Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Aloa Input, Mars etc.                                                                                                          

Morr Music, 2015 - 11 tracks, 38 Min.

Drei junge Männer mit einiger musikalischer Erfahrung haben eine Band aufgemacht, sind gleich mit der ersten CD durchgestartet und jetzt mit der neuen, Mars etc, im Vorprogramm von The Notwist auf Tour. Und, es darf gewettet werden, sie sind bald selbst Headliner. Ich spreche von Aloa Input und ihr Programm lautet für jetzt: Wir lassens krachen! Na gut – so wie Indie-Bands es krachen lassen, um da keine falsche Erwartungen zu wecken. Vor allem haben sie, nämlich Cico Beck, Heiner Hendrix und Marcus Grassl aber noch mehr drauf.

New Weird Bavaria ist so ein Slogan, der von allem und nichts handelt. Er steht für eine Herkunft, die doch ein biographischer Zufall ist und, da kommen wir der Sache schon näher, für umfassende musikalische Neugier, die, ja, nix mit baierischer Volxmusi zu tun haben muss. Auch wenn da schon das eine oder andere Rad gedreht wird. Aloa Input sagen über sich selbst: Wir klingen wie eine Elektroband, die gerne Hip-Hop hört und Effektgeräte sammelt. Sie holen sich, „Input“ eben, die Bestandteile ihrer farbenreichen Musik aus vielen Ecken des Popuniversums, verschmelzen und verzaubern sie, als wären sie eine jüngere, sonnige Version von, eben, The Notwist. Nicht, dass dieser Vergleich überstrapaziert werden sollte. Aloa Input sind zwar Jäger und Sammler, aber sie machen daraus ihr eigen Ding. Mars etc handelt von einem Sehnsuchtsort – dafür steht dieser Planet, für den sich ja Menschen sogar auf eine Reise ohne Wiederkehr einlassen wollen, für den Aufbruch ins Unbekannte, für Experimentierfreude. Das Etc steht allerdings dafür, dass das alles nicht zu wichtig genommen werden sollte. Eine sympathische Rücknahme, schliesslich geht es hier „nur“ um Musik. Eine Musik allerdings, die einen sofort und ohne Umstände an die Hand nimmt und auf ein etwas frickeliges Tänzchen einlädt. Folklore und Urlaubsfeeling satt bietet jedoch der Aufnahmeort für Mars etc. an, ein Leuchtturm auf der Insel Krk. Far Away Sun ist dann ein Song, dem die entsprechende Stimmung eingeschrieben ist und wo vielleicht auch Niobe von fern grüsst (oder das Animal Collective – beides keine schlechten Adressen). Es gibt auch einen Krk Blues, dessen Melancholie aber mild abgefedert ist. Elektronik, Indie und Psychedelik liefern die Koordinaten für die Schatzsuche, die zu Songs führt, die nicht einmal vor einem hollywoodmässigen Finale zurückschrecken und dabei noch unerschrocken die Kurve kriegen. Vergnüglich, manchmal überbordend, eher heiter als deprimiert: Aloa Inputs Ausbruch nach vorn und draussen kann manchmal anstrengend sein, aber vor allem begeisternd und ziemlich beflügelnd. Einziges Manko dieses schönen Tonträgers ist meiner Meinung nach, dass zum Ende hin die Stücke immer relaxter werden. Tja, da schweben sie eben – losgelöst…

Anspieltipps: Far Away Sun, Perry, Oh Brother, 21st Century Tale, Hold On

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.4.2015


Sleater - Kinney, No Cities to Love                                                                                     

Sub Pop, 2015 - 10 Songs, 32 Min.

Rotzig, ungestüm und rau, als wären jedenfalls keine zehn Jahre vergangen: Sleater-Kinney melden sich zurück. Älter geworden, mag sein, aber kein bisschen ruhiger, denn die Zeiten haben sich nicht nur im Rock-Business seit Riot Grrrl nicht wirklich geändert. Was sich geändert haben mag ist das Bewusstsein für die Grundlagen unseres Lebens, deren wahre Kosten sich gerne hinter niedrigen Preisen ducken. Auch darüber gibt es einen dieser rasanten, kaum ein Atemholen gestattenden Songs: Price Tag.

Sleater-Kinney haben ja bei ihrem Rückzug eine Lücke gelassen, die von keiner anderen Band wirklich gefüllt werden konnte. Umso besser, dass sie wieder da sind, kein bisschen milder geworden. Denn die Verhältnisse bilden für die meisten von uns keinen wirklichen Grund zur Zufriedenheit, die Stadtluft macht nur diejenigen frei, die über den nötigen Geldbeutel verfügen. Auch die Geschlechterverhältnisse sind nicht gerade zum Tanzen gekommen, Frauenquote hin und Conchita Wurst her. Das Ende der Geschichte im Sinn einer umfassenden Kapitalisierung der Welt hat zu den bekannten Verwüstungen geführt, in der Viele eine Zuflucht nur noch in der Regression finden. Kein Zustand, und es ist fraglich,    ob dem mit den Mitteln der Musik beizukommen wäre… Aber dasitzen und zusehen ist nicht die Sache von Corin Tucker, Carrie Brownstein und Janet Weiss. Sie zeigen ihren Missmut deutlich, in funky lärmigen  Arrangements, über die immer wieder ins Ohr gehende Hooklines weghelfen. Wenn etwas an dieser Veröffentlichung gereifter ist, so ist es das ausgewogene Zusammenspiel der drei Musikerinnen, die hier einmal mehr ihre Stärken im Songwriting ausspielen. No Cities to Love heisst das aktuelle Album von Sleater-Kinney und es ist trotz verblühter Blumen auf dem Cover ein Lebenszeichen, das aufhorchen lässt. Keine Liebeslieder auf diesem Tonträger, keine zu Herzen gehenden Balladen, allenfalls ein paar ruhigere Momente in packenden, gerade auch zupackenden Songs. Keine Zeit, kein Einverstandensein, allenfalls ein Innehalten beim Gedanken an die Verluste, die sich im Leben halt unvermeidlich zutragen. All das eingefangen in Liedern, deren Intensität ihresgleichen sucht, die zwischen cheesyness und Sonic Youth-Momenten ein angemessenes Gleichgewicht finden. Ja, es muss wehtun, wenn es dich berührt und diese Musik schafft es, sehr nah an mich heranzukommen, unter die Haut und noch tiefer. Bis ans Herz, glaube ich.

Anspieltipps: Price Tag, Fangless, Surface Envy, No Anthems, Fade   

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.4.2015


Atari Teenage Riot, Reset                                                                                   

Digital Hardcore Rec.,  2015 - 10 tracks, 42 Min.

Reset meint Neustart. Das bezieht sich nicht auf die Haltung. Atari Teenage Riot, die elektronische Aggrolegende der 1990er Jahre, setzen vor allem musikalisch auf Anfang und vollziehen damit immerhin die Scooterisierung von Digital Hardcore. Unterirdisch ist ja auch irgendwie underground, wie die Spex schreibt. Die Darstellung komplexer gesellschaftlicher Verhältnisse in paar zündenden Zeilen Text ist zugegebenermassen ein beinah unmögliches Ding, auch wenn sich viele mit unterschiedlichem Erfolg dran versuchen. Das heisst nicht, dass eine auf einen Punkt reduzierte Sache nicht irgendwo auch Spass macht, Bierpunx wissen da Bescheid. Der kritische Anspruch von Mastermind Alec Empire wird auf Reset mit Nic Endo und Rapper Rowdy SS (SuperStar) dagegen doch sehr plakativ umgesetzt. Ich bin nicht sicher, ob, die Leute, die da stehen, wo ATR jetzt spielen, in irgendeiner Weise etwa wunschgemäss politisch abgeholt werden können. Nun, es ist Musik und kein Essay und Dagegensein lässt sich mit eingängigen Parolen am besten demonstrieren. Aber Härte allein ist kein Argument und einfach Losstürmen kein besonders schlauer Plan. Das läuft zu glatt, zu grad, die fehlende Verstörung, aus der sich Empörung auch speisen kann, hinterlässt eine unüberhörbare Lücke. Die Welt kennt mehr Zustände als 0 und 1. Auch die NSA ist netzaffin. Dann doch lieber mit Pathos gegen die Welt wüten wie Godflesh, Xibalba (oder Adam Angst).

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.4.2015


Xibalba, Tierra y Libertad                                                                                                       

Southern Lord, 2015 - 8 tracks, 43 Min.

LeidenMüheNotPeinQualSorgeUnglückUnruhe: das steht im Hebräischen für das Wort, das dieser Sendung schon absichtlich ihren Namen gab. ZORES bedeutet ja dann auf jiddisch allgemein Ärger und gelangte über das Rotwelsch in den weiteren deutschen Sprachgebrauch. So also sind wir hier bei RADIO Z angetreten, um LeidenMüheNotPeinQualSorgeUnglückUnruhe zu stiften, ein Vorhaben, dem wir dann oft genug nicht gerecht werden. Weil wir zu nett, zu saturiert, zu eingepasst in den Verlauf der Welt sind. Zu alt. Zu sehr im eigenen Saft der feinen Vorlieben schmoren. Daher delegier ich das mal.                                                                                                                 

„Kopfnuss“ ist eine arg beschönigende Umschreibung für die Wucht (und auch Präzision), mit der Xibalba uns ihre Wut um die Ohren schlagen. Das vierte Album der Band innerhalb von fünf Jahren verlagert den Schwerpunkt deutlich Richtung Deathmetal, aber es sind noch genügend Hardcore- und Sludge-Elemente bei, um einen enorm wuchtigen, von gerechtem Zorn erfüllten Sound abzuliefern. Plündern bei den Besten ist eine künstlerische Devise, die schon oft prima Ergebnisse gezeitigt hat und so ist davon auszugehen, dass die fünf aus Kalifornien zB ihre Bolt Thrower und Crowbar-Platten eingehend studiert haben und daraus ihren eigenen, extra derben Stoff gebraut haben. Auch das gegenüber den früheren Veröffentlichungen angezogene Tempo sorgt dafür, dass einem der Mund ordentlich offen steht, vor allem wenn dann mal feste auf die Bremse getreten wird. Xibalba, der Bandname, steht bei den Maya für den Ort der Unterwelt, war für diese ein Ort der Prüfungen, der Kämpfe und der Anstrengungen, ein Ort, der schliesslich auch verlassen werden konnte. Aber soweit sind wir noch lange nicht. Tierra y Libertad, dieses aktuelle Album, entwickelt eine beängstigende Durchschlagskraft. Diese Welt: Sie hat es nicht anders verdient, als das man ihr mit Härte und Hass entgegentritt. Denn natürlich birgt der Titel, Land und Freiheit, auch einen politischen Anspruch. Xibalba finden sich auf der Seite der Erniedrigten, wo sonst. Da taugen keine Samthandschuhe, Subcommandante Marcos hin oder Papst Franziskus her. Fies, gemein und und bösartig gehen die fünf aus Pomona frisch zu Werk, wobei die Gitarren etwas stärker im Vordergrund stehen als vorher und Frontmann Nate Rebolledo räudig die Worte bellt. Gefangene werden nicht gemacht, wobei es in diesen Tagen gut ist, dass es "nur" um Musik geht. Ein instrumentales Einsprengsel namens Paus und der abschliessende Track El Vacio zeigen deutlich, was die Band ausser Treten und Beissen auch draufhat, aber schleichendes Gift macht es ja nicht besser. Xibalbas Tierra y Libertad ist ansonsten ein Fest derben Losknüppelns, ebenso erfreulich unerwachsen wie erstaunlich formbewusst. Hier sitzt jeder Schlag auf dem Punkt. Für alle, die ihre Aggressionen lieber stellvertretend ausagieren lassen, was ja grundsätzlich vernünftig ist, ist dieses Album eine gute Wahl.

Anspieltipps: Enemigo, Invierno, En Paz Descanse, El Vacio

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.4.2015 


Adam Angst (same)                                                                                                

Grand Hotel van Cleef, 2015 - 11 Lieder, 39 Min.

Adam Angst ist da und gibt dem Frühling unseres Missvergnügens ein Gesicht. Es ist in meinen Augen eine Fratze in schwarzweiss und erinnert an einen schlimmen alten Film. Einen Film, in dem wir ungefragt mittun, ohne Kenntnis des Drehbuchs und mit höchst vagen Vorstellungen von unserer Rolle. Wir sind die Guten, glaub ich. Der alte Adam aber spuckt uns seine atavistische Angst vor die Füsse. Da sollten wir nicht drauf ausrutschen. Denn einmal im Fall, gibt es kein Halten mehr. Dann gucken Rammstein durch die Tür. Vielleicht auch nur Oomph!

Aus der Asche von Frau Potz formt sich Adam Angst, zumindest in Person von Felix Schönfuss, der sein markantes Keifen zugunsten von Textverständlichkeit hier um einen Gang zumindest zurückgeschaltet hat. Es ist aber immer noch heftig. Dazu kommen nicht minder heftig rackernden David Frings, Roman Hartmann, Johannes Koster und Tim Wollmann, die alle eine musikalisch härtere Vergangenheit teilen. Das überträgt sich schnörkellos auf die vorwiegend derb knüppelnde, aber melodische Musik von Adam Angst. Insofern nix unbedingt Neues, was aber diesen Tonträger von anderen (Post-)Punk/HC –Veröffentlichungen abhebt, sind die deutschen und deutlich vorgetragenen Texte. Das munter verrätselte und anspielungsreiche Wortgespinst vieler norddeutscher Punkbands ist Adam Angst fremd, hier redet jeder Klartext, ob Mensch oder Gott. Kennen wir ja. Bedeutet nämlich „Und kommt aus ihren Mündern mal was Wahres, dann ist es Mundgeruch“. Wutpredigt also, schnörkelloser, sehr konkreter Klartext. Adam Angst spuckt aus, was eineN so ankotzt, umtreibt, fertig macht. Dabei ist "ADAM ANGST ein arroganter Drecksack! Er ist scheinheilig, er ist überheblich und tut auch noch so als wäre er dein bester Freund!" Sagt die Band selbst. So kanns gehen, wenn einen die Tagesnachrichten nicht loslassen, wenn man mit der sog.„Lügenpresse“ abhängt, sich auf jede Menge Abende bei Talkshows einlädt, aber auch der Gegenöffentlichkeit des Webs Gefolgschaft schwört. Dann wird’s wirklich hässlich, dann schneidets tief ins Fleisch (sind wir näher an Xibalba als an Atari Teenage Riot), punchts platziert ins Sonnengeflecht. Und alles zugleich schön eingängig, wie es Felix Schönfuss gefällt. "Angetrieben von seiner Sicht auf diese manchmal biedere und beschränkte Welt, verwandelte Felix seinen Hass wieder einmal in Worte", heißt es nur allzu passend auf der Facebook-Seite von Adam Angst. Flieh von hier, kann da nur die Devise lauten, ist aber keine Alternative. Du mussts halt aushalten, dich stellen, sonst kannst du gleich du als furcht- und hassgetriebener Selbstversorger in deinen waffenstarrenden Erdbunker umziehen. Den nötigen Schub Energie fürs Gegenteil liefert dieser Tonträger, der druckvoll und klar produziert ist: Keine Chance, die Ansagen nicht zu verstehen. Keine Chance, auszuweichen. Das hier ist nicht für Hipster, das ist, oh, für Trickster. Das ist der letzte Dreh von Adam Angst, dem fiesen Möpp. In Wahrheit geht es bloss um die Aftershowparty, das, Leute, müsst ihr mir glauben.

Anspieltipps: Jesus Christus, Professoren, Was der Teufel sagt, Wochende. Saufen. Geil.,Splitter von Granaten          

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.4.2015


Zugezogen Maskulin, Alles brennt                                                                          

Buback Tonträger, 2015 - 12 tracks, 39 Min.

 „Irgendwas“ mit Worten: Geht in Berlin immer. Zugezogen von ausserhalb suchtste dir ´n Zimmer / Fängste mit dem Rappen an, zeigste wer du bist als Mann.

Hier hätte es weitergehen können wie sonst auch im Hip Hop Business, mit Posen, Dissen, Attituden und Attributen, und das alles können Grim 104 und Testo, ist klar und doch verpassen sie dem Worte- und Beats-Ding eine akkurate Drehung ins Abseits. Der Migrationshintergrund der beiden beschränkt sich aufs platte deutsche Land, in Sachen Witz und scharfem Blick auf die Umstände im Hipster- und Abgehängten-Territorium Berlin macht ihnen dafür keiner so schnell was vor. Hier stehen zwei zwischen den Stühlen, operieren mit Zitaten, Querverweisen und Ironie, ohne sich dahinter auch nur ansatzweise zu verstecken. Denn natürlich geht es ums Dagegensein, ums Benennen von miesen Umständen und mieseren Haltungen. Lösungen darf sich freilich keiner erwarten. Es ist schliesslich nur Kunst, aber das nicht zu knapp.   

Schau da hin. Wende den Blick nicht ab. / Das gut angezogene Hässliche macht sich breit und das nicht zu knapp: Hipster sind auch nur Menschen. Die an sich arbeiten, sich coachen, ihre Zukunft fest im Blick haben. Und notfalls dafür den Rest der Welt gern mit Füssen treten (Die in fair gefertigten Schuhen stecken). Hauptsache nichts mit Menschen (Deichkind) ist aber auch keine Lösung zumal bei einer obwaltenden Menschenrechtslage in den bekannten Grenzen des Schengener Abkommens. So kriegt eben jeder rotzig soviel Fett ab wie verdient, dabei behalten Zugezogen Maskulin musikalisch einen schlanken Fuss (S. Gnad).    

Alleingelassen Losgelassen Losschlagen / Lass die Augen zu und stell dir keine Fragen: Falsche Nostalgie taugt gar nicht, schon gar nicht, wenn aus „Ein bisschen Krieg“ (DAF/Provokation) „Endlich wieder Krieg“ geworden ist. Es brennt irgendwo, immer, und rückt via social media in allen denkbaren Versionen auf Haut (und Guccibauch). Die denkbaren Paralleluniversen entstehen jetzt und hier, permanent, mit jedem Post und Klick. Permanentes Krisengebiet Leben, da wars doch früher besser. Klar, die Scheuklappen sassen besser. Viel früher: War Hitler, früher war Landser, war der Plattenbau, war grauweisser Rauch, der alles verbirgt, nur nicht die in Buswartehäuser eingeritzten Hakenkreuze. War früher besser, der Krieg, übersichtlicher. Bis alles brennt. Also geht es nicht um Geschmeidigkeit oder Soul. Also geht es ums Innen und Aussen, um Geschichten überhaupt, die klarmachen, wo wir stehen 2015. Es geht nicht um Parolen, die in animierende Musik gekloppt werden, es geht darum, mit unübersichtlichen Verhältnissen klarzukommen und sich einen Reim drauf zu machen. Und notfalls falsche Freunde, die noch nichts vom Reden in den Zungen von denen, die du niemals sein willst, gehört haben. Deren Weltsicht aber Teil dieser Welt ist, der Zugezogen Maskulin ihre Skills, ihren bitteren Witz, ihren missverständlichen Hohn entgegenstellen. Solang es nicht besser ist, ist es gut, von dem zu sprechen, was nicht gut ist. „Maßlose Übertreibung erleichtert das Verständnis.“ (W.I. Lenin).

Anspieltipps: Alles brennt, Ayahuasca, Grauweisser Rauch, Endlich wieder Krieg, Oi! Agenturensohn, Monte Cruz        

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.4.2015


Panda Bear Meets The Grim Reaper  

Domino Recording, 2015 - 13 Songs, 51 min.

Das Treffen mit dem grimmen Schnitter ist ein zumeist einschneidendes Erlebnis. Und doch führt der Titel von Noah Lennox´ aka Panda Bears Album, nämlich Meets the Grim Reaper, in die Irre. Insofern nämlich, als das vor allem eine Reminiszenz an eine alte Augustus Pablo-Platte sein soll. Und trotzdem nicht, weil niemand, der Kinder hat, so schnell sterben sollte, bevor nämlich diese aus dem Gröbsten raus sind. Auf dieser Schneide tänzelt Panda Bears neueste Soloplatte ganz grandios. Wer düstere Klänge erwartet hat, wird also von Panda Bears neuem Album kaum bedient. Sie ist heiter und verdreht, überschwänglich und auch mal beinah feierlich. Das Publikum erfährt Einiges aus dem Familienleben des Animal Collective-Masterminds, der diesen Tonträger auch in Portugal am Strand, wo er seit Jahren lebt, aufgenommen hat. Der lang vertraute Kollege Sonic Boom (Spacemen 3) war auch beteiligt. Ergebnis sind für diesmal ziemlich klar strukturierte Songs, die durch allerlei Geräusch und Verfremdungseffekte aufgebohrt werden, ohne ihre Verträumtheit einzubüssen. Die Melodien erinnern immer wieder an Brian Wilson, auch Chillwave ist nicht weit entfernt und scheuen auch vor einer Portion Zuckerguss nicht zurück. Darunter pluckern stoisch Rhythmusgeräte, die diese charmanten Traummaschinen am Laufen halten.

Es muss nicht immer gleich der Tod sein. Auch wenn der Song Tropic of Cancer dieses Thema aufgreift. Es geht um Übergänge, neue Abschnitte im Leben. Und es geht, Schnipp Schnapp, zu wie im Comic, nämlich weiter. Eine gewisse Überdrehtheit und manche Albernheit haben von daher ihren gebührenden Platz auf Panda Bear Meets the Grim Reaper. Darunter so ein charmanter Ohrwurm wie Boys Latin. Nun also: Keine Angst. Es verbirgt sich kein Stachel in der Fülle des Wohllauts. Elliptisch kreisen die träumerischen Melodien, gerne im Chor angestimmt. Ohne Unterlass schiebt sich der Rhythmus voran. Die Welt hat teil als manch kleines Geräusch, denn natürlich mag Panda Bear seine tierischen Kollegen (aber auch mal Tschaikowski). So gesehen, fehlt ein wenig der Cut, den der Schnitter setzen sollte. Trotzdem sollte das niemand geringschätzen. Diesmal ist es weniger die verfrickelte psychedelische Traumreise, auf die HörerIn mitgenommen wird, sondern mehr das wohl temperierte Bällebad, angefüllt mit schimmernden seifenblasenbunten Pop-Perlen. Darf auch mal sein.

Anspieltipps: Sequential Circuit, Mister Noah, Butcher Baker Candlestick Maker, Boys Latin, Lonely Wanderer

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.4.2015