Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

Hier den Livesteam einschalten

 

 

Lady Lamb, After, BB*Island, 2015 - 12 Songs, 55 Min.

Vena Cava heisst der erste Song des neuen Albums von Lady Lamb, ehemals “The Beekeeper” und das ist der Name eines sehr bedeutsamen Gefässes zur Blutversorgung des Körpers. Überhaupt beherzt ist der Einstieg in dieses Album und das bleibt auch so. Die Schrift für Album- und Songtitel ist mit etwas Triefendem überzogen, mag sein, dass es selbstgemachte Marmelade ist, aber wer will, kennt diese Schriften von alten Horrorfilmen. Da steht es für was Anderes. Es ist einfach eine Menge Herzblut in dieses Album geflossen, vermute ich mal, soviel, dass es aus allen Poren quillt und über die Worte strömt. „I ain´t no warrior or king / but how I am one when I sing when I sing“ heisst es am Ende dieses Songs namens Vena Cava. Danach, übrig geblieben, am Leben. Auch noch. und gerade eben, wenn etwas vorbei ist, eine Liebe zerbrochen. Aly Spaltros erste Songs entstanden ja während ihrer Tätigkeit im örtlichen Videoverleih in Brunswick, Maine. Fünf Eigenveröffentlichungen entstanden so zwischen 2007 und 2012, bevor 2013 mit Ripely Pine das erste Album auf einem richtigen Label herauskam und auch ZORES gut gefiel. Jetzt ist sie zurück, mit dieser ebenso entwaffnenden wie hinreissenden Mischung aus gar nicht mal aufgesetzter Harmlosigkeit und einer punktgenauen Rotzigkeit, die angesichts der obwaltenden Umstände gar nicht zu vermeiden ist. Und immer wieder mischt sich Staunen in die Songtexte, Staunen über die faszinierend funktionierende Welt zwischen pumpendem Pulsschlag und dem kreisenden Sonnensystem, das sich auch in einem selbst befindet. Es müsste nur jemand nachschauen.

Aly Spaltro ist Lady Lamb, ist entwaffnend offen, ist verrätselt, ist mal deprimiert, mal nachdenklich. Sie lässt sich nicht unterkriegen, sie geht mit offenen Augen durch die Welt. Sie ist mal gar nicht so lang dem Mädchenalter entwachsen, sie hat bereits tiefe Einsichten und vor allem hat sie ihre eindrucksvolle Stimme, die allen diesen Tonlagen gewachsen ist und die sie in eine musikalische Welt zwischen Singer/Songwriter, Folk und Indie schickt. Und sie schlägt sich da gut. Mal ganz zurückhaltend, nur mit ein paar Tönen auf der Gitarre begleitet. Wovon sich niemand täuschen lassen sollte, Lady Lamb holt nämlich wenns nottut zum gutgezielten Punch aus. Aber es gibt auch die anderen Songs, die ausser dem Fixpunkt  Marco Boccelli (dr) mit Chor aufwarten, mit Streichern oder mit gut plazierten Pauken und Trompeten. Und auch das steht dieser Musik gut. Sie kann aus kleinen Anfängen enorm über sich hinauswachsen. Es gibt, oft genug hoffentlich, ein Danach. Und das darf, bei allem Rest von Schmerz, Anlass sein für ein paar grosse Töne, Anlass für diese heftig bittersüssen Lieder von Lady Lamb. 

Anspieltipps: Vena Cava, Violet Clementine, Heretic, Spat out spit, Dear Arcansas Daughter, Batter     

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.8.2015 


Algiers (same), Matador, 2015 - 11 Songs, 44 min.

Schaut mensch auf die Homepage dieser Band namens Algiers, zeigt sich dort ein inspirierendes und verwirrendes Sammelsurium aus Kunstwerken, Plakaten, Photos mehr oder weniger bedeutender Persönlichkeiten und diversen anderen Dingen und das legt nahe, das viel davon Spuren in der Musik der Band hinterlassen hat. Alles zumal Stoff zum Denken. Zum kritischen Denken. Etwa wie so etwas wie eine Band funktionieren kann unter den herrschenden Bedingungen von Kapitalismus und Rassismus, beides keine Nebenwidersprüche. Und wie schnell daraus Traktätchen zu gewinnen wären. Aktion ist auf dem Platz, sie zeigt da zugleich nach wie vor. ihre Marginalität. Also noch eine Band, die sich Gedanken macht. Kann das gut gehen, zu mehr werden als einer spröden Kopfgeburt? Reinhören hilft und zumindest diese Gefahr kann für gebannt gelten. Algiers haben das Zeug, dich zu packen.  Wenns ein Genre-Begriff sein darf, es hat sich rasch einer gefunden: Ein Schlagwort wie Gospel-Punk beschreibt den ersten Höreindruck gar nicht mal so schlecht.

Algiers sind der Sänger,Texter und Multiinstrumentalist Franklin James Fisher, der Gitarrist Lee Tesche und der Bassist Ryan Mahan. Sie leben und arbeiten in einem Teil der Welt, in dem die meisten Menschen mit Ironie, Eskapismusangeboten und anderen Kaltstellungsstrategien bei Laune gehalten werden. Algiers suchen sich, wie manch andere politische Band, eine Nische zu schaffen, in der es aufrichtig zugeht. Musikalischer Widerstand kann einstweilen nur symbolisch sein. Er gewinnt aber sicherlich, wenn zumindest musikalisch Funken stieben. Und das schafft diese Band, die doch zugleich jeden einzelnen Ton auf problematische Implikationen abzuwägen scheint. Was daraus aber wird, hat seinen eigenen, stark hymnisch unterfütterten Klang, der jedoch kein Zeichen von Zuversicht sein muss. Im Gegenteil. Er bezeichnet viel eher die brutal klaffenden Lücken im Zusammenleben einer Gesellschaft, die mit dem Versprechen des Strebens nach Glück für alle angetreten ist. Keine Heimat somit, nirgends. Schon gar nicht der konkrete Ausgangspunkt Atlanta, eine Stadt, die seit den 90er Jahren (Olympiade 1996) in die Hände bedenkenloser Grosskonzerne gefallen ist mit allen erwartbaren Folgen für Arme und Schwache. Nicht London, nicht New York, wo die Bandmitglieder später lebten. Und auch nicht der Gospel, dessen Spuren in den ebenso überwältigenden wie irrlichternden Songs von Algiers herumgeistern. Gospel mag eine Zuflucht bieten, aber es ist mehr nötig als die Errettung von Seelen. Es wäre ein anderer Aufbruch nötig, einer der die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringt. Algiers sind auf der Suche danach. Die Erlösungshoffnung trifft dabei auf die ruppigen Sounds einer Zeit, in der derlei Dinge eben selbst in die Hand genommen werden müssen. Die hoch belastbaren Spinnfäden des kapitalistischen Verblendungszusammenhangs halten vielleicht nicht auf Dauer. Von Algiers ist das, hoff ich mal, nicht das letzte Wort.  

Anspieltipps: Remains, Claudette, Blood, Old Girl, But she was not flying          

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.8.2015


Annabel(lee), By the sea... and other solitary places, Ninja Tune, 2015 - 10 tracks, 38 Min.

Wo sind wir hier? Wo ist dieser Ort, der anders als verwunschen nicht zu bezeichnen ist? Warum ist niemand da? In der Luft liegt ein Geruch von Wasser und dann erklingt diese Stimme, die die ganze Zeit schon vernehmbar war, vermutlich, und sie klingt zugleich wie nicht von hier, jedenfalls nicht von einem dieser Orte, die ein menschlicher Fuss ungehindert betreten kann. Sirenen mögen so singen. Oder eine Stimme von jenseits des Grabs. Die Realität verschwimmt, scheint zu entgleiten.

Annabel(lee) nennt sich dieses transatlantische Duo und Annabel Lee ist zugleich der Titel des letzten vollendeten Gedichts von Edgar Allan Poe, der darin eine unauslöschliche Liebe über den Tod hinaus besingt. Unsterbliches und zugleich ausgelutschtes Thema, gewiss, aber wie es hier von der Sängerin Annabel und dem Musiker Richard E. in Klang gebracht wird, das hat doch eine Menge Reiz. Durchaus passend herausgekommen zum Record Store Day, vereint es, wie es in einer Rezension hiess, vielfältige Inspirationen aus dem Inventar eines gut sortierten Second Hand Plattenladens, die mit sicherer Hand und feinem Gespür zu etwas Eigenem zusammengeführt werden. Für eine Ninja Tune-Veröffentlichung unüblich steht der Rhythmus nicht im Vordergrund, auch wenn mehr als einige Anregungen von Trip Hop eingeflossen sind. Der Brite Richard E. ist nicht nur mit Filmen hervorgetreten, er ist auch eine Hälfte vom Solar Apple Quarktette. Annabel, eine New Yorker Sängerin mit literarischen Vorlieben, schlug sich bislang mit Standards aus Jazz und Cabaret durchs Leben, wobei das in Monotonie auszuarten drohte. Nun, das hier ist was anderes. Auch wenn dezent Jazziges im Hintergrund mitläuft. Ein Wispern aus dem Abseits. Lockende Rufe einer rauchigen Stimme. Delikate Klänge, die dem Impressionismus Manches zu verdanken haben. Dezente Folk-Anleihen, der majestätische Puls von Wellen aus einem Königreich am Meer. Engel sollen sogar auf diese überwältigende Liebe neidisch gewesen sein. Annabel Lee starb, aber die Liebenden blieben vereint. Ein Grab muss nicht nur Ruhestätte für Tote sein. Sepia liegt über allem, die Musik ist in die milden braunen Farben alter Photographien getaucht. Manches ändert sich nicht, auch wenn es sich dem Zauberkasten moderner Elektronik verdankt. Es ist Magie, ein wenig morbide, aber doch auch ein Triumph des Lebens. Solange es halt währt, solange Edgar Allen Poes Gedicht gelesen wird, verinnerlicht wird, inspiriert. Also wohl noch für einige Zeit. Solange also keine Unruhe. Solange sich in diese dunklen, mal schlichten, mal üppigen  Klänge betten, träumen. Auch an einsamen Orten, so friedvoll, wie sie hier beschworen werden, geht das Leben einmal weiter. Auch wenn Annabels Stimme noch so verlockend flüstert. Sie immerhin hat hier, ganz real, zu sich gefunden.

Anspieltipps: Breathe us, Believe, Invisible Barriers, Find me, (1849)     

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.8.2015   


Minsk, The Crash And The Draw, Relapse Rec., 2015 - 11 tracks, 75 Min.

Und noch einmal epische Überwältigung, vorgetragen, ja grosszügig ausgewalzt auf 75 Minuten. Dabei klafft eine zeitliche Lücke von mehreren Jahren zwischen dieser und der letzten Veröffentlichung. Die Rede ist von Minsk und ihrem Album The Crash And The Draw. Enthaltend einen über blosse Musik hinausweisenden Anspruch durch hochgeistige Inspiration, nämlich seitens des Alchemisten Hermes Trismegistos und des Mystikers Khalil Ghibran. Soweit so gut. Einzuordnen wären Minsk grob zwischen Postrock und Stoner/Doom. Das heisst nicht zuletzt, einige Geduld mitzubringen. Und sich auf der langen Strecke nicht zu verlaufen. Eins schon mal vorab: Den richtig griffigen Song haben Minsk auf diesem Album nicht dabei. Das überlassen sie anderen. Was hier fesselt, ist das launige Spiel zwischen düsterer Wucht sowie massiver Intensität und feiner, fragiler Nachdenklichkeit. Damit einher geht freilich der Verzicht auf die gewisse Eingängigkeit, die einen Song unverwechselbar und eben einprägsam macht. Aber das unterliegende Programm ist eben kein Honeymoon. Nein, auch wir gehen wir auf eine Reise, durchmessen ein Initiationsritual, verlassen die Szenerie als Andere als die, die hier eingetreten sind. Geduld und Aufmerksamkeit können beim Hören nicht schaden, auch wenn gewaltige Klangwogen HörerIn auch ungefragt von Station zu Station weitertragen. Dazwischen existieren freilich auch mal akustische Trockengebiete, zu deren Durchquerung sich diesem Sextett durchaus anvertraut werden darf. Mit dem ersten Track To the Initiate entfachen Minsk hingegen einen Sog, den sie über die enorme Strecke ihres aktuellen Albums leider nicht durchgehend halten können. Aber als Einstieg ist er grandios und The Crash And The Draw weist oft genug Klangqualitäten dieser eindrucksvollen Art auf. Isis und Neurosis fallen ungefragt als Referenzpunkte ein, nicht zuletzt durch den Einsatz von Elektronika. Freilich, wie gesagt, es ist nicht alles inspiratorisch auf dieser Höhe. Vielleicht hätte eine gewisse Konzentration diesem Album gut getan, das so, wenn auch kein überragendes, so doch durchaus eindrucksvolles geworden ist. Der den KollegInnen von ZOSH geschuldete Daumen weist somit seitlich auf gute halbe Höhe.  

Anspieltipps: To the Initiate, Onward Procession I-IV

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.8.2015


Ausserdem in ZORES

Stereo Total, Yéyé existentialiste – Blow Up, 2015

Einerseits unschön, da nichts Neues. Andererseits: “Es ist schön, Mädschen zu sein” sagt Francoise Cactus. Dem möchte unsereins dann doch beipflichten. Besonders, weil dieses Mädchen seit gut 20 Jahren mit Brezel Göring ebenso verspielte wie faszinierende Trash Pop-Perlen in die Welt wirft. Hier ein best of, mit kundiger Hand ausgesucht von Paul Tunkin. 28 alterslose Songs! Fortdauernde Begeisterung über eine der unterhaltsamsten Bands aus diesem Land ist nicht fehl am Platz.

Nadine Shah, Fast Food – Apollo, 2015

Das schnell hinterhergeschobene zweite Album kann eigentlich nur eine Enttäuschung sein. Eigentlich. Mit ihrer charakteristischen Stimme widmet sich Nadine Shah hier allerdings existenziell geringeren Problemen wie amourösem fast food. Der Fall nach dem falling in love ist heftig, aber erträglich. Die obligaten Vergleiche mit PJ Harvey und Nick Cave sind ehrenvoll, aber nicht nötig.