Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Boris, Noise                                                                                                              

 Sargent House, 2014 - 8 tracks, 57 Min.

Silbern, strahlend, schnell. Mit diesem Eindruck beginnt das 19. Boris-Album für mich. Noise betitelt, Lärm, Geräusch: das kann auch nur eine gewisse klangliche Unschärfe bedeuten statt einer wüsten Menge Krach. Jesu kommt mir in den Sinn, in belebterer Form als zuletzt vielleicht oder My Bloody Valentine. Dem Pop hatten sich Boris zuletzt ja schon stark angenähert und hier wird sozusagen eine neue Phase in diese Begegnung eingeleitet, was nicht heisst, dass das metallisch Drönende ad acta gelegt wird. Denn natürlich lässt sich das Album auch als eine Reise lesen, eine Bewegung zu etwas hin, dass dann in Grösserem, in zwei auch grossformatigen, eine je eigene Handschrift tragenden Stücken mündet. Noise übrigens, sagt die Band, ist der japanische Blues. Leuten, die Eindeutigem zuneigen, werden von Boris allerdings hier nicht bedient, zu gross ist die Spannbreite zwischen den Polen der Musik.


TV On The Radio, Seeds                                                                             

Harvestrecords, 2014 -  12 Songs, 52 Min.

Nach dem Tod des Bassisten Gerard Smith war fraglich, ob die Band überhaupt weitermacht. Nun ist sie wieder da, gehäutet. Die Saat zu etwas Neuem, Anderen wurde gelegt, das wunderlich Verschrobene früherer Alben weit in den Hintergrund gerückt. Blanke Euphorie heisst das Zauberwort. TV On The Radio gibts jetzt tatsächlich auf dem grossen Bildschirm.


E m p f e h l u n g:

Klaus Johann Grobe, Im Sinne der Zeit                                                             

Trouble in Mind Rec., 2014 - 9 Songs, 41 Min.

Klaus Johann Grobe ist kein Herr älterer Machart sondern zwei junge Männer. Sie spielen Orgel (Sevi Landolt) und Schlagzeug (Daniel Bachmann) und singen (beide, oft mit Hall). Einen Bassisten gab es auch mal, der wurde aber, heisst es nach getaner Arbeit gefeuert. Und hinterliess seinen Namen. Und sie kommen aus der Schweiz. Was sie singen, erschliesst sich oft nicht sogleich, es lohnt aber, genau hinzuhören. Soviel sei gesagt. Die Orgel ist stets präsent, gelegentlich zupackend oder nervös. Das Schlagzeug scheppert beiläufig. Manchmal lugt krautige Psychedelik um die Ecke, aber der Rest ist Partymucke. Oldschool allerdings, das mit dem Ballontanz auf dem Cover ist ernst gemeint, also 70er Jahre. Und dann swingt es, parfümiert mit einem Hauch Tropicalismo. Im Sinne der Zeit ist ein leichthändig ausgelegtes Puzzle. Selbst ein Chanson ist drin. An Krautrock darf auch mal gedacht werden, aber vor allem ist das schön schlingernde, hypnotische, aber keineswegs abgehobene Musik jenseits aller Zuschreibungen. Nur die beiden finden das (noch) gut? Wenn sie sich da mal nicht täuschen.


The Skull Defekts, Dances In Dreams Of the Known Unknown                    

Thrill Jockey, 2014 - 9 Songs, 42 Min.

Das Rohe und das Heftige sind die Sache der schwedischen Skull Defekts, dazu noch Ritual und Trance.The Skull Defekts sind primär Joachim Nordwall, der auch das noisige iDEAL-Label betreibt, Henrik Rylander, Meister traditionellen nordischen Feedbacks, der vielseitige Daniel Fagerström und der sonst auch als DJ aktive Jean-Louis Huhta, allesamt musikalisch eher zupackende Naturen. Verstärkt werden sie durch den Gesang des kauzigen Daniel Higgs, ehemals Lungfish und seitdem intensiv auf Solopfaden, hier ausserdem geistiger Ehren-Rädelsführer. Dances In Dreams Of the Known Unknown ist trotzdem ein recht zugängliches Rock´n´Roll Album geworden, obwohl zu Beginn wenig mehr als ein paar vorbereitete Riffs standen. Daraus entwickelten sich aber rasch ziemlich hypnotische Songs, in denen ein mächtig treibendes Schlagzeug schartige Gitarrensounds vor sich hertreibt. So schlicht und effektiv wirkt die Musik zugleich wie losgelassen, unterstützt von Textzeilen, die oft genug nur Satzbruchstücke wiederholen. Daniel Higgs, der nicht ständig im Einsatz ist, singt klar wie selten, auch wenn seine Worte Rätsel genug aufgeben. Dances In Dreams Of the Known Unknown schöpfen ihre radikale Wucht aus intensiver Wiederholung, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und sie schliesslich auffrisst.


E m p f e h l u n g:

Lydia Lunch - Cypress Groove,  A Fistful of Desert Blues                       

Rustblade, 2014 - 12 Songs, 49 Min.

"Lydia Lunch legt mit dem seelenverwandten Bluesmusiker Cypress Groove ein in jeder Hinsicht grossartiges, geerdetes Album vor. Es atmet die staubtrockene heisse Luft verlassener Wüstenstädte ein, inhaliert sie. Und entlässt inbrünstig vorgetragene Western-Moritaten zwischen Verlust, Verzweiflung und letztlich doch Liebe. Als Liebeslieder für gebrochene Herzen beschreibt Lydia Lunch diesen gelungenen Beweis dafür, dass sie immer noch besser ist, wenn sie das tut, was niemand von ihr erwartet. Und so ein ziemlich minimalistisches Blues & Country-Album hatte wohl niemand auf der Rechnung."

Scott Walker & Sunn O))), Soused                                                                     

4AD, 2014 - 5 Songs, 48 Min.

Gipfeltreffen. Zwei Exponenten extrem eigenwilliger Musik begegnen sich auf Augenhöhe und finden zu einem dunkel glimmenden, hoch intensiven Spiel zusammen. Hatte Scott Walker auf seinen letzten Veröffentlichungen noch auf GastmusikerInnen im Umfang eines Orchesters zurückgegriffen (Bish Bosch), so vertraut er hier der ebenso gezügelten wie angespannten Kraft eines erweiterten Sunn O)))-Kollektivs (+ Blasinstrumente). Oh ja, hier werden Grenzen ausgetestet, aber sie sind näher herangerückt als je zuvor. Walkers Texte sind anspielungsreich wie je (um nicht zu sagen verrätselt) und das dröhnende, dengelnde, verzweifelte Klanggewand, das ihnen von Greg Anderson, Stephen O´Malley und Kollegen angemessen wird, steht ihnen formidabel. Die Peitsche, die zum Einsatz kommt, hätte Marlon Brandos Herz gewiss erfreut. Besoffen (Soused) von diesem Klang: Möglich, aber es bedarf naturgemäss einer gewissen Anstrengung. 

Okkultokrati, Night Jerks                                                                                        

Fysisk Format, 2014 - 8 Songs, 42 Min.

Rüde, derb und dabei zumeist ungefällig: Okkultokrati aus Norwegen gehören definitiv nicht zur Spassfraktion. Und der durch Erkrankung von Gitarrist Pål Brederup erzwungene Synthesizereinsatz gibt dem ungewaschenen Sound noch einen weiteren Dreh ins frostige Abseits. Oft heftig und immer ungemütlich ist die Musik, die dabei herauskommt. Nichts mit Lust und Laune also im nordischen Dunkel, wie gehabt. Okkultokrati rocken den Punk wie Motorhead, heisst es im Labelinfo. Die metallische Schlagseite dazu kippt Richtung Sludge. Ein bisschen ungerührter Grössenwahn ist zwangsläufig auch dabei und der Schluss führt in eisiges Nichts. Dort erfriert einsam der letzte Beschwerdeführer. So und nicht anders gehört sich das im Reich der verborgenen Herrschaft. 

Silo, Work                                                                                                               

Novennial Paralysis, 2014 -12 tracks, 40 Min.

1998 Instar, 2001 Alloy und jetzt: Work. Silo übertreibens nicht mit Veröffentlichungen. Es hat oft einen Nachgeschmack, wenn Bands nach Jahren wieder aus der Versenkung auftauchen, aber hier gings wohl doch vor allem darum, dass sie noch Musik hatten, die gespielt werden wollte, denn die Herren sind ansonsten durchaus etabliert. Eine Rockband im Innern eines Computers, so wurde die Musik des dänischen Trios früher beschrieben. Und tatsächlich erfahren die Gitarrenspuren eine intensive digitale Bearbeitung. Mit Haken und Ösen arbeiten Frederik Ammitzbøll (guitars), Mikkel Bender (bass) und Søren Dahlgaard (drums) nach wie vor und sie lassen ausserdem Raum für ihre Vorliebe für schlingernde Rhythmen und auch abseitigen Hip Hop. (High Priest u. M. Sayyid von Antipop Cons. haben einen Gastauftritt.) So ist über die Jahre mit dem lapidar Work betitelten Album ein schillerndes, brillant klingendes Stück Musik entstanden, das immer wieder bewusst neben der Spur liegt, dabei HörerIn leichthändig einsammelt und so erst recht die Kurve kriegt.

Wolves In The Throne Room, Celestite                                                                    

Artemisia Records, 2014 - 5 tracks, 47 Min.

Farewell Black Metal, hail shiny Ambient! Das nun auch schon einige Monate vorliegende, weitgehend elektronische und von Randall Dunn (Sunn O))) ) produzierte WITTR Album Celestite wird durchaus kontrovers aufgenommen. Verweise auf Ulver und Burzum, aber auch auf Krautrock und Pink Floyd fehlen nicht in den Rezensionen. Und die meisten bemängeln gerne das Fehlen des Roten Fadens, eines nachvollziehbaren Aufbaus der Stücke. Nun, aber das ist das Wesen des hier beschworenen Kosmischen: Es hält sich nicht an menschliche Massstäbe. Es klaffen Abgründe zwischen den Ballungen konzentrierter Energie, die Leere dazwischen ist durchzogen allenfalls von feinen Materiegespinsten. Und keine Blastbeats in dieser kosmischen Sekunde. Wo Celestial Lineage, das Vorgängeralbum von  2011 sein Terrain abgesteckt hatte, schürfen die Brüder Weaver hier noch einmal tiefer, ohne dabei zugegebenermassen immer fündig zu werden. Als Information am Rand: Celestit ist ein himmelblaues Mineral. Und es soll Engelenergien channeln...

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.12.2014