Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

Hier den Livesteam einschalten

 

 

Africaine 808, Basar, Golf Channel, 2016 - 12 tracks, 64 min.

Wenn wir (Pop-) Musik hören, stehen und tanzen wir oft genug auf den Schultern von Sklaven. Und es stört niemand. Blues und Funk sind die Grundlage von so Vielem und ohne sie sähe es um unsere populäre Musik eher mau aus. Mit dem Sklavenhandel verbreitete sich afrikanische Musik in die Amerikas und wie es dann weiterging, ist ja zu Genüge bekannt. Nämlich mit der Ausbeutung schwarzer Subkulturen durch weisse Mehrheitsgesellschaften, die für sich in Anspruch nahm, diese staunenswerten Musikwelten stets durch die Vordertür betreten zu dürfen. Die Technopioniere Dirk Leyers und DJ Nomad bauen um diese gerne übersehenen Fakten ein feines IDM-Album und bekunden auf diese Weise ihren Respekt.

Africaine 808 öffnen hier ihren Basar für global beats, wobei der Schwerpunkt auf afrikanischen Rhythmen liegt. Africaine 808 sind Dirk Leyers (ehedem beim Kölner Technoprojekt Closer Musik) und Hans Reuschl aka DJ Nomad, Street Artist, Sounddesigner und Organisator der musikalisch offenen Vulkandance-Parties, die sich in Berlin trafen und schliesslich zusammenkamen. Das Interesse an afrikanischer Musik war bei beiden schon früh gegeben, sei es über den Jazz und Bands, die oft bei einschlägigen Festivals afrikanische Nächte absolvierten, aber auch gefiltert durch Brian Eno, David Byrne und Steve Reich. Drittes Bandmitglied ist die namensgebende TR-808, eine japanische Drummachine. Wesentlichen Anteil an diesem Album haben aber auch Eric Owusu (Ebo Taylor-Band) und Dodo N´Kishi (Mouse on Mars) als live-drummer, die die Musik ins Bandformat überführen. Hans Reuschl sagt „Es geht uns in diesem Projekt darum, verschiedene kulturelle Einflüsse und Musikkulturen aufeinander prallen zu lassen, sie zu kontrapunktieren, sie zu fusionieren. Ja, insofern verweist der Name auch auf unser Konzept." Alles kommt zusammen auf dieser Party, wie es Arthur Russell gefallen hätte. Ein zentraler musikalischer Track ist „Language Of The Bass“. Er erzählt die Geschichte der Bassmusik: Sie begann nicht in Berlin, Detroit oder London, sondern mit den Soundsystems auf Jamaica. Auch aus diesem Teil der Popwelt haben sich Africaine 808 beeinflussen lassen. Und, ungeachtet eines einschlägigen aktuellen Richterspruchs: Auf diesem Album ist nichts gesamplet, alles wurde live eingespielt. Das oft für Schlimmes stehende Wort Weltmusik gewinnt auf dem Album Basar von Africaine 808 einen neuen, guten Klang. Mit zupackender Sensibilität verschmelzen sie die unterschiedlichsten Stile, ohne blosse Kunstfertigkeit vorführen zu wollen (die natürlich auch drin steckt.) Es geht um Freiheit, die Freiheit, Rhythmen und Tanzstile zusammenzuführen und auch einmal ineinander krachen zulassen. Es geht um einen Tribut an eine Musik, die an ihren Ursprüngen noch ebenso lebendig ist wie an fernen Orten, in die sie gewaltsam verschleppt wurde. Es geht um das Ziehen von Verbindungen. Es geht um die Faszination musikalischer Schätze, wie an Ständen aufgereiht entlang eines Wegs, dessen Ende nicht abzusehen ist.  Es geht, eingedenk aller dieser Umstände, auch um eine Feier des Lebens, um Behauptungswillen, um Freude, Erstaunen und natürlich ums Tanzen.

Anspieltipps: Ngoni, Language of the Bass, Basar, Rhythm is All You Dance, Crawfish Got Soul, The Lord is a Woman           

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.6.2016


Drangsal, Harieschaim, Caroline International, 2016 - 10 Songs, 30 Min.

Tristesse, Langeweile, kulturelles Brachland. Könnte fast überall sein, im konkreten Fall Max Grubers ist Ort der Nicht-Handlung aber konkret Herxheim. In der Pfalz. Auch altbekannt als Harieschaim, was dem Debutalbum zu einem einigermassen schräg parfümierten Titel verhilft. Das könnte zugleich die Blaupause sein, über der die Künstlerpersona Drangsal ihre Musik hochzieht. Die hemmungslos wirkt, wie aus den 1980er Jahren herübergebeamt. Und die grosse Namen des Wave als Referenzen mit sich führt. Auch in den 2000er Jahren ist musikalische Sozialisation in der sog. Provinz Glücksache. Es mag hilfreich sein, wenn die Eltern einen passablen Musikgeschmack haben, aber das ist keine hinreichende Bedingung. Oft bietet Metal einen Ausweg. Hier offenbar gar nicht. Zur Festigung eines gewollten kleinstädtischen Aussenseiterstatus war dagegen Marilyn Manson sicher keine schlechte Wahl, aber das lässt sich ja für die Wenigsten auf Dauer durchziehen. Eher unverhofft erwies sich sodann für Max Gruber die Begegnung mit The Smiths als Initialzündung, die ihm ein weites, einschlägiges Feld erschloss. Unverkennbar ist das zu hören und die einzige Rechtfertigung dafür ist die dringliche Emphase, mit der sich Gruber in diese Musik stürzt. Und es darf ja gar nicht gutgehen. Diese Verstocktheit, mit der da einer eine gut geölte, nachgerade bombastische, auf jeden Fall sauber produzierte Popmaschinerie in Gang setzt. Der Anspruch, damit auch noch gefallen zu wollen und die ganze Bandbreite eines Publikums mindestens zwischen Indie-Leuten und Düstervolk mitnehmen zu wollen. Und vernetzt zu sein, Menschen wie Markus Ganter (Produzent), Hendrik Otremba (Gastgesang), Jim Rakete (Foto) oder Jenny Elvers (Video) in dieser Produktion eingebunden zu haben, wobei der eine oder andere Zufall mitspielte. Drangsal für das Publikum, das doch bitte mindestens geneigt sei, hier mitzuziehen. Das ist eine allerdings schon mehr eine Aufforderung. Eine dringliche. Das hier jetzt, dieses halbe Jahr vorerst, ist die Stunde des Künstlers Max Grubers, und der ist sehr gewillt, da mitzutun. Gerne kehrt er dafür sein Inneres nach draussen und diese hymnischen Songs, grossteils in Englisch gesungen, sprechen davon. Das ist nicht nett. Aber unvermeidlich. Denn eigentlich will einer wie Drangsal bei sich bleiben, tüfteln, sich tief in die Dinge knien. Und kann es doch nicht lassen, sich damit der Öffentlichkeit entgegenzuwerfen, dieser (Zitat) "extrovertierteste Introvertierte" von allen. Dabei sein, als grandioser Neuerfinder der besten Teenage Angst-Musik ever. "Neu" jetzt für dreissig Minuten Spieldauer. 25 Minuten davon halten, finde ich, das mutige Versprechen. Die Welt, mindestens! kann jetzt warten, ob das schon alles war.                                    

Anspieltipps: Der Ingrimm, Hinterkaifeck, Do the Dominance, Love me or leave me alone, Sliced Bread 2        

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.6.2016


Emily Jane White, They Moved in Shadow All Together, Talitres, 2016 - 11 Songs, 40 Min.

They Moved in Shadow All Together heisst das aktuelle, 5. Album der kalifornischen Sängerin und Instrumentalistin Emily Jane White. Vom krätzigen Blues, mit dem sie begonnen hatte, ist hier kaum etwas geblieben. Hier erklingt ätherischer, dunkel eingefärbter und gerne von tiefen Streichern getragener Dreampop und White braucht sich vor einschlägigen Kolleginnen keineswegs verstecken.

Der Titel des Albums bezieht sich auf einen obligat finsteren Roman von Cormack McCarthy (am besten bekannt für No Country for Old Men) und schon wird klar, dass der eben genannte Dreampop auch viel mit Alpträumen zu tun hat, speziell jenen, in die sich der sog. Amerikanische Traum unversehens verwandeln kann. Da sind dann auch Traumata nicht ferne, seelische und körperlicher Verheerungen, die sich tief in die menschliche Existenz graben. Das ist das Thema. Für manche die Gelegenheit, das grobe musikalische Besteck auszupacken, aber Emily Jane White weiss genau, dass mensch mit feineren Instrumenten viel tiefer in die Schatten dringen kann. Ein kleines Ensemble ist hier beteiligt, ausser White (Gesang, Klavier, Gitarre, Orgel) sind das noch Shawn Alpay an Cello und Bass sowie Nick Ott am Schlagzeug. Josh Pollock ist als Gast mit E-Gitarre und auch Gesang bei drei Songs mit an Bord. Überhaupt der Gesang: White hat ihre Stimme inzwischen auch klassisch geschult, um ihre Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern. Im Studio nutzte sie eine Echokammer als Instrument, was den sirenenhaften Zauber immer mal noch verstärkt. Hier ist niemand allein. Dabei ist diese Stimme ohnedies schon warm und biegsam zugleich. Sie benennt und trägt doch sicher über die Abgründe, die eine Gesellschaft spalten. Es geht, nahezu unvermeidlich, auch um Gewalt gegen Frauen und gegen farbige Menschen, Themen, die ja auch Poliças aktuelles Album aufgegriffen hat. Und auch hier wird die Dringlichkeit, dem ein Ende zu setzen, mit sanftem Nachdruck und schimmernder Wärme vorgetragen. Musikalisch aber ganz altmodisch, mit vorzugsweise akustischen Instrumenten und fast ohne elektronische Spielereien (Die Echokammer mal ausgenommen). Dieses Album ist keins, das sich in den Vordergrund drängt. Seine Botschaft schmuggelt es in schönen, beinah klassischen Klängen verpackt. Seine Wucht entwickelt es eher sanft, aber letztlich unaufhaltsam. Beharrlichkeit und Trotz sind die festen Klammern, die diese trügerisch träumerischen Songs zusammenhalten und ausmachen. Das ist gut. Vor uns liegt ein langer Weg und Emily Jane White weiss das.

Anspieltipps: Frozen Garden, Pallid Eyes, Rupturing, Moulding, The Black Dove, Antechamber

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.6.2016     

Human Abfall, Form & Zweck, Sounds of Subterrania, 2016 - 13 Songs, 36 Min.

Ich will das hier nicht auch noch Punk nennen. Obwohl: Diese messerscharfen Ansagen – mitten ins Konsumentenherz. Wir stehen doch alle, mehr oder weniger gewollt, „Knietief im Falschen“. Wo viele von uns womöglich eine „Bequeme Stellung“ einnehmen. Da heisst es „Denken lernen“. Immer wieder „Montags“ ist es besser als jemals zuvor, denn „Es ist, wie es ist“. Die grössten Zerstörungen deutscher Städte fanden bekanntlich nach 1945 statt: „Realismus verpflichtet“. Wir müssen doch alle „Von A nach B“, oder? Statt „RTLM“ hören wir lieber Radio Z und bemühen uns bevorzugt um Solidarität. Immer wieder „Neu leben“, das ist es uns wert. Es muss ja nicht so ausgehen wie bei der Frage „Wo ist Franz? Antwort: Im Dschihad“. Sind ja keine Ingenieure. Statt Mode & Verzweiflung dann doch besser „Form und Zweck“, das gibt ein starkes Rückgrat. Damit schaffens wir auch „Zurück zum Brutalismus“, denn wir sind der Moderne doch so tief verpflichtet. Und das alles ist kein Traum, das geht ja nicht, wir stehen beidbeinig gut aufgestellt und wenn wir in uns hineinblicken, zeigt sich „Wir hatten soviele Pläne“ und, wie jedenfalls ich, so wenig Mut. Flavio Bacon stellt immerhin fest. "Ich bin nicht befähigt, ein Instrument zu spielen, dementsprechend lasse ich es lieber sein.

Die Risikoforschung gibt den Hinweis, dass in Europa die Gefahr, im Badezimmer zu Tode zu kommen, immer noch weitaus grösser ist, als bei einem Terroranschlag zu sterben. Das sollte mal ins Hirn sickern, Brüssel. Auch Zigaretten töten bekanntlich Viele, aber eher langsam. Human Abfall ermutigen uns daher auf ihrem zweiten Album Form und Zweck, sich dem Leben weiterhin deutlich zu stellen, auch wenn die Musik eher klaustrophobisch einherkommt. Postpunk, Noise, Surf and Trap geben sich dabei ein dürres Stelldichein, das allenfalls dadurch belebt wird, dass die Bandmitglieder JFR Moon, Pavel Svart und Ringo Stelzl die Instrumente munter rotieren lassen. Propagandist Flavio Bacon (ehemals Aschaffenburg) skandiert dazu markante Textzeilen, die unsereinem die Lage ungeschminkt in die Gehörgänge treibt.  Da steckt sie nun, very special. Tickt was? Human Abfall stammen, wie einige andere interessante Bands ähnlichen Kalibers, aus Stuttgart, einem Ort, der sich jüngst durch das Zusperren spannender Veranstaltungsorte ausgezeichnet hat. Aber was heisst das schon? Es mag ja für eine gewisse kulturelle Verblödung und –verödung stehen, aber da soll das Künstlervolk eben daran wachsen, an so Widerständen. Ja, das tuts vermutlich. Und dann wird alles provisorisch klein gehalten, ein Muster, das Human Abfall perfekt beherrschen. Eine Handvoll Sätze machen die Songs, präzise vorangetrieben durch Wiederholung einfacher Feststellungen, solang, bis sich der Sinn verflüchtigt hat. Das Stichwort Dada fällt in diesem Zusammenhang, eine Kunstrichtung, die der bürgerlichen Selbstzerstörungswut ihre eigene Verstörungslust entgegensetzt. Das schliesst Zielstrebigkeit nicht aus, nicht einmal Fleiss. So eine Veranstaltung mit Human Abfall ist wie diese CD keine wirklich lustige Sache, sie ist rauh und wenig herzlich. So wie das Leben derer, die am Ende des Tages zu müde sind, sich noch einmal aufzumachen zu sowas. Indes: Die Kiste ist auch keine Lösung. Ist keine Lösung! Danke!                                     

Anspieltipps: Bequeme Stellung, Denken Lernen? Montags, Realismus verpflichtet, RTLM, Q: Wo ist Franz? A: Im Dschihad. Form und Zweck 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.6.2016


Reverend Beat-Man, Surreal Folk Blues Gospel Trash Vol. 2, Voodoo Rhythm, 2007 – 12 Songs, 36 Min.

Dass auch Schweizerkünstler den Blues haben, ist gar nicht so erstaunlich. In einem Land, in dem, wie es heisst, jeder wehrfähige Mann sein Gewehr bei sich zuhause im Schrank stehen hat, ist das sogar naheliegend. Auch die Abschaffung des Bankgeheimnisses wird daran nicht viel ändern. Und ausserdem gibt es ja immer noch das Schweizer Armeemesser. Kommen wir also zu Reverend Beat-Man, der nicht nur Musiker ist, sondern auch Betreiber des wundersamen Labels Voodoo-Rhythm, ein Mann, der damit festen Willens ist, jede Party zu ruinieren. Ein hehres Ziel, und was den mainstream jeder Art anbelangt, sicher erfolgreich. Die Musik des Reverends ist rauh und ungeschliffen, aber voller Inbrunst. So hat das ja auch zu sein. Love it or leave it heisst die Devise und ihr habt im Folgenden die Gelegenheit, Euch mal zu entscheiden. Das Album ist schon 2007 herausgekommen, aber zeitlos desorientiernd und es ist mir einfach ein Bedürfnis, euch das mal auf die Ohren zu geben. Reverend Beat Zeller serviert der geneigten Hörerschaft ein starkes Gebräu aus Surreal Folk Blues Gospel Trash – wie der Albumtitel schon sagt. Auf den Grund gespielt, auf dem diese Musik wachsen und gedeihen konnte und fern ihrer Herkunft so absonderliche Blüten treiben, wie sie uns hier dargeboten werden. Das kommt von Herzen und weckt den Teufel in dir, aber wenn du nicht aufhörst zu tanzen, dann kannst du gerettet werden. So zumindest verstehe ich das und somit ist dann doch alles eigentlich, für den Moment jedenfalls, in dem diese Musik gepredigt wird, alles grad nochmal in Ordnung. Aber eine Garantie dafür gibt’s eher nicht. 

Anspieltipps: I See the Light, Lonesome and Sad Another Day Another Life, I´ve Got the Devil Inside, Jesus, The Swiss Army Knife   

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.6.2016  


sowie

Joahsino, Meshes – Alien Transistor, 2016

Das Ambient-Album der anderen Art: Cico Beck musiziert mit einem von Nico Sierig angeleiteten Roboter-Orchester als erleuchteter Professor im Musiklabor und erzeugt spannend abgedrehte Soundscapes mit einem eigenartigen Hang zur, tja, Eingängigkeit, somit ein echtes Kunststück.

The Coathangers present Nosebleed Weekend – Suicide Squeeze, 2016

Das Trio haut gewohnt rotzige Riot-Grrrl-Power um die Ohren, überzeugt aber auch mit unerwarteter musikalischer Präzision. Ein Album aus musikalischen Momentaufnahmen, die Ernsthaftigkeit und Charme gekonnt verbinden.