Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Islaja, S U U

Monika Enterprise, 2014 - 11 Songs, 43 Min.

Willkommen in der seltsamen Welt von Islaja. Die finnische Sängerin und Instrumentalistin Merja Kokkonen steht hinter desem alias. Suu heisst ihr aktuelles Album und dieses, ihr sechstes, ist bei Monika erschienen und schlägt zugleich eine neue Richtung ein, weg vom eigensinnigen Folk früherer Veröffentlichungen und hin zur Elektronik mit deutlichen House-Einflüssen. Eine Gemeinsamkeit bleibt allerdings erhalten: Die psychedelische Komponente, die Merja Kokkonen auch in Bandkollektiven wie zB Avarus ausleben konnte.

Ein Mund öffnet sich auf dem Albumcover: Suu, finnisch für Mund heisst es und aus diesem lehnt sich die Musikerin, um zu schauen, welche Reaktionen sie mit ihrer eigenwillig schönen, auf Synthiesounds basierenden Musik hervorruft. Das wäre zumindest eine denkbare Deutung. Denn etwas irrlichternd Verspultes, leicht Makabres zeichnet alle Songs dieses Tonträgers aus. Wobei jetzt eben nicht Anna von Hausswolff als Referenz taugen mag, sondern eher Sängerinnen wie Björk oder Nico. Wobei alle derartige Vergleiche gleichzeitig zu kurz greifen. Islaja, auch als Produzentin tätig, geht ihren eigenen Weg. Bei diesem Album, Suu, war ihre Kollegin Heidi Mortenson Mitproduzentin, sie steuerte auch zum drum-programming bei. Mit dem Umzug nach Berlin hat sich Islaja gehäutet. Die finnischen Wälder und Mythen, die ihre früheren, folkorientierten Songs prägten, weichen den Klanglabyrinthen der grossen Stadt, den flackernden Lichtern der Disco, den disparaten, fragmentierten Lebenslinien der Metropole, der eigene, andere Mythen eingeschrieben sind. Manche Sounds erinnern in ihrer Kühle und Distanz denn auch an Cold Wave und Elektropop. Aber die Geschichte ist gemacht, es geht voran. Heimisch muss darin niemand werden und eine Basis im Outsider-Folk taugt gut dazu, sich auch im quirligen Betondschungel nicht zu gefällig einzurichten. Islaja hat das auch gar nicht vor, dabei ist ihre Musik bei allen Ohrwurmqualitäten nicht zuletzt durch ihre bestimmende Stimme zu sperrig. Und doch: Es sind Songs für die besten Tage unseres Lebens. Denn noch sind wir halbwegs an diesem Leben... einem Leben, dem wir bei Bedarf immer auch eine andere Richtung geben können.

Anspieltipps: Skeleton Walk, Chaos Pilot, Travel Light, Dust from Heaven, Sandals of Alice

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.11.2014


OOIOO, Gamel

Thrill Jockey, 2014 - 11 Songs, 59 Min.

Es begann ja der Legende nach damit, das Yoshimi Yakota nicht allein zu einem Phototermin gehen wollte. Kaum vorstellbar bei einem Gründungsmitglied der brachialen Boredoms... Nun, eine ganze Reihe von Alben später, ist eine sehr souveräne Band aus diesem Jux geworden, und inzwischen können alle mit ihren Instrumenten etwas anfangen. Nur der Name macht mir noch Mühe: OOIOO heissen sie und Gamel ist ihr siebtes Album. Und, was vielleicht nur als Nebenprojekt gedacht war, entwickelte ein inzwischen gut 20 Jahre währendes Eigenleben. An der Grenze zwichen Sinn und Nonsens vollführen OOIOO so ihre klingenden Seiltänze. Nicht weit entfernt von anderen Ausprägungen des Weird Folk sind auch OOIOO auf der Suche nach Ritualen, nach verschiedenen Formen der Trance, nach selbstbewusster Selbstvergessenheit. Und es ist gewissermassen der Blick von Aussen, der die verwendeten musikalischen Elemente zu etwas Besonderen verschmilzt. Hier richtet sich der Blick von Yohimi und ihren MusikerInnen auf die alte indonesische Musiktradition des Gamelan, vertreten durch zwei in den Klangkosmos von OOIOO integrierten Metallophone. Und so erklärt sich zugleich der Titel des Albums. Was Gamel von den Vorgängern ausserdem unterscheidet, ist, dass es weitgehend live aufgenommen wurde und die ekstatische Atmosphäre sich direkt und zugleich durchhörbar auf HörerIn überträgt. 

OOIOO besteht aus hier aus Yoshimi, Olaibi, Aya, Kayano, Hama (Gamelan) und Kohey Sai (Gamelan). Was Gamel mit den früheren Alben verbindet, ist die lustvolle Verwendung ihrer Stimmen. Herkömmliches Songwriting kippt immer wieder gerne in unvermittelte Ausbrüche skandierter Buchstaben oder munterem Silbengeratter. Allerlei Singalong und Call-and Response-Abschnitte verweisen neben Anderem darauf, dass auch afrikanische Musik ihre Spuren in diesem leichtfüssigen Mash-up hinterlassen hat. Progrock und Psychedelik lassen freilich auch grüssen und verschmelzen in dieser eigenartig leichtfüssigen, organisch beschwingten Musik mit den hellen klaren Klängen der Metallophone. Zugleich schliesst sich mit Gamel ein Kreis und es wird deutlich, was immer schon an Intention in dieser Band steckte. Nicht wenige Stücke sind nämlich gar nicht neu, sondern liegen hier, quasi als Remix, als Gamelan-basierte Versionen vor. Das und der bereits erwähnte live-Charakter des Albums heben diese vitale, hypnotische, aber nie spannungsarme Musik auf eine neue Ebene. Traditionelle Gamelanmusik findet bei den unterschiedlichsten zeremoniellem Gelegenheiten Verwendung. OOIOOs Gamel dagegen feiert vor allem das Leben in seinen Windungen, Tiefen und Höhen, auf vielfältige, kaum vorhersehbare Weise. Die Musik entfaltet sich wie ein lebendiges Kaleidoskop, dessen einzelne Elemente immer aufs neue und überraschend kombiniert werden. Die leuchtenden Farben, die Blumen und Blüten des Covers versprechen, was sie halten. Was mit dem immer neu überraschenden Opener Don Ah in Gang gesetzt wird, findet seine Fortsetzung in den durchgehend groovenden Folgestücken. Ein fantastisches Spiel mit grossem Atem, mal in rasendem Tempo, mal etwas beruhigter, aber bei aller Exzentrik immer auf dem Punkt. Gamel von OOIOO darf zu den funkelnden Höhepunkten des Musikjahrs gezählt werden und beileibe nicht nur im Bereich der Pop-Seltsamkeiten.

Anspieltipps: Gibt nur ganz durchhören und laut!

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.11.2014


Fatima Al Qadiri, Asiatisch                                                                                      

Hyperdub, 2014 - 10 trax, 36 Min.

Asiatisch ist die Zukunft. Sie wird von den grossen Weltkonzernen gestaltet, an die wachsenden Zielgruppen des Ostens adressiert und in Perfektion in schönen, leuchtenden, unabsehbaren Shoppingmalls an die zahlungskräftigen Konsumenten gebracht. Könnte so sein. Stellt mensch sich im Westen jedenfalls vor, nicht nur in den oberen Konzernetagen. Vielleicht ist dabei auch nicht alles echt, vielleicht schleicht sich eine mehr oder weniger gelungene Kopie eines der globalen (westlichen) Markenartikler in die Reihen der must have-Läden ein und bietet Shanzhai zum Verkauf: Die geschäftsschädigende Kopie, zugleich aber auch Reverenz an die Strahlkraft einer globalen brand. Und genau betrachtet, mit ihren kleinen Fehlern und der womöglich geringeren Stückzahl, das rarere und damit gar eigentümlichere Produkt. Rätselhaftes Asien. Fatima Al Qadiri, ansonsten viel herumgekommen, kennt China bislang nicht. Aber sie arbeitet mit unseren Vorstellungen an ihrer Version einer imaginären Reise durch dieses Land. Konzeptkunst in einer für Einige offenen Welt, die anderen, weniger Privilegierten durchaus Angst einflössen kann, so lässt sich das Album Asiatisch von der im Senegal geborenen, in Kuweit aufgewachsenen und in den USA arbeitenden Diplomatentochter Fatima Al Qadiri beschreiben. Ein Spiel mit Referenzen und Zeichen, von eben "asiatisch" konnotierten Klängen, die aber sozusagen billig emuliert werden vor dem Hintergrund düsterer Elektrosounds. Keine Musik zum Wohlfühlen, noch weniger, bei aller exotisch verkleideten Melodik, eine zur akustischen Untermalung.

Fassadenmusik für eine Welt des schönen Scheins: Denn all diese coolen Produkte, wo und wie werden diese Statussymbole für eine internationale Elite denn gefertigt? Das ist bekannt. Selten sind es handwerklich gediegene Manufakturen, denn der Grossteil dieser must have sind genaugenommen nichts anderes als Massenartikel. Auch darauf, denke ich, verweist dann auch die Verwendung von dezidiert billigen Soundartefakten, die Fatima Al Qadiri, die mit allen Wassern gewaschene Medienkünstlerin, in ihre tracks einbaut. Und umgekehrt. Ist das, was in unseren Ohren so aufregend anders, östlich, chinesisch vielleicht klingt, mehr als ein Stereotyp, gespeist aus einschlägiger Filmmusik oder Spielesounds? Eine Art Produktfälschung steht auch am Anfang von Fatima Al Qadiris Album mit dem deutschen Titel Asiatisch. "Eine frostige, unetikettierte Coverversion des von Sinéad O’Connor hochemotional interpretierten Tränendrückers Nothing Compares 2 U. Doch der Text, den der chinesische Popstar Helen Feng in einem Nonsens-Mandarin singt, ergibt keinen Sinn, ein Dialog findet nicht statt – selbst wenn West und Ost dieselbe Sprache sprächen. Die jahrhundertealte Tradition des geistigen Eigentums und die noch ältere Tradition der Wertschätzung durch Nachahmung stehen sich gegenüber wie zwei Boxer im Ring."  Sonst aber kommt die menschliche Stimme in dieser grandios gedachten Klangarchitektur kaum vor, es sei denn als Sprachsample. Und ein track wie Shanghai Freeway klingt wie ein rasantes Update von Kraftwerks Autobahn. Ein Spiel mit Referenzen, ein Spiegel, der uns Konsumenten in die Kulissen einer durchdesigneten Neuen Welt stellt: Dieses Album zelebriert das "als ob", so dass kaum mehr klar ist, was hier irgendwie noch real ist oder als gespenstischer Wiedergänger einen Tanz mit mancherlei Verhältnissen veranstaltet. Insofern ist das alles ziemlich gelungen.

Anspieltipps: Shanzhai (For Shanzhai Biennial), Szechuan, Wudang, Loading Beijing, Dragon Tattoo, Shanghai Freeway                                  

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.11.2014 


Kate Tempest, Everybody Down                                                                                    

Big Dada, 2014 - 12 trax, 48 Min.

Drama, Baby! Kein Witz. Hier kennt jemand die Bühne und weiss, wie Geschichten zu erzählen sind. Und das Musik wichtig ist und dazugehört, aber nur Teil des Ganzen ist. Everybody down von Kate Tempest, im späten Frühling herausgekommen, ist ein wirklich bemerkenswertes Album. Kate Tempest (i.e. Kate Esther Calvert) könnte mensch für eine Aufsteigerin halten, die Geschichten von denen erzählt, die nicht so zielbewusst ihren Weg gegangen ist wie diese Musikerin, Poetin und Bühnenautorin (Ted Hughes Award 2013 für Brand New Ancients). Aber so grade verläuft der Weg nicht von einem Arbeiterhaushalt in einem miesen Stadtteil, wo es immerhin genug zu essen gab und der Vater später auf dem zweiten Bildungsweg aufgestiegen war.. Nach Schulabbruch und vorsätzlichem Herumlungern setzte sich die Liebe zum geschriebenen und gesprochenen Wort doch durch. Kate Tempest ging dann doch zur Brit School und studierte Poetry von den alten Griechen bis Eminem. Und jetzt bläst sie uns mit ihren Worten einfach um. Von Spoken Words zur Musik ist manchmal nur ein kleiner Schritt. Kate Tempest ist ihn zielbewusst gegangen. Zit. "Die ZEIT": Everybody Down berichtet in zwölf Episoden, den zwölf Tracks, aus dem Leben der Hauptfigur Becky, einer gutmütigen Studentin, die kellnern geht und als Masseuse arbeitet. Sie verliebt sich in Pete, aber ist er wirklich der Richtige, wenn der Alltag die rosa Wolken vertrieben hat? Beeindruckend, wie Kate Tempest die Psychogramme ihres Personals ausbreitet, wie sie als allwissende Erzählerin von Bruderzwist, Familientragödien, Drogendealern und Musikbiz-Idioten rappt. Wie sie aus Dialogen, inneren Monologen und Zeitgeistkommentaren einen sozialen Mikrokosmos konstruiert. Das ist bedrohlich, bisweilen auch trostlos in seiner Profanität: Menschen suchen die Liebe, weil es zusammen weniger kalt ist. Da gibt es kein Happy End, auch wenn der letzte Track diesen Titel trägt. Den instrumentalen Teil des Albums hat Dan Carey besorgt, der schon für M.I.A., Hot Chip oder Bat for Lashes einen modernen, elektroiden Sound entwarf. Er grundiert die Platte mit Stimmungen, die sich mal treibend, mal halluzinogen und nur selten sonnig unter Tempests Reime legen. In einer zweiwöchigen Fiebersession haben die beiden ihre Songs aufgenommen, nachdem Tempest zwölf Monate an den Texten gefeilt hat." Diese Arbeitsintensität hat sich perfekt auf die Dringlichkeit von Everybody Down übertragen.

Literatur im populären Rap-Gewand? Geht klar, Kate Tempest zeigt grad, das das geht, geerdet und kunstvoll zugleich zu sein. Das Wort hat den Vorrang, aber ihre biegsame, dramatische Stimme ist unüberhörbar das Instrument, mit dem es wirkt, mit dem sie in die Schlacht zieht. Es geht dabei nicht um Botschaften und Parolen, sondern um die Beschreibung eines eher schlichtes Leben mit seinen vielen notwendigen, manchmal auch falschen Entscheidungen. Und der Druck, der darin steckt, es einfach führen zu müssen, allen Widrigkeiten, allen fehlenden Aussichten zum Trotz. Die Essenz daraus treibt diese Musik, die auch keinen Glamour braucht, mit aller Wucht voran und zieht uns als HörerIn widerstandslos ins Auge des Orkans.

Anspieltipps: Marshall Law,The Truth, Chicken, Stink, The Heist, Circles

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.11.2014


The Coathangers, Suck My Shirt                                                                                      

Suicide Squeeze Rec., 2014 - 12 Songs, 37 Min.

Es gibt Begriffe, deren spezielle Bedeutung erschliesst sich einer naiven Seele (wie mir) nicht gleich. Kleiderbügel, Coathangers, zum Beispiel. Mit ihnen werden Abtreibungen durchgeführt in Gegenden, wo Frauen das auf legale Weise zu tun verwehrt ist. Und es ist ein schmutziges, grobes, gefährliches Instrument. Soviel dazu, jedenfalls Anlass zur Wut, zu der The Coathangers auch genug Anlass fanden. Das neue, Suck My Shirt, ist ihr 4. Album in den sieben Jahren ihrer Existenz, die doch zugleich einfach als Spass begann, ohne irgendwelche grossen Kenntnisse bei der Beherrschung von Instrumenten. Das allerdings hat sich verändert, wie spätestens hier, nachzuhören ist. Sie sind auch nur noch zu dritt, nämlich Minnie Coathanger (Meredith Franco, bass/vocals), Crook Kid Coathanger (Julia Kugel, guitar/vocals) und Rusty Coathanger (Stephanie Luke, drums/vocals). Bei aller Energie und Rauhheit, die in den Songs steckt: Sie sind auch gut geschrieben und gespielt. Und ab und zu liegt der Schwerpunkt auf leiseren Momenten, was allerdings nicht lange vorhalten muss. Der Name des Albums verdankt sich laut Labelinfo ja lediglich einem Missgeschick mit einer Tequilaflasche und auch sonst sind manche Themen geerdeter als früher. Es geht beispielsweise um Beziehungen und Liebe, um das Zusammensein und den damit verbundenen Schwierigkeiten ("Love Em and Leave Em"). Das Ganze im knackigen Songformat, mit einem entschiedenen Hang zu ins Ohr gehenden Melodien und mit Wucht dem geschätzten Publico um ebendiese (Ohren) geschlenzt. Mag alles in allem sich das Songwriting mit den Jahren verfeinert haben, an Emphase und Wucht gebricht es diesem Punktrio aus Atlanta nach wie vor nicht.

Als Vorband der Thermals waren The Coathangers ja auch schon hier im K4 zu hören und haben sich dabei, damals noch mit Keyboard, prima geschlagen. Mit dessen Verlust ist ein bisschen von einer gewissen rotzigen Wave-Attitude verlorengegangen, was vielleicht zu bedauern ist. Aber in der aktuellen Trio-Formation zeigen die drei Frauen andere, neue, vielleicht sogar gereifte Qualitäten in ihren Liedern, den Mut zur gelegentlichen Reduktion, was allerdings nie auf Kosten der Intensität geht. Mit Suck My Shirt haben The Coathangers ein sehr lebendiges und abwechslungsreiches Album vorgelegt, das krätzige Punk-Attitude und den gewissen Pop-Appeal charmant und gekonnt verbindet. Und zum Nebenbeihören taugts nach wie vor nicht.

Anspieltipps: Shut Up, Merry Go Round, Love Em and Leave Em, Zombie, Dead Battery,         I Wait

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.11.2014