Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Tortoise, Touch

International Anthem, 2025 - 10 tracks, 44 Min.

Es gibt es noch, das gute Amerika. Tortoise gehören zweifelsohne dazu. Die altgediente Indieband veröffentlicht nach langen Jahren wieder ein Album. Das lehnt sich musikalisch nicht aus dem Fenster. Denn einen Film guckt mensch doch am liebsten nicht draussen (Sorry, Sommernachtskino). Und so etwas wie einen Film ohne Bilder hat die Band mit Touch vorgelegt. Eine Art Roadmovie, ohne Aufgeregtheit, aber mit jeder Menge Feinarbeit. Zumeist entspannt, auch wenn das Album mit dem Titel „Vexations“ beginnt. Hör ich da eine Spur Animal Collective heraus?

Gequält klingt hier gar nichts. Grosses Können, das nie zur Routine erstarrt, beweisen Tortoise auf ihrem neuen Album Touch. Und es berührt einen wirklich. Wobei sich das Tempo meist an der namensgebenden Schildkröte orientiert. Da bleibt dann Zeit für filigrane Details, die in ein solides Bett aus vorwiegend Postrock und Kraut eingebettet werden. Eine Prise Jazz ist auch darunter (Das Album ist immerhin bei International Anthem erschienen), aber es erklingen auch mal technoide Beats. Ungeachtet der Entfernung, die die Bandmitglieder inzwischen trennt, erscheint die Musik wie aus einem Guss.

In den USA gibt es bekanntermassen Highways (die aber ein striktes Tempolimit aufweisen). Ob es Promenaden wie im alten Europa gibt, weiss ich nicht. Tortoises Musik passt alles in allem besser zur Promenade, die ja in gemessenem Tempo beschritten wird. Ein paar Ausnahmen gibt es. Aber den lässigen Gesamteindruck dieser Musik können sie nicht stören. Spätestens beim Einsetzen der Westerngitarren wissen wir hier: Es ist noch Zeit bis zum High Noon. Nutzen wir sie, um gute Musik zu hören. Wie die von Tortoise.

Anspieltipps: Vexations, Elka, Promenade á deux, Axial Seamount       , Night Gang  

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.2.2026 


Aya, Hexed!

Hyperdub, 2025, 10 Songs, 35 Min.

Insekten zu essen ist für viele ein absoluter Triggermoment. Dabei sind sie da oft kaum noch als solche zu erkennen. Die Tierchen, die sich auf dem Cover von Ayas zweiten Album Hexed! in einem weit geöffneten Mund tummeln, sind dagegen als fette Würmer sogleich zu erkennen und sorgen von da für einen Einstandsmoment, der einem Schlag in die Magengrube gleicht. Aber da ist die Musik noch gar nicht los.

Es bietet sich an, Ayas neues Album als wütend und fies zu bezeichnen. Aber es ist sicher auch Ausdruck von mancherlei Verstörung. Die Musikerin ist inzwischen von Manchester nach London umgezogen. Die Zeit nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums war offenbar nicht einfach und auch das spiegelt sich in den unruhig flackernden Sounds auf Hexed! Die facettenreiche Stimme von Aya wirft dazu harte Schlagschatten ins Geschehen. 

Getrieben: Sind die KünstlerInnen doch alle. Von inneren und äusseren Dämonen, von Alkohol und anderen Drogen, von Traumata und internalisierten Ängsten. Alles muss mal raus, wird mithilfe von Sound ins helle Licht des Tages gezerrt. Um ins Format eines Songs, eines tracks gepfercht werden. Kleingemacht und handhabbar, auf der Tanzfläche, der Bühne, dem Sofa zuhause. Für uns andere. Denen es meist nicht so gegeben ist, mit dem Stoff so umzugehen. Ob es freilich klappt, bleibt stets offen. Bei den Anonymen wie bei denen, die das Licht der Öffentlichkeit manxchmal wie ein Hammer trifft. Der 27 twentyseven Club hat nie zu. Auch davon handelt natürlich Hexed! das ist unvermeidbar.

Aya: So eine umwerfend-verhexende Stimme. Von kühl und klar bis  rauchig angerauht, keifend, von dramatisch bis nebenher plaudernd: alles da. Und morpht pausenlos in- und auseinander, bis uns HörerInnen so leichte Gefühle der Desorientierung überkommen. Gut so. Der Klangteppich, auf dem das geschieht, ist mit dem Namen des veröffentlichenden Labels, nämlich Hyperdub, grob umschrieben. Aber auch hier herrscht permanent Unruhe, kippen die Sounds ineinander, flirren wie von grosser Hitze aufgeheizt und stocken zu einer zeitlupenhaften Atempause. Da stehen sie dann wie ausgestellt, die Alpträume des Tages. Und singen, wie andere im Dunkeln pfeifen. Ayas Hexed wirkt wie losgelassen. Und mit grosser, auch mal ätzender Kunst gerade eben noch wieder eingefangen, auf Zehenspitzen, kurz vorm Umkippen.

Anspieltipps: of to the ESSO, Heat Death, Hexed!, navel gazer, Time at the bar        

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.2.2026


Backxwash, Only Dust Remains

Ugly Hag Rec., 2025 - 10 tracks, 41 Min.

Hip Hop, Horrorcore und Industrial: damit werden Backxwashs Veröffentlichungen bevorzugt getagt. So auch bei Only Dust Remains, dem 5. Album der sambisch-kanadischen Künstlerin. Fortsetzung respektive Abschluss einer Trilogie, die sich mit den Herausforderungen des Lebens beschäftigt, auf zumeist ziemlich rüde, schmerzerfüllte Weise. Ashanti Mutinta trägt da einiges mehr mit sich herum, als andere. Und sie zeigte der Welt ihren Finger, musikalisch wie mit Worten. Zorn und Wut auf eine bigotte Welt, Institutinen, die Menschen brechen, Anschläge auf Selbstbestimmung... es gab genug Anlass für Backxwashs Wortgewalt. Die sich auch klanglich kompromisslos manifestierte. Jetzt aber scheint ein zager Streifen Hoffnung am Horizont für die Künstlerin erschienen zu sein. Aber dafür ist womöglich ein Preis zu zahlen.

Backxwashs aktuelles Album Only Dust Remains zeigt also in eine neue Richtung. Zumindest ein bisschen. Schon der Albumtitel ist bedeutend kürzer als die im Predigerton betitelten Vorgänger - God Has Nothing to Do With This Leave Him Out of It von 2020 kann da als beredtes Beispiel dienen. Der Einstieg mit Black Lazarus gibt Hinweise - eine Wiederauferstehung. Das Ende ist herausgeschoben, aber vom Tisch ist es nicht. Wann ist das Lazarus eigentlich klar geworden? Auch Backxwash ist aus dem Dunkel ins Leben zurückgekehrt, wie sie schreibt, in dem allerdings seitdem der Tod selber herumspukt. Die Suche nach einer Form von Erlösung hat also kein Ende, die musikalische Reise führt aber ein bisschen weg von Gedröne, Geriffe und Düsternis. Backxwash hat Spass daran, sich freizuschwimmen. Und sei es auf dem Stairway to Heaven...

Immer noch Danny Brown und Musik aus Sambia, weniger Nine Inch Nails oder Liturgy, mehr Nullerjahre Cinemascope (und Nina Simone als Sample): Die Musik auf Backxwashs aktuellem Album ist weniger drückend und rabiat als vorher. Natürlich sind die Traumata nicht bewältigt, die politischen Verhältnisse  drehen gerade ab, aber das hält die queere Künstlerin nicht davon ab, ein trotziges Statement zur Selbstermächtigung zu setzen. Vielleicht ist das, ausser Wut rauschreien, eine gute Nachricht. Sich von der Welt nicht überwältigen zu lassen ist auch eine Haltung und am Ende bleibt immerhin der Staub. Und nicht nichts.

Anspieltipps: Black Lazarus, WAKE UP, DISSOCIATION, History of Violence, Only Dust Remains      

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.2.2026


Ragana + Drowse, Ash Souvenir

Flenser, 2025 - 5 Songs, 36 Min.

Die Kolleg*innen von ZOSH waren schneller, aber es ist ja auch ihr Metier. Denn bei der Kollabo von Drowse (Slowcore) und Ragana (Doom) handelt es sich unüberhörbar primär um Metal. Freilich mit viel Atmosphäre. Ash Souvenir heisst das Album und es geht um  die Asche des Mount St. Helens oder Loo-Wit Lat-kla in der Sprache der indigenen Klickitat, die seine nahe Umgebung bewohn(t)en. Eine Asche, die nach der grossen Eruption von 1980 die ganze Umgebung erfüllte. Leben erstickte, die die Welt für mehr als Einige gravierend veränderte. 

Das Roadburn brachte den Soundartist Kyle Bates und das queere Black Metal Duo Ragana für Ash Souvenir zusammen, die eine biographische Nähe zum Nordwesten der USA verbindet. Trauer und Erinnerung stehen im Mittelpunkt der wuchtigen und hoch intensiven Zusammenarbeit. Die Spannweite der Emotionen ist riesig, die hier erklingt. Feldaufnahmen und ruhige Gitarrenpartien setzen dazu immer wieder eigene Akzente in diesem grandiosen musikalischen Panorama. Das dem  Echten der Berge insofern nicht nachsteht.

Ragana und Drowse zusammen: Das ist eine hypnotisierende Mixtur aus emotionaler Überwältigung und filigraner Textur, und beide verbinden Emotionen wie Schmerz und ein denkbarer Trost. In der Aschewolke des Vulkans wurde der Tag zur Nacht, das Leben erstickte und erlosch unter einer dunklen, den Atem nehmenden  Decke. Aber das war nicht das Ende. Als sich die Aschewolke gelegt hatte, zeigte sich erstmal die Zerstörung. Aber das warauch der Aufbruch in ein Neues Leben. Aufs Nötigste reduziert erstmal, das Genügsamste zuerst. Wegbereiter, die schmerzliche Erinnerungen wecken, aber auch ein bisschen Hoffnung keimen lassen.                       

Anspieltipps: In eternal woods pt 1-3, In eternal woods pt 4, Ash Souvenir

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.2.2026


Ho99o9, Tomorrow we escape                                             

Last Gang Rec., 2025 - 11 tracks, 36 Min.

2017 haben wir euch das erste Ho99o9-Album vorgestellt, es hat uns Spass gemacht. Wut und rohe Energie, Hip Hop und Industrial - auf diesen arg gekürzten Nenner liess sich das bringen. All das trägt auch Album Nr. 3 in sich, das theOGM und Yeti Bones unlängst heraus gebracht haben. Tomorrow we escape ist es überschrieben, wurde mit einer Schar illustrer Gäste, darunter MoRuf und Chelsea Wolfe eingespielt und wirkt erwachsener (ohne an Wucht eingebüsst zu haben).

Mit dem Erwachsenwerden ist es so eine Sache. Mensch kommt eigentlich nicht drum rum. Aber Unbeschwertheit (und Unvernunft) werden dabei halt durch eine gewisse Risikofolgenabschätzung und Besorgtheit abgelöst (jedenfalls im Grossen und Ganzen). Das ist nicht verkehrt, verleiht der Kunst aber auch eine manchmal zu markante Bodenhaftung. Ho99o9 konnten diese Klippe aber doch umgehen, auch wenn Horrorattituden des Anfangs nicht mehr so viel Raum einnehmen. Dafür ist es gelungen, die vielen, alle eigentlich mit hard- beginnenden musikalischen Genres zu einem überzeugenden Ganzen zu verschmelzen. Und sich damit den real existierenden Schrecken des Alltags zuzuwenden.

Tomorrow we escape heisst das neue Album des Punk Rap Duos Ho99o9. Das impliziert aktuelle Unfreiheit, beengende Kompromisse und anstehende Neuerfindung. Ein nagendes Unbehagen, das die Musiker umtreibt und sie dazu bringt, nach Auswegen zu suchen. Die Wege, die da beschritten werden, sind nicht neu. Nicht einmal der Spass ist weg. Aber die Dringlichkeit ist grösser geworden, die Musik wirkt emotionaler, die Texte persönlicher. Die Flucht, um die es geht, ist die Flucht ins eigene Leben und das ist der Soundtrack dazu: roh, intensiv, kathartisch. Und manchmal beinah zart.

Anspieltipps: Escape, OK, i´m Reloaded, Incline, Tapeworm, Immortal

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.2.2026

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Rosalía, Lux - Columbia, 2025  

Wieder einmal neu erfunden hat sich die katalanische Musikerin Rosalía, die uns auf ihrem dritten Album das Licht bringt. Ein prometheischer (oder luziferischer) Ansatz, der nachgerade opernhafte Züge in seiner opulenten Ausführung annimmt. Ohne Netz und doppelten Boden, aber mit spirituellem Beistand verschiedener Mystikerinnen gelingt Rosalía dieser faszinierende musikalische Trapezakt.

Anna von Hausswolff, Iconoclasts - YEAR0001

Anna von Hausswolff hat das Drönen auf ihrer Orgel nicht verlernt, sich aber doch etwas popigeren Klängen geöffnet. Einschliesslich eines Saxophons, das aber in diesem, quasi erwachsener gewordenen Kontext gar nicht stört. Denn es ist nur eines von vielen Instrumenten, deren Klänge dieses in jeder Hinsicht üppige Album erfüllen. Ein umwerfendes Hörabenteuer, wie wir es erwartet haben, das aber eine grandiose Zugänglichkeit nicht scheut.