Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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ZORES - Jahresrückblick 2014                                          

Eine kleine Auswahl an Tonträgern, die wir Euch übers Jahr hinaus ans Herz legen.

 

A Prouder Grief, Helian                                                                                                        

Leiden, Erwachen, Sturm, Erinnerung. Etwas Schwelgerisches kann mensch der Musik von A Prouder Grief nicht absprechen. Eine fein abgestimmte Mixtur aus Kammerpop, Kraut- und anderem Rock fügt sich zu einem Hörfilm, der zum (Rein-) Fallenlassen geradezu einlädt. Die paar Momente, in denen Helian in die Nähe des Plakativen gerät, tun da nichts. Ein bisschen Höhepunkt steht dieser Musik gut. Aber genauso gut hält dieses überraschende Trumm Musik namens Helian die Spannung in den leiseren, innehaltenden Momenten.

Fatima Al Qadiri, Asiatisch, Hyperdub, 2014 - 10 trax, 36 Min.

Fatima Al Qadiri, ansonsten viel herumgekommen, kennt China bislang nicht. Aber sie arbeitet mit unseren Vorstellungen an ihrer Version einer imaginären Reise durch dieses Land. Konzeptkunst in einer für Einige offenen Welt, die anderen, weniger Privilegierten durchaus Angst einflössen kann, so lässt sich das Album Asiatisch von der im Senegal geborenen, in Kuweit aufgewachsenen und in den USA arbeitenden Diplomatentochter Fatima Al Qadiri beschreiben. Ein Spiel mit Referenzen und Zeichen, von eben "asiatisch" konnotierten Klängen, die aber sozusagen billig emuliert werden vor dem Hintergrund düsterer Elektrosounds. Keine Musik zum Wohlfühlen, noch weniger, bei aller exotisch verkleideten Melodik, eine zur akustischen Untermalung.

Alte Sau (same)                                                                                                                 

Ees giebt natürlich die Legende, wie die Alte Sau speziell zu ihrem Namen gekommen ist. Hier jetzt nichts dazu. Trotzdem, in der Reihe eigentümlicher Namensgebungen von Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut, Oma Hans oder Kommando Sonne-nmilch fällt dieser (Alte Sau, ihr erinnert euch) eines Jens Rachutschen Musikprojekt doch ein wenig... ab. Sauegal, wenn eins denn den Tonträger einlegt. Hier giebts Rachut-Songs, gut wie schon lang nicht mehr. Alte Sau, ein orgelbeflügeltes Trio mit Rebecca Oehms (auch NRFB und vor allem: Grossartiger Gesang) und Raoul Doré. Die Alte Sau ist vom Leben tief gezeichnet. Sie hat Weisheit aus dem Trog geschlürft und ihren Weg nehmen lassen. In glücklichen Stunden hat sie sich gesuhlt, hatte vielleicht auch Sex. So ist das Leben, das bekanntlich verschiedene Geschichten schreibt. Manchmal sind welche darunter, in denen niemand zu Schaden kommt. Aus dem Rest werden gerne Lieder gemacht. Einige davon sind hier zu finden.

Augst & Daemgen, Dein Lied                                                                                             

Dein Lied. Mein Lied, das? Wer kommt den auf sowas? Dein Lied, von aussen an mich herangetragen: Das kann auch eine Drohung sein. Hilfe, ein Lied, ein deutsches Lied... waren die nicht alle totgesungen, niedergetrampelt unter schweren Stiefeln, später als hirnlose Schlager zombiemässig auferstanden, aber... die Sehnsucht bleibt, eine Sehnsucht nach dem Ort, an dem noch niemand war: Heimat, so weit. Oliver Augst und Marcel Daemgen haben sich auf die Suche begeben und führen mit leicht geänderten Mitteln fort, was zuvor mehrfach Thema ihrer Gruppe Arbeit war: Ein seziermesserscharfer Blick auf deutsches Liedgut und seine Inhalte, die offen darliegenden wie die untergründigen. Mit an Bord der legendäre Freejazz-Schlagzeuger Sven Åke Johansson. Mehr oder weniger schlagerförmige Texte stammen von Johanna Milz, Wolfgang Müller und vor allem aus Theaterarbeiten von John Birke.

Carla Bozulich, Boy                                                                                           

Carla Bozulich hat Evangelista einstweilen(?) zur Seite gestellt, ihr neues Album erschien wieder unter ihrem  eigenen Namen. Boy betrachtet sie als ihr Pop-Album, aber was bedeutet das für eine Künstlerin, die alle möglichen Genre-Grenzen bis zum Zerreissen strapaziert hat (und wohl auch darüber hinaus?) Für uns HörerInnen ist es jedenfalls ein Glücksfall, um mein Fazit vorwegzunehmen. Grimmig und anziehend zugleich - eine Musik, die sich sozusagen mit zusammengebissenen Zähnen dieser schuftigen Welt in den Weg stellt. Ja, gerade so kann Pop, das alte, nach allen Seiten ausgelutschte Unterhaltungsungeheuer sein, denn Carla Bozulichs neues Album Boy kann HörerIn unerwartet sogar: verzaubern. Grosses Songwriting, eine Hand für betörend-verstörende Melodien: es ist schon tragisch, dass eine so integre, ausdauernde und kreative Künstlerin wie Carla Bozulich nicht bekannter ist, nicht längst als das wahrgenommen wird, was sie ist: jederzeit auf der Höhe von mindestens Tom Waits, Nick Cave oder Michael Gyra. The Quietus weiss, warum das nicht so ist: Bozulich ist eben, anders als der Titel ihres Albums verlautet, kein Boy...

Candie Hank, Demons                                                                                          

Candie Hank, das mutwillige alter ego des vielseitigen Patric Catani, hat schon auf der halben Welt sein Unwesen getrieben. Freilich waren es nicht immer Saus & Braus, die sein glamouröses Leben erfüllten. Er ist auch schon einmal mit Anderen aneinandergeraten und hat indes dadurch sein gigantisches Selbstbewusstsein gestärkt. Letztlich ist es nur die Bühne, auf der er seine hart errungene Arroganz verliert. Dort spielt er schellackgetränkte Salonmusik für Vampire. Sie gleicht einem hemmungslosen Pingpong über den musikalischen Abraum vergangener, besserer Epochen und einem wabbelbeinigen Tango mit der Zukunft - jedenfalls lässt sich der Künstler so interpretieren. Und es ist kein Irrtum, das ein früheres Album bein Solnze erschienen ist...

Neneh Cherry, Blank Project                                                                                                 

Die Bilanz? Durchwachsen, wie bei vielen 50jährigen, gerade wenn sie nicht auf so eine Karriere wie Neneh Cherry zurückblicken können. Aber was sie draus macht, feinst produziert von Four Tet, wie sie ihre Stimme einsetzt, ist schlicht umwerfend und überwältigend und gelegentlich von atemberaubendem Minimalismus. Ganz grosse Musik, für Neueinsteiger   wie alte Ha/esInnen geeignet!

Deveykus, Pillar Without Mercy                                                                                           

Melodien sind Ausgiessungen der Seele. Worte unterbrechen diesen Strom an Emotionen... Der Gesang der Seelen besteht ausschliesslich aus Klängen, aller Worte entblösst. Das sagte Rabbi Shneur Zalman von Liadi (1745-1812), auch bekannt als Alter Rebbe, Gelehrter und Begründer eines vernunftgeleitete Zugangs zum Chassidismus, daneben auch Schöpfer feierlicher Melodien. Das Zitat findet sich im booklet des Debutalbums von Deveykus und es sind tatsächlich chassidische Melodien, die von diesem Quintett gespielt werden. Aber vielleicht wäre der Rabbi doch ein wenig vor den anderen Ingredienzen zurückgeschreckt, die beigemengt sind unter Hinzuziehung von zwei E-Gitarren, Bass und Drums. Der Posaunist Dan Blacksberg ist jedenfalls hoch erfreut, die ehrfurchtgebietenden alten jüdischen Melodien in ein Umfeld zu tragen, das von Bands wie Earth und SunnO))) geprägt ist: Doom.

Andreas Dorau, Aus der Biblioteque                                                                         

Bureau b, Hamburger Label und feines Heim vergangener und zukünftiger Klassiker deutscher Popmusik, präsentiert zum 50. Geburtstag ein neues Album von Andreas Dorau. Dorau! 50 Jahre! Kinder, wie die Zeit vergeht, möchte manch eineR da wohl ausrufen! Und mit recht. Die 80er Jahre sind schon gute dreissig Jahre her und mit ihnen das, was einmal als Wave und Neue Deutsche Welle einen ebenso munteren wie abgedrehten Aufbruch deutscher populärer Musik gegen die gediegene Realität der späten Bundesrepublik probieren sollte. Und es ging ebenso schnell in lichte Höhen musikalischen Abenteuertums wie dann, als NDW kulturindustriell befeuert, ganz rasch den Bach runter. Das hätte es sein können. Aber einer ist geblieben. Andreas Dorau singt hier über einen seiner Lieblingsorte, die Hamburger Öffentlichen Bücherhallen. Um genau zu sein, die Zentralbibliothek an der Straße Hühnerposten. Hier verbrachte Dorau in den letzten Jahren einen Großteil seiner freien Zeit. „Die Bücherhalle ist das kleine Internet für Haptiker“, so Dorau. „Und warum soll ich Geld für Bücher, Musik oder DVDs ausgeben, wenn diese dann nur bei mir vollstauben?“ sagt er. Hier fanden sich auch die Themen für seine Songs, mit sicherer und geschmackvoller Hand herausgegriffen ua. aus den Abteilungen Hamburger Geschichte oder Wissenschaft. Auch an savoir-vivre fehlt es nicht, denn was wäre stilvoller als die Anfahrt zu diesem Sehnsuchtort per Taxi oder das verträumte, verständlicher Unschlüssigkeit geschuldete sinnierende Herausschauen aus dem Fenster? Mit leichter Hand fügt Dorau auch ephemere Themen zu stilvollen Songs. Nun ist die Zeit aber nicht stehengeblieben. Andreas Dorau hat sich für sein 9. Album nicht nur wie zuvor (Todesmelodien, 2011) Gäste, sondern eine komplette Band dazugeholt, nämlich die ähnlich gestimmten Kollegen von Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen.

Egotronic, Die Natur ist dein Feind                                                                             

Weils immer besser geht. Weil Einverstandensein sowieso keine Lösung ist. Weil dagegen im Glücksversprechen stets die Lüge steckt. Weil die Natur der Feind ist, was auch persönlich gemeint ist - und Egotronic inzwischen die Gitarre eingepackt haben, unüberhörbar. Die Natur ist dein Feind heisst also der aktuelle Tonträger, und was da wie eine Jens Rachut-Sentenz klingt, birgt tatsächlich zum Schluss ein Dackelblut-Cover (nämlich Edwin van der Sar). Doch sonst wird hier energisch zu Werk gegangen, mit Hilfe von FreundInnen (Kulla, Tote Crackhuren im Kofferraum) und unter Rückbesinnung auf Torsuns Punk-Vergangenheit (ohne die Elektronik aussen vor zu lassen, und ganz im Hintergrund winkt Andreas Dorau). Und, hör doch: es ist frisch, oft wütend, ein wenig erwachsener, ohne sich anzubiedern und überhaupt gut geworden.

Sage Francis, Copper Gone                                                                                     

Die Pranke eines eigenständigen, sehr wachen Texters und Sprechers kennzeichnet dieses frische Lebenszeichen einer der US Underground Rap-Ikonen. Das springt an keiner Stelle zu kurz. Das schielt nicht nach billiger Anerkennung. Der ruppige Brocken, der uns da doch mit fast leichter Hand hingeworfen wird, will erstmal bestaunt und verdaut werden. Und es geht auch an die Eingeweide, es sind allerlei persönliche Dämonen, die Sage Francis da produktiv werden lassen. Wut, Gram und Verletzungen, Verletzlichkeit, Frustration und Zorn sind die Koordinaten, in denen sich die Textwelt des Rappers bewegt. Der Ausgang des Ringens ist offen. Francis lässt uns daran teilhaben, als Warnung womöglich. Es ist ein ehrenvoller Kampf, der da ausgetragen wird, und er ist von der Sorte, die nie vorbei ist. Copper Gone gleicht einer fulminanten Achterbahn von Gefühlen und Empfindungen, die empfängliche HörerInnen unentrinnbar in den Bann zieht.

Graveyard Train, Hollow                                                                                                        

Die erbarmungslose (australische!) Sonne brennt... erbarmungslos. Knochen bleichen im Sand. Ein bisschen was zuckt noch... Die erbarmungslose australische Sonne ist untergegangen. Der zwilichtige Pfaffe im schwarzen Gewand reitet im letzten Licht. Klapperschlangen zischen Zombies an: Und schon sind wir in der makabren Welt dieses australischen Septetts, dessen scheppernder Death Country vor allem auch durch den Wechselgesang zwischen Leadvokalist Nick Finch und seinen Kollegen bezaubert.

Liz Green, Haul Away                                                                                          

"Ohne Übertreibung kann mensch behaupten, dass die Musik von Liz Green absolut einzigartig ist. Dabei ist nichts an Liz´ Songs in irgendeiner Form modisch, im Gegenteil: Ihre Lieder sind morbide Moritaten, verschrobene Kammerkabarettstücke, Shantys für Landratten oder heitere Trauermärsche, alles, nur kein chartkompatibler Mainstream-Folk. Obwohl Folk zu den Grundelementen ihrer Musik gehört, fantasievoll instrumentiert mit Flöte, Saxophon, Tuba, Cello und hier neu: reichlich Klavier." 

Grim104 (same)                                                                                                              

"Zugezogen" ist in die Berliner Rapscene ist dieser Moritz Wilken aka Grim 104. Gerade eben keine Sternstunde der Bedeutungslosigkeit ist ihm gelungen, mit seinem bösen Aussenseiterblick, seiner Verweigerungshaltung auch gegen zu offensichtliche (linke) Ideologie. Kenji451 liefert das düstere Fundament zu Songs, die zeigen, was unter dem Moniker Deutschrap auch möglich ist. Er weiss aber, und macht das klar, was er da nicht mag und was ihn auch nicht mehr interessiert. Das Gegenteil von nett also, aber das muss nicht unsympathisch sein. Rein also mit den Zähnen ins fette alte Leben. Grim104 zu lauschen ist immer noch eine bereichernde Sache.

Klaus Johann Grobe, Im Sinne der Zeit                                                                                      

Klaus Johann Grobe ist kein Herr älterer Machart sondern zwei junge Männer. Sie spielen Orgel (Sevi Landolt) und Schlagzeug (Daniel Bachmann) und singen (beide, oft mit Hall). Einen Bassisten gab es auch mal, der wurde aber, heisst es nach getaner Arbeit gefeuert. Und hinterliess seinen Namen. Und sie kommen aus der Schweiz. Was sie singen, erschliesst sich oft nicht sogleich, es lohnt aber, genau hinzuhören. Soviel sei gesagt. Die Orgel ist stets präsent, gelegentlich zupackend oder nervös. Das Schlagzeug scheppert beiläufig. Manchmal lugt krautige Psychedelik um die Ecke, aber der Rest ist Partymucke. Oldschool allerdings, das mit dem Ballontanz auf dem Cover ist ernst gemeint, also 70er Jahre. Und dann swingt es, parfümiert mit einem Hauch Tropicalismo. Im Sinne der Zeit ist ein leichthändig ausgelegtes Puzzle. Selbst ein Chanson ist drin. An Krautrock darf auch mal gedacht werden, aber vor allem ist das schön schlingernde, hypnotische, aber keineswegs abgehobene Musik jenseits aller Zuschreibungen. Nur die beiden finden das (noch) gut? Wenn sie sich da mal nicht täuschen.

Chris Imler, Nervös                                                                                                                          

Ein Augsburger wurde der "wildeste, schönste und beste Schlagzeuger der Stadt |Berlin|, spielte für so unterschiedliche Künstler wie Peaches, Puppetmastaz, Maximilian Hecker, Oum Shatt oder „Die Türen“, und sogar dem musikalisch bis dahin biederen (wenn auch durchaus brillanten und sexuell anziehenden) Chansonier Jens Friebe drückte er in zäher, fruchtbarer Zusammenarbeit seinen verwegenen Stempel auf". (Zit.) Seinen Ruf allerdings erwarb er sich in den 90ern mit den Golden Showers, deren brachiales Wirken aus nachvollziehbaren Gründen leider kaum dokumentiert ist. Halbe Sachen sind jedenfalls nicht seins und so singt er eben jetzt auch solo, wenn vielleicht auch nicht mit der ausdrucksstärksten aller Stimmen. Nun also Freiheit und Selbstbestimmung als One-Man-Show am Stehschlagzeug, mit Gesang und Samples und wohl auch ab und zu einer Trompete oder so. Chris Imlers Nervös ist ein Album geworden, das allen FreundInnen von Voodoo und Hypnose, aber auch Suicide und DAF nur gefallen kann. Wellen von mächtiger Energie übertragen sich und werden überstrahlt von einer Textwelt, die Politisches und Profanes, Irrwitz und Kritik in eins blenden.

Islaja, S U U                                                                                                                    

Willkommen in der seltsamen Welt von Islaja. Die finnische Sängerin und Instrumentalistin Merja Kokkonen steht hinter desem alias. Suu heisst ihr aktuelles Album und dieses, ihr sechstes, ist bei Monika erschienen und schlägt zugleich eine neue Richtung ein, weg vom eigensinnigen Folk früherer Veröffentlichungen und hin zur Elektronik mit deutlichen House-Einflüssen. Eine Gemeinsamkeit bleibt allerdings erhalten: Die psychedelische Komponente, die Merja Kokkonen auch in Bandkollektiven wie zB Avarus ausleben konnte.

Jesu, Everyday I Get Closer To The Light From Which I Came                                          

Besonders farbig war die Welt von Justin Broadricks Jesu nie. Ein so verloren gehender Track wie Grey is the colour auf seinem aktuellem Album unterstreicht das mit lastender Nachdrücklichkeit. Everyday I Get Closer To The Light From Which I Came lautet dessen recht spiritueller Titel in umständlicher Gänze. Und es ist natürlich keine besonders fröhliche Musik dabei herausgekommen, wie auch. Dem Postrock bleibt Jesu zäh verbunden und offeriert uns unverzagt Botschaften aus dem Inneren. Störrisch und melancholisch schillert das Material, das der Künstler während zweier Jahre solo eingespielt hat (neben diversen anderen Aktivitäten wie der Wiederbelebung von Godflesh und mehr).

Kobito, Blaupausen                                                                                              

Welt verändern geht nur im kleinen. Kapitalismus abschaffen steht nicht wirklich auf der Tagesordnung, sich deswegen mit verschränkten Armen vors Fenster stellen ist aber auch keine Lösung. Kobito schielt nicht auf den Mainstream, würde aber gerne von seiner Musik leben können. Er möchte Verbindungen stiften, ermutigen und uns zu mehr Solidarität anstiften. Das ist sympathisch, selbst da, wo es Gefahr läuft, einfach nett zu wirken. Nett: Das in musikalischen Zusammenhängen böse Wort könnte nach Mittelmass klingen. Und das ist dieses Album eben, auch wenn es die eine oder andere kleine Schwäche aufweist, eben nicht. Hier weiss einer schon, was er will und geht seinen Weg. Und es ist schon anders gemeint, wenn Kobito "Du gibst Deiner Welt einen Ruck" rapt, als seinerzeit bei Roman Herzog. Dazu braucht es keine grossen Worte, nur etwas Nachdenklichkeit. Und Tatkraft. Und manchmal etwas Sonnenlicht.

Felix Kubin, Zemsta Plutona                                                                                             

Die Zukunft ist. Zu Ende. Wir sind anderswohin abgebogen (wo es farbiger und lässiger ist). Wir (d.h. einige von uns) haben Pluto den Planetenstatus entzogen. Raumschiff Orion startet nicht mehr. Felix Kubin, atomarer Reiter der Apokalypse, macht trotzdem Musik gegen den Lärm der Welt. Und den Lauf der Zeit. Zemsta Plutona ist ein Album geworden, wie mensch es von Felix Kubin erwarten darf. Oder? Darf das so pauschal geschrieben, gesagt werden? Nun, es ist ja schliesslich alles drin, was zumindest ich an Felix Kubins Musik mag und andere eher nervt. Die Rhythmen sind kantig, des Theatralische musicalhaft überdreht, dabei charmant und die Melodien von abseitiger Eingängigkeit. Das steht nunmal quer zum Betrieb, funktioniert in seinem zickgezackten Paralleluniversum aber wie am Schnürchen. Hier, in dieser Welt, sind diese Schnüre Fallstricke im aktuellen Popgeschehen.

Lydia Lunch - Cypress Groove,  A Fistful of Desert Blues                                                 

"Lydia Lunch legt mit dem seelenverwandten Bluesmusiker Cypress Groove ein in jeder Hinsicht grossartiges, geerdetes Album vor. Es atmet die staubtrockene heisse Luft verlassener Wüstenstädte ein, inhaliert sie. Und entlässt inbrünstig vorgetragene Western-Moritaten zwischen Verlust, Verzweiflung und letztlich doch Liebe. Als Liebeslieder für gebrochene Herzen beschreibt Lydia Lunch diesen gelungenen Beweis dafür, dass sie immer noch besser ist, wenn sie das tut, was niemand von ihr erwartet. Und so ein ziemlich minimalistisches Blues & Country-Album hatte wohl niemand auf der Rechnung."

Malia / Boris Blank, Convergence                                                                         

Chic und elegant ist, was Sängerin und Texterin Malia mit Boris Blank auf die Beine gestellt hat. Und so warmherzig klang Coolness selten. Denn beides findet hier zusammen, eine Stimme, die im Jazz beheimatet ist und die erstaunlichen Klangfindungen eines Mannes, der bei Yello immer ein wenig im Schatten von Dieter Meier steht und Öffentlichkeit gerne meidet. So weit, so gut und eigentlich nichts für ZORES. Denn Perfektion liegt uns nicht so, und das ist ein Wort, mit dem sich die Zusammenarbeit der beiden so unterschiedlichen Künstler bestens bezeichnen liesse. Warum also hier und heute Convergence von Malia u. Boris Blank? Wegen dieser herrlichen, leicht heiseren, rauchigen Stimme, die sich als menschlicher Faktor so gut vom klangfarbenreichen Gerätepark abhebt? Oder wegen dieser raffinierten Instrumentalspuren, beats und clicks, bei denen aparte Spuren von Yello ebenso zu finden sind wie eine subkutane Melancholie? Lasst uns weiter raten. "I ´m the mad storyteller" heisst es im ersten Song Celestial Echo. Und da liegt dann doch eine Erklärung.

Meridian Brothers, Salvadora Robot                                                                   

Keine Band, keine Brüder - der Name Meridian Brothers grenzt an Etikettenschwindel. Aber was dieses Projekt uns zu Gehör bringt, ist einfach zu charmant und verspult, um sich an solchen Kleinigkeiten aufzuhängen: Es ist das Unterhaltungsgewerbe, nicht das Lebensmittelbusiness, ihr Lieben! Salvadora Robot heisst das jüngst erschienene Album des Kolumbianers Eblis Alvarez, es ist das immerhin schon 7. Album seit der Gründung der Meridian Brothers 1998. Wo aber sind wir? Unüberhörbar im kumbianischen Surfparadies Sur_electrica und manchmal wird es creepy.

Misses Next Match, Für Leute die schon alles haben                                                 

Vom Platz gestellt? Nö, geht gar nicht. Frisch eingewechselt wäre passender, um das muntere, gelegentlich rabiate Treiben von Misses Next Match zu beschreiben. Hypnotisch, von der Musik "immer auf Repeat" natürlich unterstützt, ist das Wortgespinst. Oft nah an der missgestalten Realität, hantieren sie mit einer Melange aus Redensarten, Sprichwörtlichem, Kalauern, schiefen Reimen und tieferen Einsichten. Der Song Kleines Solo verwendet sogar einen Text von Erich Kästner. Das Leben ist nun mal kein Ponyhof, aber aus der Diskrepanz zwischen Wunsch und Verstellung lassen sich prima Lieder machen. Zeilen wie die "Die Ewigkeit ist viel zu lang / besonders gegen Ende hin / das einzige Beständige / beständige Veränderung" fressen sich recht widerstandslos in die Gehörwindungen und dabei ist die innewohnende Philosphie noch gar nicht einmal in ihrer Kohärenz zur Kenntnis genommen worden.

Niobe, Child of Paradise                                                                                                        

Nach dem etwas düster eingefärbten Vorgängeralbum serviert Yvonne Cornelius aka Niobe einen perfecten musikalischen Cocktail für sinnliche Tagträumereien. Exotische eingefärbte Popavantgarde, die auch elegant mit easy listening umzugehen weiss und aus diesen und anderen Zutaten leichtfüssige Songs verfertigt. Coco Rosie winken dieser verspielten Melange aus der Atmosphäre hoher Berge, Bossa nova, strudelnden Tiefseepflanzen und dudelnden Radios vor Sonnenuntergangstapete freundlich zu.  

OOIOO, Gamel                                                                                                                   

An der Grenze zwischen Sinn und Nonsens vollführen OOIOO aus Japan seit gut 20 Jahren ihre klingenden Seiltänze. Nicht weit entfernt von anderen Ausprägungen des Weird Folk sind auch OOIOO auf der Suche nach Ritualen, nach verschiedenen Formen der Trance, nach selbstbewusster Selbstvergessenheit. Und es ist gewissermassen der Blick von Aussen, der die verwendeten musikalischen Elemente zu etwas Besonderen verschmilzt. Hier richtet sich der Blick von Yohimi und ihren MusikerInnen auf die alte indonesische Musiktradition des Gamelan, vertreten durch zwei in den Klangkosmos von OOIOO integrierten Metallophone. Und so erklärt sich zugleich der Titel des Albums. Was Gamel von den Vorgängern ausserdem unterscheidet, ist, dass es weitgehend live aufgenommen wurde und die ekstatische Atmosphäre sich direkt und zugleich durchhörbar auf HörerIn überträgt.   

Bill Orcutt, A History Of Everyone                                                                                    

Manche mögen sich noch an die HC-Band Harry Pussy erinnern, die in den 1990er Jahren Massstäbe setzte. Lange her und lange war auch von Bill Orcutt, deren Gitarristen, nichts mehr zu hören. Bis er 2009 wieder auf der Bildfläche erschien, allein mit einer alten akustischen Gitarre. Seitdem sind zwei weitere Alben von ihm erschienen und um das Neueste von 2013 geht es im Folgenden. Lapidar, ungeschönt, von Geschichte beseelt und gezeichnet: Bill Orcutt stellt in A History Of Everyone keine poliert klingenden Museumsstücke zur Schau, auch wenn es tradiertes US-Liedgut ist. Musik ohne bedeutenden Anspruch, aus dem Keller, den Küchen und den Feldern, Teil amerikanischer Geschichte, naiv und wahrhaftig, soweit dies die Umstände eben zuliessen. Bill Orcutt geht es aber kaum um die Herstellung einer irgendwie gearteten Authentizität und dabei sollte der Blick aufs veröffentlichende Label fallen, nämlich die Editions Mego, sicher kein Hort akustischer Graswurzelbewegungen. Eine Zeile aus 'The Making of Americans' von Gertrude Stein stand denn auch Pate für den Titel dieser Veröffentlichung und Orcutt macht diese Americana auf seine Art zu etwas Un-Erhörtem. Er schreibt sie neu, aus Zerstückeltem, Nachgelauschtem und der Leuchtkraft der Wiederholung. Kein Gesang, keine Worte, nur manchmal ein Grummeln. Und alles kurz und klein.

PlanningToRock, All Love´s Legal                                                                           

Hier kommt nicht weniger als ein Konstrukt, eine tönende These: Planningtorocks All Love´s Legal - vielleicht klingts auch deshalb ab und zu so reduziert und immer mal wie das blossgelegte blanke Gerüst eines potentiell hittauglichen Songs. Sei´s drum. Die dramatische überbordende Opulenz des Vorgängeralbums "W" ist jedenfalls nur in Spuren zu hören. Trotzdem ist das neue Album in gewisser Weise eine Zuspitzung. Denken wir an antifeministischen backlash, an die massiv schwulenfeindliche Gesetzgebung Russlands oder Ugandas, an Salafistenprediger und einen gewissen Katzenkrimiautor - die Lage ist akut die, dass plakative Botschaften zum Dagegenhalten ihren Sinn haben, auch im Club und auf dem Dancefloor. Aber das trägt tragischerweise immer Züge des Predigens an die Überzeugten in sich. Vielleicht sollte mal die nächste ...gidaversammlung oder gar ein Fussballspiel mit Musik von Planningtorock oder The Knife, natürlich auch von Egotronic etc beschallt werden. Oder im Rundfunk laufen, bei den greatest hits, dem Radiowecker und wie all die netten Sendungstitel des Nebenbeifunks lauten, als subkutane Agitierung.

Poliça, Shulamith                                                                                                          

Shulamith Firestone, 2012 verstorben, ist auch aus dem Grab heraus meine Muse und Mentorin, sagt Sängerin Channy Leaneagh. Die Band knüpft nahtlos an ihr hinreissendes und vielgelobtes erstes Album an, musikalisch eine Mischung aus R´n´B-Rhythmen, verspulten Elektronika, funky basslines und einer Menge Soul. Das aus Empfindsamkeitsgründen seitens des Labels mit einer verpixelten Hülle versehene Cover macht deutlich: Es zeigt etwas, das Menschen tun, um sich schön zu machen, aber es ist auch gewissermassen brutal. Der Lebenszyklus einer Frau beinhaltet Blut, sehr viel Blut, und den Versuch, schön zu sein. Und Blut." (Die Rede ist übrigens von rotem Haarfärbemittel.)

Shabazz Palaces, Lese Majesty                                                                                                 

Lese Majesty = Majestätsbeleidigung: Schöner Name für ein Album, das eher samtpfötig daherkommt, nein, sich heranpirscht, leichtfüssig schlingert, beiläufig ins Taumeln kommt, aussenseitig auf Hochglanz poliert, selbst die Widerhaken im Fluss der Musik schimmern wie im Licht einer diskret desaströsen Zukunft. Einen Trip hat das Duo Shabazz Palaces aus HipHop gemacht, oder vielleicht auch nur aus Teilen davon. Lese Majesty ist eine brillante Herausforderung an das festgefügte Haus HipHop. Dabei hat das Album selbst etwas von Architektur, von einer visionären Bricolage aus musikalischen Artefakten aus verwandten Genres. Aber so treffend so eine Allegorie erscheinen mag, so sehr führt sie auch in die Irre. Denn Shabazz Palaces vermessen mit ihren Mitteln nichts Geringeres als das Raum-Zeit-Kontinuum schwarzer culture, inklusive ihrer imaginären Rhizome. Lese Majesty ist auch eine Herausforderung an uns HörerInnen. Und eine Veröffentlichung, an der das Dechiffriersyndikat seine Freude haben kann. Aber muss mensch das alles wissen, was an Referenzen und Verweisen in diesen etwas kühlen, von Details gesprenkelten, elegant über Grenzen dahinflottierenden Tracks steckt? Eine Frage, deren Beantwortung bei jedem Hören - und es empfiehlt sich, Lese Majesty komplett durchzuhören - neu stellt.

Sudden Infant, Wölfli´s Nightmare                                                                             

Sudden Infant ist, nach sehr langen Jahren als Soloprojekt, hier zu einem Trio geworden. Es erzählt, mehr denn je, Geschichten und spielt Songs. Joke Lanz (ua auch Mitglied der notorischen SchimpFluch-Gruppe um Rudolf Eb.er) ist mit Stimme und diversem Gerät schwer im Einsatz. Christian Weber, aktiv ua bei Co Streiff, spielt Bass und am Schlagzeug sitzt der auch in Neuer Musik bewanderte Alexandre Babel. Ein eigenartiges Trio also, dass sich da gefunden hat, das auch imstande ist, innerhalb einer weitgehend brachialen Klangarchitektur differenziertere Akzente zu setzen. Wölflis Nightmare ist indes, wie sollte es anders sein, grossteils direkt auf die Zwölf resp. voll in die Fresse. Und es ist zugleich für mich eine eigentümlich berührende Platte, voller Schmerz, Intensität und Verzweiflung, eben Blues aus der Hand eines radikalen Geräuschemachers, der niemand und sich selbst zuletzt schont.

Kate Tempest, Everybody Down                                                                                            

Literatur im populären Rap-Gewand? Geht klar, Kate Tempest zeigt grad, das das geht, geerdet und kunstvoll zugleich zu sein. Das Wort hat den Vorrang, aber ihre biegsame, dramatische Stimme ist unüberhörbar das Instrument, mit dem es wirkt, mit dem sie in die Schlacht zieht. Es geht dabei nicht um Botschaften und Parolen, sondern um die Beschreibung eines eher schlichtes Leben mit seinen vielen notwendigen, manchmal auch falschen Entscheidungen. Und der Druck, der darin steckt, es einfach führen zu müssen, allen Widrigkeiten, allen fehlenden Aussichten zum Trotz. Die Essenz daraus treibt diese Musik, die auch keinen Glamour braucht, mit aller Wucht voran und zieht uns als HörerIn widerstandslos ins Auge des Orkans.

The Coathangers, Suck My Shirt                                                                                      

Es gibt Begriffe, deren spezielle Bedeutung erschliesst sich einer naiven Seele (wie mir) nicht gleich. Kleiderbügel, Coathangers, zum Beispiel. Mit ihnen werden Abtreibungen durchgeführt in Gegenden, wo Frauen das auf legale Weise zu tun verwehrt ist. Und es ist ein schmutziges, grobes, gefährliches Instrument. Soviel dazu, jedenfalls Anlass zur Wut, zu der The Coathangers auch genug Anlass fanden. Das neue, Suck My Shirt, ist ihr 4. Album in den sieben Jahren ihrer Existenz, die doch zugleich einfach als Spass begann, ohne irgendwelche grossen Kenntnisse bei der Beherrschung von Instrumenten. Das allerdings hat sich verändert, wie spätestens hier, nachzuhören ist.

The Hidden Cameras, Age                                                                                              

Joel Gibbs Gay Church Folk ist zurück, älter und etwas abwechslungsreicher geworden, aber munter wie je. Age heisst das kleine neue Album der Hidden Cameras und es geht ums Erwachsenwerden. Das tut Kraft und Munterkeit der Musik erfreulicherweise keinen Abbruch. "Age", so Gibb, ist die Platte, auf der es weniger um die Frage geht: "Wer bin ich?", sondern vielmehr um die Frage "Wo komme ich her?". Wie entkommt zB mensch den Konditionierungen, nicht nur denen  der jungen Jahre und den Urteilen, die unhinterfragt immer schon feststehen? Eine Frage, die sich nicht nur queeren Jugendlichen und sicher auch Älteren immer wieder stellt.

The Notwist, Close To The Glass                                                                                              

...und alle fanden es gut. Praktisch niemand ging unter den Moniker "Meisterwerk". Und so gehts los: MusikfreundInnen, hört die Signale: Die golden boys aus Weilheim sind zurück und das auf der Höhe ihres Könnens. Die Multiinstrumentalisten Markus und Micha Acher und der Klangtüftler Martin Gretschmann, der irgendwann vom Fan zum Bandmitglied aufstieg, bilden eine verschworene Einheit, die eine persönliche Zuordnung kaum noch zulässt. Close To The Glass - Nah am Glas heisst dieses neue Notwist-Album. Wie üblich, haben sich die Musiker eine Menge Zeit dafür gelassen und rund 100 Tage im Studio verbracht, wie es heisst. Nicht zu wenig Zeit dafür, dass sie ihre Vorstellungen genau so umsetzen konnten, wie sie es sich vorgestellt haben. Das Ergebnis hätte tüftelig ausfallen können, ist aber ganz grossartig eben nicht aus einem Guss. Von einem falschen Ort zum nächsten geht es wie im richtigen Leben, von nicht allzuhäufigem Furor bis zur fragenden Melancholie reicht die Palette der musikalischen Mittel, die recht brüsk nebeneinander stehen und sich in ihrer Verschiedenheit doch prima ergänzen.

The Soft Pink Truth, Why Do The Heathen Rage?                                                                

Mit seinem Projekt The Soft Pink Truth, erstmal wieder aktiv seit 10 Jahren, feiert und entheiligt Drew Daniel, bekannter als Teil von Matmos, zehn mehr oder minder klassische Black Metal Stücke. Von einem queeren Standpunkt wirft er einen ebenso begeisterten wie spöttischen Blick auf die Erzeugnisse einer Szene, die ihn nie losgelassen hat. Trotz des Morasts, in dem sie auch wuchert, einem trüben Tümpel aus Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und dem Gefühl, auf jeden Fall etwas Besseres zu sein, nicht nur als Musiker. Das gewohnte /In verkneife ich mir aus wohlerwogenen Gründen an dieser Stelle. Der Spass am funkenschlagenden Zusammenprall zweier für unvereinbar gehaltener Kulturen ist es aber, der durch die verwendeten Stilmittel auf Why Do The Heathen Rage? verhandelt wird und zuweilen absurde, aber treffende, weil kontroverse Antworten findet. Mitwirkende bei diesem Album von The Soft Pink Truth, dessen Cover voller kopulierender und mordender belederter Männer keinesfalls jugendfrei ist, sind ua Anthony, Bryan Edward Collins, Jenn Wasner und Terrence Hannum und Matmos-Co mate M. C. Schmidt. Venom, Beherit, Sarcófago, Sargeist, Darkthrone, An, Mayhem, Hellhammer und Impaled Nothern Moonforest liefern die Vorlagen, denen sich Drew Daniel als The Soft Pink Truth ebenso liebevoll wie ketzerisch widmet. Er verleugnet seine Faszination ebenso wenig, wie sein Unverständnis gegenüber einer Haltung, die Politik und Ästhetik sauber auseinanderdividieren will. Erinnert Euch dabei an Magne Andreassen, einen schwuler Mann, ermordet 1992 von Bård G. Eithun, Schlagzeuger bei der Black Metal Band Emperor, der ihn ins Dunkel lockte und mit dem Messer erstach: "Smashing Rainbows".

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Fuck Off Get Free We Pour Light On Everything

Einmal durch den Sumpf des Lebens und stets die Faust erhoben: So klingen Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra auf ihrem aktuellen Album. Es trägt den ausufernd-pathetischen Titel Fuck Off Get Free We Pour Light On Everything und atmet nach wie vor unablässigen Protest, aber auch wiedererrungenen Punk. Wobei das, wie bei Efrim Menuck üblich, unter dem Aspekt des Epischen gesehen werden muss. Die Welle der Wut steigt verdammt hoch, bevor sie bricht und alles unter sich begräbt. Menuck ist aber kein Apokalyptiker, denn was es zu erreichen gilt, ist nicht die Abschaffung der Menschheit. Sondern eine Verbesserung, hin zu einer solidarischeren, meinetwegen schlichter lebenden Gesellschaft, die eine Perspektive für sich und ihre Kinder sieht. Das steckt in dieser Musik, das ist es, was diese Band bewegt und antreibt und das Feuer dieser lohenden Musik anschürt. Da haben dann auch die Momente bewegender Schönheit inmitten aller Wucht und Drastik ihren Platz und lassen Raum für eine Spur Hoffnung. Aber der Ausgang der Geschichte ist bekanntlich offen. Protestsongs kann es angesichts der Umstände nicht genug geben, auch wenn diese sich nicht so leicht mitsingen lassen.

V. A., A Tribute to Nils Koppruch & Fink                                                                           

Traurigster Anlass: Der frühe Herztod von Nils Koppruch, aber eine unglaublich schöne Leich. Wirklich gelungene, weil vielgestaltige Anverwandlung Koppruchschen Liedguts durch ua Bernadette La Hengst, daantje & the golden handwerk, Olli Schulz & Band, Günter "Rex" Märtens, Knarf Rellöm, Click Click Decker, Kettcar, Fehlfabren und mehr.            

Venetian Snares, My Love Is A Bulldozer                                                                             

Ungemein produktiv ist Aaron Funk einerseits, mit mehr als 20 Veröffentlichungen binnen 15 Jahre und doch bisweilen zögerlich, was eben diese Veröffentlichungen angeht, wie zu lesen ist. Und so sind seit dem letzten Venetian Snares Album vier Jahre vergangen, bis jetzt My Love Is A Bulldozer herauskam: Ein Titel, der mindestens hält, was er verspricht und Aaron Funk zugleich von einer neuen Seite zeigt, als Sänger nämlich. Vorausgegangen war ein Projekt (Poemss) mit der kanadischen Produzentin Joanne Pollock, bei dem Funk ebenfalls bereits gesungen hatte. Hier nun passiert Überraschendes, ziemlich Ungeheuerliches und der enorme, hochsteigende Zentaur vom Albumcover bietet dafür ein prima Sinnbild. Ein Monster, einen hypertrophen Bastard könnte mensch dieses Album nennen aus grollendem Gesang, frenetischen Breakbeats, filigranen Gitarrenklängen, einer gewissen Jazzyness und feierlichen Synthiestreichern. Wie ein Bulldozer räumt diese Musik alle Bedenken beiseite, dass derartige Elemente nicht zusammengehen können. Nun, es geht, wen auch nicht gerade zwanglos. Einiges von dem, was hier passiert, fand sich eher subkutan schon auf früheren Alben. Hier aber rückt es in den Vordergrund, um eine Geschichte zu erzählen.

Mirel Wagner, When The Cellar Children See the Light of Day                                                    

Sie hats schon wieder getan, auch wenn ihr Keller wahrscheinlich gut belüftet und beleuchtet war. Aber muss wer Dreck gefressen haben, um dem Teufel an der Kreuzung ins Auge sehen zu dürfen, seine züngelnde Rede zu hören und dann eine Entscheidung zu treffen? Bewegender Southern Gothic aus dem finstersten Finnland.

Xiu Xiu, Angel Guts: Red Classroom                                                                                   

Zwölf Jahre Xiu Xiu, zwölf Alben und nichts ist gut. Schon lange war Jamie Stewarts Musik nicht mehr so furchterregend wie hier, bei Angel Guts: Red Classroom. Der Titel verweist auf eine japanische Filmserie der 1980er, pink films, Geschichten von Vergewaltigung und Pornographie. Ängste und Selbstmord sind dann Themen, die Stewart selbst beisteuert, angeblich alles inspiriert von einem Umzug, der ihn unwissend mitten in ein L. A. Bandengebiet mit Mord und Totschlag führte. Und doch ist das natürlich eine Welt, in der sich Stewart seit je bewegte. Also quasi zwei Schritte vor, einer zurück. Xiu Xius Angel Guts: Red Classroom ist in seiner schneidenden, kalt glühenden Düsternis ein grossartiges Album. Und zugleich eins, das seinen Kreis der Hölle nicht verlässt, sondern sich darin ganz ausgefeilt strapaziös eingerichtet hat. Das ist ganz ok. Betrachtet die Umstände. Und alles bleibt doch in der weitgehenden Fokussierung auf anstrengenden Lärm unter den Möglichkeiten, die ich Jamie Stewart zutraue. Nach dem Satz, der einer Liebeserklärung von seiner Seite so nahe kommt wie nur möglich, nämlich: "Ich hasse alle ausser dir". Aber es macht natürlich auch Spass, dauernd "Black Dick" zu keifen...

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.1.2014