Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

Hier den Livesteam einschalten

 

 

Noveller, A Pink Sunset For No One, Fire Rec., 2017 - 9 tracks, 38 Min.

Gitarrendrones waren das Markenzeichen der Musik von Sarah Lipstate aka Noveller. Sie bilden immer noch die Grundlage, auch wenn das Instrumentarium auf ihrem achten Album A Pink Sunset For No One durch einige Pianoklänge und zartes Schlagzeug erweitert wurde. Ansonsten erschafft sie hier (erneut) einen Kosmos aus irisierenden Klanglandschaften, der ihren wachen Sinn für die unterschiedlichsten Formen nicht nur populärer Musik beweist. Jedes einzelne Stück ein fein poliertes Unikat, alle zusammen wirken wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. So jedenfalls mein erster Eindruck. Und ja, es hat etwas Abgeschlossenes, bei aller Schönheit leicht Abweisendes, das ein seltsames Gefühl von Irritation hervorruft. Aber so ist das eben: Es ereignet sich, es mag etwas zu Bedeuten haben, aber da ist niemand, der es wahrnimmt. Max Goldt sprach einmal von der „Majestätischen Ruhe des Anorganischen“ und daran fühle ich mich erst einmal erinnert.      

Novellers reminiszenzenerfüllte Musik ereignet sich also erst einmal so. Da ist die Künstlerin in ihrem Studio, ganz bei sich und die Ohren (und Finger) erfüllt mit Klang. Mit traumwandlerischer Perfektion feilt sie an ihren Tracks, bis diese alles um sich widerspiegeln, ganz am Rand auch die Persönlichkeit ihrer Schöpferin. Aber es scheint sich dann etwas zu ereignen, es wächst eine Art Spannung. Nach den eher in sich gekehrten, auch majestätisch-erhabenen Stücken des Beginns ändert sich die Dramaturgie. Dringlichkeit tritt zu Tage, die Klangfarben kippen ein wenig ins Düstere. Und ich muss sagen, das steht dem Album gut. Es ist nicht so, dass diese gewisse Selbstgenügsamkeit verschwunden wäre, aber sie gewinnt an entschieden an Zugänglichkeit. Es ist eine Art menschlicher Faktor, der sich da zeigt, der pinke Sonnenuntergang hat nun Zuschauer*innen und die ewige Wiederkehr des Gleichen wird durch ein wahrnehmendes Bewusstsein einen Augenblick angehalten. Er kann jetzt in seiner denkbaren Grösse gewürdigt werden, getragen durch die Erkenntnis, dass für uns Lebende jeder Moment, der vergangen ist, unwiederbringlich ist. Auch wenn wir morgen noch nicht sterben sollten. Da könnten wir dann immerhin noch einmal erfreut Novellers Album anhören.

Anspieltipps: A Pink Sunset for No One, Lone Victory Tonight, Trails and Trials, Corridors, Emergence 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.10.2017      


Pharmakon, Contact, Sacred Bones Rec., 2017 - 6 tracks, 32 Min.

Seit gut zehn Jahren ist Margaret Chardiet aka Pharmakon in der Noise-Scene unterwegs und hat mit Abandon und Bestial Burden Alben vorgelegt, die ihre eigenen hohen Massstäbe in Sachen visceralen Klangs setzten. Kurz, sie waren präzise, gut gezielte massive Schläge auf die Eingeweide der Konsument*innen, die einiges von dem spüren liessen, was den Menschen so ausmacht in Sachen Körperlichkeit, seiner Verletzlichkeit, seiner Nacktheit angesichts der Unbegreiflichkeit unseres Daseins. Da schliesst sich das neue Album namens Contact ziemlich nahtlos an, auch wenn es ein anderes Thema hat. Nämlich Transzendenz. Das über die eigene monadenhafte Existenz Hinauswachsen. Ständig sich wiederholende, meist sägende und rasselnde Geräusche liefern das akustische Nagelbett, aus dem sich öfter als früher Pharmakons durch Batterien von Verzerrern gejagte Stimme windet. Es geht ja auch ums Herausgehen, ums Ausser-sich-Sein, um Kontakt mit Entitäten ausserhalb dieses so verwundbaren, je einzelnen menschlichen Körpers. Das ist dann schon aller Anstrengungen wert, auch und gerade von Seiten der Zuhörerschaft. All das, was da ausgestellt, vorgeführt, zum knirschenden Laufen gebracht wird: Ist nämlich für euch.                                                                                                                Musik, die noch in ihrer Transzendierung direkt auf den Solarplexus zielt: Das findet sich in Pharmakons neuem Album Contact in beängstigender Perfektion. Rauh, repetitiv und nicht unbedingt eingängig ist der Klang, wobei auf allzu grelle Effekthascherei verzichtet wird. Pharmakon ist eine präzis arbeitende Künstlerin, die genau weiss, was sie will. Sie verstrickt sich nicht in einer Flut von Veröffentlichungen und so ist auch Contact ein gerade einmal halbstündiges Album geworden. Trance einmal anders: Es ist nicht so leicht, sich aus den physischen Beschränktheiten zu befreien. Hier und jetzt bedarf es für viele einer schweren Maschinerie, diesen so unterstützenden und schätzenswerten Körperpanzer aufzubrechen und zu verlassen. Die freigesetzten Energien sind beträchtlich und nicht unbedingt in jedem Fall Anlass zur Freude. Ich freilich habe meinen grimmen Spass daran. Fokussieren, loslassen, fallen – nach oben in dunkle, atmende Unendlichkeit aller Anderen.                             

Anspieltipps: Nakedness of Need, Somatic, No Natural Order – oder, besser noch: Einfach durchhören!

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.10.2017


Council Estate Electronics, Arktika, Glacial Movements / Iceberg Series, 2016 - 8 tracks, 59 Min.

Die Schrecken des Eises und der Finsternis, Stoff, aus dem Romane sind, die von Hoffnungen und Scheitern berichten: Ach sie werden weniger. Wenn sich zB ein neu in Dienst gestellter russischer Atomeisbrecher den Gewalten entgegenstemmt und die Erderwärmung das Ihre tut: Dann wird’s vielleicht kein Sonntagnachmittagskaffeeausflug sein, den Seeweg im Norden Russlands zu befahren, aber auch kein Ding wirtschaftlicher Unmöglichkeit mehr sein. So ein auftretender Eisberg hats natürlich trotzdem noch in resp. unter sich. Von diesen Dingen haben sich Justin K Broadrick und Diarmuid Dalton zu einem Album inspirieren lassen, das in der Iceberg Series des ital. Elektro-Labels Glacial Movements erschienen ist. Arktika von Council Estate Electronics ist ihre dritte Veröffentlichung und in der Themenwahl etwas anders als die Vorgängeralben. Von Birmingham nach Sankt Petersburg, von harschen Industrial-Reminiszenzen und Kraut-Synthiesounds zu ebenso schwer wie geisterhaft durch die Wellen des Nordmeers pflügendem Techno-Dub. Sol lassen sich kurz die Stationen umreissen, die das musikalische Allroundtalent Justin K Broadrick und der Jesu-Bassist Diarmuid Dalton vor knapp zehn Jahren in die Gänge gesetzt haben. Birmingham ist der Ausgangspunkt, hier sind beide Musiker aufgewachsen. Aber der Weg führte sie über zahlreiche Stationen weiter und durch ziemlich alle Spielarten nicht nur elektronischer Musik. Arktika, diese nautische Expedition, ist auf alle Fälle zu einem Dickschiff geworden, das zugleich in seiner halligen Verspultheit etwas von einem Fliegenden Holländer an sich hat.

Imaginationen einer Seefahrt durch schwierige Gewässer, titelmässig aufgehängt an technischen wie nautischen Begriffen. Ja, so ein atomgetriebener Eisbrecher ist schon ein mächtiger Brocken aus diffiziler Technik und massivem Metall und eignet sich von daher gar nicht mal so schlecht als Ausgangspunkt zu einer abenteuerlichen Fahrt auch musikalischer Art. Auch wenn mit Verlusten nicht mehr unbedingt zu rechnen ist. So jedenfalls die Vision. Aber kann das alles trotzdem gut gehen? Mehr als ein Hauch von Unbehagen liegt immer wieder über den stampfenden Klängen von Council Estate Electronics. Machbarkeitsfantasien und Hybris liegen auf einem schmalen Grat nebeneinander. Die Fantasmen dieser ebenso massiven wie halluzinatorischen Musik erzählen eine Geschichte, die möglicherweise anders ausgeht als in kühnen Unternehmensplänen vorgesehen.    

Anspieltipps: Urals, 567 foot 33,500 ton, Rosatom, Liquified natural gas, 60 Megawatt 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.10.2017


ZORES Playlist 3.10.2017

Noveller.................................................Lone Victory Tonight

Noveller.................................................Trails and Trials

Noveller.................................................Corridors         

Noveller.................................................Emergence      

Pharmakon............................................Somatic

Pharmakon............................................Nakedness of Need

Pharmakon............................................No Natural Order

Council Estate Electronics......................567 foot 33,500 ton

Council Estate Electronics......................Rosatom

Council Estate Electronics......................60 Megawatt    

Council Estate Electronics......................Urals   

Actress.................................................Untitled 7

Actress.................................................Blue Window   

Actress.................................................X22RME

Actress.................................................CYN    

Actress.................................................Runner 

Actress.................................................Visa    

Noveller.................................................A Pink Sunset for No One

Felix Kubin............................................Stelle am Mund