Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Suuns, Felt, Secretly Canadian, 2018 - 11 Songs, 46 Min.

Sollte es Zweifel daran geben, dass Subversion und Dystopie den Stoff für ein grosses Rockalbum abseits des Mainstreams abgeben können, liefern Suuns mit Felt jederzeit den Gegenbeweis. So ähnlich formuliert es jedenfalls Ryan Burleson in Pitchfork. Suuns: vier Kanadier, zum Teil mit Jazz-Hintergrund, Felt ist ihr viertes Album. Ihr zugänglichstes? Das Cover zeigt einen Luftballon, den der Finger einer Gipshand eindrückt. Bereit zum Platzen lassen? Oder ein bisschen spielerisch mit Druck hantieren? Letzteres scheint die zutreffendere Antwort, wie sich auch in einem Interview bestätigt. Das ist das Gefühl, diesen Druck habt ihr bei dieser Musik immer wieder anders gefühlt. Suuns: Eine Band, die ohne Elektronik nicht auskommt und ihre Songs sehr gerne live umsetzt, eine Band, die mit Prog nichts am Hut hat, aber Ideen in grossem Ausmass in jeden einzelnen Song packt.  Die musikalische Antwort aufs obligatorische Multitasking? Felt liefert mit seinen Soundkaskaden einen denkbaren Soundtrack dazu. Und weil die Vorstellung an sich eher antihuman, jedenfalls aber nicht gerade heimelig ist, scheint auch das Klangbild zunehmend in Bedrohliche zu kippen. Verspielt und präzise, voller Farben und Düsterkeit, ungemütlich und mitsummbar: Felt ist vieles, auf alle Fälle aber eine leichthändige und beherzte Neuerfindung dieser kanadischen Band. Suuns schaffen das Kunststück, dass sich auch unangenehme Klänge locker und leicht ins Ohr schmiegen. Zugleich lassen diese Art Ohrwürmer keine Sekunde ihre prekäre akustische Herkunft vergessen. Für mich ein Reiz, dem ich gerne erliege. Subversion und Dystopie (eingangs erwähnt) Jedenfalls nicht plakativ, dafür sind Ben Shemie, Liam O´Neill, Max Henry und Joseph Yarmush zu gewitzt, zu verspielt und zu unwillig, sich festlegen zu lassen. So ein Song hat ja auch ein Eigenleben, dem muss ein Musiker erst einmal gerecht werden. Suuns werden auf Felt vielem gerecht, ausser der Langeweile. Und dem Mittelmass. Felt ist immer ein bisschen  auf der Überholspur, aber dabei gar nicht anmassend. Es ist einfach der einzige Weg, auf dem diese von maximalen Ideeneinsatz getriebene, etwas irrlichternde Musik genügend Möglichkeit hat, sich zu entfalten und voranzukommen.

Anspieltipps: Look No Further, X-Alt, After The Fall, Daydream, Peace And Love, Materials      

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.6.2018


Drangsal, Zores, Caroline Universal, 2018 - 12 Songs, 40 Min.

Ein Album, das ZORES heisst, gehört natürlich in diese Sendung. Gehört vor Gericht, in die Schranken gewiesen. Und Max Gruber wusste sicher, dass er sich Ärger einfängt, bei dem musikalischen Wirrwarr, den Drangsal auslöst. Und das hat er ja auch erreicht, im Blätterwald (metaphorisch) brodelt die Referenzhölle, von anderem ganz zu schweigen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Max Gruber ist kein einfacher Mensch, was er in einem Interview auch einräumt. Er stammt aus der Provinz (Herxheim) und will mindestens die Welt für sich gewinnen. Zores steht für Ärger (was unsere Sendung in ihrer üblichen Abfeierei unserer Lieblingsalben ja gewöhnlich nicht zu leisten vermag) und ist hierzulande dem Rotwelsch, also letztlich dem Jiddischen entlehnt. Wie und ob das zusammengeht, werden wir gleich erfahren.

Drangsal bearbeitete auf seinem ersten Album die grossen Namen des Wave mit Schmerz und Emphase und nicht geringem Anspruch und unter weitgehender Verwendung des Englischen. Hier haben die meisten Lieder deutsche Texte. Was die Gefahr der leichteren Verständlichkeit mit sich bringt. Mit Zores bewegt er sich zudem in einem Bereich, der Vielen wehtun könnte. Die auslaufende Neue Deutsche Welle, die in Schlagerei und namenlosem Ulk auslief, zu Spasspunk gerann, wobei jetzt unbedingt Farin Urlaub erwähnt werden muss, damit wirs hinter uns haben. Und dazu, zwischenrein und zum Abschluss wuchtiges Gelärm. Warum nicht Dinge zusammentun, die nicht füreinander geschaffen sind? Auch das ist ein Businessplan – noch so ein Vorwurf: Diese Zielstrebigkeit, dieser Wunsch anzukommen, uns überreich zu geben, was ihm gehört: Max Gruber, seine Wortgewalt, seine Wunden, sein Schmerz. „Wo du mich vermutest, steh ich schon lange nicht mehr“. Um Worte ist Drangsal nicht verlegen, auch wenn es meist nicht so konkret wird, wie bei den Kollegen in Depression Isolation Berlin. Ihnen voraus hat er auf alle Fälle das Flamboyante und Überdrehte, das seine Stimme transportiert. Und auch die Musik ist transparenter, durchhörbarer als zuvor, was den Songs an und für sich guttut. Falls sich mensch, und das ist das Problem, darauf einlassen möchte. Denn oft genug tragen sie mächtig an ihrer, nun ja, seltsam überschäumenden Schlagerhaftigkeit, die eben doch noch mal etwas anderes ist als ein prima eingängiger Popsong. Aber merkwürdig: Bei Drangsal geht’s trotzdem manchmal zusammen. Aber Drangsal spaltet, was sonst. Zwischen nicht ganz billiger Kommerzkacke und provokant vorgeführtem Selbstdarstellertum reicht die Spannbreite denkbarer Vorwürfe. Und an jedem ist ja etwas dran. Das Unbedingte, das Offenherzige, das Bedrängende: alles wirkt zugleich kühl kalkuliert. Muss es ja auch, es soll ja zu Liedern, zu Musik gerinnen, die das erfahrbar macht, was dem nicht mehr so jungen Künstler das Herz übergehen lässt. Hier ist, um auch einmal literarisch zu werden, ein Ikarus am Werk, der Gefahr läuft, sich auf seinem hochgestimmten Flug die Flügel zu verbrennen. Das Gericht hat nunmehr getagt und kommt zum Schluss: Im Zweifel für den Angeklagten. Musikalische Hemmungslosigkeit ist hier kein ausreichender Grund für einen Schuldspruch. Zumal wenn sie mit solchem überschäumendem Herzen einherkommt. Es ist immer noch die Stunde Max Grubers aka Drangsal.

Anspieltipps: Jedem das Meine, Magst du mich (oder magst du bloss noch dein altes Bild von mir?), Sirenen, Laufen lernen, ACME

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.6.2018


A Prouder Grief, A Golden Boat, Mono-Ton (LP) / Bekassine Records, 2018 - 4 Songs, 37 Min.

Helian, die erste Veröffentlichung von A Prouder Grief, stand gehörig unter Dampf. Nun sitzen sie zu  viert in einem Boot, eigentlich nicht mehr als einem Nachen, dem Cover nach zu urteilen. Da ist ein  wenig mehr Ruhe angesagt, soll es nicht untergehen. Könnte mensch meinen. Aber dem ist gar nicht so. A Prouder Grief sind gerüstet zu neuen Aventüren. Und das Boot schimmert golden wie die ebenso reichhaltige wie etwas melancholische Musik, die sich zwischen Postrock und Kammerpop herumtreibt.

A Golden Boat ist die zweite Veröffentlichung des Bandkollektivs, das stets maskiert auftritt. Ich komme gleich zum einzigen Manko dieser neuen Veröffentlichung. Leider bloss vier Titel, mit zum Teil etwas prätentiösen Überschriften. Das ist viel Selbstbescheidung. Denn wenn sich hier für uns die ebenso träumerische wie intensive Welt dieser Musiker geöffnet hat und wir mit ihnen auf Augenhöhe unsere Sinne darauf gerichtet haben, schlagen sie die Klappe einfach wieder zu. Das Goldene Boot schippert noch nicht auf der grossen See. Es ist aber, obzwar filigran gebaut, doch auch robust und hält die Spannungen aus, die sich so aufbauen. Und sich steigern, türmen und zurücknehmen, dass ich in solchen Momenten an eine andere „Memorial Band“ denken muss, zu der aufzuschliessen A Prouder Grief womöglich die Möglichkeiten besässe. Ich wünsche mir, dass es hier nicht bei quasi fränkischer Bescheidenheit bleibt. Das diese Band ihre zwischen Besinnung und Aufbruch prima ausbalancierte Musik packte, sich damit auf eine grosse Welle setzte und davon tragen liesse. Und uns gleich mit. Das  ist hier ja alles schon drin. Spannungsreich und hörenswert. Nur halt eine Spur kleiner, sozusagen in der Nussschale. Und damit wiederum schliesst sich der Kreis, in dem diese musikalischen Alchemisten ihre betörenden Klangmixturen zusammenbrauen.

Anspieltipps: Die ganze Fahrt, was sonst?!

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.6.2018


Die Nerven, Fake, Glitterhouse Rec., 2018 - 12 Songs, 45 Min.

Die Nerven sind aktuell natürlich die wichtigste Rockband hierzulande, ihr Album Fake die Musik zu Stunde. Das ist eine Feststellung. Die so für mich hier in meiner Blase ZORES treffe, aber damit zugleich öffentlich mache, hm. Die üblichen Schubladen - Deutschpunk, Noiserock - griffen ja bei Den Nerven, wie einigen anderen, ähnlichen Bands stets zu kurz und vermochten grad mal eine lose Abgrenzung zu vermitteln. Was daran natürlich passt, ist das DIY-Ding, mit dem eigenen Standpunkt, zugleich dem Hang zur Vermeidung platter Statements. Eine ratlose, angepisste Unnahbarkeit, eingebettet inzwischen in eine Musik, die gleichermassen das Sperrige beherrscht, wie das Leichtfüssige, die fette Ausrufezeichen setzt und tönende Fragezeichen. Ein bisschen Resignation, eine Schippe Traurigkeit und alles doch kein Grund, nicht an den Songs und Sounds zu schreiben, nicht Platten aufzunehmen. Jeglicher Zorn, alle Frustration, sogar Verbitterung sind nachvollziehbar, aber kein Grund, sich unterkriegen zu lassen, nicht weiterzumachen. Mit jedem Einsatz der Stimme wird das klargemacht. Üblicher Gesang ist halt anderswo zuhaus. Die Nerven: Musik aus dem musikalischen Outback der Vororte, wo nichts passiert, wenns denn nicht selbst in die Hand genommen wird. Wo während lähmender Tage eine Wut köchelt, die sich, wenns gut läuft, produktiv Ausdruck verschafft. Wo vielleicht doch nicht alles schlecht ist, wo sich auch Zusammenhalt und Liebe finden lässt und sei es die Liebe zu Musik. Und dabei bleibts dann nicht. Es geht voran. Und bleibt anders. Zum Beispiel in der neuen musikalischen Präzision innerhalb der Songs, die ihnen hier wichtiger war als zuvor. Stets jedoch Musik fürs jetzt, Musik, die ohne Arroganz, ohne Hürden fürs Publikum einherkommt. Möglicherweise überraschende Aussagen einer Band, die gerne als miesgelaunteste von allen gelabelt wurde. Aber Die Nerven brauchten einfach Abstand von Vergleichen. Das was sie machen, ist eben etwas von ihnen für unsere Zeit. „Finde niemals zu dir selbst“ ist eine dieser prägnanten Feststellungen, in denen das latente Dagegensein der Band unversehens zu sich findet. Dabei ist das niemals alles. Denn um Ablehnung produktiv zu machen muss eben etwas anderes, eigenes dagegengestellt werden. Das ist die Haltung, mit der dieses Album Fake arbeitet. Alles ist politisch, aber Julian Knoth, Kevin Kuhn und Max Rieger werden uns keine Rezepte liefern. Es geht allenfalls um Stimmungen, um Gefühle, die wir möglicherweise mit dieser Band teilen. Mit wenigen Worten wenig zu sagen ist nach wie vor ein Kernanliegen der Nerven. Alles, was darüber hinausgeht, erledigt die Musik. Dass diese wenigen Worte für mich zumindest merkwürdig wirkmächtig sind, steht auf einem anderen Blatt. So gesehen sind sie gut gewählt. „Immer nur dagegen, aber gegen was?“ Dieses Album liefert auch keine Antworten, will es sowieso nicht. Es liefert einfach grossartige, vielschichtige Songs. Es ist ein munter lärmendes Teil, das auch ein paar ruhigere Strecken (gerne als „Pop“ gegeisselt)  gekonnt zu handhaben weiss. Oder: „Bedrückt / Verrückt / Entzückt / Nur Glück“- auch ein Fazit. Nennt es also bittersüss. Es ist brillant. Das ist kein Fake.

Anspieltipps: Frei, Dunst, Aufgeflogen, Skandinavisches Design, Fake

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.6.2018


The Ex, 27 Passports, Ex Records, 2018 - 10 Songs, 56 Min.

The Ex haben nach mehrjähriger Pause ein neues Album am Start. Das ist eine gute Nachricht. Dass es gut geworden ist, eine ebensolche. Dass es nichts grundlegend Neues gibt, muss mensch verschmerzen, was angesichts der Kraft und Wucht der Musik kein Problem sein dürfte. Die Reisen, die Begegnungen mit anderen Musiker*innen, anderen Kulturen, sie finden ihren Niederschlag in dieser nach wie vor äusserst lebendigen Musik, in die all das eingeflossen ist als eine Selbstverständlichkeit, ein Austausch unter Erdenbewohnern mit ihrem Können und ihrer Erfahrung. Kantig, ruppig, hypnotisch: The Ex machen da weiter, wo Wire oder Can schon mal losgemacht haben. Diese Musik hat etwas herrlich vitales, ohne je in öde Kraftmeierei zu verfallen. Eigentlich überflüssig, so etwas zu erwähnen, das war ja seit je eine der Stärken dieser Band, die vor Urzeiten im Umfeld niederländischer Hausbesetzer entstanden ist. Die Texte: Jederzeit politisch, aber stets so, dass das je eigene Mit- und Nachdenken nicht erspart wird. Es gibt hier diesen grossen Kreis von der allumfassenden Konformisierung der Städte als notgedrungen bewohnte Markenkonglomerate bis hin zur Tulpenzwiebel: Auslöser einer historischen Finanzkrise ebenso wie Beispiel einer zugrunde gerichteten Natur. Und damit einhergehend miese, unterbezahlte Jobs, die es ausschliessen, je in einer dieser gebrandeten Megacities anders als geknechtete Existenz am untersten Limit existieren zu dürfen. Die Welt kommt hier vor, in ihrem Ungenügen, ihrer Herzlosigkeit, ihrer marktgerechten Einrichtung: wir dürfen uns der Reim drauf machen, angefeuert von einer spannungsreichen, ihre Wiederholungen auskostenden Musik. The Ex haben aber neben ihren gar nicht immer so einfach zu entschlüsselnden Texten, die sich auch oft genug noch wunderlich reimen, auch eine Hand für die grosse, hochgestimmte Melodie. Die hält sich prima auf dem ebenso störrischen wie vorantreibenden Rhythmus, was den Charme dieser hoffentlich weiterhin unverwüstlichen Band noch unterstreicht. The Ex 2018: Das sind Arnold de Boer (voc, git, claps), Terrie Hessels (git), Katharina Bornefeld (dr, perc, voc) und Andy Moor (git, bar-git). Mit 27 Passports schenken sie uns weit mehr als ein Lebenszeichen. Sie sind seit je weit mehr als eine Punkband. Aber die empathischen Vorstellungen vom Leben, die in der Zeit, als Punk seit stacheliges Haupt erhoben hat, als Utopie erdacht wurden, die finden sich hier nach wie vor, mehr als je.

Anspieltipps: Soon All Cities, The Heart Conductor, New Blank Document, The Sitting Chins, Four Billion Tulip Bulbs               

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.6.2018 


Die Wilde Jagd, Uhrwald Orange, 5.6.2018  Bureau B, 2018 - 8 tracks, 79 Min.

Immer wieder gerne beschäftigen wir uns in ZORES mit Musik, von der wir keine Ahnung haben, sei es Hip Hop, Black Metal oder, wie hier, Kraut und Psychedelic. Ich bin ja alt genug, um zu Hoch-Zeiten dieser Spielart Musik noch einen Zipfel davon erhascht haben zu können, aber ich kriegte das nicht in den Griff. Stoisch klöppelnde Rhythmen, endlose melodische Muster, ausufernd Erleuchtung und Berufung: Damit hatte ich es nicht so. Lieber politisierte oder lästerliche Liedermacherzeilen oder der euphorische freak out eines free jazz-Ensembles, oder wenig später, angeschrägtes Dilletantentum á la Neon Dada: das war eher meine Welt. Frei nach der Devise: Kill your idols: denn unverkennbar trug ich trotz allem ein Hippie-Gen in mir, wenn auch ungeschickt verkleidet. Viel später, über mäandernde Umwege, Industrial, Drones, Doom und Stoner, fand ich  mich ab und zu im Publikum einschlägiger Konzerte, Misty Mountain sei Dank, Ruhm und Preis – leider dahingegangen, aber dafür - WERBUNGSALARM! - haben wir ja die feine Reihe Zychedelic im Z-Bau, und meine Ohren weiter ins kosmische Binnenland lauschend als zuvor. Somit war ich bereit für Die Wilde Jagd. Uhrwald Orange heisst das (2.) Album von Sebastian Lee Philipps Projekt Die Wilde Jagd. Benannt ist es nach Ralf Becks gleichnamigem Studio. Hier schloss sich der Musiker nächtelang ein, um seine Visionen einzufangen und festzuhalten. Ein Bestiarium der Nacht, dargeboten in illuminierten Handschriften, in silberglänzenden Daguerrotypien oder nebeldurchzogenen Nachtaufnahmen. Besungen von Minnesängern und Schamanen, Träumern und Adepten, Ekstatikern und anderen suchenden Seelen. „Uhrwald Orange ist natürlich auch Philipps Ode an das Tonstudio selbst – an die analogen Gerätschaften und den allgegenwärtigen EMT-Plattenhall. Nur hier konnte er sein Klangideal mit den von Ralf Beck erstellten Signalketten aus Kompressoren, Vorverstärkern und Kanalzügen nach seinen Vorstellungen verwirklichen. Philipp beschreibt seine Arbeit im Studio so: »Ich will die Studiogeräte zum Singen bringen und eine Klangwelt erschaffen, in der jeder Ton und Effekt eine Stimme bekommt. Eisenschellen werden zu Hufgetrappel, Synthesizerklänge zu Krähenrufen und der Plattenhall zu Donner. Alle Elemente wurden so zu den Einwohnern und Naturmächten des Uhrwalds Orange.«“

Die Wilde Jagd kennt ja nur eine Richtung: Voran. Auch wenn sichs im Kreis dreht, geht’s voran. All die stoisch gereihten beats, sie kennen ihre Richtung. Und so ist es ganz natürlich, das sich auch der Körper in Bewegung setzt, mit muss, mit will. Auf die grosse Strecke, denn Sebastian Lee Philipps hat Zeit, für uns. Um uns auf eine ebenso berückte wie leibhafte Reise mitzunehmen, die (analoge) Elektronik  ebenso einbezieht wie Klänge aus entlegenen Zeiten und Orten. Zunehmend dichter wird’s zumeist dabei, aus den Kräutern wächst der Wald, bis in dem Titel Kreuzgang struppige Klanglichtungen sich auftun. In dieser hypnotisierenden Blase lässt sichs dann auch aufhalten und kaum sieben Jahre oder 700 später geht’s weiter mit dem taumelnden, schaukelnden, auf alle Fälle aber vorangehenden Ritt durch die Klangphantasien eines begnadeten Spinners, wobei das mit dem Spinnen sich natürlich auf das heftige Garn bezieht, aus dessen Fäden sich dieser magisch abseitige Ohr- resp. Uhrwald fort-  und weiter wirkt. An dieser Stelle einige möglicherweise hilfreiche Anmerkungen zur Vorgeschichte. Sebastian Lee Philipps war Teil des gefeierten Electroprojekts Noblesse Oblige, das sich in späteren Jahren mit Tarot und Okkultismus beschäftigte und arbeitete zudem als Hörspielkomponist und Produzent, bevor er 2015 Die Wilde Jagd auf die Welt losliess. Vielleicht gar keine schlechten Voraussetzungen, einen so durchgehend hypnotischen Sound zu erschaffen, der ein Welt beschwört, die ein bisschen neben und über unserer existiert und in der die Uhren entsprechend anders gehen. Maximal minimal, anheimelnd düster, heiter dramatisch und unbedingt fremd vertraut.  

Anspieltipps: Flederboy, 2000 Elephanten, Stangentanz, Kreuzgang, Der Uhrwald

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.6.2018