Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

Hier den Livesteam einschalten

 

 

Metz, Strange Peace, Sub Pop, 2017 – 11 Songs, 36 Min.

Seit 2008 gibt es Metz, 2012 kam das erste Album raus, Strange Peace von 2017 ist das dritte, es wurde von Steve Albini aufgenommen. Ein paar nüchterne Fakten zuerst, das gebietet die Informationspflicht. Noiserock ist unüberhörbar das Genre, in dem sich das aus Toronto stammende Trio bewegt, es vielmehr umpflügt. Und das ist natürlich nix Neues, konnte mensch meinen. Aber Metz verzaubern durch ihre enorme Wucht, ihre konsequente Sperrigkeit und hier neu, Spuren von Melodie. Alex Edkins, Hayden Menzies und Chris Slorach sind Metz. Strange Peace: Frieden wiederum ist ja von der Idee her etwas Schönes, in interessanten Zeiten wie diesen aber nicht so leicht zu finden. Alle Koordinaten sind ständig in Bewegung, permanente Verunsicherung ist der Boden, auf dem es standzuhalten gilt. Nicht nur 500 Jahre wirtschaftliche Expansion des Westens schlagen auf einmal zurück, befeuert von disruptiven, allerorts verfügbaren Techniken. Irgendein Herr der Lage zu sein ist nunmehr eine ziemlich unhaltbare Behauptung, nicht nur unter gender-Aspekten. Das ist das Gerüst, das diese Musik aufspannt, die nicht nur von der Lautstärke her an die Grenzen geht. Aber Strange Peace von Metz ist kein Dokument eines irgend gearteten Behauptungswillens, dafür zersetzt sich die Musik bei aller Kraftentfaltung zu stark. Und das ist gewollt. Der brachiale Lärm ist Teil des Konzepts von Metz, aber eben nur ein Teil. Wer sich von ihm umfangen lässt, ist bereit für die anderen Bestandteile dieser ungebärdigen Musik, für ihre Dissonanzen, ihre Schärfe, ihre Monotonie. Stärker als zuvor schreibt das aktuelle Album alle denkbaren Irritationen in die Songs. Und keine Lärmentfaltung kann davon ablenken. Unruhige Musik als lautstärkebeflügelte Kraftquelle in unruhigen Zeiten: Metz sind drauf und dran, dieses Konzept zu perfektionieren. Ein ebenso rabiater wie kunstvoller Hammerschlag auf dem Weg zum Frieden, ohne dabei auf Zweifel zu verzichten.     

Anspieltipps: Mess of Wires, Cellophane, Caterpillar, Sink, Raw Materials

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.2.2018 


WolfWolf, The Cryptid Zoo, Lux Noise 2017 – 14 Songs, 41 Min.

Im Zoo der ungekannten Tiere finden sich manch schöne Wesen – und ich rede hier nicht von Einhörnern. So findet sich das zunächst in der Schweiz gesichtete WolfWolf, ein haariges Wesen aus zwei Entitäten, die doch zu einer verschmelzen, sobald es aktiv wird. Gerne gesellt es sich zum Rock´n´Trash Monster, um gemeinsam auf die Pauke zu hauen, auf das des Ergetzens kein Ende sein möge. Ja, jauchzet, frohlocket! Denn das Label Lux Noise hat weder Kosten noch Mühe gescheut, die seltsamen Laute, ja Gesänge samt Geschrammel des WolfWolf und seines vergesellschafteten Wolfpack auf Tonträger zu bannen. Ein Hörfest für alle Freund*innen akustischer Kryptozoologie! Ein Rudel Monster also, besungen von Mr. Wolf und Mr. Wolf. Ein klassisches Thema seit je im Rock´n´Roll und hier mal wieder höchst unterhaltsam aufgegriffen und zu neuer Angstblüte gebracht. Die Creepy Things sind längst unter uns und haben inzwischen Facebookaccounts und Blogs. Aber das ist nicht genug. Denn sie sind ja unsterbliche Konstanten im menschlichen Gefühlshaushalt und sie alle haben jedes Recht, angemessen besungen zu werden. Dieser Aufgabe widmen sich die Herren WolfWolf mit Geschmack und dem nötigen klanglichen Understatement auf der Basis zu Herzen gehender Melodie. Tiere – Monster – Sensationen! Das alte Zirkuskonzept, es geht im Frankenstein-Gedenkjahr immer noch auf. Mit einem weiten Herz für die Bestien – sind sie doch selber welche – setzen die beiden so harmlos wirkenden Musiker ein treffsicheres musikalisches Denkmal für die Ungewöhnlichen, die Missachteten, die Sonderlinge, die teenage creatures dieser Welt. Mit kargen Mitteln wie Gitarre und Stehschlagzeug, aber ungebremster Spielfreude schreiten sie durch den Zoo dem Sonnenuntergang zu. Nicht lange wird es mehr dauern, bis der volle Mond am Himmel steht. Mächtig steht der Wald. Schon beginnt es zu kribbeln, es spannt, es juckt, im Kiefer ruckts. Die Gitter fallen. Das Tor: Es steht weit offen.  

Anspieltipps: The Blind Butcher, Linzer Walzer, Tuzemak, The Hunter From Hell, Leave This Town, Poor Cow     

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.2.2018 


Zugezogen Maskulin, Alle gegen Alle, Four Music, 2017 – 12 tracks, 40 Min.

Es war in den 1980er Jahren, als die Gesellschaft für Deutsch Amerikanische Freundschaft und das Hamburger Soziologen-Kollektiv Slime ein Resumée ihrer Untersuchungen zogen, das sich auf einen einfachen, aber zwiespältigen Nenner bringen liess, nämlich „Alle gegen Alle“: Es war auch die Zeit, als „Maggie“ Thatcher mit ihrem Hit There´s No Thing As Society die gläserne Decke zum Bersten brachte. Es war die gute alte Zeit einer bipolaren Welt und der Atomwaffen, niemand besass ein Smartphone und der Beruf Influencer*in war unausdenkbar. Reiche wurden reicher und Arme blieben arm. Als naheliegende Utopie wurde allenfalls an fliegende Autos gedacht und der Sieg über die Pocken war immerhin in Reichweite. Das war die gute alte Zeit. Die Jetztzeit, diese Zeit grad wird auch einmal die Gute Alte Zeit sein, ich schwör. Denn der programmierende Affe hat eine Mission und einen aktuellen Befund. Er lautet „Alle gegen Alle“. Und jetzt? Knapp 40 Jahre, ein Wimpernschlag der Geschichte, die Zeit von ein bis zwei Generationen und schon sind eine Menge verwendeter Worte und zahllose Begriffe für einen nennenswerten Teil der hiesigen Bevölkerung, nicht nur AfD-Wähler*innen unverständlich. Hendrik Bolz und Moritz Wilken lassen es drauf ankommen. Weil sie genau hinschauen, weil sie hier mindestens 100 Zeilen Hass abliefern und das zu recht. Recht präzise zwischen Choleriker und Chefdenker stehen Zugezogen Maskulin neben den Stühlen und blättern im Buch der Geschichte. Wir schauen ihnen dabei über die Schulter und fühlen uns ertappt. Vielleicht weil es mehr um Fragezeichen geht als Aurufezeichen?

Es geht ja alles nicht zusammen. Der mühsam erkaufte Fortschritt bringt für viele nur fade Eskapismus-Segnungen im immer längeren Leben und kommt anderswo gar nicht an. Das Konkurrenzprinzip frisst sich in immer schickerer Camouflage in immer mehr Lebensbereiche, auch wenn inzwischen wieder solidarische Gegenbestrebungen in Gang gekommen sind. Das ist die Situation, vor der sich das Musiktheater von Zugezogen Maskulin entfaltet. Dann es hat schon etwas Überwältigendes, was Testo und Grim104 unter kongenialer musikalischer Assistenz von Silkersoft uns vor den berühmten Latz knallen. Häme und Spott zum Gutteil, aber auch manchmal traurig stimmende Erinnerungen. Weil Vergangenheit in uns eingeschrieben ist. Weil Wege sich trennen, die eben noch gemeinsam beschritten worden sind. Weil die Zusammenhänge fehlen, der Generalplan, der Überblick sowieso und wir, inmitten des Schlamassels, uns gerade noch an Worten und Klängen festzuhalten versuchen. Weil sich die Gegenwart uneindeutig, aber rasant beschleunigend beisst, so wie die schwarze Frakturschrift mit dem rosa Cover des neuen Zugezogen Maskulin-Albums mit dem beziehungsreichen Titel Alle gegen Alle. Alle gegen Alle? Setz mal ein Fragezeichen dahinter. Nenn es Utopie.

Anspieltipps: Was für eine Zeit, Uwe & Heiko, Alle gegen Alle, Stirb!, Teenage Werwolf, Steine und Draht         

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.2.2018 


Celeste, Infidèle(s), Denovali, 2017 – 10 Songs, 48 Min.

Der Himmel ist blau und weit. Und dann geht er in Schwarz über, ein tiefes, unendliches, schweigend erscheinendes Schwarz. Lasst uns also über Celeste sprechen und ihr neues Album Infidèle(s), das      5. seit 2008. Und über mahlende Hoffnungslosigkeit. Über die Schönheit des Schreckens, der sich hier in glasklarer Produktion darbietet. Celeste: französische Band, tätig an der Schnittzone von Hardcore und Black Metal, gerne mit Einsprengseln von Sludge, Crust und Postrock. Zuletzt (2013) mit Animale(s) ein ausuferndes Doppelalbum abgeliefert und nun, nach etwas längerer Pause als vorher, ein knapperes, das die einzelnen Stücke deutlicher voneinander trennt als früher: Viele Farben Schwarz: Celeste, deren missmutig betitelte Alben sich gar nicht mal so sehr voneinander unterscheiden, haben für alle Freund*innen musikalischer Überwältigung und Hoffnungslosigkeit wieder einmal alles richtig gemacht. Schwarze Bilder: was Künstler*innen wie Goya malerisch umgesetzt haben, setzen Johan - Gesang, Bass, Sébastien – Gitarre, Guillaume – Gitarre, Royer – Schlagzeug in angemessen grässliche Musik um. Angemessen, soweit es um den Zustand der Welt geht angesichts denkbarer Möglichkeiten.

Einübungen in das Unvermeidliche, in Raserei, tobenden Zorn, nagenden Nihilismus. Exerzitien in Schmerz, Wut, vielleicht auch Trauer angesichts vergeudeter Möglichkeiten. Celeste, die so lieblich benannte französische Band, stellt ein paar unangenehme Fragen an die Kunst, an das Begriffsvermögen ihres Publikums, an das Leben überhaupt. Und beantwortet sie mit finsterer, überwältigender Intensität, in die hier sogar ab und zu Momente der Zurückhaltung einbezogen werden, natürlich nicht von Dauer. Celeste verfolgen ihren Weg mit Konsequenz. Das beginnt schon bei der Covergestaltung, die alles einschlägig Bemühte weitgehend vermeidet. Es setzt sich fort bei der Möglichkeit des kostenlosen Downloads und endet schliesslich bei furiosen Musik, die die Hörerschaft ebenso auslaugt wie am Ende womöglich sogar befreit. Irgendwie. Die Farbe Schwarz hat schliesslich viele Nuancen, und Celeste sind sich dessen bewusst. Infidèle(s) ist sicherlich ein Meilenstein im konsequenten Schaffen von Celeste. Und ziemlich sicher ein Album, an dem sich vergleichbare Bands von jetzt ab messen lassen müssen.

Anspieltipps: Cette Chute Brutale, Sombres Sont Tes Déboires, (I), De l'Ivresse Au Dégoût, Sans Coeur Et Sans Corps

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.2.2018 


sowie

Circuit des Yeux, Reaching for Indigo – Drag City

Jessy Lynn, Circuit des Yeux oder Mind Over Mirror: Da steckt immer Haley Fohr drin. Sie bezwingt mit ihrer tiefen Stimme, die aus einer Zwischenwelt zu stammen scheint, in der Geschlechtszuordnungen keine Rolle mehr spielen. Sie ist Fundament und Star in einem Klangkosmos, aus Geräusch, zärtlichen Streichern, skelettierten Pianosounds, sonoren Orgelflächen und vorwärtstreibendem Lärm. Nenn es avantgardistisches Songwriting oder sonstwie: Hier kommt ein umwerfendes Album.

Mariam The Believer, Love Everything – Repeat until Death

Mariam Wallentin, die schwedische Musikerin, glaubt vor allem: An die Musik. Auf ihrem zweiten Soloalbum huldigt sie ihr als Songschreiberin, Arrangeurin, Interpretin und Produzentin. Souverän bewegt sie sich dabei durch unterschiedliche musikalische Territorien und bringt mit umwerfender Kreativität auch Disparates ins grosse Miteinander. So entsteht purer Pop, der sich exzentrische Kapriolen leistet und nach dem Salto sicher auf den Füssen steht.