Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Isolation Berlin, Und aus den Wolken tropft die Zeit, Staatsakt 2016 - 12 Songs, 45 Min.

Und sie sind die Band der Stunde. Das morgige Konzert in der MuZ ist ausverkauft, wie andere Konzerte auch. Und sie sind ohne Hemmungen auch prätentiös und beinah unbeschwert: Berliner Schule – Isolation Berlin.

Natürlich liest sich die Bandgeschichte, als habe sie sich ein Marketingstratege ausgedacht. Vom ziellosen Aufbruch zur unerwarteten Jungsfreundschaft, ersten Songtexten, Bandgründung, alles in grauer Städte Mauern. Geschenkt. Jung, depressiv, keine Scheu vor Pathos. Im allgegenwärtigen gute Laune- Pop ist das schon mal eine Position, die hervorsticht.  Und wenn sie dann auf einem gutgeölten Indiegitarrenfundament einherkommt, umso besser. Das mag einiges von dem kleinen Hype erklären, der sich zumindest in Deutschland um die Band so rasch entwickelt hat. Wo gleich noch auf den so ganz anders gearteten Musikentwurf der Nerven zu verweisen wäre, denen die beinah zutrauliche Zugänglichkeit von Isolation Berlin allerdings abgeht. Es scheint aber, dass es so etwas wie eine Sehnsucht nach ganz konkret beschriebenen (Miss-) Empfindungen gibt, die darauf wartet, erfüllt zu werden. Auf diesem Album namens Und aus den Wolken tropft die Zeit werden sie ausgiebig bedient. Was sagt uns das? Isolation Berlin haben eine Antwort: Ach, wenn wir nicht so hungrig wären / wie glücklich könnten wir sein. Berlin – No future again. So glücklich könnten wir sein. Wenn die Welt uns denn liesse, Chef, Arbeitskollegen, Nachbarn, die Verhältnisse, die Depression. Und aus den Wolken tropft die Zeit fasst private Stimmungen zusammen, bebildert eine Reise ins steinerne Herz des Finales. Ungerührt hat mensch standzuhalten: Seht, das habt ihr aus mir gemacht. Persönliches streift damit doch Politisches, auch wenn das sonst ferngehalten wird. Isolation Berlin. Das meint schon im Bandnamen Vereinzelung, das spricht von fehlender Solidarität, da können auch euphorische Aufschwünge und melodische Melancholie nicht darüber hinweghelfen. So gesehen haben Isolation Berlin ein im Innern rabenschwarzes Album vorgelegt, das mit munterem Popoutfit nur schwer darüber hinwegtäuschen kann. Die zehrenden Harmonikaklänge des letzten Songs führen dann direkt in den Abgrund, auch wenn der Protagonist noch mit Trotz dagegenhält. Schon lustig, nicht wahr? Derart dürfte nicht einmal ein Schmerzensmann wie Nick Cave ein Album beenden. Hart lässt uns die Band da schlucken und es dauert eine Weile, bis sich eine Einsicht Bahn bricht. Es handelt sich ja auch hier um ein popkulturelles Produkt, die Band selbst hat Zeit und Mühen investiert, bis sie alles im Kasten hatte, einschliesslich des Abgesangs. Vielleicht sollte das nicht zu persönlich genommen werden. Denn die vier jungen Männer haben auch noch eine andere Seite, die hat wohl jetzt aller Isolation und Vereinzelung zum Trotze doch die Oberhand gewonnen in beinharter oder auch ironisch gebrochener Selbsterkenntnis (obwohl Isolation Berlin sorgfältig jede Form von Humor und Ironie in diesem Werk vermieden haben). Sie sind letztlich ein Produkt, das ungerührt gehört, gekauft, gestreamt werden möchte. Das erstmal weitermachen will (Sie haben jetzt auch die alten Demos draussen). Jung und stark und schön wie noch fast jede frische Band.

Anspieltipps: Produkt, Fahr weg, Verschliesse dein Herz,          Ich wünschte, ich könnte, Wahn

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.4.2016 


Turbostaat, Abalonia, [Pias] Recordings 2016 - 10 Songs, 42 Min.

Von der Stadt der Angst nach Abalonia. So lang ist der Weg nicht. Wut und Angst reisen mit. Und tatsächlich ein Konzept. Geschichte einer Flucht, hochaktuell, aber ohne irgendwie plakativ zu werden. Dafür sorgen schon die frei assoziierenden Texte von Marten Ebsen. Turbostaat bleiben eine Punkband auf eigenen Wegen.

„Denn alles ist besser als der Tod“ sagte er und küsste sie. Was im Märchen funktioniert hat (als Archetyp), lässt sich ungezwungen in eine Gegenwart übertragen, in der alle denkbaren Versionen davon von lebendigen Menschen durchgespielt werden. Bis zu einem notwendigen Ende. Turbostaat haben als Protagonisten ein Paar gewählt, das zuerst gemeinsam aufbricht, sich dann verliert. Aber es geht auch so weiter. Sämtliche Ähnlichkeiten mit gegenwärtigen Schrecknissen sind keineswegs zufällig. Aber sie gerinnen auch nicht zu Pappkameraden. Das mag mensch Turbostaat vorwerfen, aber das ist wie stets ihr Plan, ist Musik und weder Demoparole noch Leitartikel. Und es treibt trotzdem um und um, das Unbehagen, die Fassungslosigkeit angesichts aller unbekümmert präsentierten Mitleidlosigkeit.   Abalonia, das 6. Turbostaat-Album ist so etwas wie die Utopie eines Ankommens, erzählt in einzelnen, kaum zusammenhängenden Etappen. Es gibt Stimmungsbilder und klare Ansagen und beides fügt sich, mit der etwas angestrengten Stimme von Jan Windmeier, nie zu einem durchgängigen Text. Die Richtung ist trotzdem klar. Musikalisch machen Turbostaat da weiter, wo sie zuletzt waren: Punk, der auch die „Schönheit der Verkrampfung“ schätzt und produktiv macht, Gang of Four oder The Cure im Ohr behalten hat. Schönheit und Verstörung schliessen sich nicht aus, das beweisen Turbostaat hier auch noch mal. Sonst müssen sie nichts beweisen. Sie nehmen Dich nicht an die Hand. Das wollen schon genug andere. Sie teilen ihre Eindrücke mit, ihre Irritation, auch ihre Traurigkeit. Ein trüber Ort, das hier und könnte doch ganz anders. Abalonia, das könnte hier sein und wir könnten uns dafür anstrengen. Vielleicht ist das der Vorschlag, der hier zu unterbreiten wäre. Turbostaat machen die Musik dazu. Dass sie sich nicht grad ins Ohr fügt, dass sie auch wehtut, ist dabei unvermeidlich.  

Anspieltipps: Der Zeuge, Der Wels, Wolter, Geistschwein, Die Toten                 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.4.2016 


Wolf Eyes, I am a Problem: Mind in Pieces, Third Man Rec. 2015 - 6 Songs, 37 Min.

Die Noisemaker Wolf Eyes mit einem Album auf Jack Whites Label Third Man Records: Verspricht spannend zu werden. Über 500 Veröffentlichungen seit 1997 haben Wolf Eyes, wie zu lesen ist,  aufzuweisen, ausser für SpezialistInnen ist es da wohl schwierig, einen Überblick zu gewinnen. Ich habs nie versucht, auch wenn sich mir die Band aus - derzeit Nate Young, John Olson und James Baljo - immer mal wieder in den Weg gestellt hat. Räudig und grässlich war der Anfang von Wolf Eyes und lange Zeit war die Band bemüht, einschlägige Grenzen auszutesten. Doch nicht erst seit diesem Album namens     I am a Problem: Mind in Pieces haben sie sich aufgemacht, andere Wege zu beschreiten – die sie sicher kaum je in die Rock´n´Roll Hall of Fame führen werden. Aber mehr als Spuren von Rock´n´Roll birgt diese Musik schon.

Wahnsinn, Tod und Teufel hatten immer schon ihren gebührenden Platz in der populären Kultur, gerne freilich als B-Movie. Deren Musikzweig hat derlei Themen natürlich mit Kusshand aufgegriffen und dafür Genres von – Achtung: extrem unzuverlässige Verkürzung! - Blues bis zum Horrorpunk aufgemacht. Wobei Wolf Eyes uns hier quasi eine hübsche Sammlung von abgerockten B-Seiten vorgelegt haben, anheimelnd unheimlich und unbehaglich. Dabei sind hier keine grossen, lauten Monster versammelt, eher sind es die Schatten aus der nächsten Umgebung oder dem eigenen Inneren, die uns belauern. Mit diesem mehr oder weniger alltäglichen Horror arbeiten Wolf Eyes einen Strang aus ihrem Soundkosmos heraus, der darin schon länger angelegt war. So gesehen erscheint der Wechsel zu Jack Whites Label konsequent. Konsequent ist auch die Hinwendung zum Rocksong, wobei der Begriff hier klanglich schon sehr strapaziert wird, aber das ist ja das Mindeste, was mensch von einer so eigenwilligen Band erwarten darf. Von Wohlsein kann hier jedenfalls keine Rede sein, von bedrängender Spannung, Platzangst und Persönlichkeitsspaltung dagegen umso mehr. Lasst es uns, um es einigermassen unschädlich zu machen, als Soundtrack anhören, Klangkulisse zu einem Film, den man jederzeit wegzappen kann. Jetzt zum Beispiel. So, jetzt also. Na, mach schon. Los etz. Oh, hoppla, warum funktioniert das dann nicht? Shit, holy shit…   

Anspieltipps: Catching the Rich Train, Asbestos Youth, Cynthia Vortex aka Trip Memory Illness            

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.4.2016


Nick Mott, Here Begins the Great Destroyer, Lumberton Trading Company, 2015 – 10 tracks,

Ah… Musik. Da war doch was. War da was? Das hier, ist das welche? Hic sunt leones schrieb man früher auf Karten, wo man nicht weiterwusste. Hier beginnt der grosse Zerstörer, schreibt dagegen Nick Mott über sein Album. Es bleibt nichts, was es war. Und das ist Warnung genug. Lasst uns daher über Musik reden. Jedenfalls ein anderes Mal. So wie neulich. Als ob nichts gewesen wäre. Das tut ja nichts zur Sache. Es muss einem nicht peinlich sein. Kann schon mal vorkommen. es ist dann nicht mehr so wie es nie war. Sagt man ja so. Wird ja auch viel dahergeredet, in diesen schlauen Artikeln, wo die Worte ständig ihre Konsistenz ändern, sich shiften, mit anderen mitlaufen, mit gespitzter Lippe sozusagen und niemals, NIE! auf ihre vorige Existenz zurückschauen. Flötentöne im Wald. Bringt auch nix. In die zerbrochenen Schalen schlüpft kein Küken mehr zurück. Es gilt das mal kurz festzustellen. Sonst entgleitet das ja alles, windet sich, ein Gestaltwechsler am Werke. Schillert ein wenig, bevor er sich dem gerasterten Hintergrund angleicht. Passt. Kaum zu erkennen. Schau genau hin: Früher war das mal Musik.

Von markanten Änderungen war jederzeit auszugehen. Um nicht kleinlich zu erscheinen galt es, jeder neuen Stunde ein Gebot voranzustellen, das aus bereitgestellten Tabellen zu entnehmen war. Zuvor schon hatte ich dazu leidenschaftlich masslos überbordende Folianten konsultiert, um die Agenda voranzutreiben. Neben Stössen an leeren Zetteln verschiedener Art türmten daher sich Berge an Exzerpten daraus in achtunggebietender roter Schrift. Zierlich dahinter duckte sich der Drucker, das neumodische Tierlein, in seinem schütteren Grau. Auch er litt keinen Mangel, keineswegs. Die Uhr ratterte ihr "Aber nicht doch". Permanent glitten Papierflieger durch das Zimmer. Sie übermittelten, wenn auch selten, diskrete Botschaften. Verbrauchte Exemplare wurden bevorzugt zu Konfetti verarbeitet, das schmuddelige Kinderfinger anschliessend emsig mit kleinen Darstellungen mythischer Figuren bemalten. Besonders beliebt als Motiv war ein hagerer Mann im dunklen Anzug. Das ist Der Beinah Liebe Gott raunten Stimmen zwischen meinen Ohren, die mir sonst geheime Pegelstände mitteilten. Ich traute ihnen nicht. Ich ergab mich lieber den Klangwelten von Nick Mott. Gebastel und Geschraube, Exzentrik und Selbstbehauptung angesichts des Aufmerksamkeitsvorsprungs von fast allem anderen, was da tönt und klingt. Nick Mott stört sich daran nicht, er hat das mit Volcano the bear ja ebenso auf eigenem Planeten durchgespielt. Hier hält er halt die meisten Fäden in der Hand. Und wenn der grosse Zerstörer sein massloses Werk verrichtet hat, bleibt eine Brache. Könnte was daraus erwachsen, was Neues, weithin Widerstandsfähiges. Das wäre dann womöglich überhaupt nicht mehr auszumerzen.                                   

Anspieltipps: The Living Room, Distorted Grace, Gates of the Destroyer, The Early Investigators, 664-668

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.4.2016 


Öxxö Xööx,Nämïdäë, Blood Music, 2015 - 9 Songs, 74 Min. 

Wunderbares Frankreich, wunderbare, hierorts kaum oder nur am Rande wahrgenommenen Musikwelten. Ob Prog, Psychedelic, Noise, Doom oder ausserweltlicher Metal: Es gibt immer wieder Erstaunliches zu entdecken und zu würdigen. Manches beeindruckt allerdings vor allem durch den Mut zur überbordenden Seltsamkeit. Ich spreche jetzt nicht von den alles Irdische knechtenden Sebkha-Chott, sondern von den ungekönten Königen im Reiche des Umlauts: Öxxö Xööx, vor denen nicht einmal i-s, y-s und e-s sicher sind: alle kriegen sie sie verpasst, die beiden obenliegenden Pünktchen. Es steckt halt ein System dahinter, eine eigene Welt mit eigener Philosophie und einer enorm theatralischen Musik. Nicht umsonst eng verbunden mit Öxxö Xööx ist nämlich Gautier Serre, der als Igorrr brachial Barockmusik und breakbeat spleisst. 

Ums vorweg zu nehmen: Öxxö Xööx taugen eigentlich nicht für ZORES. Unsere Herzen schlagen ja bevorzugt für Quer- und Randständiges, für Impertinenz und Aufbegehren und derlei mehr. Wovon ja regelmässig Ausnahmen gemacht werden, bevorzugt in Richtung innige Lieblichkeit, Obskurantismus und Exzentrik. Also ist doch alles im Lot? Ich schüttle zweifelnd mein Haupt. Auf seine Weise ist der Metal von Öxxö Xööx nämlich sehr geradlinig und konventionell, allerdings mit enormen Anteilen von pompöser Theatralik, funkelndem Bombast und allerleih Irrwitz unterfüttert. Von daher bleibt es vor allem ein (ausgedehntes) Schlaglicht auf die musikalische Szene unseres westlichen Nachbarn nach dem Motto Hören & Staunen. Öxxö Xööx singen auf Englisch und in einer selber gebauten Sprache, in der ihr Name für „69“ steht. Tja – make love, not war sozusagen. Nämïdäë ist ihr zweites Album, eingespielt wurde es mit Laurent Lunoir als Öxxö Xööx höchstselbst sowie Laure Le Prunenec aka Rïcïnn sowie dem Drummer Isarnos (Thomas Jacquelin). Igorrr wirkte diesmal im Studio und setzte dort Glanzlichter eigener Art. Wir hören unverkennbar äusserst epischen Metal, manchmal wird’s gar als Doom bezeichnet, woran ich aber zweifele. Massives Orgeldröhnen und ein versiert klopfendes Schlagzeug bilden die Basis für äusserst euphorische Aufschwünge und Ausbrüche, getragen vom dramatischen Mit- und Gegeneinander beider eindrucksvoller Singstimmen. Um solide althergebrachte Songstrukturen wird sich erstmal gar nicht gekümmert. Dafür folgt Höhepunkt auf Höhepunkt, es ist alles in allem auch ein wenig anstrengend. Nämïdäë folgt offenbar der altbewährten Strategie maximaler Überwältigung und fährt damit, lässt sich eins erstmal mitreissen, gar nicht so schlecht. Falls einen die Orgelattacken nicht auf halber Strecke erschlagen. Natürlich erinnert das ganze Kopfkino an eine metallische Höllenoper im strahlenden Glanz des 19. Jahrhunderts, in die ein Teufelchen ganz unzeitiges Geklöppel und Geplucker eingeschmuggelt hat. Der Übergang von manischer Black Metal Blastbeats in Breakcoreattacken ist dabei fliessend. 

Exzess-Metal ist vielleicht der Begriff, unter dem sich das ganze schon auch überbordende Material von Öxxö Xööx am besten zusammenfassen lässt, incl. Philosophie und Visual Design. Viel ist gut, mehr ist besser scheint hier die Devise, und es ist ganz erstaunlich, dass hinter diesen ganzen hochgetürmten, vielfach geschichteten und verschachtelten, auch schon mal verkopften Klangmassen nur drei, resp. je nach Zählung, vier Menschen stecken. Als Fazit ist somit beides passend: Einmal „Chapeau“ aber auch „Die spinnen, die Gallier“!

Anspieltipps: Ländäë, Dä Ï Lün, Äbÿm, Dälëïth

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.4.2016


Ulver, ATGCLVLSSCAP, House of Mythology, 2016 – 12 tracks, 79 Min.

Wenn der Albumtitel ein Statement ist, was will uns Ulver mit ATGCLVLSSCAP sagen? Dass sie auf ihrer eigenwilligen Fahrt durch musikalische Welten im Unaussprechlichen angekommen sind? Dass Albumtitel auch ein Witz sein dürfen? Oder das sie über jede Einordnung einfach hinaus sind? Ich vermute mal, das Letztere könnte zutreffen. Die schillernden Norweger haben mit diesem Album jedenfalls ein Statement gesetzt. (Und der Titel soll ein englischsprachiges Akronym für die 12 Sternzeichen sein, habe ich gelesen.) Liveaufnahmen von 12(!) verschiedenen Konzerten im Februar 2014 setzte das Bandkollektiv auf ihrem neuen Album mit dem unaussprechlichen Namen zu etwas Neuem, Grösseren zusammen. Das ist der Background und sie haben die Aufnahmekapazität einer CD auch komplett ausgereizt. Vor allem haben sie über weite Strecken zunächst improvisiert. In manchem griffen sie dabei auf Erfahrungen zurück, die sie auf ihrem Album Childhood´s End gemacht hatten, das ja zahlreiche alte Psychedelic-Songs coverte. Die Energie, die ein Liveauftritt freisetzt, hätte sich nach den Worten von Kristoffer Rygg niemals in einem Studio entfalten konnten. So war dann es Daniel O´Sullivan vorbehalten, aus Stunden von Material das herauszuarbeiten und zu formen, was hier nun zu hören ist. Rygg, Tore Ylvizaker und Anders Møller brachten sich anschliessend ein, bevor die Arbeit abgeschlossen war. Entstanden ist so ein ungemein atmosphärisches, breitwandiges Stück Musik, dem der Anspruch, den Ulver sich stellen, jederzeit anzuhören ist. Und damit ist natürlich auch die Liebe zur Musik der 1970er Jahre gemeint, zu Prog, Electronica und Krautrock, denen hier mit souveräner Hand Reverenz erwiesen wird. Ulver spielen, sagt Kristoffer Rygg, eigentlich immer denselben dunkelgrundierten Stoff, wenn auch in unterschiedlicher Form und Instrumentation. Dennoch könnte der Unterschied zu den klaustrophobischen (Orchester-) Sounds des Vorgängeralbums Messe nicht grösser sein. Dies hier reisst die musikalischen Horizonte weit und oftmals gleissend und auch ein wenig erschöpfend auf. Wobei der werten Zuhörerschaft ein wenig Geduld und die Bereitschaft, sich in die kosmischen Klanggebilde fallen zu lassen, abverlangt werden darf. Aber das sind Fans der hier präsentierten Musikrichtungen ja gewohnt. Alle Anderen werden Zeuge einer neuen Windung im Wirken dieser Band, deren Lebensinhalt offenbar darin besteht, sich nicht zu wiederholen. Schon diese Einstellung macht sie erstaunlich. Dass sie mit ihren Verwandlungen kaum je danebenliegen, ist bewundernswert. Dieses Album ist ein wuchtiger Meilenstein in diesem Prozess. Am Ende wartet jedenfalls das Licht, rein, stark und schön.

Anspieltipps: Glammer Hammer, Cromagnosis, Om Hanumate Namah, Desert Dawn, Nowhere (Sweet Sixteen), Solaris                        

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.4.2016