Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Shopping, The Official Body, FatCat Rec., 2018 - 10 Songs, 31 Min.

Die 80er? Klar, eine grässliche Zeit. Das Meiste, was ahnungslosen Menschen heutzutage daraus als nostalgiegetränkte Reliquie präsentiert wird, war damals schon Schrott. Aber es gab, sie doch, die guten Dinge, auch damals, und ich spreche nicht unbedingt von TRIO. Auch wenn die etwas von dem selbstbestimmten, ruppigen Geist abhatten, bevor sie in die Fernsehhölle katapultiert wurden. Hier kommen Shopping, die ja hierorts dank Musikverein schon bekannt sein dürften, mit ihrem 3. Album: 10 Songs, 31 Min. und von diesem Trio lebte damals noch niemand. Aber die Musik greift den 80er Underground zurück, dessen Geist nach wie vor frisch und springlebendig ist, aber eben - ein Minderheitenprogramm. Vertrackt und auf den Punkt. Mir macht das Freude. Shopping, seit einiger Zeit zwischen London und Glasgow aufgespalten, machen aus der Not eine Tugend. Es muss ja alles schneller gehen, wenn die drei Musiker*ìnnen doch mal zusammenfinden, denn der persönliche Austausch ist unerlässlich zwischen  Gitarristin Rachel Aggs, Bassistin Billy Easter und Schlagzeuger Andrew Milk. Das namensgebende Thema Shopping, für manche ja ein Lebensinhalt, steht eher nicht im Mittelpunkt des Interesses der Band, aber blanke Konsumkritik ist ihre Sache auch nicht. Unterhaltung zum Nachdenken machen sie in ihrer hibbeligen, tanzbaren Musik aber schon. Denn die Gegenwart drängt sich natürlich mit Macht ins Leben der Musiker*innen und schlägt sich in den Songs nieder. Queerness, Feminismus, Brexit und mehr werden so zum Thema und lassen den Kopf im besten Fall ebenso wenig unbewegt wie die Beine. Gitarrenlinien scharf wie zerbrochenes Glas, ein vorwärtstreibender Bass und ein kantiges Schlagzeug formen präzise den leichtfüssigen Sound von Shopping, der Vorbilder wie Gang of Four oder Delta 5 wohl nicht verleugnen will. Das alles und der weitgehende Verzicht auf Schnickschnck ist höchst lebendig und grundsympathisch. Und der Kreis schliesst sich sogar: The Official Body wurde mit Produzent Edwyn Collins in dessen "Clashnarrow Studio" in Schottland eingespielt. Mit seiner Band "Orange Juice" hatte ja dieser Ende der 70er-Jahre den Sound geprägt, auf den sich Shopping heute beziehen.

Anspieltipps: The Hype, Asking For A Friend, Suddenly Gone, Discover, Over Time     

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.4.2018


Isolation Berlin, Vergifte dich, Staatsakt, 2018 - 11 Songs, 43 Min.

Isolation Berlin: Ennui in seiner schönsten Form für heute. Ennui? Was war das nochmal? Eine besonders gepflegte Art von Langeweile am Leben, erlebt von sensiblen Künstlernaturen zum Ausgang des 19. Jhdts. Gerne gelindert durch ein wenig Gift wie mit exquisitem Namen wie Laudanum oder Absinth. Heute gehts vergleichsweise trister zu. Auch hat die Diagnose einen Namen. Manches aber bleibt. Vergifte dich, lautet der Albumtitel.

Anlässlich des durchaus hörbaren Debuts schrieb ich:" Die vier jungen Männer haben auch noch eine andere Seite, die hat wohl aller Isolation und Vereinzelung zum Trotze doch die Oberhand gewonnen in beinharter oder auch ironisch gebrochener Selbsterkenntnis (obwohl Isolation Berlin sorgfältig jede Form von Humor und Ironie in diesem Werk vermieden haben). Sie sind letztlich ein Produkt, das ungerührt gehört, gekauft, gestreamt werden möchte. Das erstmal weitermachen will: Jung und stark und schön wie noch fast jede frische Band. Gut: Streiche stark und evtl. schön. Und hier ist sie, die oft problematisierte zweite Platte: Vergifte dich. Angesichts des weithin zelebrierten, nöligen Missmuts könnte ich nun sagen, was solls? Schade, dass Sänger und Poet Tobias Bamborschke diese depressiven Phasen durchlebt hat, ich hab ja ein sonnigeres Gemüt. Aber so ist es ja nicht. Bei allem Pathos, aller etwas ausgestellten Verzweiflung kommt etwas an elementarem Lebensgefühl rüber, was die Songs von Isolation Berlin eben doch zwingend macht. Und da ist ja auch die Musik, dieser etwas schrabbelige Indie-Sound, diese etwas indifferente Liedermacherschule ohne Überzeugungattitude, die losen Enden, die ins Nichts münden können oder sachtes Gelärm. Und plötzlich mal so eine kantige No Wave-Härte entwickeln: Vergifte dich. "Wenn Du mich suchst, ich bin beim Pfandflaschenautomat. Dort hol ich mir zurück, was mir gehört“ - für solche fast übermütigen Zeilen kann eins Tobias Bamborschke lieben. Für ein paar andere allerdings - nun ja, hassen ist ein grosses Wort. Es ist immer ein schmaler Grad, auf dem die Texte der Songs aufgebaut sind und manchmal kippts für mich in die falsche Richtung. Wird zu pathetisch, weinerlich - oder im Falle der Musik, zu belanglos. Aber das trübt den Gesamteindruck nicht allzu sehr. Es ist genug Serotonin im Spiel. Vergifte dich. Berlin? Wien? Alles egal, alles ist hin. Die Sonne scheint, egal. Der Regen fällt. Die Leute, egal, oder schlechter. Lieber Antimaterie. Lieber wegsehen. Oder träumen. Zuhause bleiben, saufen, abtauchen. Und aufschreiben. Kunst machen ist eine interessante Alternative. Fast ein Vergnügen sogar. Hier sind sie wieder am Ball: Isolation Berlin. Mit Vergifte dich am

25.4.  in der MuZ.

Anspieltipps: Serotonin, Vergifte dich, Melchiors Traum, Marie, Die Leute, Kicks                      

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.4.2018 


The Dead Brothers, Angst, Voodoo Rhythm Rec., 2018 - 13 Songs, 38 Min.

Ohne den Tod macht das Leben keinen Sinn, sagt Alain Croubalian, aber ohne Musik macht es ja auch keinen Sinn. Deswegen gibt es neben einigen anderen Bands auf der Welt die Dead Brothers, ein merkwürdigerweise in der Schweiz beheimatetes Musiker*innenkollektiv. Die Schweiz ist aber gar nicht so tot, wie mensch von daher meinen könnte. Vielmehr weist sie einschlägige Qualifikationen auf wie den um 1440 entstandenen und an eine Friedhofsmauer gemalten Basler Totentanz, der allerdings 1805 infolge von Vernachlässigung als "Schandfleck" von der wohlmeinenden Bürgerschaft zerstört wurde. Auch der Tod hat so betrachtet nicht das ewige Leben.

Seit 20 Jahren schaufeln die Dead Brothers nunmehr am eigenen Grab und ein Ende ist erfreulicherweise noch nicht abzusehen. Mit Angst ist jetzt das 7. Album wieder bei Voodoo Rhythm herausgekommen und es ruiniert die Party so gut wie eh und je. Herzerwärmender Schauder durchfährt eins, wenn die schaurig-schönen Klänge anheben und schon ist mensch in der makabren Pomponaise, die niemand geringerer anführt als Baron Samedi. In der Welt habt ihr Angst? German Angst? Sorge um die Zukunft,  Sorge, dass ihr nicht recht gewürdigt werdet? Dann lasst uns darauf eins tanzen! Denn das einzige, was uns wirklich zusteht, ist der Tod. Zahlreiche Bandmitglieder hat Alain Croubalians Death Blues Funeral Trash Orchester in der langen Zeit seines Existierens verschlissen, aber es fand sich immer wieder jemand, der die Lücke schliesst und frohgemut mit in die Grube springt. So auch hier wieder. Aus der tönt es angemessen schaurig schön, ein babylonisches Musikgemenge, denn der Tod kennt ja auch keine Grenzen. Dead Robert Walser ist diesmal dabei, aber auch der bekannte Poet traditional, der schweizer Cineast Dead Marc Aurelius Littler, der Chansonier Dead Serge Gainsbourgh und Dead Fred Chopin lugt aus der Kiste.  Mit dem Tod, diesem fiedelnden, trötenden und singenden Tod kann eins gut lustig sein. Das Flittergewand aus ausgesuchten Instrumentalfarben steht ihm gut, wie stets. So gesehen, und nur so, gibt es nichts Neues bei den Dead Brothers. Das finde ich gut. Und bei allen begabten Künstler*innen, die auch im Metier abgedrehter Düsternis zugange sind, finde ich nichts wirklich Vergleichbares. Die Dead Brothers haben ihre sehr eigene Stimme, einen unverwechselbaren Klang. Das Album, in den abgelegenen Vogesen angstfrei aufgenommen, wurde von Bertrand Siffert jederzeit durchhörbar abgemischt. Davon zu singen, wie es ist in schwierigen Zeiten Mensch zu bleiben ist ein ambitioniertes Ziel. Das mutet nicht nur Popmusik wie dieser etwas zu viel zu. Aber den Versuch ist es allemal wert, und so liegt ein letzter Trost doch in diesen bewegenden Klängen.

Anspieltipps: Les Papillons Noirs, Angst, Did We Fail?, Mean Blue Spirits, Angela, Es isch kei soelige Stamme 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.4.2018


Anna von Hausswolff, Dead Magic, Pomperipossa Rec./City Slang, 2018 - 5 Songs

Keine Barockmusik, kein J. S. Bach, aber eine Orgel in Sicht? Das kann nur funeral pop sein, ein Genre, einzig erfunden um die Musik von Anna von Hausswolff einzuhegen. Wie die Pflanzung um ein Grab. Ein ziemlich pompöses, ums genau zu sagen. Umstanden von Orgelpfeifen sonder Zahl. Drin, im Grab, liegt diesmal die Magie. Dennoch dominieren auf „Dead Magic“ keineswegs allein die schwarzen und weißen Tasten, auch wenn mit Filip Leyman am Synthesizer ein weiterer Keyboarder am Start ist. Es sind vielmehr die anderen vier Mitstreiter, nämlich Karl Vento und Joel Fabiansson an den Gitarren, sowie David Sabel (Bass) und Ulrik Ording (Schlagzeug), die für einen intensiven, dröhnenden Wall of Sound sorgen. Und niemand geringerer als Randall Dunn sass hinter den Reglern.

Singing from the Grave, lautete 2010 der todlustige Titel des ersten Albums einer Künstlerin, die über sich selbst sagt: "In meinem Alltag bin ich eine fröhliche Person und versuche auch, immer freundlich zu sein. Aber in meiner Musik bin ich frei und kann alles ausleben, was in meinem Alltag nicht möglich ist. Ich finde es großartig, dass ich dort in die dunkleren Ecken vordringen kann und benutze gerne aggressive Rhythmen und Melodien. Alles ist erlaubt und ich mag diese anarchische Seite der Musik." Ihrerzeit verwendete sie noch ein Klavier und klang wie eine dieser leicht ätherischen nordischen Singer-Songwriterinnen. Anschliessend legte sie auf ihre Musik ein Schippchen drauf an Wucht, eine Schaufel Melancholie, eine Lastwagenladung Düsternis und stieg um auf das Schlachtross der Instrumente, die Kirchenorgel (notfalls auch in Pocket-Size-Versionen). (Und tourte mit den Swans, unbestrittene Lehrmeister in Sachen Intensität)). Die Alben Ceremony und The Miraculous folgten und nachdem sie mit letzterer Musik länger auf Tour war, fühlte sie sich leer und ausgelaugt. Es schien, als habe die Musik ihren Zauber verloren. Die Magie, die die Mythen erzeugt, war tot. Mit ihrem Tod war Raum für Neues. Das, kurz gesagt, ist Inhalt des neuen Albums von Anna Michaela Ebba Electra von Hausswolff. The Mysterious Vanishing of Electra heisst einer der Songs. Ein Lied über sich selber? Der Zauber der Welt entfaltet sich aus dem grossen Schweigen um uns. In einer Welt, in der das Schweigen verdrängt und die alle Geheimnisse offengelegt werden, ist für solchen Zauber, überhaupt für grosse Legenden kein Ort mehr. Klingt gut, diese Sentenz, wird aber bereits durch die finster wuchtende Klangpracht des vorliegenden Albums wiederlegt. Und ist es nicht nach wie vor so, dass jedes Rätsel, das die Wissenschaft sich zu lösen unterfängt, eine Vielzahl neuer Fragen aufwirft? Die Verzauberung der Welt ist nur ziemlich oberflächlich an ihr Ende angelangt und eine nach wie vor offene Frage, die ich gar nicht gelöst haben möchte, ist, wie es sein kann, dass Musik so wirken kann wie dieses dunkel mäandernde Klangmonster, in dem sich Anna von Hausswolff nebenbei noch als Stimmakrobatin eigenen Rangs betätigt?

Anspieltipps: Einfach durch, alles.

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.4.2018


Fever Ray, Plunge, Rabid Rec., 2017 - 11 Songs, 47 Min.

Un-heimelig war Karin Drejer Anderssons erstes Album als Fever Ray von 2009 und unterschied sich somit lebhaft von vom kulturalistischen Electrodiskurspop ihres anderen Projects The Knife. The Knife sind wohl Geschichte, aber die Ideen, die hinter deren Musik steckten, waren noch virulent. So ist Plunge, das zweite Fever Ray-Album, kein Nachfolger geworden, sondern ein selbstbewusstes Gegenstück zum Vorgänger. "I wanna love you but you're not making it easy", lautet die erste Zeile des ersten Songs auf Plunge und Karin Drejer Andersson aka Fever Ray hat auch nicht vor, es uns zu einfach zu machen. Klar, Elektro in allen Spielarten ist die Ausgangsbasis des Albums und schliesst darin an die Sounds von The Knife an, aber er steckt voller Vertracktheiten und Brüchen, Banalitäten und Überspanntheit im Songformat. OK, alles also, was spannenden Pop ausmacht und entsprechend kontrovers aufgenommen wird. Und eine so bewusst sich mit den Realitäten auseinandersetzende Künstlerin weiss, was sie da mit Absicht entfesselt.

Die Verhältnisse haben sich in uns eingeschrieben, aber damit das nicht so bleibt, müssen sie ins Wanken gebracht werden. Die Verhältnisse sind etwa die einer Welt, die Menschen zum Mond fliegen lässt, aber zugleich bestrebt ist, an der heteronormativen Kleinfamilienwelt festzuhalten. Karin Drejer Andersson war wie so viele von uns ein Teil davon, bevor sie andere Facetten an sich wahrgenommen hat. Sex ist dann auch ein grosses Thema dieses Albums, das sich Einlassen auf Neues, Ungeahntes, vorläufig Unvorstellbares. Der Moment vor dem Sprung ist der Schwierigste, sagt die Musikerin sinngemäss, dafür dürfen wir uns jetzt mit diesem Album auseinandersetzen, zu dem es gleichzeitig eine comichafte Konzertperformance gibt. Und dabei haben wir noch gar nicht von den wirtschaftlichen Verhältnissen gesprochen, den widersprüchlichen Freiheiten eines Teils der Welt, die immerhin Kunst wie diese zulassen und deren Resultate doch begierig aufnehmen und einspeisen in den immerwährenden Warenzyklus. Vielleicht muss deshalb der Sound manchmal so abgedroschen klingen, die Stimme gepitcht, die Rhythmen stumpf und hart. Ein Gesamtkunstwerk, eingeschrumpft auf eine verspannt-überspannte Elektroplatte. Plunge bringt das Unbehagen auf die Tanzfläche, das Nichteinverstandensein, das Hakenschlagen angesichts einer denkbaren, wenn auch unwahrscheinlichen Vereinnahmung. Als Fazit eine absurde Frage: Kann Deutschland zu Fever Ray, zu Plunge gehören?  Die Antwort müsst ihr euch schon selber geben. Keine Namen.   

Anspieltipps: Wanna Sip, Mustn´t Hurry, A Part Of Us, IDK About You, This Country, Red Trails, An Itch

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.4.2018    

Dirtmusic, Bu Bir Ruya, Glitterbeat Rec., 2017 - 7 tracks, 42 Min.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, hiess es früher einmal. Aber, was wären wir ohne die Schmuddelkinder? Die beste Popmusik ist dreckig und kennt wenig Berührungsängste. Dirtmusic nennen sich gleich mal so. 2007 kamen Chris Eckman (Walkabouts), Hugo Race (Bad Seeds) und anfänglich Chris Brokaw zusammen um mit akustischen Instrumenten nach psychedelischer Musik des 21. Jahrhunderts zu schürfen. Sie fanden sie recht bald im Wüstensand, spielten aufregende Alben ein mit den grandiosen Tuareg-Musikern von Tamikrest und später anderen fabelhaften malischen Musikern. Sehr konkrete Schatten auf die Musik warf dann die Übernahme des malischen Nordens durch Islamisten. Mit ihrem neuen Album begeben sie sich in eine kaum weniger ruhige Weltgegend. Die Aufnahmen zu Bu Bir Ruya entstanden in einer Garage in Istanbul. Jetzt mit dabei: Murat Ertel, Frontmann der türkischen Psychedelic-Band Baba Zula, den sie zuvor kennengelernt hatten. „Aber zurück in die ehemalige Istanbuler Garage. Wie nicht anders erwartet, wollten Eckman und Race auch auf dem neuen Album improvisieren, da sie immer noch eine starke Verbindung zu den Jahren in Bamako fühlten. Sie kamen mit einer Handvoll Beats und Loops – und waren nicht einmal sicher, ob sie in dieser Ausgabe von Dirtmusic der Musik überhaupt Worte hinzufügen wollten. Aber Murat Ertel wusste, dass man eine Geschichte erzählen sollte, denn der gewählte Ort und die Zeit verlangten es so: Die Aufnahmen fanden in Istanbul statt; Chris Eckman reiste von Slowenien aus dorthin, einem Land, das seine Südgrenze mit Stacheldraht gesichert hat, und Hugo Race kam aus Australien, wo über das Meer ankommende Flüchtlinge auf unbestimmte Zeit auf weit weg gelegenen Inseln interniert werden. Und so kam es zu einer Geschichte von Grenzen und Mauern, von kalten Fronten und kalten Herzen“, so der Pressetext, den ich hier, weil einfach passend, übernehme. Mit „Wenn ich ein Turnschuh wär“ haben die Goldenen Zitronen vor Jahren schon auf den Punkt gebracht, worum es geht. Dirtmusics aktuelles Album Bu Bir Ruya erzählt ähnliche Geschichten  mit anderen Mitteln. Wobei ein Song wie The Border Crossing in seiner ruppigen Gangart und mit Klartext schon sehr deutlich macht, wo die Musiker sich sehen. Weltenbummler mit dickem Portmonnaie und goldenen Kreditkarten sind überall willkommen, können sich sogar Heimat erwerben. Genau genommen sind sogar Hugo Race und Chris Eckman letztlich Teil dieser globalen Elite, auch wenn sie sich diesen Status hart erarbeitet haben und als Künstler ständig darum ringen müssen. Wie einfach ist es denn für türkische Künstler*innen, zum Arbeiten in die westliche Welt zu gelangen? Und bekanntlich ist die Situation in der Türkei in vieler Sicht problematisch, die Lage etwa für unabhängige Journalist*innen nachgerade prekär. Und trotzdem gibt es künstlerische Freiheit am Bosporus, auch wenn die Gegensätze hier viel härter und schneidender aufeinander prallen als an Orten der westlichen Welt. Gute Zeiten für den Blues, dem hier reichlich psychedelisches Futter gegeben wird.  Viele Fragen, kaum endgültige Antworten, eingebettet in eine dichte, körperliche Musik. Das ist das neue Album von Dirtmusic, dessen Klangfarbe von Instrumenten wie Murat Ertels auch elektrisch verstärkten Laute Saz und Schlaginstrumenten wie Darbuka, Davul oder Bendir bestimmt wird. Dazu hypnotische Loops und wuchernde Melodien, die Körper und Geist zum Schwingen bringen, ohne dabei in Beliebigkeit abzudriften. Und immer dabei die Geschichten von Grenzen und anderen harten politischen Realitäten, angesichts der Murat Ertel sagt „Wir brauchen Musik wie diese, um vernünftig zu bleiben“. Eingespielt wurde das ebenso intensive wie berückende Album von Hugo Race: Vocals, Gitarren, Bass, Loops, Programming - Chris Eckman: Vocals, Gitarren, Loops, Kalimba - Murat Ertel: Vocals, elektrische Saz, Divan-Saz, Bağlama Rhythmusmaschine - Ümit Adakale: Darbuka, Davul, Bendir, Percussion. Als Gäste:
Gaye Su Akyol: Vocals (Track 4), Brenna Mac Crimmon: Vocals (Tracks 1,5),Görkem Şen: Yaybahar (Tracks 6,7).
"Bu Bir Ruya" ("Das Ist Ein Traum"): Ein Freiraum, erschaffen angesichts der Grenzen, hinter der sich eine Menge Menschen leider freiwillig begeben.

Anspieltipps: Bi De Sen Söyle, The Border Crossing, Love Is A Foreign Country, Safety In Numbers

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.4.2018