Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Kobito, Blaupausen                                                                                                  

Audiolith, 2014 - 13 Songs, 45 Min.

Die KOmbination aus BIld und TOn funktioniert im Radio ja leider nicht, aber das neue Kobito-Album werde ich euch eben auch so vorstellen. Es fügt sich ohnehin, dass Kobito am 12.9. in der DESI auftritt, wo mensch sich dann von den live-Qualitäten des Künstlers überzeugen kann. Blaupausen heisst dieses zweite Album des Gründungsmitglieds von Schlagzeiln und andere Hälfte von Deine Elstern (mit Sookee). Wer jetzt auf propagandasatten Zeckenrap hofft (oder genau dies fürchtet), wird schnell eines Anderen und Besseren belehrt. Nicht, das Politisches hier nicht sehr persönlich angesprochen wird, aber das ist nur ein Teil von den Blaupausen, die Kobito den HörerInnen präsentiert, damit die sich ihren eigenen Reim darauf machen. Musikalisch kommt das Album eher unspektakulär einher, ohne bling bling und Bombast. Es erzählt von Kobitos Welt und möchte, das mensch darin ihr/sein/e Erfahrungen wiedergespiegelt sieht, eigene Schlüsse daraus zieht. Kobito will Perspektiven zeigen ohne Parolen zu skandieren. Alle Kraftmeierei ist da fern. Dabei sind die Sounds fein und präzise gearbeitet, die Ticktickboom-Kollegen Mister Mo und Kai Kani haben prima Arbeit geleistet.  Kobitos Texte haben flow, wenn auch manchmal, da es um Inhalte geht, vielleicht ein paar Silben zuviel. Zwischen Wut und Hoffnung pegelt die Stimmung dieses Albums, aber die Hoffnung überwiegt. "Ich halte nichts davon, wenn Leute sagen ‘Ich verändere mit meiner Musik die Welt’. Andererseits habe ich natürlich eine Intention. Es gibt Leute, die sich noch viel mehr politisch einsetzen, als ich. Und wenn diese Leute dann soviel geben, aber gleichzeitig auch so oft Enttäuschung erfahren, dann hoffe ich, dass ich denen mit diesen Songs ein bisschen Kraft zurückgebe" äussert er in einem Interview. Ein grosser Teil des Albums ist in Buenas Aires entstanden, wo Kobito Abstand von deutschen Zuständen gewinnen wollte, was ganz gut funktioniert hat. Ein paar Gäste hat sich Kobito dann, zurück in Berlin, zu Blaupausen eingeladen: Pyro One, Mal Élevé, der Sänger von Irie Révoltés und Disco Ctrl, mit dem er schon lange zusammen etwas auf die Beine stellen wollte und die ihre eigene Klangfarben in die Songs einbringen. Denn, ja - trotz allen Sprechgesangs: Blaupausen ist schon auch nah an einem gewitzten Popalbum.

Welt verändern geht nur im kleinen. Kapitalismus abschaffen steht nicht wirklich auf der Tagesordnung, sich deswegen mit verschränkten Armen vors Fenster stellen ist aber auch keine Lösung. Kobito schielt nicht auf den Mainstream, würde aber gerne von seiner Musik leben können. Er möchte Verbindungen stiften, ermutigen und uns zu mehr Solidarität anstiften. Das ist sympathisch, selbst da, wo es Gefahr läuft, einfach nett zu wirken. Nett: Das in musikalischen Zusammenhängen böse Wort könnte nach Mittelmass klingen. Und das ist dieses Album eben, auch wenn es die eine oder andere kleine Schwäche aufweist, eben nicht. Hier weiss einer schon, was er will und geht seinen Weg. Und es ist schon anders gemeint, wenn Kobito "Du gibst Deiner Welt einen Ruck" rapt, als seinerzeit bei Roman Herzog. Dazu braucht es keine grossen Worte, nur etwas Nachdenklichkeit. Und Tatkraft. Und manchmal etwas Sonnenlicht.

Anspieltipps: Blaupausen, Niemals arm, Du gibst deiner Welt einen Ruck, Wut, Hoffnung, Wahre Liebe

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.9.2014 


Grim104 (same)                                                                                                         

Buback Tonträger, 2013 - 8 tracks, 29 Min.

Aus dem Abseits direkt ins Feuilleton: Grims schon letztes Jahr herausgekommenes unbetiteltes Kurzalbum hat ordentlich Wellen geschlagen. Noch ein Grund, es jetzt nochmal vorzuholen und gucken, was die Zeit mit ihm gemacht hat. Und sieh, es hat immer noch diese etwas schlingernde Schräglage, diese sperrige Punk-Attitude über dem Fluss aus etwas schrabbeligen lo-fi Sounds, der es zu etwas Speziellen macht. Und angreifbar auch, klar. Denn das ist nicht sauber nach Regeln, das ist ein über Ufer tretender Bewusstseinsstrom, der sich da artikuliert, nicht frei von Aggressivität übrigens, die sich aber anders Bahn bricht als bei den ganzen goldkettenbehängten Muskelrappern. Ein selbstbewusster Aussenseiter, der ja auch "zugezogen" ist in die Berliner Rapscene ist dieser Moritz Wilken. Mit dem geistesverwandten Testo ist er zunächst als Zugezogen Maskulin flott unterwegs. Von Buback gesignt, erscheint dann das unbetitelte Solodebut, für ihn sozusagen ein heruntergestripptes Filetstück seines Wirkens und zugleich eine kurze Lebensbilanz. Fröhlich ist das am wenigsten, vielleicht noch im traumhaften Opener Frosch. Dann wirds rasch heftiger, egal obs um Crystal Meth in Brandenburg geht oder den 2. Mai, an dem das Kindergeld vom Schweinestaat fliesst, auf den zuvor noch die Steine geflogen sind. Mehr oder direkte Anspielungen auf sprechsingende Kollegen finden sich eingestreut. Alles als hin und herschweifender Wortfluss aus Sprechgesang, der zwar Reimschemas kennt, aber nicht mehr darauf zurückgreift als unbedingt nötig. Die Welt, um die es geht, ist auch nicht geordnet. Gerade eben keine Sternstunde der Bedeutungslosigkeit ist Grim104 gelungen, mit seinem bösen Aussenseiterblick, seiner Verweigerungshaltung auch gegen zu offensichtliche (linke) Ideologie. Kenji451 liefert das düstere Fundament zu Songs, die zeigen, was unter dem Moniker Deutschrap auch möglich ist. Dabei fühlt sich Grim104 der Szene verbunden, nimmt ihre Angehörigen gegebenenfalls gegen unqualifizierte Angriffe in Schutz. Er weiss aber, und macht das klar, was er da nicht mag und was ihn auch nicht mehr interessiert. Das Gegenteil von nett also, aber das muss nicht unsympathisch sein. Rein also mit den Zähnen ins fette alte Leben. Grim104 zu lauschen ist immer noch eine bereichernde Sache.

Anspieltipps: Frosch, Crystal Meth in Brandenburg, Der kommende Aufstand, 2. Mai               

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.9.2014


Candie Hank, Demons                                                                           

Shitkatapult, 2014 - 11 tracks, 35 Min.

Candie Hank, das mutwillige alter ego des vielseitigen Patric Catani, hat schon auf der halben Welt sein Unwesen getrieben. Freilich waren es nicht immer Saus & Braus, die sein glamouröses Leben erfüllten. Er ist auch schon einmal mit Anderen aneinandergeraten und hat indes dadurch sein gigantisches Selbstbewusstsein gestärkt. Letztlich ist es nur die Bühne, auf der er seine hart errungene Arroganz verliert. Dort spielt er schellackgetränkte Salonmusik für Vampire. Sie gleicht einem hemmungslosen Pingpong über den musikalischen Abraum vergangener, besserer Epochen und einem wabbelbeinigen Tango mit der Zukunft - jedenfalls lässt sich der Künstler so interpretieren. Und es ist kein Irrtum, das ein früheres Album bein Solnze erschienen ist...

Nun ein paar harte Fakten. Candie Hank ist einer der Namen, unter denen Patric Catani seine Musik produziert. Begonnen hatte er lang vor der Jahrtausendwende ua als EC8OR mit Digital Hardcore und noch unlängst erfüllte er unser Herz mit listiger Freude, als er mit Kollege Chris Imler als Driver & Driver pumpende Parolen über den Tanzboden schallen liess. Über sieben Jahre andererseits erstreckte sich die Arbeit an dieser allzukurzen, ins heimelige Licht osteuropäischer Nostalgien gehüllten Scheibe: Ein Kampf mit Dämonen, mit denen Candie Hank letztlich seinen Frieden schliessen konnte. Der mittel- bis osteuropäische Einschlag der Musik hat biographische Bezüge, der Berliner Musiker hat feste Beziehungen nach Rumänien. Und natürlich ist es der Zusammenprall von moderner Elektronik und aus der Zeit gefallenen Musikstilen, der dem Album seine Prägung verleiht, unterstrichen sowohl von einer hibbeligen Cartoon-Atmosphäre als auch entspannten Surf-Grooves. Nun wieder ein bisschen neben die Spur, wie es dem Album angemessen ist. Aber mit Disziplin. Denn auch die steckt in diesen melodiösen Zuckerstücken, die Candie Hank so verlockend vor uns ausbreitet. Aber das kriegt unsereins erstmal nicht mit, hypnotisiert von melancholischem Geräusch, eigentümlichen Einsprechern, vergangenheitssatten Beschwörungsformeln und immer wieder diesem Rhythmus, wo eins dann doch erneut mitmuss. Sprich, was ist dein Name, Dämon? Und antworte nicht mit der Stimme meiner Mutter. Du lebst in einem Fahrstuhl und bist in einem anderen Leben ein Fuchs. Jede Nacht begibst du dich in ein magnetisches Kraftfeld, während du mit dem schwimmenden Kaninchen über Solaris und Schattenhaftigkeit grübelst. Da hilft kein Transsylvanisches Voodoo, Babyshka Demona hört lieber Surf-Gitarren. Das ist ihre Geschichte. Leider ist der charmante, kurzweilige Zauber viel zu rasch vorbei.

Anspieltipps: What is Your Name, Solaris and Shadowism, Babyshka Demona, Swimming Rabbit, Think about You Mama                                              

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.9.2014   


Venetian Snares, My Love Is A Bulldozer                                                             

Planet Mu Rec., 2014 - 12 tracks, 53 Min.

Ungemein produktiv ist Aaron Funk einerseits, mit mehr als 20 Veröffentlichungen binnen 15 Jahre und doch bisweilen zögerlich, was eben diese Veröffentlichungen angeht, wie zu lesen ist. Und so sind seit dem letzten Venetian Snares Album vier Jahre vergangen, bis jetzt My Love Is A Bulldozer herauskam: Ein Titel, der mindestens hält, was er verspricht und Aaron Funk zugleich von einer neuen Seite zeigt, als Sänger nämlich. Vorausgegangen war ein Projekt (Poemss) mit der kanadischen Produzentin Joanne Pollock, bei dem Funk ebenfalls bereits gesungen hatte. Hier nun passiert Überraschendes, ziemlich Ungeheuerliches und der enorme, hochsteigende Zentaur vom Albumcover bietet dafür ein prima Sinnbild. Ein Monster, einen hypertrophen Bastard könnte mensch dieses Album nennen aus grollendem Gesang, frenetischen Breakbeats, filigranen Gitarrenklängen, einer gewissen Jazzyness und feierlichen Synthiestreichern. Wie ein Bulldozer räumt diese Musik alle Bedenken beiseite, dass derartige Elemente nicht zusammengehen können. Nun, es geht, wen auch nicht gerade zwanglos. Einiges von dem, was hier passiert, fand sich eher subkutan schon auf früheren Alben. Hier aber rückt es in den Vordergrund, um eine Geschichte zu erzählen.

Aaron Funks Projekt Venetian Snares hatte schon immer die Fähigkeit, musikalische Welten zusammenstossen zu lassen, aber noch nie zuvor mit solcher Wucht und Emphase wie hier. Das ist, und der Vergleich kommt nicht von ungefähr, in seiner überbordenden Theatralik schon eine Art Oper, ein Drama für einen Protagonisten, der tief in die Gefilde von Vereinsamung und Ausweglosigkeit eintaucht, sich davon indessen nicht beirren lässt. Nimm dies, Winnipeg! - könnte die Devise nicht nur im ersten Track namens 10th Circle of Winnipeg lauten, wo das Sample einer ungenannten Jazzsängerin zugleich unbedachte HörerInnen auf Abwege führen kann. Das Verhältnis des Künstlers zu seiner etwas biederen Heimatstadt ist wohl nicht frei von Spannung: 2005 erschien das Album Winnipeg Is A Frozen Shithole... Mit all seiner Wucht, dem irrlichternden Drama, dem wohlkalkulierten Zusammenprall musikalischer Kulturen, wie das derzeit vielleicht nur noch der anderswo verortete Igorrr aus Frankreich drauf hat, schafft Venetian Snares eine bemerkenswert unheimelige, nervös grundierte Klanglangschaft, der immer wieder auch durch die Stimme etwas Gothisches anhaftet, in einer eigenwilligen Ausprägung allerdings. So besetzt dieses Album namens My Love Is A Bulldozer selbstbewusst seinen Platz im Abseits, denn für breakbeat-FreundInnen sind entschieden zuviel Melodien im Spiel, während alle, die musikalische Opulenz zu schätzen wissen, vom immer wieder einbrechenden Rhythmusgeschnetzel mehr oder weniger erschlagen werden. Die wenigen Passagen mit eher ruhiger Atmosphäre (wie She runs), die sich auch finden, wirken andererseits wie sediert und wirken trotzdem nicht versöhnend. Die ziemlich grosse Kunst von Aaron Funk liegt nun darin, dass das alles, wenn mensch sich auf dieses musikalische Abenteuer einlässt, doch ganz passabel zusammengeht, freilich nicht ohne eine gewisse, durchaus angenehme Verwirrung und Verblüffung zu hinterlassen. Ein Spiel mit dem Chaos, grimassierende Eigenart, Herausforderung, Überwältigung: Das alles findet sich im aktuellen Werk von Venetian Snares. Und ja, der Titelsong ist so etwas wie ein Liebeslied....                   

Anspieltipps: 10th Circle of Winnipeg, 1000 Years, My Love is a Bulldozer, She runs, Dear Poet

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.9.2014


Sage Francis, Copper Gone

Strange Famous Rec., 2014 - 14 Songs, 54 Min.

Vielfältig, was auch den diversen musikalischen Beiträgern geschuldet ist, (be)drängend, wuchtig und zugleich verspielt: Nach vierjähriger Pause hat der Rapper und spoken word-Artist Sage Francis ein neues Album vorgelegt. Copper Gone heisst das und zählt nätürlich nicht direkt zur optimistischen Sorte, auch wenn ab und zu ein Strahl von Hoffnung hervorleuchten mag. Der erste Höreindruck ist der von wohlsortiertem musikalischen Chaos, über den sich ein heftiger Strom von Worten ergiesst, mal mit, mal auch quer zur Musik, die allerlei Genre-Anleihen bereithält zwischen Metal, EDM und Dub. 2002 erschien auf Anticon Sage Francis erstes Album, Personal Journals, dem erstmal ziemlich regelmässig weiter folgten. Dann kam so etwas wie eine Selbstfindungsphase, aber jetzt ist der Wortartist Sage Francis zurück und läuft auf Copper Gone zu grosser Form und einigem Anspruch auf. Ahnlich wie sein von mir sehr geschätzter Kollege Aesop Rock ist Sage Francis ein sprachgewaltiger Wortmagier, seine Rhymes voller Anspielungen und Verweise. Das hatte er schon bei seinen Anfängen bewiesen und seitdem souverän perfectioniert. Die Arrangements auf Copper Gone sind abwechslungsreich und üppig, auch wenn sie eine deutliche Handschrift tragen, die sie vom Mainstream Rap klar unterscheidet. Leute, mit denen Francis schon lange zusammengearbeitet hat wie Alias, Cecil Otter, Buck 65, Reanimator und einige mehr zeichnen dafür verantwortlich. Gäste gibts keine, der Mann am Mikro ist jederzeit in der Lage, die gesamte Strecke des Albums allein zu bewältigen.

Die Pranke eines eigenständigen, sehr wachen Texters und Sprechers kennzeichnet dieses frische Lebenszeichen einer der US Underground Rap-Ikonen. Das springt an keiner Stelle zu kurz. Das schielt nicht nach billiger Anerkennung. Der ruppige Brocken, der uns da doch mit fast leichter Hand hingeworfen wird, will erstmal bestaunt und verdaut werden. Und es geht auch an die Eingeweide, es sind allerlei persönliche Dämonen, die Sage Francis da produktiv werden lassen. Wut, Gram und Verletzungen, Verletzlichkeit, Frustration und Zorn sind die Koordinaten, in denen sich die Textwelt des Rappers bewegt. Der Ausgang des Ringens ist offen. Francis lässt uns daran teilhaben, als Warnung womöglich. Es ist ein ehrenvoller Kampf, der da ausgetragen wird, und er ist von der Sorte, die nie vorbei ist. Copper Gone gleicht einer fulminanten Achterbahn von Gefühlen und Empfindungen, die empfängliche HörerInnen unentrinnbar in den Bann zieht.

Anspieltipps: Pressure Cooker, Grace, Over under, Vonnegut Busy, The Place She Feared Most, Say Uncle

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.9.2014 


Shabazz Palaces, Lese Majesty

Sub Pop, 2014 - 18 tracks, 45 Min.

Lese Majesty = Majestätsbeleidigung: Schöner Name für ein Album, das eher samtpfötig daherkommt, nein, sich heranpirscht, leichtfüssig schlingert, beiläufig ins Taumeln kommt, aussenseitig auf Hochglanz poliert, selbst die Widerhaken im Fluss der Musik schimmern wie im Licht einer diskret desaströsen Zukunft. Einen Trip hat das Duo Shabazz Palaces aus HipHop gemacht, oder vielleicht auch nur aus Teilen davon. Sieben Suiten bilden den Körper dieses zugleich etwas körperlosen, weil sphärischen Albums und sie haben etwas von einem surrealen, undercover abgetönten Filmscenario, von Zooms und Überblendungen, vom Anschleichen und raschem Entkommen, von seltsamen Orten, beiläufigen Bewegungen und natürlich der Anmutung von Gefahr. 

Lese Majesty ist eine brillante Herausforderung an das festgefügte Haus HipHop. Dabei hat das Album selbst etwas von Architektur, von einer visionären Bricolage aus musikalischen Artefakten aus verwandten Genres. Das booklet zeigt schliesslich eine Art Bauplan, der den sieben Suiten des Albums ihre Plätze zuweist, beginnend mit dem pleasure milieu im Souterrain bis zum luftigen Loft der Federal Bureau Boys. Aber so treffend so eine Allegorie erscheinen mag, so sehr führt sie auch in die Irre. Denn Shabazz Palaces vermessen mit ihren Mitteln nichts Geringeres als das Raum-Zeit-Kontinuum schwarzer culture, inklusive ihrer imaginären Rhizome. Lese Majesty ist auch eine Herausforderung an uns HörerInnen. Und eine Veröffentlichung, an der das Dechiffriersyndikat seine Freude haben kann. Aber muss mensch das alles wissen, was an Referenzen und Verweisen in diesen etwas kühlen, von Details gesprenkelten, elegant über Grenzen dahinflottierenden Tracks steckt? Eine Frage, deren Beantwortung bei jedem Hören - und es empfiehlt sich, Lese Majesty komplett durchzuhören - neu stellt. Und mit einem klaren "jein" beantwortet werden muss. Denn es geht ja kaum. Zu schnell verändern sich Zuordnungen, verschwimmen die Grenzen der Tracks, ist der visionäre Strom aus Worten schon wieder auf einem neuen Territorium aufgeschlagen. Was auch für die Sounds gilt, deren irisierende Vielfalt je nach Geschmack verwirrt oder entzückt. Shabbaz Palaces´ Lese Majesty ist jedenfalls ein Album, an dem sich die Geister scheiden können, ein Gesamtkunstwerk, das die Vergangenheit deutlich in Auge und Ohr behält. Aus grosser Höhe, versteht sich. Um wieder runterzukommen, halten Palaceer Ishmael Butler und Tendai Maraire, der Mann im Maschinenraum, immerhin einen Klangplan für die Rückkehr bereit. Eine sanfte Landung wird nicht garantiert. Und wohin der Weg in die Zukunft (des HipHop) führt, bleibt natürlich offen.

Anspieltipps: Dawn in Luxor, Solemn Swears  Harem Aria, Noetic Noiromantics,   …down 155th in the MCM Snorkel, #CAKE, Motion Sickness

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 2.9.2014