Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Sleater - Kinney, The Center Won´t Hold                                                   

Mom+Pop, 2019 - 11 Songs, 36 Min.

Kleine Anmerkung zu Beginn. 2018 veröffentlichte der Elektroniker Ben Frost das Album The Centre Cannot Hold. Nun also Sleater-Kinney, Riot-Grrrl Instanz seit 25 Jahren, und sie spitzen das noch zu mit dem Albumtitel The Center Won´t Hold. Und die Mitte, die nicht gehalten werden kann, ist auch das Bandgefüge selbst. Schlagzeugerin Janet Weiss ist nach Abschluss der Aufnahmen ausgestiegen. Die Sängerinnen und Gitarristinnen Corin Tucker und Carrie Brownstein sind geblieben, hatten sich für das Album zuvor aber der Unterstützung von Annie Clark aka St. Vincent versichert, die der Musik einen neuen Dreh ins Glitzernd-Künstliche verschafft. Ein Rundumschlag gegen die herrschenden Verhältnisse bleibts aber so oder so.

Selbstermächtigung, eigene Bühne, eigene Anliegen: Was zu Punk-Zeiten mal ein hoffnungsvoller Aufbruch war und dann in platten Rockismen versandete, verhalf der Riot Grrrl-Bewegung der 1990er Jahre zu ihren kontroversen Vorstellungen. Die ein Stück weit, gegen alle Widerstände und Vereinnamungsversuche, durchgesetzt werden konnten, freilich nicht ohne derbe Rückschläge. Siehe die Bandliste auf den meisten Rockfestivals. Da hilft alle Retromania nichts, eher die Weisheit, das nur wer sich ändert, treu bleibt. Sleater-Kinney haben sich auf ihrer neunten Platte für die Veränderung entschieden, die das rastlose Künstlerleben mit sich bringen kann. Raus aus der Komfortzone, auch wenn die eher eine Nische war. Sleater-Kinney bleiben musikalisch nicht am gewohnten Platz, sondern suchen neue Herausforderungen. Der kritische Blick auf die Welt ist geblieben, aber wird jetzt eingerahmt durch ein Arsenal an Synthies und Störgeräuschen. Aus den Grrrls sind Frauen geworden, die ihre Erfahrungen gesammelt haben und jede Menge musikalische Praxis. Das ist, auch in dieser geänderten musikalischen Ausrichtung, in jeder Gesangszeile deutlich zu hören. Hinter dem schönen Schein verbirgt sich die stöhnende und ächzende Maschinerie, die diese Welt antreibt und diese Anwesenheit ist ständig zu hören, darüber wollen auch die gewohnt feinen Melodien nicht hinwegtäuschen. Keine runde Sache, wie auch? Mit dem neuen Album verweigern Sleater-Kinney den geraden Weg, ungeachtet aller Verluste. Da mag manches nicht zusammen gehen, einiges sich reiben und verkanten. Für eine Band, die sich den Blick auf die Welt nicht mit Illusionen vernebeln lässt, ist das ein konsequenter Weg. Er führt dann auch zu einer Ballade, die sich die Traumata von Frauen aufgrund erlittener sexueller Übergriffe zu Eigen macht. Manchmal ist nichts mehr heil, aber es muss doch ausgesprochen werden. Auch das ist die Zukunft, ihr stellt sich die Band (oder zumindest Tucker und Brownstein) mit Trotz und Zuversicht.

Anspieltipps: The Center Won´t Hold Restless  Ruins Bad Dance The Future Is Here Broken

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.10.2019 


Káryyn, The Quanta Series                                                                                    

Antevasin / Mute, 2019 - 11 Songs, 48 Min.

Erst mal den Hype ein wenig abflauen lassen und dann noch einmal reinhören. Oh ja, Káryyns famoses Album The Quanta Series hat für mich nichts an hypnotischer Kraft eingebüsst. Das liegt natürlich auch an der bezwingenden Stimme der Sängerin, Komponistin und überhaupt Künstlerin. Aber auch an den samtigen und zugleich luftigen Sounds, in die sie ihre Lieder hüllt. Das klingt strahlend, theatralisch und ein wenig umdüstert. Und das hat natürlich mit einem Land zu tun, mit Syrien, aus dem ihre Familie stammt. Syrien, inzwischen vom Bürgerkrieg zerrissen, war nämlich einmal ein Zufluchtsort für ihre armenischen Vorfahren. Der Bogen, der sich da spannt, ist nah am Zerbrechen und auch das ist in dieses Album eingeschrieben.

Káryyn ist ein vielschichtiger Mensch. Von armenisch-syrischen Eltern, die in den USA arbeiten, wird sie in Alabama geboren. Sie beginnt ein Medizinstudium, sattelt aber später auf Musik um, wobei sie von niemand geringerem als Pauline Oliveros unterrichtet wird. Regelmässige Besuchsreisen führen sie nach Aleppo, bis der beginnende Bürgerkrieg das verunmöglicht. Es folgt eine kreative Pause, die erst durch die Bekanntschaft mit dem Produzenten Steve Nalepa unterbrochen wird, der sie ermutigt. Längst nicht unvertraut mit den Möglichkeiten der Elektronik, verbindet sie die mit den Fähigkeiten ihrer intensiven Stimme. Ihre Lebensreise führt sie dann nach Berlin, wo sie sich mit der Oper "Of Light" beschäftigt, die später in Reykjavik uraufgeführt wird und von Björk als Quelle der Inspiration gerühmt wurde. Inzwischen lebt und arbeitet Káryyn in Los Angeles, wo sie auch ihr eigenes Label Antevasin betreibt. Muss jemand die Musik verlieren, um sie dann später, vielleicht intensiver denn je, wiederzufinden? Im Fall von Káryyn, unter dem Eindruck schmerzlicher Ereignisse, war das so. Erst im Stillen konnte sie sich, die auf alle Eindrücke zudem sehr empfindlich reagiert, sammeln und wieder finden. Die Stücke zum Album The Quanta Series, die über mehrere Jahre hinweg entstanden, wirken dennoch wie aus einem Guss. Dabei sind die Themen weit gefächert. Von naturwissenschaftlichen Meditationen über die Beschwörung der Herkunft bis zu schmerzlicher Selbsterforschung reicht das Spektrum, das so ziemlich ohne feste Songstrukturen auskommt. Auch wie sie mit ihrer Stimme arbeitet ist bemerkenswert und stellt sie in einen eher avantgardistischen Kontext. Káryyn verwendet sie wie ein weiteres Instrument, das per Elektronik augmentiert wird, ohne dabei an Klangpracht einzubüssen. „Das Einzige, was ständig passiert, ist Veränderung. Wir müssen aber keine Angst davor haben, sondern erkennen, dass Veränderung politisch und sozial in alle Richtungen geht. Alles beginnt mit der Handlung des Einzelnen. Wir können handeln, so wie wir fühlen. Alle diese Dinge haben einen Einfluss auf die Welt. Wir müssen bei uns selbst anfangen.“ (Deutschlandfunk). Das ist sehr positiv gedacht und vielleicht ein bisschen naiv. Aber sie sagt auch: „Mein Gefühl, wo ich hingehöre, ist eng mit meiner Familie und meiner Sprache verbunden. Es geht um Erinnerung und Herkunft. Ich sehe ein Aleppo, das es nicht mehr gibt, und das war Heimat. Los Angeles ist Zuhause“ (ebd.). Káryyns Album The Quanta Series vermittelt eine Vorstellung von diesen Ideen, vielfältig variiert, Schmerz ebensowenig aussparend wie Zuversicht.  Dabei wird alles getragen von einer stets berührenden, auch im Flüstern noch bezwingenden Stimme. Und von der kombinatorischen Fantasie einer Komponistin, die Mystik und Quantentheorie elegant vereint.

Anspieltipps: Ever, Binary, Ambets Gorav, Aleppo, Today I Read Your Live Story 11 11, Segment and the Line

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.10.2019


Chelsea Wolfe, Birth of Violence                                                                            

Sargent House, 2019 - 11 Songs, 43 Minuten

Das ist seit 2013 das vierte Album von Chelsea Wolfe, das wir Euch hier in ZORES vorstellen und es wird nicht langweilig. Nach Pain Is Beauty, Abyss und Hiss Spun nun also Birth of Violence. Nein, direkt anheimelnd und hoffnungsfroh gehts hier nach wie vor nicht zu, auch wenn sich Wolfe nun aus der kauernden Stellung des letzten Albumcovers hoch erhoben hat. Das Lagerfeuer glost immer noch düster, die Nacht ist finster und weltverschlingend.

Chelsea Wolfe ist bei aller Düsternis doch stets wandlungsfähig geblieben. Jedes Album präsentierte eine andere Ansicht der amerikanischen Dunkelheit. Auf Birth of Violence, ihrem sechsten Studioalbum, gehts zurück zu den Wurzeln. Sehr folkig, sehr fein und minimal instrumentiert, steht hier Chelsea Wolfes Stimme im Mittelpunkt, wo auch sonst. Und sie beweist sich als Wärmequelle. Denn wenn die Songs auch in tiefem Moll baden, so zeigt sich im Gesang eine Spur von Tröstlichem, von Nähe. Dies umso mehr, als Ausbrüche und das Räudige, auch das Schleppende, die Chelsea Wolfe sonst so gerne präsentiert hat, hier fast gar keinen Platz mehr haben. Allenfalls ein leichtes Grummeln ist ab und zu noch zu vernehmen. Manche mögen das bedauern. Aber es geht tatsächlich auch so, und erzeugt eine andere, ebenso stimmige Art von Intensität. Den Titel Birth Of Violence hat Chelsea Wolfe natürlich nicht ohne Bedacht gewählt. Auch wenn das Thema nie plakativ dargestellt wird und die Künstlerin auch auf ihre eigenen Befindlichkeiten eingeht, die nicht nur durchs ständige Unterwegssein strapaziert wurden. Hier räumt sie den grossen Gesten keinen Platz ein, was sie zu sagen hat, ist von einer stillen Intensität. Eingespielt hat sie das Album mit ihrem langjährigen Partner Ben Chisholm, Jess Gowrie spielt Schlagzeug, aber nicht bei jedem Song und ab und zu steuert Ezra Buchla Töne seiner melancholischen Viola bei. Mehr brauchts für diesmal nicht. Die grossartige Stimme von Chelsea Wolfe kann sich so ganz ungehindert entfalten und ja, so ein Lagerfeuer, es wärmt und leuchtet, auch wenn sonst kein Licht mehr ist. 

Anspieltipps: The Mother Road, American Darkness, Deranged to Rock´n´Roll, Erde, Dirt Universe, Little Grave                 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.10.2019


Uzeda, Quocumque jeceris stabit                                                                                     

Temporary Residence Ltd., 2019 - 8 Songs, 31 Min.

Bereits 1991 legte die sizilianische Noiserock- oder auch Punkband Uzeda ihr erstes Album vor, nach mehr als zehnjähriger Pause nun ihr fünftes. Es trägt einen Titel, der vermutlich die Herzen aller Altphilologen höher schlagen lässt, er ist nämlich auf Latein und lautet "Quocumque jeceris stabit". Eine Anspielung auf den Wandel aller Verhältnisse, auf Rückschläge und die Kraft, es damit aufzunehmen. Frei übersetzt „wohin man es wirft, steht es“, und ist Wahlspruch der Isle of Man, die das Dreibein ebenso im Wappen trägt wie Füssen oder eben Sizilien. Und Motto für diese Veröffentlichung einer strapazierfähigen Band, die ihr Ding durchzieht. Sperrige Drahtbürstenmusik in müheloser Wurfweite von, sagen wir, Shellac oder The Ex wird hier stoisch dargeboten von einer Band, die unlängst auch 30jähriges Jubiläum feiern konnte. Agostino Tilotta, Davide Oliveri, Giovanna Cacciola u. Raffaele Gulisano sind, trotz der Veränderungen der letzten Jahre, ein eingespieltes Team. Die ausdrucksvolle Stimme von Sängerin und Texterin Giovanna Cacciola gibt der Musik ihre spezielle Note. Dabei muss sie nicht einmal laut sein. Vielleicht stärker denn je ist eine melodische Spannung zu spüren, die auf diesem Album ihr eigenes Gewicht erhält. Eine Konstante im durchgeschüttelten Bandleben von Uzeda gibt es dann aber doch: Steve Albini hat dieses Album wie die Vorgänger aufgenommen und abgemischt. Europa wächst ruckelnd zusammen und trotzdem ist es nicht einfach, seine verborgenen Schätze aufzuspüren. Ungeachtet der Tatsache, dass immer mal wieder obskure (im positiven Sinn von wenig bekannt) Bands in Kunstkeller, Kantine, Kunstverein oder P31 aufschlagen, die musikalische Subkultur des Kontinents bleibt ebenso ein weites Feld wie eine Quelle von unerwartetem Hörvergnügen. Uzeda ist vielleicht in Sizilien wie in Italien eine Institution, aber ich habe die Band nie auf meinem Schirm gehabt. Quocumque jeceris stabit, das aktuelle Album, belehrt mich mit Verve meiner Wissenslücken.

Anspieltipps: Soap, Deep Blue Sea, Red           , Blind             

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.10.2019 


Föllakzoid, I                                                                                                

Sacred Bones Rec., 2019 - 4 tracks, 60 Min.

Die chilenische Krautrockband Föllakzoid hält es gerne einfach, ausser vielleicht im Namen selbst. Nach dem gleichnamigem Debut von 2009 erschienen die Alben II, III, und nun eben I. Auch die Namen der tracks wurden dabei nun aufs Minimum geschrumpft und lauten I, II, III und IIII. Reduzierter gehts nicht. Aber das ist ja auch Ziel der Band. Krautrock und Chile - das will erstmal merkwürdig erscheinen. Aber Krautrock gehört ja zumindest subkutan zu den grossen kulturellen Exportschlagern der BRD und von daher: Warum nicht? Zumindest wenn die Sache so bezwingend angegangen wird wie hier von Diego Lorca, Domingo García-Huidobro u. Juan Pablo Rodríguez. 2016 waren sie ja  im Rahmen der famosen Zychedelic-Reihe schon mal hier in Nbg. zu erleben. I erfindet die Musik von Föllakzoid nicht neu, will den Schaffensprozess aber noch weiter fokussieren. So sollen ständig wachsende Klangräume mit immer weniger Material erfüllt werden. Was die Gefahr des Monotonen in sich bergen kann. Dem entgegnet die Band mit einer Fülle an unscheinbaren Veränderungen im stetig voranstrebenden Strom der Musik. 

Föllakzoids neues Album I wurde vom Elektroveteranen Uwe Schmidt alias Atom™, der schon an "III" beteiligt war, produziert. Und damit hat es eine eigene Bewandnis. Föllakzoid geht es auch immer ums Verlernen, aus dem dann Neues, Konzentrierteres entsteht, hinter dem sich aber Akteure und die Klangerzählung auch auflösen sollen. Klingt komplizierter, als es vielleicht ist, denn tatsächlich hat die Musik eine starke Wirkung, die nur aufs erste Hinhören abwechslungsarm wirkt. Jedenfalls nahmen die Musiker zunächst schrittweise einzelne Abschnitte auf. Und übergaben sie dann dem Produzenten quasi zur Destillation. So entstand, wie gewollt,  ein Klangergebnis, das weder Band noch Produzenten in Gänze zuzurechnen ist. Es ist auf alle Fälle konsequent. Die Abgrenzung zu handgespieltem Techno fällt manchmal nicht leicht, aber auch da gibts ja Querbeziehungen. Föllakzoid schicken ihre HörerInnen mit diesem Album jedenfalls auf einen einstündigen Trip, der uns mit dem Inneren und seinen Intuitionen kurzschliessen soll. In geeigneter Stimmung diesem Weg zu folgen, dürfte eine bereichernde Erfahrung sein.

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.10.2019 


Nilüfer Yanya, Miss Universe – ATO Records, 2019

Die Musik war schon fix im Kopf als Lebensinhalt, als Louis Tomlinson (One Direction) Nilüfer Yanya eine Chance fürs Leben versprach. Sie lehnte ab. Sie wollte mehr sein als ein attraktives Aushängeschild, sie wollte auf eigenen Beinen stehen. Das Debut Miss Universe zeigt zwischen Garage-Rock, Soul und angejazztem Bedroom Pop, was sie sich darunter vorstellt. Das ist nicht immer stimmig, aber erfreulich eigenwillig.

Jenny Hval, The Practice of Love - Sacred Bones Rec., 2019

Radikal ging Jenny Hval schon immer gerne vor, aber hier wendet sie ihre Radikalität in eine ganz andere Richtung. Sie zeigt sich nachgerade eingängig und gut aufgelegt. Das hat den Grund, das es um die Liebe und ihre Bedingungen geht, angelehnt an Valie Exports gleichnamigen Film von 1985. Und unter der anschmiegsamen Oberfläche zeigen sich die Lust und Leid der Existenz im Taumel des Fortpflanzungsreigens.