Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

Hier den Livesteam einschalten

 

 

The Elephant Circus, Prophets of Bliss

Gänseblümchen Tonträger, 2021 - 11 Songs, 38 Min.

1. Gute Zeiten für Propheten, denn es sind nach wie vor unsichere und unüberschaubare Zeiten.

2. Uli Tsitsos hat sich davon inspirieren lassen und mit Prophets of Bliss ein unterhaltsames      Album aufgenommen, das sich nicht ganz leicht auf einen Nenner bringen lässt.

3. Während seine Band The Elephant Circus sich bislang stark Americana widmete, hat sich hier das Panorama geweitet. Obwohl alles coronakonform getrennt aufgenommen wurde.

4. Zusammengehalten wird das Ganze von Uli Tsitsos beseelter und markanter Stimme. Da ist es dann zu verschmerzen, dass es bei der ZZ Top Show kein Bier gibt.

5. Gar nicht zurückhaltend, musikalisch fein und abwechslungsreich gestaltet, bietet Prophets   of Bliss von The Elephant Circus ein Gegengift gegen allzu schlechte Laune in schlingernden Zeiten.


Pom Pom Squad, Death of a Cheerleader

City Slang, 2021 - 13 Songs, 31 Min.

1. Ein uramerikanischer Topos: junge Athleten, angehimmelt von jungen Mädchen mit Pom Poms, die winken und springen und feiern: Cheerleader.

2. Die Realität ist oft ernüchternd, aus Träumen schält sich eine schäbige, von Zank und Ängsten erfüllte Wirklichkeit. Und denoch bleiben grosse Momente.

3. Trotzdem ist es angemessen in Zeiten, in denen riot grrrlz Kulturgeschichte geschrieben haben, da ein Ende zu finden - und die Pom Pom Squad um Mia Berrin trauert da nicht lange hinterher.

4. Ja, bei dem Album Death of a Cheerleader handelt sich um das Resultat einer queeren Selbstfindung, befeuert von Zeiten, in denen mensch auf sich selbst zurückgeworfen wurde und Begegnungen oft nur vor dem Spiegel stattfanden.

5. Da fand sich Mia Berrin wieder, inspiriert von schwarzen Musikerinnen wie Rosetta Tharpe, einer der ersten Rockgitaristinnen.


Rev. Peyton´s Big Damn Band, Dance Songs for Hard Times

Family Owned Rec., 2021 - 11 Songs, 34 Min.

1. Rev. Peyton´s Big Damn Band heisst sie, aber so gross ist Rev. Peytons Big Damn Band dann doch nicht.

2. Es sind Washboard Breezy Peyton und Sad Max Senteney. Aber es klingt nach ganz schön viel.

3. Dance Songs for Hard Times verspricht das muntere Album.

4. Und was, wenn nicht relativ harte Zeiten, wartet weiterhin auf uns?

5. Mit Laune, Wucht und ein wenig Traurigkeit versüsst uns Rev. Peyton, ein Mann mit mächtigen Oberarmen und sattem Vollbart, von der kraftvollen Stimme ganz zu schweigen, trübe Tage und zeigt, dass Rock´n´Roll immer noch helfen kann.


Moor Mother, Black Encyclopedia Of The Air, Anti Inc.

2021 - 13 Songs, 31 Min.

1. Die Musik von Moor Mother wird sonst geprägt durch düstere und dystopische Klänge, auf  denen bleischwer schwarze Geschichte lastet.

2. Hier, wenn auch nur eine halbe Stunde lang, zeichnet sie ein helleres, freundlicheres Bild von überwältigender Vielfalt in Gleichzeitigkeit.

3. Intensität in jeder Hinsicht, unterstrichen durch Verzicht auf übliche Songstrukturen, kennzeichnen Black Encyclopedia Of The Air, bei der sie auch eine Vielzahl von Gäst*innen mitwirken lässt.

4. Afrofuturismus, gefiltert durch Mechanismen der ablaufenden Zeit und geleitet durch Momente des aktuellen R&B zeichnet halluzinogene Bilder zwischen Scheitern und Hoffnung.

5. Trotz aller Diversität, aller Anspielungen, allen Schillerns und Schwebens ist dieses Album vielleicht die taugliche Einstiegsdroge in die turbulente und unabweisbare Welt von Camae Ayewa aka Moor Mother. Und ja, es geht nicht um leere Worte des Protests, sondern um praktische Handreichungen.


Mdou Moctar, Afrique Victime, Matador Rec

2021 - 9 Songs, 39 Min.

1. Es steckt schon eine Menge Liebe zur Musik in einem, wenn die erste Gitarre selbstgebaut ist (und die Familie Musik für eine Idee des Teufels hält).

2. Der Nigrer Mahamadou Souleymane wurde zu Mdou Moctar, einem gefeierten Gitarristen des Touareg Blues (Tishoumaren), der aber das Spielfeld bald zu erweitern begann.

3. Wüsten-Sound ist, wie sich zeigt, international und Mdou Moctar verschmilzt nicht zuletzt Blues und Psychedelic mit den saharischen Klängen.

4. Inzwischen hat auch Gitarrengott Eddie van Halen spieltechnisch Spuren in den Fingern Mdou Moctars hinterlassen, die sein musikalisches Spektrum erweitern.

5. Sein Afrique Victime ist nicht zuletzt ein politisches Album geworden, angefüllt mit einer vitalen vibrierenden Musik, einer Musik, die bei allem Schmerz doch auch einen Aufbruch anklingen lässt.


Feine Trinkers bei Pinkels daheim, Swinging With The Pinkels             

Wolkenschädel Studios, 2021 - 6 tracks, 51 Min.

1. Ungeachtet ihres wenig martialischen Namens zählen Feine Trinkers bei Pinkels daheim schon zu den Urgesteinen hiesigen postindustrialistschem Drone-Ambient.

2. Und Programm ist denn auch seit den 1990er Jahren, die oft genug von rabiatem Exzess    gekennzeichneten Erwartungen des Genres zu unterlaufen (und sie in mancher Weise trotzdem zu erfüllen).

3. Ironie und Abgedrehtheit sind Programm der Pinkels, die inzwischen als Soloprojekt von     Jürgen Eberhard betrieben werden.

4. Feinste Sounds unterschiedlicher Art, rhythmisch delikat durchsetzt, prägen das aktuelle Werk der Feine Trinkers bei Pinkels daheim, der Albumtitel Swinging with the Pinkels ist nicht so      dahergeschrieben.

5. Statt in standesüblicher Stahlkassette oder ähnlichem wird der Tonträger ausgeliefert montiert auf einem zart gemustertem Porzellanteller, der direkt über dem Buffet an die Wand gehängt werden kann und jedem gutgeführten Haushalt zur Zierde gereicht.


Wode, Burn In Many Mirrors                                                                      

20 Buck Spin, 2021 - 6 Songs, 39 Min.

1. Britischer Black/Death Metal, der wenig landestypisch klingt, sondern stark an skandinavischen Vorbildern der 1990er Jahre orientiert ist, das sind Wode.

2. Trotzdem zeigt das aktuelle (3.) Album Burn In Many Mirrors eine durchaus eigene Handschrift.

3. Ungeachtet aller Drastik und Morbidität zeigt die Band um Michael Czerwoniuk unverkennbares Vergnügen an Melodien und Spielfreude.

4. Was gibt es überhaupt schöneres als keifenden Kreischgesang über knochentrockenem Geknüppel und rasenden Gitarrenläufen, der auf einmal in Orgel- respektive Keyboardklängen    badet?

5. Genau. Und auch wenn manche klassische NWOBHM Einsprengsel zwischendrin für Auflockerung sorgen, zeigen Wode sich als Meister intensiven, düsteren Sounds.


Rasperry Bulbs, Before The Age Of Mirrors                                                        

Relapse, 2020 - 12 Songs, 38 Min.

1. Paranoia, Wut und verrückter Humor sind doch eine schaurigschöne Vorraussetzung für die   Kunstproduktion.

2. Das wiederum befriedigt immerhin die zynischsten Gemüter, wie die Raspberry Bulbs meinen, eine wahrhaft obscure Band, die das Räudigste aus Punk und Black Metal zusammenzwingt.

3. Unter Ausschluss jeder zarten Rücksichtnahme trifft sich somit das Mässigste aus beiden Welten - betont simple Musik und schrottiger Sound of Übungskeller.

4. Wem es vor gar nichts graut, ist bei Before The Age Of Mirrors von den Raspberry Bulbs gar nicht schlecht aufgehoben.

5. Und bei genauerem Hinhören lässt sich bemerken, das die Musik womöglich ausgefuchster ist, als sie beim ersten Hören klingt. Ist das nun gut, nach all dem Vorgesagten?


Portal, Avow                                                                                                          

Profound Lore Rec., 2021 - 6 Pieces, 43 Min.

1. Erstmal Gruss und Dank an ZOSH und Mike, die mich mit dem Folgenden, dem immerhin    bereits 6. Album von Portal, vertraut gemacht haben.

2. Verschlingen, menschenfeindlicher Hummelflug und Drangsalierung sind recht treffende       Beschreibungen der Musik von Portal, die ich einer Besprechung auf Heavypop entnehme.

3. Es herrscht überhaupt ein sinnzerreissendes Schwirren und Surren auf Avow, das auch von grummelndem Gekeife nicht unterhöhlt wird.

4. Rastlos, trübe und zermalmend zieht der Maelstrom der australischen Band HörerIn in Banden, die jeden Ereignishorizont vermissen lassen.

5. Brachiales Brüten mit Feulleton-Wahrnehmung, das ists, was mein und vielleicht auch euer   rasend pochendes Herz heller schlagen lässt.

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.12.2021


u n d:

Goat Girl, On All Fours - Rough Trade, 2021

Ruppig, rauh und skizzenhaft kam das Debut 2018 daher (wir berichteten). Nun haben sich Goat Girl stärker aufs Songwriting fokussiert. Die Lebensthemen, die die vier Musikerinnen und den Rest der Welt umtreiben, sind immer noch da. Die Songs, die daraus entstanden sind, sind musikalisch abwechslungsreicher, ein Stück weit geschliffener, beziehen Elektronik mit ein. Ein Popappeal hat sich herausgeschält, aber der riot der grrrlz ist nicht gewichen.


Dos Santos, City of Mirrors - International Anthem Rec., 2021

Das vierte Album der Band aus Chicago bietet ein mitreissendes Bouquet lateinamerikanischer Rhythmen und Poesie, was Politik einbezieht. Nachdem sich die Pandemie in die Vorbereitungen eingemischt hatte, beschloss die Band, etwas Positives daraus mitzunehmen. So entstand ein Album, dass zwar geprägt ist von bittersüssen Zeiten, denen es aber grenzensprengende, sonnige Lebensfreude entgegenstellt. Nachteil: Es fühlt sich zu kurz an.