Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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A7PHA (same), Anticon, 2017 - 10 tracks, 38 Min.

Alpha (mit einer "7" als l resp. einem dto. auf den Kopf gestellten Buchstaben) sind Adam Drucker aka Doseone und Mestizo (Jeremy Catolico). Zwei veritable Hip Hop-Altmeister treffen spät sich auf Messers Schneide, um nach neuen Horizonten zu suchen. Begonnen hatte es mit einem gemeinsamen track namens Turning Tables, durch den der Wunsch nach einer weitergehenden Zusammenarbeit erwuchs. Voila: Hier sind A7PHA.

Ganz weit draussen und immer vorneweg. Hip Hop hat schon auch ein paar abseitige Facetten zu bieten und Doseone war mit eigenen Arbeiten, zusammen mit anderen Künstlern und nicht zuletzt seinem Label Anticon jederzeit bestrebt, dieselben zu schärfen. Selbstverständlich um den Preis, damit vor allem einige lucky few, verstreute aficionados des verdrehten Wortspiels, schlingernder Rhythmen, schräger Sounds eminente Freude zu bereiten und alle anderen erstmal draussen stehen zu lassen. Vergleichbares gilt für Mestizos Galapagos4-Crew. Dennoch blieb es lange bei gegenseitigem freundlichem Interesse auf Distanz. Nun, zuletzt sprang der Funke über und zündet tatsächlich ein Feuerwerk der eigenen Art. So sperrig die Tracks im Einzelnen sich gebärden mögen, A7PHA erschaffen auf ihrem namenlosen Debut einen übergreifenden flow, der die kühnen, gelegentlich unverhüllt schwankenden Songstrukturen trägt und umstandslos voranträgt. So persönlich die Themen im Einzelnen auch sind (das Leben, seine Freuden und seine Misshelligkeiten), hier wird natürlich nicht auf blinkende Hose gemacht oder mit übermächtigem Sound geprotzt. Die fantastischen skills entfalten sich auch so zu Genüge. Das ist Alpha - wo alles anfängt. Alles zusammen ein nicht ganz unfreundlicher poetischer Irrsinn angesichts der geläufigen Zustände, dicht an dicht in Reime gepackt und von intensiven, aber nicht in den Vordergrund drängenden Sounds getragen. Genug Erfahrungen, genug Spass an der Sache, an der ua auch Alias als Produzent und Gonjasufi als feature beigetragen haben. Eine gewisse Gelassenheit, die auf einer Menge Können beruht und der bewusste Wille, zusammen etwas besser auszudrücken als allein, kommen hier bruchlos zusammen. So hat dieses überraschende, leichtfüssige, beseelte Album mehr als eine Menge Qualitäten und sollte besser nicht nur nebenbei gehört werden. 

Anspieltipps: No brakes, Sicked, Modern Animal, 99 Point Static, At the Altar, Hater Hate It        

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.9.2017 


F.S.K., Ein Haufen Scheiss und ein zertrümmertes Klavier, Martin Hossbach, 2017 - LP, ca 40 Min.

München. Mode und Verzweiflung. Michaela Melián. Otto Hahn in Stahlgewittern. Freiwillige Selbstkontrolle. Hedonismus. Schwabinggrad. Fragen der Philosophie. Wilfried Petzi. Lob der Kybernetik. Zickzack. John Peel. Tu den Strand. Trink wie ein Tier. Ein Kind für Helmut. American Sector. Freiwillige Selbstkontrolle. Yankee Goes Home. Die Musik findet immer nach Haus. „M“ wie München. Carl Oesterhelt. Son Of Kraut. Hanns Eisler. Alfred Hilsberg. Flagge verbrennen (Regierung ertränken). Justin Hoffmann. Drunk. Freiwillige Selbstkontrolle. El Pastor Aleman. Polka Zwiefache Yodel. Altneuland. Haus der Kunst. Anthony Shakir. Black Music. F.S.K. Grösste Koalition. Odenwald. Tel Aviv. Dixieland. Thomas Meinecke. Vogue Vogue. Unter dem Regenbogen. Logisch. Moderne Welt. Viel zu Viel. Oh Russolo. Symphonie einer Grossstadt. Ein Haufen Scheiss. 100 Jahre Gegenwart. 100 Jahre 1980-2017. Haus der Kulturen der Welt. F.S.K. Ein Haufen Scheiss und ein zertrümmertes Klavier. Endlich eigentlich. Eigentlich Intensität. Aber nur als Vorstellung. Justin Hoffmann, Thomas Meinecke, Michaela Melián, Carl Oesterhelt, Wilfried Petzi. F.S.K. Und Theater zu Parkhäusern, jederzeit allerorts. Wir sagen JA.

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.9.2017


The Tiger Lillies, Cold Night in Soho, Misery Guts, 2016 - 16 Songs, 60 Minn.

Verrucht und verkommen. Versiffte Kaschemmen, schwankende Gestalten, Suff, mehr Suff, Dreck, Nebel, Drogen, ein bisschen Totschlag und ein Quäntchen Hoffnungen. Billiges Amüsement, der Schrei nach Liebe, schreiende Saxophone, jede Menge anderes Gelärm, ständig regennasses Pflaster und ein Spritzer Blut (oder zwei). Dunkle Gassen, Spelunken, Vaudeville, verranzte Bars und Kellerabgänge. Schreiende Reklamen und Leuchttürme aus Neon, eleganter Pelz und blankpolierte Schuhe und rasselndes Elend. Gegen alle Vernunft dazwischen der Klang des Heils, unentwegte Botschaft der Hoffnung inmitten von Tinnef, Tingeltangel und Tango. Soho: Flitter und Fusel, Talmi, Sexkinos, Junk & Acid und siehe: Angeblich dazwischen ein paar Menschen mit echtem Herzen. Als Gott sein Werk getan hatte, ging er am 7. Tage heim. Er hatte schon länger keine Lust mehr. Der Winter war ihm noch einmal ganz gut gelungen, aber nicht alle hielten ihm stand. Kann passieren. Sein Sohn würde es schon richten, dachte er wohl. Und so geschah es, so marschieren Seine Soldaten mit klingendem Spiel unverdrossen durch die verdorbenen Gassen und müssen mit der quäkenden Jukebox im Eden konkurrieren, das ein Paradies ganz eigener Art ist. Das ist Londons Soho (oder unsere Vorstellung davon. Lang vergangen. Geboren aus Groschenheftlektüre und Schwarzweissfilm für die Meisten). Manche sollens aber noch wirklich erlebt haben, wie es war. Alle Klischees eingeschlossen in einer lebensprallen und oft genug auf dem letzten Loch pfeifenden Realität. Voyeure, kommt, bedient euch. Seht die kurze Ekstase, den langen Katzenjammer, den unvermeidlichen Absturz, bevor das Geld kommt und alles abräumt. Soho: Für manche ein Stoff, für andere eine romantische Vorstellung, für die, die da ihr Leben fristen müssen, eines der Enden der Welt. Und der Schmerz, der dort destilliert wird, ist echt und unverfälscht. 

Ein Bilderbogen in viel schwarz und wenig weiss, mit ein paar Spritzern tiefem Rot dazwischen. Das glänzende Orchester geschrumpft auf ein paar lausige Instrumente, ein bisschen Darm und Haut und Blech. Viele Strassen führen in dieses billige Herz der Finsternis, aber kaum eine wieder hinaus. Eine von denen hat Martyn Jacques gefunden. Jetzt ist er noch einmal zurückgekehrt. Aber nur in seiner Erinnerung. Denn dieses Soho gibt es nicht mehr. Aber das ist auch keine gute Nachricht. Soho revisited im fabulosen neuen Album der Tiger Lillies: Kein Theater, pures Leben. Martyn Jacques, Adrian Stout und Timothy Remfrey spielen gotteslästerliche Musik, die schlicht zu Herzen geht.

Anspieltipps: Salvation Army, You wouldn´t know, Dance Floor, Heroin, Go, Screwed Blues, Funeral Song, Cold Night in Soho   

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.9.2017 


u n d  a u s s e r d e m:

Lydia Lunch & Cypress Grove, Under the Covers – Rustblade, 2017

Coveralben sind mittlerweile bei vielen Musiker*innen Standard. Was rauskommt, gleicht oft einer Wundertüte. Hier ist die Überraschung gelungen, Lunch, Untergrund-Ikone und Cypress Groove, der eigenwillige Bluesmusiker haben die Vorlagen förmlich durch den Wolf gedreht und hauchen ihnen unheimliches neues Leben ein. So gesehen, erwachen auch mittelmässige Songs (ua von Bon Jovi, Steely Dan, Tom Petty, aber auch Jim Morrison) zu einem verwegenen neuen Leben. 

Juana Molina, Halo – Crammed Discs, 2017

Zwei Augen starren dich an. Durch eine venezianische Maske. Irrtum. Das ist ein Knochen und die so begonnene Irritation zieht sich wie ein bleicher Faden durch Juana Molinas 7. Album Halo. Irrlichter, der Legende nach verursacht durch nicht rechtmässig begrabene Tote. Spukig, aber nicht unbedingt bedrohlich sind auch die sich den herkömmlichen Schemata verweigernden Songs der argentinischen Musikerin. Fantastisch-vertrackter Experimentalpop mit Einsprengseln von Folklore und musique concrete, vorgetragen von einer bezaubernden Stimme macht es wunderleicht, sich darin zu verlieren.