Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

Hier den Livesteam einschalten

 

 

Poliça, When We Stay Alive, Memphis Industries, 2020 – 10 Songs, 38 Min.

Schwere Unfälle in Haushalt und Umfeld werden gerne auf die leichte Schulter genommen. Zu Unrecht. Statistiken weisen erschreckende Zahlen auf. Auch Channy Leanagh von Poliça musste diese Erfahrung machen, hatte lange mit der Rückkehr ins normale Leben zu kämpfen und schrieb fast ein ganzes Album drüber. When We Stay Alive ist leuchtend und leichtfüssig, wenn auch nicht ohne Melancholie.

Krankheiten können mit der Beschäftigung mit Musik gelindert werden, auch manche Traumata können so angegangen werden. Dann kann Ballast reduziert, Bedrängendes vermindert, Neues angegangen werden. So auch hier bei Poliças viertem Album, das erneut von Ryan Olson unnachahmlich schimmernd produziert wurde. Es beinhaltet ungeachtet der Entstehungsgeschichte eine Leichtigkeit, die zuvor so noch nicht zu hören war. Schwebend, so wie sich Channy Leanagh während des Heilungsprozesses ihre Lage vorgestellt hatte, und getragen von einem satten Klangbett aus Synthies. Poliça sind ja eine sehr gefeierte Band mit ihrer Mixtur aus R´n´B und Indie und geprägt von einer unnachahmlichen Stimme, die hier natürlicher und heller klingt als zuvor. Am Leben zu bleiben nach Überwindung von Widrigkeiten ist ja eine feine Sache und das färbt auf die Grundstimmung des neuen Albums ab. Songtitel wie Feel Life, Little Threads oder Be Again stimmen ja auch optimistisch ungeachtet aller Emotionen, die eine hinderliche Lage auslösen. Anspannung und Zuversicht grundieren die Platte, aber die Seite der Zuversicht überwiegt. Auch auf die Musik überträgt sich die wiedergewonnene Lebenslust, selbst wenn der eine oder andere Schauder noch mitschwingt. Letztlich steht die Musik hier aber gar nicht so im Mittelpunkt, es sind die Songtexte von  Channy Leanagh, ihre Erfahrungen, die das Album bestimmen und ihm ein eigenes Gewicht in der Geschichte von Poliça verschaffen.

Anspieltipps: Driving, TATA, Feel Life, Be Again

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2020


Turbostaat, uthlande, |pias|, 2020 – 12 Songs, 43 Min.

Altersmilde (20 Jahre Bandgeschichte) hört sich anders an. Mit uthlande haben Turbostaat ein ziemlich heftiges Album eingespielt, das in seiner Wucht nahtlos an die Anfänge der Flensburger Band anschliesst und ein Stück weit weg ist vom Postrock des Vorgängers Abalonia. Es eröffnet einen grimmigen Blick auf eine Heimat, die nur im Abseits anheimelnd ist. Das Wort „Uthlande“  bezeichnet in Friesland den Küstenbereich, die Halligen. Und „draussen“ sind auch einige der Menschen, denen Turbostaat mit Songs nahekommen wollen. So entsteht ein Heimatportrait, das Tourismusverantwortlichen eher wenig Freude machen wird. Turbostaat gehen auf ihrem 7. Album uthlande auch da hin, wo statt frischer Brise Abgase oder brauner Mief wehen. Der Song Rattenlinie Nord  verweist auf Fluchtrouten von Naziverbrechern nach dem Sieg der Allierten, inklusive O-Tönen. Nachdem der Schoss, aus dem das kroch, wieder sperrangelweit offen steht, leider ein aktuelles Thema: "Und so langsam sterben die Opas / Und die Wohnungen werden frei / Und es bleiben reine Pflichten / Und neue Henker ziehen ein.“

Turbostaats sind mit ihrer Mischung aus Drastik und Zärtlichkeit eine der eigenwilligeren deutschen Punkbands. Auf uthlande zelebrieren sie überwiegend die vertraute Ruppigkeit, während das inhaltliche Interesse auch Sonderlingen und Aussenseitern gilt. Da wird sich musikalisch auch mal zurückgenommen, wenn sich den Persönlichkeiten von Stine, einer unverzagten Bäuerin, oder Luzi, einem eigenwilligen Enkel des Dichters Storm, angenommen wird. Mit dem Song Meisengeige verweist die Band schliesslich auf den schweizer art brut Künstler Louis Soutter, wobei schon der Name des Songs nahtlos ans vertraute Turbostaat-Schaffen anschliesst. Keine gemütliche Landpartie also auf uthlande, sondern ein scharfer Blick auf die Welt. Der da, wo es Sinn macht, auch liebevoll sein kann. Ansonsten ist alles da, was Turbostaat auszeichnet: Wucht und Witz, griffige Songs fast ohne erhobenen Zeigefinger, ruppige Musik ohne Rockismen, ein fein eingespieltes Bandgefüge. Das alles macht dieses Album rundum gelungen und zeigt, dass die uthlande abseits des Gängigen ihren eigenen Zauber haben.

Anspieltipps: rattenlinie nord, meisengeige, schwienholt, stine, hemmingstedt

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2020


Algiers, There Is No Year, Matador Records, 2020 – 11 Songs, 40 Min.

Eine FBI-Akte über Algiers gibts bestimmt. Doch angesichts ihres neuen, dritten Albums müsste sie, was die Absichten der Band betrifft, umgeschrieben werden. Meint jedenfalls Blake Butler. Das betrifft mindestens das musikalische Fundament der Gruppe. Das mahlende Rasen der Musik aus Soul, Postpunk und Industrial weitet sich ins Epische. Es ist neuer Grund, der da betreten wird und verdankt sich einem grossen Text des Sängers und Multiinstrumentalisten Franklin James Fisher, der das Rückgrat von There Is No Year bildet.

Es geht um etwas wie einen Schutzraum, der es zwar ermöglicht, sich weiterhin zu engagieren – was der DNA der Algiers entspricht. Er soll aber zugleich eine Rückzugsmöglichkeit bieten, um sich auch mal aus der Frontlinie zurückzunehmen. Kein leichtes Unterfangen, eigentlich ein Unmögliches. Wie es trotzdem geht, lotet die Band auf There Is No Year energisch aus. Unvereinbares wirkt dabei wie eine Notwendigkeit, angetrieben von einem massiven wie kompakten Sound, für den die Produzenten Randall Dunn (Sun O))), Earth) und Ben Greenberg (Zs) zeichnen. Gleichzeitig gilt es im Hinterkopf zu behalten, dass Algiers unlängst für Depeche Mode Konzerte eröffnet haben. Aber mit Rissen in der Wirklichkeit, Blicken hinter glänzende Fassaden hat sich die Band ja seit je beschäftigt. Und Utopien. Deren schlichtere eine wäre eine Welt, in der Trent Reznor für ein fiktives Comebackalbum von Curtis Mayfield zeichnen würde. Vielleicht ist dies eine der verborgenen Wirklichkeiten hinter dieser Strecke lauernd lodernder Musik. Jedenfalls gibt es kein Netz über dem Grund, auf dem Algiers ihre letztlich hochartistische Kunst vorführen. Die instabile Gemengelage aus Privatem und Offensichtlichem, Soul und Maschinenmusik erlaubt nichts anderes. Nur der intensive, elektrisierende Gesang Fishers vermag zusammenzuhalten, was, wie die Welt als solche, eigentlich mit Feuerwerk auseinanderfliegen müsste. Einziger Nachteil: Der Überraschungseffekt, der den beiden Vorgängeralben einen Extraschub gegeben hatte, ist halt verpufft. Das Besteck ist ausgepackt, es wird etwas konzentrierter verwendet. Die begreifliche Wut ist weiter da, die das Feuer entfacht, das sich hier musikalisch auslebt. Es züngelt nicht in hochschiessenden Stichflammen, aber die Glut ist womöglich noch heisser. Es geht schliesslich ums Leben, wo alles droht, in Trümmer zu fallen. In der Rebellion standhalten ist das mindeste. We can´t be found, heisst einer der Songs auf diesem Album. Bei Zeal And Ardor, dieser gospeldurchtränkten Metalband, gibts übrigens den gleichen Songtitel mit anderem Inhalt. Klar bleibt die Herausforderung, in einem Wirbel aus Zweifel und Furcht und trotz allen Tobens die Menschlichkeit zu bewahren und aus allem herauszukommen, lebendiger als zuvor.

Anspieltipps: There Is No Year, Hour Of The Furnaces, Wait For The Sound, We Can´t Be Found, Nothing Bloomed

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2020


Kali Malone, The Sacrificial Code, iDEAL Recordings, 2019 – 3CD,10 tracks, 105 Min.

Ich glaube, wir hatten vor langer, langer Zeit mal „Winzige Stücke für Orgel“ von Harald Sack Ziegler, aber das wars dann auch mit diesem Schlachtross unter den Instrumenten – von Anna von Hausswolff mal abgesehen. Zufall oder nicht, auch diesmal geht’s nach Skandinavien. Musikalisch beschreitet Kali Malone allerdings ganz andere Wege. Ihr Album The Sacrificial Code ist eine Übung in Klangmeditation, ein Ritual der Versenkung in Töne und Tonproportionen. Für zusätzliche Verwirrung könnte sorgen, dass das alles auf dem Label iDEAL erschienen ist, das sich ansonsten ganz überwiegend dem gepflegten Lärm verschrieben hat.

Kali Malone stammt aus Colorado, USA, lebt und arbeitet allerdings schon länger in (Nord-)Europa, wo sie Musik macht und Orgeln stimmt. Letzteres bestimmt auch ihren Umgang mit diesem Instrument. Zuerst absolvierte sie aber eine Ausbildung als Sängerin und spielte Gitarre (wovon frühe Aufnahmen zeugen). Die Bekanntschaft mit der Musikerin Ellen Arkbro motivierte sie jedenfalls zum Umzug nach Schweden, wo Fylkingen und Stockholm's Elektronmusikstudion (EMS) nur auf sie zu warten schienen. Erste Arbeiten mit diversen Instrumenten folgten, bevor sie sich der Orgel als Instrument zuwandte. Diese war ihr von ihrer Jugend durchaus vertraut, ebenso wie das geistig-geistliche Umfeld, das in den Titeln ihrer Kompositionen aufscheint. Ansonsten entwickelte sie rasch ihre eigenen musikalischen Vorstellungen. Dabei gilt ihr Interesse besonders dem Intervallverhältnis von Tönen, wie es zum Beispiel in einer reinen Stimmung im Gegensatz zur heute verbreiteten gleichstufigen Stimmung erklingt.  Mit diesen und anderen Mitteln, wie etwa einer strikten Metronomisierung entwickelt sie ihre Musik. Auf dem vorliegenden Album  The Sacrificial Code geht es ihr um eine besonders stark zurückgenommene Klangreise, deren Wirkung noch durch eine sehr enge Mikrophonierung verstärkt wird, die den üblichen Hall einer im (Kirchen-)raum gespielten Orgel vermeidet. Musikalische Übungen in Sachen Minimalismus, Ambient und Drone, vielleicht auch das derzeit beliebte Genre Neoklassik betont unspektakulär streifend: Das ist die Musik von Kali Malone auf The Sacrificial Code, deren reduzierte Pracht auf drei CDs resp. zwei Schallplatten ausgebreitet wird. Denn bei aller Schlichtheit des Tonsatzes verfügt die Orgel eben doch über eine Klangfülle, die sich hier gerade in der Präsenz des Einzeltons zeigt. Das erfordert freilich eine gewisse Umstellung der Hörgewohnheiten, ein Einlassen auf die so gerühmte Entschleunigung, die hier aber Sinn macht. Trotz allem wirkt die Musik zunächst bemerkenswert schlicht und anachronistisch, es ist ein gewollter Gegenentwurf zur Gegenwart. Das gilt natürlich auch für den Verzicht auf Ausdruck und Überschwang. Auf eine subtile Weise freilich und im Reich der Obertöne unterläuft Kali Malone zugleich die Falle blosser Freude an der Einfachheit. Die Musikerin, die auch in drei Bands namens Hästköttskandalen, Sorrowing Christ und Swap Babies mitspielt, betreibt hier im Stillen ziemlich ausgefuchste Klangforschung. Dass darüber leicht hinwegzuhören ist, ist die eine Sache. Die andere ist, zu versuchen, sich der Vision einer sehr speziellen Künstlerin zu stellen.

Anspieltipps: Rose Wreath Crown (For CW), Litanic Cloth Wrung, Sacrificial Code      

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2020


Max Goldt, Draussen die herrliche Sonne. Musik 1980-2000, Tapete Records, 2019 - 6 CDs, 131 herrliche Stücke, ca 440 Min.

Meine erste Hörbegegnung mit Max Goldt verlief eher unglücklich. Als frischgebackener Erlanger fand ich den gerngespielten NDW Hit Wissenswertes über Erlangen vorwiegend albern. Dabei war ich doch humorös wenigstens an Otto und Ingo Insterburg geschult und hatte begonnen, einen gewissen Spass an der Frankfurter neuen Schule des Humors zu entwickeln. Doch zu Zeiten aufkeimender Ernsthaftigkeit meinerseits hatte es mich auf dem falschen Fuss erwischt und es war nicht der Fuss der Dame Anton. Einerlei, ich tat, was zu tun war, ich tat Senf drauf und war wenig später sehr begeistert von Foyer des Arts. Wobei, wie Max Goldt verrät, der letzte Teil des Bandnamens eigentlich nicht mitgesprochen gehört. Hätte ich freilich die Ur-Version von Wissenswertes… gehört: Vielleicht wäre der Funke gleich übergesprungen.

Worum es geht: Tapete Records hat ein monumentales Sammelwerk der Musik von Max Goldt und vorwiegend Gerd Pasemann herausgebracht. Sechs CDs, sämtliche Hits, viele Geheimtips, Unveröffentlichtes, Entlegenes und Musikfernes. 131 Stücke insgesamt, ein Zeugnis von Luxus und Notwendigkeit. Max Goldt ist inzwischen vorwiegend bekannt als Autor respektive Kolumnist, ein gelegentlich pomadiger Meister der kurzen Form des schrägen Blicks auf den Alltag. Hand in Hand damit geht die Zusammenarbeit mit dem Zeichner Stephan Katz in Form lakonischer Comics. Davor lag allerdings eine Zeit (so 1980-2000), in der Worte und Musik bei Max Goldt eine merkwürdige, geradezu schillernde Verbindung eingegangen sind.

Matthias Ernst wurde 1958 in Weende geboren, machte als erster seiner Familie Abitur und zog 1977 nach Berlin, wo er eine Fotografenausbildung begann. Dann wandte er sich jedoch der Musik zu, wurde Max Goldt und lernte Gerd Pasemann kennen. Mit Simone Mack gründeten sie die Band Aroma Plus, die auf den rollenden New Wave Zug aufsprang. Mit englischen Songs wie  I Don't Trust My Native Tongue bestritten sie einige Konzerte und eine 7´´ und eine 10´´. Dann fasste Max Goldt allerdings doch einiges Zutrauen zur Muttersprache. Foyer des Arts erwuchs als Duo aus der aromatischen Schlacke und Max Goldt begann damit meines Erachtens auch, den Klangreizen und Reihungs-Merkwürdigkeiten deutscher Worte, in Musik gebettet, nachzulauschen. Das Ganze natürlich in Form von Songs, die musikalisch zwischen Genialem Dilettantentum und hemmungsloser NDW-Launigkeit schlingern, auf jeden Fall aber ihren eigenen Charme entwickeln. Jeder sogenannte Hit von Foyer kann von daher vorwiegend als Mussverständnis aufgefasst werden. Jedenfalls gingen dadaistischer Sprachslapstick und nervöse Melancholie bei diesem zunehmend eingespielteren Duo Hand in Hand, das in den 1995er Jahren mit einer letzten, nachgerade existenzialistischen Veröffentlichung seine Existenz beendete. Was durchaus zu bedauern ist. Max Goldt setzte einstweilen seine musikalischen Ideen anders um. Im Duo Nuuk arbeitete er mit dem Pianisten Stephan Winkler zusammen, der Titel des einzigen Albums  Nachts In Schwarzer Seilbahn Nach Waldpotsdam (1998) wirkt noch sehr foyeresk, allerdings auch eher unlustig. Zuvor bereits experimentierte Max Goldt mit präparierten Instrumenten wie einer Zither und Elektronik, woraus mehrere bemerkenswert skurrile Soloalben entsprossen. Auch Gesprochenes, sei es als trauliche Unterhaltung, zagendes Selbstgespräch oder fiktionöses Interview, begann, einen speziellen Platz im Werk des Künstlers einzunehmen. Die Verwendung von Dialektformen in womöglich zugespitzter Form wäre da einer eigenen Betrachtung wert, wie nämlich aus dem gesprochenen Wort in rhythmischer Kombination eine eigene Musikalität erwächst. Das ist dann weit weg von der majestätischen Ruhe des Anorganischen und eher dem unakademischen familiären Hintergrund verdankt. 

So: Max Goldt, Werkschau, 131 Stücke. Zwanzig Jahre Musikschaffen aus einer Zeit, die manche inzwischen als goldene wahrnehmen. Ein Ausbund an Retromania, Erinnerung an Lieder aus unglaublich schwerer Zeit, in der der Künstler, sofern nicht mit Foyer des Arts unterwegs, auf dem Boden kauernd mit spartanischen Hilfsmitteln merkwürdig ungelenke Musik zusammenpfriemelte.    Na gut, später kam ein Synthesizer dazu. Und macht alles nicht einfacher. Denn was hören wir? Neben allerlei unbeschwert charmant Unsinnigem tritt manches abseitig Insichgekehrte, das zum Werkkomplex untrennbar dazugehört. So auf einen Nenner zu bringen waren Foyer des Arts ja nie. Auf die NDW Sampler schafften es ja stets nur dieselben zwei, höchstens drei Stücke und das auch vor allem wegen der Entstehungszeit. Auch der erste Plattenvertrag der Band resultierte ja aus diesem Missverständnis. Aber es ging ja trotzdem weiter und so gesehen bietet diese Veröffentlichung auch die Gelegenheit zum Staunen angesichts der speziellen Vorgeschichte eines inzwischen preisgekrönten Literaten. Und es ist ja auch Literatur in Pillenform, die Max Goldt hier vorlegt und mit dem kongenialen Gerd Pasemann in eine jederzeit unterscheidbare Form bringt. Es ist die Zeit, in der manche Songtexte in Gedichtbände münden wie „Mein äusserst schwer erziehbarer schwuler Schwager aus der Schweiz“, was die ungebremste Wortlust des Textautors Max Goldt noch einmal bekräftigt. Bei Foyer des Arts wie bei den anderen Produktionen des Meisters scheint mir das Wort  im Text mindestens gleichberechtigt zu sein, wenn es denn den Funkenflug der Musik nicht erst in Gang bringt. Die Musik wiederum braucht sich nicht dahinter zu verstecken. Sie ist ebenso vielfältig wie einprägsam. Gut, die Klänge, die Max Goldt mittels rubbermind-Technik Gitarre und Zither als Solist entlockt, muten schon sehr speziell an, aber andererseits kann man sich diesem DIY-Charme auch nur schwer entziehen. Mit Gerd Pasemann an der Seite aber kann sie leuchten und glühen. Die Band Nuuk, mit dem klassisch ausgebildeten Pianisten Stephan Winkler an Goldts Seite, schlägt noch einmal andere Töne an.

Die Texte also, die zwischen strahlendem Unsinn, quietschfidelem Unfug, mäanderndem Tiefsinn und lauernder Unbehaustheit eine ganz eigene Welt erstehen lassen, machen Foyer des Arts, aber auch die anderen Musikwerke Max Goldts zu etwas Speziellem. Aber sie erklären nicht, weisen keinen Weg, reproduzieren nur selten und dann eher verquält Wirklichkeiten. Umgekehrt sind sie aber kaum je entrückt oder abgehoben.  Diese leichtfüssige Balance ist ziemlich einzigartig und lohnt somit durchaus diesen Blick zurück. Damit rechtfertigt sich also durchaus die Nerdhaftigkeit des Unterfangens, einer Band und einem Künstler, die auch zu ihren Hochzeiten nie in erster Reihe des Interesses gestanden hatten, eine so opulente Wiederveröffentlichung zu widmen. Mehr ist eben manchmal einfach mehr im Sinne von Besser.

Anspieltipps: In der Fülle des Wohllauts ist das nur komplett zu erschliessen und ggf. zu geniessen.

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.3.2020