Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

Hier den Livesteam einschalten

 

 

Brain Tentacles (same)Relapse Re., 2016 - 11 tracks, 41 Min.

Fröhlich manischer Hirnschwurbel, der seine gierigen Tentakel in die Gefilde zwischen John Zorn und Mike Patton ausstreckt und alles zermanscht, was nicht bei „drei“, oder womöglich schon „zwei“ auf den Bäumen ist. So lässt sich das Trio namens Brain Tentacles einem aufnahmebereiten Publikum nahebringen, das hierorts vielleicht schon bei Zu seinen adäquaten Spass hatte. Und nein, es hat nicht gleich was mit Jazz zu tun, bloss weil ein Saxophon prominent mitmacht und irgendwo in diesem Zusammenhang das Wort Improvisation fällt. Diese Tentakel agieren, wie mir scheint, höchst zielbewusst. Bruce Lamont (ua Bloodiest) bläst das Horn, daneben spielt er E-Piano und Synth und lässt auch seine Stimme vernehmen. Dave Witte (Publicist UK, Circle of Animals) trommelt mit allem, was ihm in die Finger kommt und Aaron Dallison (ua Keelhaul) bedient Bass, Synthie und ebenfalls seine Stimme. Gasttentakel bei einem track ist niemand Geringerer als Eugene Robinson. Gitarren in der Rockmusik sind ja eh überbewertet, daher kommen Brain Tentacles bei ihrem musikalischen Abrisswerk ja auch prima ohne aus. Unterhaltsam gelärmt wird auch so, wobei das Saxophon von Bruce Lamont alle Register zieht, bis hin zum spöttischen So-geht’s-eben-auch. Und tatsächlich, eine Menge Spielwitz treibt bei diesem titellosen Debut giftig schillernde Blüten. Ein bisschen offene Ohren und Spass an druckvoller, vorwärtstreibender Musik sollte eins aber schon haben, um diesen Klängen etwas abgewinnen zu können. Musikalisch ist alles eh nicht so gleichförmig, wie es im schlechteren Fall zu erwarten wäre. Nein, sogar ein tribalistisch angehauchtes, sphärisches Stück wie Fata Morgan findet hier seinen Platz. Aber schnell geht’s auch wieder zur Sache, mit Sludge-Referenzen ebenso wie mit Black Metal Gegrunze, und sogar Abstechern in Psychedelica-Gefilde.

Energetisch, gelegentlich erfreulich bizarr, nicht durchwegs gewalttätig und jedenfalls musikalisch abwechslungsreich ist das Menü, das uns die drei Herren von Brain Tentacles auf ihrem Debut servieren. Musikalische Sporen habe sie ja andernorts genug verdient, hier können sie es einfach mal krachen lassen, wobei sie es sich eben nicht einfach machen. Das hat alles schon Form und Struktur, bei allen Wendungen, die die Songs nehmen. Diese Sound Adventures, so die Selbstbeschreibung, sind auf einem Label wie Relapse sicher gut aufgehoben.

Anspieltipps: Fruitcake, Cosmic Warriors Girth Curse, Gassed, The Spoiler, Death Rules

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.2.2017 


Friends of Gas, Fatal schwach, Staatsakt, 2016 - 7 Songs, 45 Min.

Wucht und Verweigerung. Dringlichkeit, Unrast, Zorn. Eine Präsenz, die einhüllt und körperlich spürbar wird bis zum Herzklopfen am Anschlag. Eine Stimme als Skalpell, als Werkzeug, die schneidet, fräst, tiefer bohrt, freilegt, schartig und scharf. Nervös, insistierend. Mantras auf schwankendem Rhythmusgrund. Texte als zerstückelte Botschaften, die dunkle Schatten werfen: Friends of Gas gehen aufs Ganze. Unabgeschlossen wie das ganze Gebäude der Welt, setzen die Texte der Sängerin Nina Walser Anker für Songs, die feste Songstrukturen gerne vermeiden. Das Vermeiden fester Strukturen ist ja so etwas wie die inoffizielle Essenz dieses Friends of Gas-Kosmos, das schon länger im Kern aus Walser und dem Gitarristen Thomas Westner sowie stets neuen Musiker*innen Konstellationen bestand. Hier ist das jetzt zu einem schauerlich berückenden Tonträger geronnen, fatal schwach also gemessen an den Prämissen, aber für mich und hoffentlich auch euch sehr erfreulich. Da wäre also einmal diese eindrucksvolle schartige Stimme, die allen Schönklang umgeht, sie ächzt, stöhnt, flüstert, schreit und bohrt sich in die Textzeilen, die alles Fertige vermeiden. Und daneben existieren die Freiräume, die diese Songs ebenso einräumen, ein ebenso karges wie präzises, auch mal ausuferndes Fortspinnen des Gesagten. Ums kurz zu machen, Postpunk und Krautrock treffen sich hier aufs Feinste und schlagen Purzelbäume. Ja, Ironie und existenzieller Ernst klingen ständig an und schlagen sich ebenso schnell ins Gebüsch. Friends of Gas schaffen es, Missverständnisse produktiv zu machen, Zweifel mit Präsenz zu kontern.

Ins Laufen brachte das Projekt in dieser Form wohl die andere Gitarristin Veronica Burnuthian (auch Atatakakatta). Martin Tagar spielt Bass, Erol Dizdar Schlagzeug. Aufgenommen wurde alles von Max Rieger (Die Nerven) live im Kafe Kult. Ja, es ist schon erstaunlich. Dieser ungebärdige Brocken Musik mit Texten auf Deutsch und Englisch kommt aus dem leuchtenden München, einer Stadt, in der mensch sich aber natürlich ebenso über die Verhältnisse aufregen kann wie andernorts. Falls das der örtliche Grant ist, selten wurde er so intensiv produktiv gemacht wie hier. Nach allem, was zu lesen ist, sind die Life-Auftritte der Band nachgerade eine existenzielle Erfahrung, der ich mich gerne mal unterziehen würde. Einstweilen bleibt dieser Tonträger, dieses finster bohrende Stück Musik, getragen von einem massiven Bass, unterstrichen von einem ebenso stoischen wie akkuraten Schlagzeug, beflügelt von dringlichen Gitarren und kontrolliert von der kehlig-beissenden Stimme Nina Walsers. Fatal schwach von den Friends of Gas ist genau das Gegenteil, ein starkes, beissendes Stück Musik.

Anspieltipps: Template, Ewiges Haus, Kollektives Träumen, Einknick   

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.2.2017 


Ende vom Lied. East German Underground Sound (1979-1990), playloud! productions, 2016 - 24 tracks, 66 Min.

Ende vom Lied heisst eine feine Zusammenstellung von Musik aus dem DDR-Untergrund, die von Henryk Gericke fürs Künstlerhaus Bethanien wie ein DJ-Set kompiliert wurde. Sie umfasst den Zeitraum von 1979-1990 und was es da auf die Ohren gibt, ist musikalisch ebenso erwartbar wie oft genug immer noch aufregend. Die musikalische Selbstermächtigung, die schon etwas zuvor die BRD nach angloamerikanischen Vorbildern ergriffen hatte, sickerte auch in das deutsche Paradies der Werktätigen. Nun muss mensch wissen oder sich noch erinnern, dass die DDR sehr hohe kulturelle Massstäbe auch im Bereich der sog. Unterhaltungsmusik angelegt hatte und öffentliche Auftritte ohne eine Art Konzession gar nicht erlaubt waren, ums auf diesen kurzen Nenner zu bringen. Zudem besass die seinerzeitige Obrigkeit ein gesundes deutsches Misstrauen gegenüber allen populärkulturellen Phänomenen, die aus dem kapitalistischen Westen als Konterbande über die Grenze zu gelangen suchten, und suchte, sie mit allen Mitteln klein zu halten. Wie bekannt, war auch der Versuch zum Scheitern verurteilt. Zu gross war die Verlockung, zu betörend die schrägen Klänge und Rhythmen, die durchsickerten, zu verheissungsvoll die Wünsche, seine Vorstellungen umzusetzen. So gab es dann sogar in der DDR eine kleine, aber rege Szene, die solche Musik machte, die auch dem braven westdeutschen Bürger aufs Äusserste missfallen musste. Nachzulesen ua in Büchern wie „Wir wollen immer artig sein“ oder „Spannung Leistung Widerstand“. Ob übrigens aus dem kulturell weniger befestigten benachbarten Polen etwas an Inspiration durchsickerte, ist mir nicht bekannt.

DDR-Underground Musik war vielfältig und oft genug kurzlebig. Offizielle Auftritte gab es wegen der behördlichen Auflagen so gut wie keine, ab und zu stellte ein progressiver Pfarrer seine Kirche zur Verfügung und stellte seine Gemeinde damit vor erhebliche akustische Herausforderungen. Genug Probleme bereiteten auch die Aufnahmemöglichkeiten. Sie waren spärlich, eine Sache für Bastler oder Leute mit Westbeziehungen. Selbstredend wurde zu DDR-Zeiten auch nichts von dieser erfrischenden Musik offiziell veröffentlicht, allenfalls kursierten ein paar fleissig per Hand kopierte Kassetten. Selten genug gab es bootlegs auf West-Tonträgern, deren Erscheinen für die dort vorgestellten Bands erhebliche Schwierigkeiten mit sich bringen konnten. Wer betrieb denn nun diese selbstermächtigte DDR-Musikscene? Selbstverständlich fanden sich bildende Künstler*innen darunter, denen die schaffende Tätigkeit im Atelier nicht genügte und die ihre Auftritte gerne in eine Art Happening verwandelte, aber auch ganz normal aufmüpfige Jugendliche, Klangenthusiast*innen und Soundtüftler waren ebenso zu finden wie die obligaten Dichter und genialen Dilletanten sowieso. Wobei Frauen, wie im goldenen Westen auch, stark unterrepräsentiert waren. Das Meiste wie gesagt ohne grosse Dauer, manchmal besetzungsmässig fluktuierend, aber gelegentlich in Ausläufern noch bedeutsam für die Popmusik im wiedervereinigten Deutschland der 1990er Jahre und später. Die AG Geige trat da noch in der Desi auf. Tarwater und To Rococo Rot sind resp. waren bis in die jüngste Gegenwart aktiv, diverse Musiker von populären Mittelalterkapellen sammelten hier erste Sporen und über Rammstein muss ich sowieso kein Wort verlieren. Zwischen durchgeknalltem Art Rock und Postpunk mit düsterer Note bewegt sich das Spektrum der Musik, die auf Ende vom Lied vorgestellt wird. Die frühen Jahre ab 1979 sind etwas spärlich vertreten, mit dem Dreiklang Spannung-NeoDada-Verweigerung kann der Inhalt dieser Songs ganz trefflich erläutert werden. Wie erinnerlich, war diese Art Kunstproduktion ein Drahtseilakt, der die Beteiligten schnell nicht nur ins gesellschaftliche Abseits stürzen lassen konnte. Aber ein ebenso rüder wie gewitzter Jetzt-erst recht-Gestus bewahrt etwas von der Aufmüpfigkeit dieser Zeit, in der die Mauern, zunächst noch kaum wahrnehmbar, zu bröckeln begannen. Hier wird noch gesucht, selten eine endgültige Form gefunden. Diese Lebendigkeit: Sie hat sich recht gut gehalten. Im Übrigen verweise ich für weitere Hörbeispiele auf die treffliche Parockticum-Seite.  

Anspieltipps: Ornament & Verbrechen, When I am I am not / Grabnoct, Töten und Fressen / L´Attentat, Linke Ecke, rechte Ecke / 3tot, Hintere Gedanken / Happy Straps, Live in Paradise / Zwitschermaschine, Geh übern Fluss / Aufruhr zur Liebe, Mit´m Bock auf nichts / AG Geige, Fingerwalze / Magdalene Keibel Kombo,      Stahl Daab / BAADER, Ceaucescu meiner Seele!            

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.2.2017 


Clastah, Dead Stars, Sozialistischer Plattenbau, 2016 - 15 Songs, 64 Min.

Jetzt sind sie fusioniert, verschmolzen, ziehen die Massen in ihr unermüdliches Gravitationszentrum aus kritischem Bewusstsein und krachenden Elektrobeats: Clastah heisst das neue Gemeinschaftswerk von Daniel "Classless" Kulla und Istari Lasterfahrer. Crasses Ding. Nicht nur, weil sich das Cover an „klassische“ Crass-Veröffentlichungen anlehnt. Nein, in vielen Sprachen wird’s hier ebenso explizit politisch, so konkret dabei, wie heutzutage selten. So gibt’s auch ein Cover eines ganz alten Songs von Ton Steine Scherben zu einem Thema, das hier in Schland nie völlig selbstverständlich war und das angesichts von Lokführer- oder Pilotenausständen im Volke keinen leichten Stand hat: Wir streiken. So ´ne Unverschämtheit! Was bilden die sich ein! Schliesslich ist Ausbeutung ok, sofern es andere noch ärger trifft. - Weltraum und Kommunismus gehören seit je zum Themenpark des Bloggers, Autors und Sängers Kulla und des Beatverfertigers und Labelbetreibers Istari Lasterfahrer. Hier setzt es damit ein, dass wir doch letztlich alle aus Sternenstaub entstanden sind und dass uns das mit dem Universum verbindet. Eine poetisch anmutende Vorstellung erweist sich als staunendmachende Realität. Diese weist freilich einige unübersehbare Macken wie den Mangel an Solidarität auf und auch davon handelt das Album. Mehr als zuvor fügt sich das zu regelrecht schön anzuhörenden Songs auf vielfältiger Beatbase. Zwischen schredderndem Breakcore und eleganten Latinorhythmen eröffnet sich ein vielfältiges musikalisches Spektrum. Und endet dann mit einem ausufernd-absurden Trip, der den eristischen Spielwitz von Clastah mittels Michpumpe Phillips, Hoover-Waschmaschine und Alsthom-Lokomotvmotor als herausfordernde Kapriole noch einmal auf die Spitze treibt. Die kleinste Einheit des Kommunismus ist ja die Band und diesem Gedanken treiben Daniel Kulla und der Lasterfahrer in Taumel und Tumult auf immer weiteres Niveau. Nach vier Jahren das vierte Album von Istari Lasterfahrer und mir. Der Name ist kürzer, die Musik breitet sich aber weiter aus ins Lateinamerikanische, in Streikbeat, Rammstep und Amencore, Disco und Psychedelic Trap. Inhaltlich machen wir eine Reise aus den Weiten des Weltraums hinein ins Innerste des irdischen Klassenkampfs und räumen zum Schluß auf“ beschreibt Daniel Kulla das Projekt Dead Stars.

Sie hatten noch etwas vor und es noch nicht zu Ende gebracht. Von Auf- und Zuständen gar nicht zu reden, das hat sich jetzt erst wieder verschärft, aber statt die Widersprüche dialektisch aufzulösen und auszuhandeln, setzt das Volk in Sachen Unverstandensein lieber noch eins drauf. So lässt sich der Klassenkampf von Seiten der Besitzenden wie unter einer Tarnkappe von Sieg zu Sieg führen.

 Die Leute auf dem Gehweg scheinen nicht sonderlich süchtig nach Arbeit zu sein
scheinen nicht sonderlich süchtig nach Geld zu sein, scheinen nicht sonderlich süchtig nach Macht zu sein
aber alle wissen doch, daß sie nach irgendwas süchtig sein müssen
diese Drogensüchtigen auf dem Gehweg

die Leute auf dem Gehweg haben keinen Glauben
haben keine Partei, haben kein Vaterland
aber alle wissen doch, daß sie an irgendwas glauben müssen
diese Chaoten vom Gehweg“

Diese Zeilen aus dem Song Barderos del la Vereda entfalten ein revolutionäres Potential, das hierzulande wünschenswert wäre. Denn hier reihen sich die vom Gehweg lieber ein oder sie würden es tun, um ihre kleine Welt oder das, was sie dafür halten, unsinkbar zu machen.  Hörbarer denn je, wie ich finde, aber immer auf der Höhe denkbarer Zuspitzung treiben Clastah mit Dead Stars einen angenehm kitzelnden Stachel ins Ohr der womöglich einfach feierfrohen Konsument*innen. Getrennt und zusammen: Die diskordische Zusammenarbeit von gedankenvollem Texter und musikalischem Irrwisch verzichtet letztlich auf alles selbstreferentielle Phrasengedresch und ethnischen Beat aus der guten alten Zeit. Gerade wenn

HörerIn etwas heimelig den Takt hinter allem Songmaterial gefunden zu haben vermutet, wird der Boden unter den Füssen mal wieder als Attrappe weggerollt, schrieb ich früher. Gut, hier gibt es etwas Cumbia und vergleichbare Beats. Aber das tut dem sich gegen alle Gehirnwäsche der populären Kultur verweigernden Duo keinen Abbruch.

Anspieltipps: Barderos de la Vereda, Wir streiken, I Was Just Wondering, Meine Lieblingsgruppe, Mieses Stück Scheisze,            The Wandering Workingclass

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.2.2017 


Und:

Elliot Sharp: Tectonics feat. Eric Mingus, Fourth Blood Moon – Yellow Bird, 2016

Elliot Sharp, mit allen musikalischen Wassern gewaschen und immer wieder dem Blues auf der Spur. Die Füsse am Ufer des Mississippi reicht der Kopf mindestens bis zu den Ringen des Saturn. Kosmischer Future-Blues, beseelt durch die vielen Stimmen von Eric Mingus.

Balkan Beat Box, Shout It Out – Digital Monkey, 2016

Von New York aus gesehen erstreckt sich der Balkan bis ganz weit draussen hinter den Horizont. Shout It Out ist demgemäss ein knalliger musikalischer Basar: scharf, voller Aromen und immer in Bewegung. Ori Kaplan, Tamir Muskat und Tomer Yosef und Gäste stürmen auf ihrem 5. Album wieder mit Megaphon und gereckter Faust auf den Dancefloor und vergessen doch nicht, das sie dabei auch ein Stück erwachsener geworden sind.