Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Voodoo Jürgens, Gschnas

Lotterlabel, 2026 - 11 Songs, 49 Min.

Zuerst Schmäh. Und dann Gschnas. Also reizender Plunder und Lumpenball. Aber mit allem denkbaren Talmi, Brokat und Glitter. Voodoo Jürgens hat dem Beisl der frühen Jahre den Rücken gekehrt, er hat sich da nicht, wie andere, festgehockt. Der Flügel des Erfolgs hat ihn emporgehoben, zurecht. Dann was dieser Kneipen- und Friedhofspoet ersinnt, hat eigenen Rang und Würde und reicht zur gehobenen Nischenexistenz mit Schauspielpreis. Da kann einer nicht mehr so tun, als gehöre er zur Oberklasse Unterschicht. Und das weiss Voodoo Jürgens genau und richtet sich darauf  aus, nachdenklich, aber bestimmt.

Mit Voodoo Jürgens bekam der Austropop ein neues Gesicht. Ohne Schickimicki, aber mit Schmäh. Prekär, aber mit rotziger Lebenslust. Arm in Arm mit Bruder Tod, aber darauf bedacht, nicht unbedacht ins Grab zu purzeln. Schwarzer Humor mit geschwisterlicher Humanität. Voodoo Jürgens eroberte mit seinem Orchester die kleineren Bühnen der Welt und begriff doch auch, dass er sich häuten musste, nach zehn Jahren im        Metier. Gschnas ist die Probe darauf. Und sie scheint gelungen.

Halbseiden oder Milieu wird gerne das genannt, aus dem Voodoo Jürgens die Ideen für seine ersten Songs schöpfte. Ungeschönt und nicht ohne zärtlichen Humor zeichnete er Existenzen, die sich seine Lieder eher nicht anhören würden. Das Hören besorgten dann andere Kreise, auch die vorerst nur randbürgerlich. Voodoo Jürgens gefiel, auch weil er sich nicht unauthentisch als Beisl- und Bänkelsänger zeigte. Aber er tanzte mehr als einen Sommer und sich zuletzt aus seinem Klischee heraus. Die Kunst dabei ist, der Gleiche zu bleiben, aber anders. Mit Gschnas zeigt er, wie das gehen kann.

Ein Gschnas sammelt die Reste auf und macht daraus ein Fest. Eins, auf das die Grosskopferten und die feine Gesellschaft eher nicht gehen. Weil sie davon hoffentlich nicht erfahren. Ein bisschen verhält es sich auch mit Voodoo Jürgens neuem Album so. Ich wünsche ihm, mit so wundervollem musikalischen Flitter aufgeputzt und von Zärtlichkeit durchdrungen, den gebührenden Erfolg und möchte es zugleich in meinem Herz verstecken. Mitsamt dem Faschingskrapfen.  

Anspieltipps: Vaschwindn, De an und de audan, Taxitänzer, Guade Stubn    , Somnambulen

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.8.2026


Ausgestorben, Planetenübergabe 

Major Label, 2026 - 13 Songs, 35 Min.

Allerlei Ängste, dass die Menschheit einmal ausgestorben sein könnte, treiben diverse Tech-Bros um und ümmer. Warum eigentlich? Soviel ist schon ausgestorben im Laufe eines langen Planetenlebens und, mal ehrlich, sollte die Menschheit etwa wegen ihrer Fähigkeit zum Musikmachen davon ausgenommen werden? Jens Rachut wird das mit schnörkellosem Gesang und schnörkelvollen Texten sicher bestreiten. Was soll das dann auch alles?


Ausgestorben nennt sich eine neu-alte Formation um den Charaktersänger Jens Rachut, die Mitwirkende aus Bands wie Big Balls And The Great White Idiot, Angeschissen, Die Goldenen Zitronen, Die Sterne, Das Moor, Parole Trixie oder Tolerantes Brandenburg um ihn schart. Musikalisch wird zumeist ehrlicher Arbeiterpunk geboten, aber mit kleinen Finessen für aufmerksame HörerInnen. Dazu Worte aus Rachuts Textwerkstatt: Unverblümt und rätselhaft wie Luv und Lee. Optimismus war nie Rachuts Stärke und auch hier wachsen Zweifel, ob die Planetenübergabe reibungslos vonstatten gehen wird. Schliesslich wimmelt der Teppich von Würmern und über den Rest breitet sich ahnungsvolles Schweigen. Und Johan Cruyff lebt auch nicht mehr.

Und wer soll dieses abgewirtschaftete Planetlein auch übernehmen? Den Ratten ist Einiges zuzutrauen, aber lassen sie sich überhaupt dazu bewegen? Müssen wir nicht eher den Kakerlak ins Auge fassen, die Zecke oder noch vielbeinigeres Gewürm? Kommt Rettung aus unerwarteter Ecke? Wir werdens nicht erfahren, aber dafür läuft hier Musik, die immer noch Sehnsucht nach Unbekanntem hat. Auch wenn man ihr das nicht sogleich anhört.

Ausgestorben ist Jens Rachuts neueste Band-Inkarnation. Hier besinnt er sich auf alte Punktraditionen, die beherzt in Angriff genommen werden. Die Gitarristen Atli Grund und Thomas Wenzel, Bassist Uwe Roth  und Schlagzeuger Elmar Günther streuen feine Details und auch mal in ein Gitarrensolo ins flotte Spiel, Rachuts Stimme knarzt beherzt und  erbaut eine skurille, gerade noch stark belebte Welt zwischen Hammerhaikindern, Protest und daddeligen Fuckern. Darum wär es dann doch schade...

Anspieltipps: Johan Cruyff, Beschwerde,Protestsong, Affen bügeln , Hammerhaikinder, Planetenübergabe, Ratten

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.8.2026


Rev. Beat-Man & Milan Slick, Death Crossed The Street

Voodoo Rhythm, 2025 - 10 Songs, 33 Min.

Grundsätzlich ist das eines der Alben, die ich am liebsten durchspielen würde. Es ist ja auch leider nicht besonders lang. Reverend Beat-Man, der grand father des schwyzer bluestrash, trifft auf den jungen Fürsten der Finsternis, Milan Slick. 

Milan Slick, geboren 2004, begegnete dem Beat-Man inmitten der Corona-Pandemie bei der Arbeit an Filmmusik zu Ana Lily Amirpours A Girl Walks Home           Alone at Night, einem fabulösen Vampir-Film der etwas anderen Art. Kein schlechtes Omen für eine weitere Zusammenarbeit. Für die ist Milan Slick ohnehin zu haben. So spielt er etwa mit Birdman Jäggi und in The Underground, mit denen wiederum der Beat-Man ein düsteres (was sonst) Album aufgenommen hat. Auf Death Crosses The Street ist er nun mit Gesang und an verschiedenen Instrumenten, darunter einer Höllenorgel, in trauter Gemeinsamkeit mit dem Beat-Man zu hören. In der Jukebox laufen Nick Cave und Robert Johnson.

Roh, ungestüm, suggestiv: Reverend Beat-Man predigt den Blues. In der oberflächlich so wohlhabenden Schwyz muss es ein armer Blues sein, dessen dunkles Herz lauter pocht denn je. Ein Gospel des schwarzen Blutes, in den dann andere FreundInnen desAbgründigen einstimmen können: Todesbräute, Schmerzensritter, Düsterromantiker aller Geschlechter. Denn ja: Wurde auf anderen Alben noch von denkbarer Erlösung, gar der Kraft der Liebe gesungen, scheint hier die Hoffnung erloschen. Während der Reverend noch predigt, zieht Milan Slick lakonisch den Stecker. Der Tod überquert die Strasse, sein Werk ist getan. Die Frage, was mit den Leuten in der Welt falsch läuft, hat sich erledigt. Was bleibt, ist diese rabiate, krätzige, sich überschlagende Musik, die andeutet, dass doch nicht alles falsch hätte laufen müssen. Würden die Menschen sich nur der Musik, dem Blues anvertrauen, offenen Herzens.    

Anspieltipps: I Found Out, Fuck You Jesus, Death Crossed The Stree, tIn the End, Shut up

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.8.2026


Fatoumata Diawara, Massa                                                                                          

No Format, 2026  - 12 Songs, 40 Min.

Ein musikbegabtes Kind, geboren von malischen Eltern in der Elfenbeinküste und wegen Zwangsverheiratung nach Frankreich emigriert - damit kann die Welt leben und sich erfreuen. Wie schmal der Grat ist, haben die bösartigen fakes um die Ereignisse von Ceuta gezeigt. Brain drain, art drain aus Afrika ist ok, wenn er die westliche Welt bereichert. Sonst aber?! Ob wiederum alle europäischen Auswanderer für den Rest der Welt ein Segen waren, ist zumindest fraglich, wird aber gerne unterstellt. Vielleicht sollten AfrikanerInnen trotzdem ein würdiges Leben in Afrika führen können und dazu wäre einiges zu sagen (und zu kritisieren): Aber was weiss denn ich. Fatoumata Diawaras springlebendiges neues Album heisst „Massa“ und das bedeutet soviel wie „Das Ewige“.

Afrikanische Musiktraditionen treffen auf westliche Popmusik (die wiederum einiges an afrikanischen Wurzeln in sich trägt). Das ist das musikalische Konzept, das Diawaras langjähriger Mitstreiter M aka Matthieu Chedid für dieses Album erdacht und ins Ohr gehend umgesetzt hat. Vielleicht ist das Album ein bisschen zu glatt, zu kunstfertig poliert geworden, aber es macht doch viel Freude, dieser aus vielen Quellen schöpfenden Musik zu lauschen. Auch wenn der (internationale) Pop-Aspekt die Musik durchtränkt. Und ein paar Eigenheiten entwickelt sie dann doch. Ganz selbstverständlich und unüberhörbar, wird auch in einer Sprache gesungen, die die Wenigsten von uns beherrschen...

Bisschen Vorgeschichte: Fatoumata Diawaras Laufbahn begann in der Tanzgruppe ihres Vaters, wo sie den Didadi-Tanz aufführte. 2001 spielte sie die Hauptrolle in Dani Kouyatés Film Sia Der Traum der Python und erlangte damit weltweite Aufmerksamkeit. Nachdem sie aus einer Zwangsehe geflohen war, verbrachte Fatoumata sechs Jahre als Teil der französischen Theatergruppe Royal de Luxe Compagnie mit Auftritten weltweit. Regisseur Jean-Luc Courcoult wurde irgendwann backstage auf ihr Summen aufmerksam und schlug vor, dass sie das auch auf der Bühne machen solle.

2007 führte dies zur Rolle der Hexe Karaba im Musical Kiriku und die Zauberin. Die große Sängerin Rokia Traoré bestärkte Fatoumata darin, das Gitarrenspiel zu erlernen, und so begann sie in den Bars von Paris ihre Lieder zu singen.

2011 erschien das erste Album Fatou, auf dem sie mithilfe ihrer intim klingenden Folk-Gitarre die Wassoulou-Tradition mit westlichen Funk-Einflüssen verschmolz. (nach Uta Bretsch).

Und seitdem macht sie unverdrossen weiter mit vielfältigen, auch politischen Aktivitäten.

Fatoumata Diawara ist derzeit der größte weibliche Star, den Mali der Welt gegeben hat. Sängerin, Gitarristin, Schauspielerin, Grammy-Nominierte und die erste schwarze Frau mit einer eigenen Signature-Gitarre bei Gibson Epiphone.

Die Entfernung von der Heimat muss nicht heissen, von allem Vertrauten Abstand zu nehmen. So hat Fatoumata Diawara Dinge und Traditionen zurückgelassen, von    denen sie sich trennen wollte, aber mitgenommen, was ihr Leben auch in einem fremden Land erfüllt. Ein leiser Schmerz und Zwiespalt bleiben notwendigerweise, aber auch eine stärkende Verbundenheit. So tränkt eine unzerstörbare Zuversicht die Lieder, die Diawara mit ihrer leicht herben Stimme anstimmt. Massa ist persönlich, ein Stück weit introspektiv, es thematisiert auch die Rolle der Künstlerin als Mutter und private und öffentlich Missstände. Davon weiss die Musik erstmal ziemlich wenig, denn letztlich ist die Botschaft klar. Von allen Widrigkeiten sollten wir uns nicht unterkriegen lassen und lieber die Kraft der Musik feiern.

 

Anspieltipps: Tcheba, Sigui, Massa, Fala, Farana, Tati Bakaray

 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.8.2026 

Hurray for the Riff Raff

Voodoo Jürgens, Gschnas                      22´

The Notwist

Rev. Beat-Man & Milan Slick, Death Crossed The Street 20´ 

Ausgestorben, Planetenübergabe           19´

Fatoumata Diawara, Massa                    25´    

Ladytron, Paradises                                27´


Ladytron, Paradises 

Nettwerk, 2026 - 16 Songs, 71 Min.

Nicht nur Reiseanbieter kennen verschiedene Paradise, auch die Electroband Ladytron offeriert Einschlägiges zwischen quasi Liverpool und den Balearen. Und ab und zu züngelt ein bisschen Höllenfeuer unter der polierten Tanzfläche.

Ladytron formierten sich 1997 in Liverpool und starteten ziemlich durch mit ihren eleganten Synthiepop-Hymnen, die auch mal düster schimmern. Auf dem überaus üppigen Album Nr. 8, Paradises sind sie nurmehr zu dritt: Helen Marnie, Mira Aroyo und Daniel Hunt mit Gesang, Gitarre und Synthies. Es reicht trotzdem für den glamourösen           Signature-Sound, der zu einem Kennzeichen der Band geworden ist. Himmlische Gefilde reinsten Wassers brauchen wir trotzdem nicht zu erwarten. Denn der Musik von Ladytron ist immer auch eine dunkle Note eingeschrieben. Das macht sie so tauglich nicht nur für schwüle Sommernächte.

Disco Sound unterschiedlicher Epochen trifft auf frostige Synthieklänge und eine Atmosphäre, die ziemlich elektrisch geladen scheint. Eine reine helle Popwelt war Ladytrons Sache nie. Ein bisschen gehext und gezaubert wurde immer und das stand der Musik gut. Diese Erfolgsformel taucht auch Paradises, das aktuelle Album, in ein Licht, dessen Leuchten manchmal fahl gedimmt wird. Um dann wieder in Euphorie und Wärme zu explodieren.

Mehr als 70 Minuten verzaubernden Electropop mit vielen Details und klar heraustretenden Stimmen: Paradises gleicht einem Fluss aus Sound, der allerdings etwas gleichförmig seinen Lauf nimmt. Das ist allerdings schon das einzige Manko, dem durch aufmerksames Hören entgegengewirkt werden kann. Denn alle tracks haben ihre individuelle Handschrift, die sich allerdings nicht in den Vordergrund drängt. Sondern sich eher in  durchdachten Strukturen ausmachen lässt. Es ist die rotierende Discokugel, deren Funkeln hier alles zusammenhält und für einen Rausch auf der Tanzfläche sorgt, der kein Morgen kennt und kaum ein Gestern. 

Anspieltipps: In Blood, I See Red, A Death In London, Sing, Caught In The Blink Of An Eye, Ordinary Love

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.8.2026

u n d

Hurray for the Riff Raff, Live Forever - Nonesuch Rec., 2026

Die Vergangenheit lebt noch - und sie ist springlebendig, wie Alynda Segarra unter Beweis stellt. Sie spielte das gleichnamige Album live in der Old Town School of Folk Music in Chicago, ihrer neuen Heimat. Begleitet von ihrer dort beheimateten Tourband, die allemit der dortigen DIY-Scene verbunden sind. Sie spielen Folk für Vergessene und Ausgestossene, Gewaltopfer und andere, die sehr tief unter dem Radar, aber im Fadenkreuz der US Politik stehen. Das lässt sich der Musik nicht immer anhören, die aber ein grosses Konzerterlebnis einfängt.

The Notwist, News From Planet Zombie - Morr Music , 2026

News From Planet Zombie sind schon mal keine guten. Das spüren auch die Weilheimer und führt sie zu einem sehr direkten, beinah rabiaten Album. Die Fülle des Wohllauts, den die erfinderischen Notwist aber auch und trotzdem können, spendet dabei ein Quantum Trost.