Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

Hier den Livesteam einschalten

 

 

The Dad Horse Experience, Eating Meatballs on a Blood-stained Matress in a Huggy Bear Motel                                                                                  

Sacred Flu Productions, 2016 - 10 Songs - 55 Min.

Es war am 13., als ich mich nach Fürth in den sehr schönen Kunstkeller aufmachte, um mal wieder musikalische Erfahrungen zu machen. Ich wurde reich belohnt. Den unterhaltsamen Opener machte The Black Elephant Band. Was dann folgte, legte eine gute Schippe Seltsamkeit drauf, aber eine, die aus dem Herzen kam. Es kam The Dad Horse Experience, auf der Bühne eine 1-Mann-Combo mit Banjo, später auch Mandoline, einem Basspedal und einem Kazoo. Und ja, seine Stimme hatte er an diesem Abend auch aufs Wirkmächtigste dabei und nun durfte, wer dazu gewillt war, mit Dad Horse Ottn auf eine Reise gehen, die keiner Untiefe unserer Existenz aus dem Weg ging. Und ja, es mochte am Ende ein Silberstreif stehen, eine nicht nur vage Hoffnung, dass das Licht am Ende des Tunnels kein entgegenkommender Zug ist. Ich klinge, ein recht ältliches Mittelstandskind, immer noch spöttisch. Und ich fühlte mich doch sacht angefasst von einer Musik, die immer auch nicht weniger als Erlösung verspricht, von der sehr speziellen Art weissem Gospel, den Ottn auf seine Weise mit neuem, widersetzlichem Leben erfüllt.

Ottn war knapp 40, und schwer am Abstürzen, als er seinem Leben eine neue Wendung gab, Da fiel ihm ein Banjo-Lehrbuch in die Hände und kurz darauf, er selbst hätte sich nie eins leisten können, wurde ihm ein Banjo geschenkt. Ich, immer noch so verdammt ironisch: Dies, ihr Lieben, nehmt als Zeichen. Ottn, kurze Zeit später bereits The Dad Horse Experience machte wirklich und lernte zu spielen und schrieb seine Lieder. Er kam weit rum dabei und entwickelte seinen Stil des Kellergospels, Musik von einem Sünder für ebensolche, und ja, die schlimmsten Sünden wie die Trägheit des Herzens sind als solche ja oft gar nicht so leicht zu erkennen. Er ist ein Prediger, wie er es in gewissen ländlichen amerikanischen Gemeinden erfahren hat, wo jedes fünfte Haus eine Kirche ist und jedes zehnte eine Crackküche. Seine Götter sind vielleicht gar nicht einmal so weit entfernt wie jenes „Höherewesendaswirverehren“, sondern waren auf recht irdische Art wackere Sünder und auf ähnlichen Wegen zugange wie jener dünne Typ aus Norddeutschland, dessen Musik nicht so richtig rund läuft, weil das ja auf den klapprigen Wegen auch nicht taugt. Ich spreche von Johnny Cash, Hank Williams oder Hawkwind, um nur diese zu nennen. Ihnen zollt Dad Horse Ottn auf eigenwillige Weise seinen Tribut, begleitet von den scharf zirpenden Klängen seines Banjos oder der spröden Mandoline, unterstrichen vom tiefen Drönen des minimalistischen Pedalwerks.

„I´ve been putting a tattoo on me/From the inside I can´t see/What it is or what it meant/I just know the pain that I feel”. Nicht viel Licht da draussen um eineN rum, wies scheint. Und doch ist da etwas Hoffnung in dieser beschissenen Lage, und ein bisschen schwarzer Humor und ein Sinn für Abseitiges und Absonderlichkeiten im Leben eines Fahrenden, wie das sicherlich kuscheliges Huggy Bear Motel. Wo allerdings die Matratze blutgesprenkelt ist. Aber es gibt Fleischbällchen. Und diese Augäpfel in der Tasche. Aber kanns sich eins das immer aussuchen. Nehmen was kommt und ein bittersüsses, abermunteres Lied über Einsamkeit (& Gewalt) schreiben ist der bessere Teil der Lösung. Dass die schnörkellose Stimme des Vortragenden keine landläufig geschulte ist, aber eine, die sehr genau weiss, was sie uns mitteilen will, unterstreicht das nur. Auf dem aktuellen Album Eating Meatballs on a Blood-stained Matress in a Huggy Bear Motel sind Musikaerinnen wie Gregg Weis, Marco Hartz oder Gabi Swiatkowska mit dabei, die ihren Teil zur Botschaft beitragen. Und eins lernen wir auch noch: Wenn alle, wirklich alle Stricke gerissen sind, dann bleibt den Fahrenden vielleicht doch eins: Der 50 Cent-Bon von Sanifair. Ansonsten bleibt die beste Salbe für alle verwundeten Herzen natürlich: Musik.

Anspieltipps: Reach Out Your Hand Revisited, Under Swine & Bears, Huggy Bear Motel, Rain  

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.2.2016


Vögel die Erde essen, Besuch von innen                                                         

Kreismusik, 2015 – 9 Songs, 44 Min.

Warnung: Wenn Vögel Erde essen ist die Apokalypse nicht mehr fern. Aber Entwarnung: Die drei Vögel hier machen nur Musik. Und Warnung: Nach Besuch von innen ist Deine Welt nicht mehr unbedingt so wie zuvor. Und abermals Entwarnung: Er macht nur Musik. Jedoch Warnung: Vielleicht steht die Welt dann doch Kopf. Und Hinweis: Dann musst Du halt den Kopf drehen. Und drehen. Und siehst Moritz Bossmann, Jan Preissler und Oli Friedrich. Und hörst ihren hellen, hohen Gesang.

2 Radioaktiviät 3:33

Hinweis: Aus dem Umfeld des notorischen Käpt´n Peng stammt diese Truppe, die Groove und Kante, Gelärme und Melodie, Haken und Ösen zu einem schwer verdaulichen Soundbastard verhaken. Weiterer Hinweis: Dennoch werden Humanoide dadurch zum Tanzen gezwungen. Nachtrag: Irrwitz und musikalischen Übermut verschmelzen Vögel die Erde essen, vermutlich aus blankem Kalkül. Dabei scheuen sie nicht mal vor einer gewissen Nachdenklichkeit zurück, die bei derartigen Protagonisten sicher allenfalls angelesen ist. Dringende Empfehlung: Hände weg vom klassischen Bildungskanon, sonst wird schnell mal ein gotischer Sakralbau erstellt. Solche Songtitel braucht hierzulande kein Mensch. Daher an dieser Stelle was anderes.

5 Fahrstuhl nach unten 9:04

Frage: Wo geht’s zur Party? Antwort: Hier natürlich, wenn du mal unten rausgekommen bist. Warnung: Gut festhalten, denn die Genregrenzen werden hier gerne mit links überfahren. Hier fährt kein „Brennender Zug“ (Zitat) an dir vorbei. Denn die Lokomotive walzt direkt auf dich zu. Dann „beginnst du zu singen“. Bitte: Ja, tus. Tus einfach. Danke.

6 Zwei Helikopter 6:04

Resumee: Hier geht nichts zusammen. Schlussfolgerung: Daher passt es mir ganz gut. Sogar das, was etwas aufgesetzt wirkt. Im Tosen und Rasen ist viel Spass und mancher Platz für beinah melancholische Passagen. Besuch von innen ist ein Unikum, dessen behänden Spagat zwischen Noise und Postrock unsereins aushalten muss. Abschliessender Hinweis: In Innenräumen immer eine Handvoll Erde bereithalten. Für die Vögel. Für alle Fälle. Also besser nicht.

8 Einer von ihren 6:50 oder 9 Die Landfahrt 4:24, ca. 2

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z,


The Schwarzenbach, Nicht sterben. Aufpassen.                                                    

Staubgold, 2015 – 9 Songs, 48 Min.

Böse Musik am Anfang, Totsein dazwischen, auch Ungeduld. Ein Kontersong und es ist noch nicht zu Ende. Denn wir müssen: Aufpassen. Und nicht nach verschlüsselten Botschaften suchen. Das hier dies neue Album von The Schwarzenbach, es sendet sie mit strahlender Helligkeit. Lieder, die für ein Hörspiel entstanden sind um einen Maler, der nur noch mit seinen Farben spricht, gekoppelt mit einem Songbatzen, der für das Projekt „Böse Musik“ geschaffen wurde: The Schwarzenbach schrauben das mit grösster Selbstverständlichkeit zusammen und dazwischen wird nicht einmal alemannischer Dialekt ausgespart, zermürbt von einer gewissen Resignation. Aber sonst nichts davon. Es ist als musikalisch delikat gewandeter Agitprop zu verstehen, vorgetragen mit offenem Visier unter dem gewöhnlichen Wahrnehmungshorizont dieses Landes. Das kann mensch Dietmar Dath abnehmen, es aber auch als etwas hochtrabend empfinden. Unbestreitbar dagegen ist das elegante, diverse Stilarten leichthändig verflechtende Gewand, das das Kammerflimmer Kollektief als musikalischer Part von The Schwarzenbach vorführt. Geschmeidig geht das ins Ohr, und selbst die musikalische Grobstrickware von Zarte Blüte Hass ist meilenweit von auch vorstellbarem Aggrogebratze entfernt. Vermutlich erfüllt sich der Vortragende Darth Dath dabei trotzdem einen Herzenswunsch. Musikalische Konterbande, mit dem Silberstift gezeichnet, durchzieht das Album. Auch wenn das Totsein von manchen Sorgen entbindet, in der Zeit davor sollte sich niemand in seine Scheuklappen vergraben. Auch wenn die Lösungen, die den AlbummacherInnen vorschweben, allenfalls von einer kleinen Minderheit geteilt werden. Die Mimikry ist aber gut gelungen, fast zu gut. Heike Aumüller, Johannes Frisch und Thomas Weber haben mit Dietmar Dath eine auf immer andere Art geschmeidig ins Ohr gehende Musik erfunden, die gar nicht anders als missverstanden oder doch zumindest gerne gehört werden kann. Das Info ist da gar nicht festgelegt. Groove und glimmende Glut, Verspieltheit und gewitzte catchyness schmiegen sich um die Worte, deren wohlgesetzte Reime sich gar nicht mal hinterrücks in die Ohren schmeicheln. Nichts ist hier hermetisch und immer zugleich energisch Kopfsache.                                                                                   Lass das bleiben. Du machst die schöne Sache doch kaputt. Schreite den Kreis ab. Sei zugewandt. Verlier nicht die Geduld. Für Dich darfst Du nichts erwarten. Rückzug ist auch keine Lösung. Mach ein Liebeslied daraus und unterleg es mit sparsamen Akkorden. Copyleft tuts auch. Lade Deinen Akku. Nimm Rücksicht auf kleine Tiere, sie könnten Dir noch nützlich sein. Lies die Gebrauchsanweisung. Finde das Licht. Sprich die Losung. Nie wieder Krieg. Aber doch Musik.

Anspieltipps: Zarte Blüte Hass, Mänkmol meinI, Lass das bleiben, Leider bin ich tot, Kontersong, Gegen Ende            

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.2.2016 


Die Nerven, Out                                                                                                       

Glitterhouse Records, 2015 - 10 Songs, 40 Min.

Die Nerven hattens mit ihrem letzten Album schon zu so etwas wie Lieblingen des Feulletons gebracht und zu Lieblingen der FreundInnen heftiger, fordernder Musik sowieso. Hier kommt endlich auf ZORES, passend zum Konzert am

28.2.2015 K4 (mit Desastro)

ihr fast noch neues Album Out. So unverkennbar es in seinen offenen Texten die Handschrift der Nerven trägt, so hat sich doch die Musik dazu geändert. Die Ausbrüche sind noch da, aber sie definieren die Songs nicht mehr so stark. Ausser markanter Wucht findet sich stark Atmosphärisches, das freilich vom gängigen Wohlfühlen weit entfernt ist. Und noch etwas ist anders:

"Ich glaube, wir haben über die Jahre einfach auch gelernt, ’nen guten Groove zu spielen. Das konnten wir vor zwei Jahren auch noch nicht. Und deswegen machen wir’s jetzt, weil wir auch auf jeden Fall ne tanzbare Platte machen wollten. Das war von Anfang an auch eines der wenigen Credos, die wir hatten. Das wird ne Discoplatte."

Die üblichen Schubladen - Deutschpunk, Noiserock - griffen ja bei Den Nerven, wie einigen anderen, ähnlichen Bands stets zu kurz und vermochten grad mal ne lose Abgrenzung zu vermitteln. Was daran natürlich passt, ist das DIY-Ding, mit dem eigenen Standpunkt, zugleich dem Hang zur Vermeidung platter Statements. Eine ratlose, angepisste Unnahbarkeit, eingebettet inzwischen in eine Musik, die gleichermassen das Sperrige beherrscht, wie das Leichtfüssige, die fette Ausrufezeichen setzt und tönende Fragezeichen. Ein bisschen Resignation, eine Schippe Traurigkeit und alles doch kein Grund, nicht an den Songs und Sounds zu schreiben, nicht Platten aufzunehmen. Jeglicher Zorn, alle Frustration, sogar Verbitterung sind nachvollziehbar, aber kein Grund, sich unterkriegen zu lassen, nicht weiterzumachen. Mit jedem Einsatz der Stimme wird das klargemacht. Üblicher Gesang ist halt anderswo zuhaus. Die Nerven: Musik aus dem musikalischen Outback der Vororte, wo nichts passiert, wenns denn nicht selbst in die Hand genommen wird. Wo während lähmender Tage eine Wut köchelt, die sich, wenns gut läuft, produktiv Ausdruck verschafft. Wo vielleicht doch nicht alles schlecht ist, wo sich auch Zusammenhalt und Liebe finden lässt und seis die Liebe zu Musik. Und dabei bleibts dann nicht. Es geht voran. Die Sounds der "Nerd-Disco" wummern und schaffen eigene Assoziationshorizonte. Die Fragen? Bleiben. Die Strecke prägnanter Musik, die energisch dazu läuft, störts nicht mal so sehr. Bitte weitermachen. 

Anspieltipps: Barfuss durch die Scherben, Jugend ohne Geld, iPhone, Gerade deswegen, Hast du was gesagt?          

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.2.2016


Jeffrey Lewis & Los Bolts, Manhattan                                                                    

 Roughtrade, 2015 - 11 Songs, 44 Min.

Manhattan? War da was? Lou Reed ist tot, Tuli Kupferberg ebenfalls und überhaupt ist es ist zu teuer, um noch herzuziehen. Auch die coolen Menschen sind alle schon weiter. Irgendwann ist es ganz leer. Vielleicht ist das genau der Grund, Manhattan ein Album zu widmen, ebenso bunt und nachdenklich wie seine Comic Strips: Jeffrey Lewis hat es getan. Immerhin wurde er 1975 in New York geboren und wuchs in Manhattans Lower East Side auf. Jeffrey Lewis´ Manhattan also: Eine Handvoll lakonischer Songminiaturen, eingespielt mit seiner Band Los Bolts (Heather Wagner, die auch singt u. Caitlin Gray) und ein paar weiteren helfenden Händen und höchst professionell produziert von John Agnello. All das und mehr erfahren wir aus dem beigefügten Comic-Panel, das Jeffreys andere Begabung höchst launig unterstreicht. Musikalisch pendelt das Album zwischen gewohnt schrabbeligem Anti-Folk, wie nicht anders zu erwarten und einem krätzig-euphorischen Anteil Punk á la Crass, denen ja seine Begeisterung ebenso gilt und was bereits er in einem Coveralbum unterstrichen hat. Ansonsten nicht unbedingt was Neues, aber alles in prima Form. Manhattan ist eben auch nur ein Dorf, was aber für Edgar Allan Poe als Anlass zu Sorge noch der Rabe war, ist für den gemeinen Stadtbewohner heutzutage die Taube.

Anspieltipps: Sad Screaming Old Man, Back to Manhattan, Support Tours, Have A Baby, The Pidgeon

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.2.2016  


sowie

Corinna Repp, The Pattern of Electricity – Discolexique, 2015

Auszeit: Alles musste raus, auch die Musik. Manche nennens Krise. Dann löst sich der Knoten und Corinna Repp (auch in Tu Fawning) erschafft sich wie der Phönix aus der Asche neu. Mit Peter Broderick an der Seite gelingt ihr hier die „leiseste laute Musik der Welt“. Und trotzdem tritt aller grandioser Klangreiz in den Hintergrund, wenn Repp ihre Stimme erhebt.

Jad Fair & Norman Blake, Yes – Joyful Noise Rec., 2014

Sag Ja zum Nein: Der unermüdliche Jad Fair hat mit dem brillanten Norman Blake und zahllosen Gastmusikern ein raffiniert gestricktes Album eingespielt, das Verschrobenheit mit Eleganz und beachtenswerten Melodien vereint. Süsses Gift für die Ohren: “Undeletable“.