Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Voodoo Jürgens, ´S Klane Glücksspiel, Lotterlabel, 2019 - 15 Songs, 52 Min.

Austropop hat seinen Lauf, aber das Wiener Liedgut sitzt lieber im Beisl und wartet. Es wird ja ohnehin gebraucht, allem Feschismus zum Trotz. Denn sie sind ja alle noch da, die Abgehängten und Rumtreiber, die Tachinierer, die Taxler und die, die auch beim kleinen Glücksspiel keine Trümpfe ziehen. Und dann kam David Öllerer und nahm das Wienerlied fest in den Arm. Und liess es nicht mehr los. Nach Ansa Woar ist jetzt Voodoo Jürgens´ ´S Klane Glücksspiel erschienen und macht viel Freude. Freude ist ja das, was die Beteiligten in Voodoo Jürgens Liedern nicht so oft abkriegen. Grund, sich die Welt schön zu saufen gibt es genug und kann ja auch gar nicht früh genug damit angefangen werden - im krassen Beispiel vorgeführt in 2l Eistee. Hier kann keiner seinen Namen tanzen oder hat es jedenfalls längst verlernt, denn vor dem Absturz ist fast niemand gefeit. Ja, Arme wie Reiche dürfen unter Brücken nächtigen, weshalb das gerne verboten ist. Dem Einen macht das nichts aus. Aber noch, gerade eben noch, ist es nicht so weit und im Beisl an der Ecke brennt noch Licht, wartet flüssiger Trost und spielt eine ganz unfesche, aberlustige Musik.

Wenn die Welt auch traurig ist, die Musik auf Voodoo Jürgens´ ´s klane Glücksspiel ist es eher nicht. Das liegt natürlich an der beseeligt aufspielenden Begleitcombo namens Ansa Panier, wo Geige, Quetschn, Oargl und Gebläse bella figura machen. Da findet sich mehr als ein Ohrwaschlkräuler vulgo Ohrwurm, der fröhlich Melodie zur Alltagstristesse macht. Freilich darf eins die Ohren auch aufsperren und den Worten lauschen, die der Sänger nölig über die Musik schiebt. Das ist zwar tiefes Weanerisch, aber doch nicht so unverständlich, soweit es um das beschädigte Leben geht. Voodoo Jürgens hat es nicht mehr nötig, Tote auszugraben. Die Nacht ist trotzdem manchmal schwarz wie Kindspech und da muss eins eben nur zur Hetz ein Glasl Benzin runterschütten. Das brennt und reinigt in einer Welt, die nicht mehr zum Glänzen gebracht werden kann und das womöglich auch gar nicht will. Voodoo Jürgens schaut genau hin, aber nicht mit einem Blick von oben. Er sitzt mit am Tisch und er, ja, er hat ein paar Trümpfe in der Hand. Gönn ich ihm.

Anspieltipps: ´s klane Glücksspiel, Kumma ned, Angst haums, Rode Sporttoschn         , Taxler, 2l Eistee, Schworz wie Kindspech

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.12.2019 


Mike Patton & Jean Claude Vannier, Corpse Flower, Ipecac Rec., 2019 – 12 Songs, 43 Min.

Mike Patton als musikalischen Tausendsassa zu bezeichnen ist leicht untertrieben. Ua Faith No More, Fantômas, Tomahawk, Peeping Tom und Soloarbeiten wie Kollaborationen zeigen eine aberwitzige Bandbreite seines musikalischen (Bescheid-)Wissens und seine Bereitschaft, HörerInnen jederzeit mit Verve zu überfordern. Er hat aber in Frankreich ein musikalisches Pendent in Jean-Claude Vannier, hierzulande am ehesten bekannt durch Serge Gainsbourgs Klassiker Histoire de Melody Nelson. Aber das war nur eine Facette im musikalischen Treiben dieses Mannes, der ansonsten zwischen Musique concrète, Psych Rock, Avantgarde, Pop, Novelty Music, Orchesterpomp und orientalischem Flavour zuhause ist und das anhand diverser Alben bewiesen hat, beginnend mit L'Enfant Assassin Des Mouches (1972). Das Interesse Mike Pattons an Serge Gainsbourg hat die beiden musikalischen Querköpfe zusammengeführt und im munteren transatlantischen Ping-Pong entstanden die 12 Songs von Corpse Flower – ein Strauss betörend aberwitziger Blüten.

Zum Einstieg ein bisschen Oscar Wilde, nichts könnte passender sein. Mike Patton & Jean Claude Vanniers Zusammenarbeit auf Corpse Flower hat etwas schillernd Hybrides. Genres quer durch den musikalischen Garten werden angespielt und aufeinander gepfropft, dazu gibt Mike Patton mal den Crooner, mal den auf einem imaginären Barhocker vor sich hinmurmelnden Trinker, aber auch so ziemlich jede Abstufung dazwischen. Zwischen präzisen Beobachtungen und blühendem Nonsens pendeln auch die Songinhalte, die von einem exquisiten kleinen Ensemble getragen werden. Das wirkt alles wie aus genialischen Augenblickslaunen erdacht, aus dem Willen herum zu probieren, um herauszufinden, was noch alles in den launigen musikalischen Cocktail gerührt werden kann. Ein musikalischer Wunschpunsch ist das, nicht durchwegs leicht zu geniessen, denn auf einen durchgängigen musikalischen Nenner wollte das keiner der Beteiligten bringen. Lasst es uns einfach ein Songalbum nennen, was Mike Patton & Jean Claude Vannier hier spielerisch, aber doch mit einigem Anspruch auf die Beine gestellt haben. Das Positive: Es ist wahrscheinlich für JedeN was zu finden, was gefällt – allerdings oft nicht mal einen ganzen Song lang. Und auch die Songs fächern einiges an Bandbreite von dem auf, was ihren Schöpfern musikalisch so zusagt und variieren das in leicht düsterer Atmosphäre munter in Albumlänge. Getragen wird das durch Pattons Gesang ebenso wie durch die abwechslungsreichen musikalischen Arrangements. Und Ab- und Umbrüche gehören selbstverständlich dazu. Mit feinem musikalischen Personal wie Smokey Hormel, Justin Meldal-Johnsen und James Gadson (die alle auch für Beck gespielt haben) sowie dem Bécon Palace String Ensemble wurde dieses Album namens Corpse Flower eingespielt und zu seinem Charme gehört es, das es nicht aus einem Guss ist. "Wir schufen starke, schöne und ehrliche Musik und wurden Freunde", so Vannier, der dazu Pattons Humor betont. Bevor es zu pathetisch wird, flötet der in "Pink And Bleue" zum herzzerreißendsten Musicalsound, den man sich vorstellen kann: "When I drink to much / I shit my pants." Naja – die meisten Pflanzen brauchen zum Gedeihen Dünger.

Anspieltipps: Ballade C.3.3., Cold Sun Warm Beer, Browning, Insolubles, Pink And Bleue

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.12.2019 


The Tiger Lillies and Berg Orchestra, Devil´s Fairground, Misery Guts Music, 2019 - 16 Songs, 71 Min.

30 Jahre England´s Finest - gut, mensch mag über diese meine Einschätzung ein wenig streiten - aber die Tiger Lillies haben uns zu diesem Jubiläum mit einem fetten Paket an Songs beschert. Devil´s Fairground heisst es, es spielt im kapitalistisch gewordenen Prag und wird vom flinkfüssigen Berg Orchestra fein konturiert begleitet. Im Übrigen gilt: Wo Tiger Lillies draufsteht, ist auch Tiger Lillies drin: Diese einzigartige Mischung aus mindestens Cabaret Song in Brecht-Weillscher Tradition, Vaudeville, Musette und einem Spritzer Postpunk. Manchmal hat diese rabiate Mixtur auch schon (kleinere) Schwächen gezeigt, hier aber, zum Bandjubiläum, laufen Sänger und Akkordonist Martyn Jacques, Bassist Adrian Stout und der neue Schlagzeuger Jonas Golland regelmässig zu Höchstform auf. Das klingt frisch, unverkrampft, manchmal von zartem Gefühl durchzogen und immer noch erschreckend zeitgemäss unmodern.

Die Welt ist ein übles Loch. So wird seit Jahrhunderten von Kanzeln und Pappkartons gepredigt und auch die Tiger Lillies haben sich seit jeher den Nachtseiten des Lebens verschrieben, um aus diesem Sumpf scharf schillernde Blumen des Bösen aufgehen zu lassen. Das Leben ist moribund von Anbeginn, der Mensch sucht nach Erfüllung meist seiner weniger edlen Triebe, nach Rausch, Exstase, hemmungslosem Sex und Erlösung sowieso. Dabei kommt er nie aus der Gosse, auch wenn die marmorvertäfelt ist (was auch mal vorkommt): Mit schmissigen Melodien und populären Rhythmen, manchmal aber auch wie selbstvergessen, spielen die Tiger Lillies die Musik dazu: Grimassierend, exzessiv, erlösend. Devil´s Fairground ist nicht ihr erstes Album, wo sich ein Orchester beigesellt. Es gefällt mir aber besser als Urine Palace, wo manchmal die Streicher arg pastos das Ihre zu den Songs beigetragen hatten. Hier stimmt die Balance zwischen dem makabren Trio und der Begleitung und Unterfütterung durch das nie auftrumpfende Berg Orchestra unter Leitung von Peter Vrábel. Das macht bei allen vorgeführten textlichen Misshelligkeiten erschreckend gute Laune, die nur manchmal von Mitgefühl durchzogen wird. Da sitzen wir und amüsieren uns, wo doch die Welt in Scherben ist und kein Kapitalismus kann und will das kitten. Prag ist ja ein sehr lebendiger Ort mit grosser, auch mystischer Vergangenheit. Schon kurz nach der Samtenen Revolution statteten die Tiger Lillies der Stadt einen Besuch ab und jetzt waren sie, einige Umwälzungen später und inzwischen touristischer hotspot, wieder dort zu Gast. Im September 2018 entstanden die Aufnahmen im Prager Archa Theatre und der Anspruch des Album namens Devil´s Fairground ist es, Prager Geschichten zu erzählen, zwischen dem Golem des Rabbi Löw, den Prager Friedhöfen und der Welt der Drogen - übrigens ein bisschen vom Aktuellsten, was sich die Lillies als Gegenwartsbezug leisten. Die neuesten Welten der Niedertracht bleiben, wie mir scheint, ausgespart - aber das sind ja auch nur Umverkleidungen der alten Boshaftigkeit mit allerdings erhöhter Reichweite. Eine allzugrosse Reichweite hat diese Musik ja trotzdem nicht, dafür ist sie zu abseitig, zu gut handgemacht, zu konsequent in ihrem Verzicht auf platte Überwältigung. Martyn Jacques setzt seinen charakteristischen Falsettgesang auch nur mehr sparsam dosiert ein, und zwischem allem Grellen und Geschminktem tut sich auch mal eine Tiefe auf, die von Seufzern des Mitgefühls durchzogen ist. Ja, die Welt als solche ist nicht gut eingerichtet, aber trotzdem wird sie hier nur mit eingeschränkter Perpektive betrachtet. Wer allerdings einen Einblick in die munter abgründige Welt der Tiger Lillies bekommen will, der wird mit diesem üppigen Rummelplatz von Album bestens bedient.

Anspieltipps: Devil´s Fairground, Lucky To Get Out Here Alive, Free, Lillies Are Her Home, King Of The Gutter, Drugs, Is That All There Is?          

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.12.2019 


Nodding God play Wooden Child, House of Mythology, 2019 - 7 Songs,43 Min.

Ein Wackeldackel ist ja inzwischen nur noch als ironisches Zitat automobiler Fahrtfreude vorstellbar. Auf einem Trip, der tiefe Vergangenheit mit surrealer Zukunft verbindet bietet sich ein anderes Objekt an. Und voilá: Hier ist es – die nickende Gottheit in Gestalt des dämonischen Pazuzu, der Kopf montiert auf eine glänzende Metallspirale. Der mächtig rosafarbene Hintergrund macht es nur noch… unbeschreiblicher. Das alles hat natürlich einen tiefen historischen Sinn, was den Spass an der Sache nicht ausschliesst. Nodding God play Wooden Child heisst das Album und hinter dem nickenden Gott verbergen sich zwei alte Bekannte (plus ein anonymer Dritter). Es sind zum einen David Tibet von Current 93 und Andrew Liles, lange im Dunstkreis von Nurse with wound, aber auch vielfältig solo tätig. Britische Exzentrik alter Schule, auch wenn es unglaubhaft ist, das die Band tatsächlich schon 666 Jahre alt sein soll. Zumal es mit Shaitan Boy ein dritter Beteiligter angeführt wird, der mangels Volljährigkeit eigentlich nicht hätte mittun dürfen. Es ist alles misteriös, das Wirken der Götter und unverständlich, was auch daran liegt, dass David Tibet in Schall und Hall gebadet auf akkadisch rezitiert.

Play Wooden Child ist natürlich kein Tonträger für Altphilologen, auch wenn Tibets Interesse für sehr alte Sprachen Ausgangspunkt für das Projekt war. Zielgruppe ist eher ein Publikum mit Sinn für psychedelisch schlingernde Elektronik und gutturalen, verfremdeten Sprechgesang, der Istars Gang in die Unterwelt in der neo-assyrischen Version begleiten möchte. Grosses Kulturerbe der Menschheit also, eingebettet in einen schillernden Verhau an Klängen, der auch jahrmarkthaft Grelles nicht vermeidet. Oder tönt so im Zeittunnel, bei der rasenden Fahrt ins Ur-Vergangene, retrograd die pulsierend blinkende Zukunft? Es ist nicht zu unterscheiden. Die Dimensionen falten sich ineinander und die Götter nicken sinnend dazu, verträumt und spielen. Die Songtitel klingen wie aus einem skurrilen Textbaukasten zusammengewürfelt, die Musik nimmt ordentlich Fahrt auf und David Tibet klingt, als beschwöre er allerlei nicht so ganz putzige Dämonen. Dabei ist alles ordentlich konstruiert unter Beiziehung eines Tibetschen Grimoires, der Skalen und Proportionen für die Musik festlegte. Diese interne Präzision zieht sich auch durch alle elektronischen Protuberanzen, fungiert wie ein Gefährt auf einer ausserweltlichen Reise (und welche Reise wäre ausserweltlicher als eine Reise in das Jenseits tiefster Vergangenheit?) Ein gutgelauntes Spiel also – vielleicht lässt sich damit der Charakter dieses Albums von Nodding God am besten beschreiben. Ein Spiel zwischen Spass und Ernst, zwischen Hochkultur und Popart, zwischen Unheimlichkeit und Gewitztheit, zwischen Tingeltangeltechno und einer Sprache, von der niemand weiss, wie sie wirklich geklungen hat. Nodding God ist ein ganzes Stück weit weg von dem, was angesichts der Beteiligten zu erwarten gewesen wäre und das liegt nicht nur am pinken Cover. Auf ihrer Fahrt in die Eingeweide der Zeit präsentieren sie zugleich Neues, etwas, das sie früher so sicher nicht gemacht hätten. Tibet und Liles haben sich mal eben neu erfunden. Das ist vielleicht das wirkliche Kunststück von Nodding God play Wooden Child.

Anspieltipps: Trapezoid Haunting, Natron Skipping Rope, Antimony Moon Fangs, Salamander Candy         

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.12.2019 

sowie

Lady Lamb, Even in the Tremor – DaDaBing, 2019

Aly Spaltro aus New York hat die Rolle der Bienenhüterin hinter sich gelassen und mit kongenialen Gästen ihr bislang persönlichstes Album eingespielt. Jubel und Betrübnis, Versunkenheit und Wucht gehen nahtlos Hand in Hand, jederzeit zusammengehalten durch Lady Lambs bezwingende Stimme. Die Geschichten, die sie erzählt, haben mit ihr selbst zu tun und sind nicht immer heiter. Aber einprägsam und mit unmittelbar.

Kazu, Adult Baby – Adult Baby, 2019

Kazu Makino, bekannt als Frontfrau des unbeschreiblichen Trios Blonde Redhead, präsentiert sich erstmals als Solokünstlerin. Für ihre betörend traumverlorenen, aber auch mal Kante zeigenden Songs hat sie sich illustre Gäste an Bord geholt, unter anderem Ryuichi Sakamoto. Entstanden ist ein ebenso charmant abseitiges wie eindrückliches Album. Erwachsen, aber unverkrampft.

u n d

Songs von

Yulesville! 33 Rockin´Rollin´ Christmas Blasters For the Cool Season – Bear Family Prod.