|
Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz |
|||
|
|
Tortoise,
Touch International
Anthem, 2025 - 10 tracks, 44 Min. Es
gibt es noch, das gute Amerika. Tortoise gehören zweifelsohne dazu.
Die altgediente Indieband veröffentlicht nach langen Jahren wieder
ein Album. Das lehnt sich musikalisch nicht aus dem Fenster. Denn
einen Film guckt mensch doch am liebsten nicht draussen (Sorry,
Sommernachtskino). Und so etwas wie einen Film ohne Bilder hat die
Band mit Touch vorgelegt. Eine Art Roadmovie, ohne Aufgeregtheit, aber
mit jeder Menge Feinarbeit. Zumeist entspannt, auch wenn das Album mit
dem Titel „Vexations“ beginnt. Hör ich da eine Spur Animal
Collective heraus? Gequält
klingt hier gar nichts. Grosses Können, das nie zur Routine erstarrt,
beweisen Tortoise auf ihrem neuen Album Touch. Und es berührt einen
wirklich. Wobei sich das Tempo meist an der namensgebenden Schildkröte
orientiert. Da bleibt dann Zeit für filigrane Details, die in ein
solides Bett aus vorwiegend Postrock und Kraut eingebettet werden.
Eine Prise Jazz ist auch darunter (Das Album ist immerhin bei
International Anthem erschienen), aber es erklingen auch mal technoide
Beats. Ungeachtet der Entfernung, die die Bandmitglieder inzwischen
trennt, erscheint die Musik wie aus einem Guss. In
den USA gibt es bekanntermassen Highways (die aber ein striktes
Tempolimit aufweisen). Ob es Promenaden wie im alten Europa gibt,
weiss ich nicht. Tortoises Musik passt alles in allem besser zur
Promenade, die ja in gemessenem Tempo beschritten wird. Ein paar
Ausnahmen gibt es. Aber den lässigen Gesamteindruck dieser Musik können
sie nicht stören. Spätestens beim Einsetzen der Westerngitarren
wissen wir hier: Es ist noch Zeit bis zum High Noon. Nutzen wir sie,
um gute Musik zu hören. Wie die von Tortoise. Anspieltipps:
Vexations,
Elka, Promenade á deux,
Axial Seamount
, Night Gang Hans
Plesch für ZORES auf Radio
Z, 3.2.2026 Aya,
Hexed! Hyperdub,
2025, 10 Songs, 35 Min. Insekten
zu essen ist für viele ein absoluter Triggermoment. Dabei sind sie da
oft kaum noch als solche zu erkennen. Die Tierchen, die sich auf dem
Cover von Ayas zweiten Album Hexed! in einem weit geöffneten Mund
tummeln, sind dagegen als fette Würmer sogleich zu erkennen und
sorgen von da für einen Einstandsmoment, der einem Schlag in die
Magengrube gleicht. Aber da ist die Musik noch gar nicht los. Es
bietet sich an, Ayas neues Album als wütend und fies zu bezeichnen.
Aber es ist sicher auch Ausdruck von mancherlei Verstörung. Die
Musikerin ist inzwischen von Manchester nach London umgezogen. Die
Zeit nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums war offenbar nicht
einfach und auch das spiegelt sich in den unruhig flackernden Sounds
auf Hexed! Die facettenreiche Stimme von Aya wirft dazu harte
Schlagschatten ins Geschehen. Getrieben:
Sind die KünstlerInnen doch alle. Von inneren und äusseren Dämonen,
von Alkohol und anderen Drogen, von Traumata und internalisierten Ängsten.
Alles muss mal raus, wird mithilfe von Sound ins helle Licht des Tages
gezerrt. Um ins Format eines Songs, eines tracks gepfercht werden.
Kleingemacht und handhabbar, auf der Tanzfläche, der Bühne, dem Sofa
zuhause. Für uns andere. Denen es meist nicht so gegeben ist, mit dem
Stoff so umzugehen. Ob es freilich klappt, bleibt stets offen. Bei den
Anonymen wie bei denen, die das Licht der Öffentlichkeit manxchmal
wie ein Hammer trifft. Der 27 twentyseven Club hat nie zu. Auch davon
handelt natürlich Hexed! das ist unvermeidbar. Aya:
So eine umwerfend-verhexende Stimme. Von kühl und klar bis
rauchig angerauht, keifend, von dramatisch bis nebenher
plaudernd: alles da. Und morpht pausenlos in- und auseinander, bis uns
HörerInnen so leichte Gefühle der Desorientierung überkommen. Gut
so. Der Klangteppich, auf dem das geschieht, ist mit dem Namen des veröffentlichenden
Labels, nämlich Hyperdub, grob umschrieben. Aber auch hier herrscht
permanent Unruhe, kippen die Sounds ineinander, flirren wie von
grosser Hitze aufgeheizt und stocken zu einer zeitlupenhaften
Atempause. Da stehen sie dann wie ausgestellt, die Alpträume des
Tages. Und singen, wie andere im Dunkeln pfeifen. Ayas Hexed wirkt wie
losgelassen. Und mit grosser, auch mal ätzender Kunst gerade eben
noch wieder eingefangen, auf Zehenspitzen, kurz vorm Umkippen. Anspieltipps:
of to the ESSO, Heat Death, Hexed!, navel gazer, Time at the bar
Hans
Plesch für ZORES auf Radio
Z, 3.2.2026 Backxwash,
Only
Dust Remains Ugly
Hag Rec., 2025 - 10 tracks, 41 Min. Hip
Hop, Horrorcore und Industrial: damit werden Backxwashs Veröffentlichungen
bevorzugt getagt. So auch bei Only Dust Remains, dem 5. Album der
sambisch-kanadischen Künstlerin. Fortsetzung respektive Abschluss
einer Trilogie, die sich mit den Herausforderungen des Lebens beschäftigt,
auf zumeist ziemlich rüde, schmerzerfüllte Weise. Ashanti Mutinta trägt
da einiges mehr mit sich herum, als andere. Und sie zeigte der Welt
ihren Finger, musikalisch wie mit Worten. Zorn und Wut auf eine
bigotte Welt, Institutinen, die Menschen brechen, Anschläge auf
Selbstbestimmung... es gab genug Anlass für Backxwashs Wortgewalt.
Die sich auch klanglich kompromisslos manifestierte. Jetzt aber
scheint ein zager Streifen Hoffnung am Horizont für die Künstlerin
erschienen zu sein. Aber dafür ist womöglich ein Preis zu zahlen. Backxwashs
aktuelles Album Only Dust Remains zeigt also in eine neue Richtung.
Zumindest ein bisschen. Schon der Albumtitel ist bedeutend kürzer als
die im Predigerton betitelten Vorgänger - God
Has Nothing to Do With This Leave Him Out of It von 2020 kann
da als beredtes Beispiel dienen. Der Einstieg mit Black Lazarus gibt
Hinweise - eine Wiederauferstehung. Das Ende ist herausgeschoben, aber
vom Tisch ist es nicht. Wann ist das Lazarus eigentlich klar geworden?
Auch Backxwash ist aus dem Dunkel ins Leben zurückgekehrt, wie sie
schreibt, in dem allerdings seitdem der Tod selber herumspukt. Die
Suche nach einer Form von Erlösung hat also kein Ende, die
musikalische Reise führt aber ein bisschen weg von Gedröne, Geriffe
und Düsternis. Backxwash hat Spass daran, sich freizuschwimmen. Und
sei es auf dem Stairway to Heaven... Immer
noch Danny Brown und Musik aus Sambia, weniger Nine Inch Nails oder
Liturgy, mehr Nullerjahre Cinemascope (und Nina Simone als Sample):
Die Musik auf Backxwashs aktuellem Album ist weniger drückend und
rabiat als vorher. Natürlich sind die Traumata nicht bewältigt, die
politischen Verhältnisse drehen
gerade ab, aber das hält die queere Künstlerin nicht davon ab, ein
trotziges Statement zur Selbstermächtigung zu setzen. Vielleicht ist
das, ausser Wut rauschreien, eine gute Nachricht. Sich von der Welt
nicht überwältigen zu lassen ist auch eine Haltung und am Ende
bleibt immerhin der Staub. Und nicht nichts. Anspieltipps:
Black Lazarus, WAKE UP, DISSOCIATION, History of Violence, Only Dust
Remains
Hans
Plesch für ZORES auf Radio
Z, 3.2.2026 Ragana
+ Drowse, Ash
Souvenir Flenser,
2025 - 5 Songs, 36 Min. Die
Kolleg*innen von ZOSH waren schneller, aber es ist ja auch ihr Metier.
Denn bei der Kollabo von Drowse (Slowcore) und Ragana (Doom) handelt
es sich unüberhörbar primär um Metal. Freilich mit viel Atmosphäre.
Ash Souvenir heisst das Album und es geht um
die Asche des Mount St. Helens oder Loo-Wit
Lat-kla
in der Sprache der indigenen Klickitat, die seine nahe Umgebung
bewohn(t)en. Eine Asche, die nach der grossen Eruption von 1980 die
ganze Umgebung erfüllte. Leben erstickte, die die Welt für mehr als
Einige gravierend veränderte. Das
Roadburn brachte den Soundartist Kyle Bates und das queere Black Metal
Duo Ragana für Ash Souvenir zusammen, die eine biographische Nähe
zum Nordwesten der USA verbindet. Trauer und Erinnerung stehen im
Mittelpunkt der wuchtigen und hoch intensiven Zusammenarbeit. Die
Spannweite der Emotionen ist riesig, die hier erklingt. Feldaufnahmen
und ruhige Gitarrenpartien setzen dazu immer wieder eigene Akzente in
diesem grandiosen musikalischen Panorama. Das dem
Echten der Berge insofern nicht nachsteht. Ragana
und Drowse zusammen: Das ist eine hypnotisierende Mixtur aus
emotionaler Überwältigung und filigraner Textur, und beide verbinden
Emotionen wie Schmerz und ein denkbarer Trost. In der Aschewolke des
Vulkans wurde der Tag zur Nacht, das Leben erstickte und erlosch unter
einer dunklen, den Atem nehmenden
Decke. Aber das war nicht das Ende. Als sich die Aschewolke
gelegt hatte, zeigte sich erstmal die Zerstörung. Aber das warauch
der Aufbruch in ein Neues Leben. Aufs Nötigste reduziert erstmal, das
Genügsamste zuerst. Wegbereiter, die schmerzliche Erinnerungen
wecken, aber auch ein bisschen Hoffnung keimen lassen.
Anspieltipps:
In eternal woods pt 1-3, In eternal woods pt 4, Ash Souvenir Hans
Plesch für ZORES auf Radio
Z, 3.2.2026 Ho99o9,
Tomorrow
we escape
Last
Gang Rec., 2025 - 11 tracks, 36 Min. 2017
haben wir euch das erste Ho99o9-Album vorgestellt, es hat uns Spass
gemacht. Wut und rohe Energie, Hip Hop und Industrial - auf diesen arg
gekürzten Nenner liess sich das bringen. All das trägt auch Album
Nr. 3 in sich, das theOGM und Yeti Bones unlängst heraus gebracht
haben. Tomorrow we escape ist es überschrieben, wurde mit einer Schar
illustrer Gäste, darunter MoRuf und Chelsea Wolfe eingespielt und
wirkt erwachsener (ohne an Wucht eingebüsst zu haben). Mit
dem Erwachsenwerden ist es so eine Sache. Mensch kommt eigentlich
nicht drum rum. Aber Unbeschwertheit (und Unvernunft) werden dabei
halt durch eine gewisse Risikofolgenabschätzung und Besorgtheit abgelöst
(jedenfalls im Grossen und Ganzen). Das ist nicht verkehrt, verleiht
der Kunst aber auch eine manchmal zu markante Bodenhaftung. Ho99o9
konnten diese Klippe aber doch umgehen, auch wenn Horrorattituden des
Anfangs nicht mehr so viel Raum einnehmen. Dafür ist es gelungen, die
vielen, alle eigentlich mit hard- beginnenden musikalischen Genres zu
einem überzeugenden Ganzen zu verschmelzen. Und sich damit den real
existierenden Schrecken des Alltags zuzuwenden. Tomorrow
we escape heisst das neue Album des Punk Rap Duos Ho99o9. Das
impliziert aktuelle Unfreiheit, beengende Kompromisse und anstehende
Neuerfindung. Ein nagendes Unbehagen, das die Musiker umtreibt und sie
dazu bringt, nach Auswegen zu suchen. Die Wege, die da beschritten
werden, sind nicht neu. Nicht einmal der Spass ist weg. Aber die
Dringlichkeit ist grösser geworden, die Musik wirkt emotionaler, die
Texte persönlicher. Die Flucht, um die es geht, ist die Flucht ins
eigene Leben und das ist der Soundtrack dazu: roh, intensiv,
kathartisch. Und manchmal beinah zart. Anspieltipps:
Escape, OK, i´m Reloaded, Incline, Tapeworm, Immortal Hans
Plesch für ZORES auf Radio
Z, 3.2.2026 u
n d Rosalía,
Lux - Columbia, 2025 Wieder
einmal neu erfunden hat sich die katalanische Musikerin Rosalía, die
uns auf ihrem dritten Album das Licht bringt. Ein prometheischer (oder
luziferischer) Ansatz, der nachgerade opernhafte Züge in seiner
opulenten Ausführung annimmt. Ohne Netz und doppelten Boden, aber mit
spirituellem Beistand verschiedener Mystikerinnen gelingt Rosalía
dieser faszinierende musikalische Trapezakt. Anna
von Hausswolff,
Iconoclasts - YEAR0001 Anna
von Hausswolff hat das Drönen auf ihrer Orgel nicht verlernt, sich
aber doch etwas popigeren Klängen geöffnet. Einschliesslich eines
Saxophons, das aber in diesem, quasi erwachsener gewordenen Kontext
gar nicht stört. Denn es ist nur eines von vielen Instrumenten, deren
Klänge dieses in jeder Hinsicht üppige Album erfüllen. Ein
umwerfendes Hörabenteuer, wie wir es erwartet haben, das aber eine
grandiose Zugänglichkeit nicht scheut. |