps: The Body, Right Track, Bleeding Faster, Rip The World, Withdraw           

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.5.2017


Der Täubling (same) Sichtexot, 2017 – 11 tracks, 30 Min.

Möcht ich nicht drüber reden sowieso. Möchte nicht weiter drüber reden. Alles präcox. Es ist ständig am Kommen, verkrampft und schief, unsinnig sowieso. Diese kleinen Tiere da an den Vögeln, den Tauben, daran erinnert das: Genau, Milben. Hilft auch keine Maske. Das, Donny, fasst mich an, irgendwie unanständig, ist ja keine Tautologie und zugleich Gehoppel, abbrechendes Sottern und Stottern und Kippen und Kieksen. Da hilft auch kein Streichquartett, ist bloss elitäre Maskerade, Kulturschleim. Im Jahr Leipzig Annoleipzig. Das hilft ja nichts, sind ja bestimmt Pickel runter der Pappe, Glibber, eklige Schwären, schlecht vernarbter Schorf, lauter Absonderungen. Und das quillt dann rüber raus, so Wortpirouetten, kieksendes Gequalle, launisches Verstummen ihr Penner. Möcht ich nicht weiter drüber reden. Da fällts leicht, die Menschheit nicht zu mögen, dieses stumpfe Geschlecht, dem Paarungsgelüst verfallen (obwohl solches evolutionsbiologisch Vorteile aufzuweisen hat). Ständig. Bleiche Leiber. Maden, bleiben alles Engerlinge, auch wenn sie top gebräunt. Wimmelndes Gewürm. Fallen ineinander zu gymnastischen Verrenkungen, keuchen Atemzügen, Röcheln, kleiner Tod. Grosser Tod wäre besser. Muss eins nicht weiter hinsehen. Weiter hinsehen. Beim Blick ins Gefieder aber doch: Eine Milbe, genau, hinter der Maske lauert eine Milbe, denn zur Zecke hats nicht gereicht. Nicht einmal zu echtem Abscheu. Zu etwas weniger. Hat nicht gereicht. War ungenügend. Zu wenig Hass. Keine hundert Zeilen Hass aufs deutsche Menschengeschlecht, wo das Schlechte ja schon drin wohnt. Hilft alles Häuten nichts. Haut folgt auf Haut folgt auf Leere auf Metaphysik. Loch wie Leere. Mag die Gesellschaft nicht, lauter Penner. Top böse drauffahren, penetrieren, dranbleiben. Und wieder diese quälenden Wortgeflechte, dieses Verhaspel, atemlos kehlige Röcheln. Diese stumpfen Streicher. Das Schwirren, und Stimmen im Kopf, wohltönend. Hat nie nichts gelernt. Hat nichts geholfen. Dranbleiben raushauen. Nach all der Zeit, das Album einfach raushauen. Besser! Und auf die Füsse fallen lassen, aus der vollen Höhe der Gleichgültigkeit, und alles Plattmachen. Man muss das Positive sehen, DAS POSITIVE!, nicht wahr, Herr Täubling?

Anspieltipps: Menschen mit unverwüstlich gesundem Volksempfinden ist diese Platte grundsätzlich zuzuraten. Alle Anderen versuchen bis dorthin vorzudringen, wo das zage Herz des scheuen Künstlers bloss liegt.

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.7.2017