Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Best of Augst & Daemgen, Kuckuck-Schallplatten, 2015 - 14 Lieder, 51 Min.

Arbeit steht am Anfang. Im wörtlichen Sinn wie auch im übertragenen, insoweit sich die gleichnamige Künstlergruppe mit einer ganzen Spanne deutschen Liedguts aus mehreren Jahrhunderten auseinandersetzte. Brecht-Lieder, von Hanns Eisler vertont, standen am Anfang, allen Agitprop-Getöses, soweit bei diesen Klassikern vorhanden, entkleidet. Goebbels/Harth dabei nicht nur im Ohr, sondern auch beteiligt. Allerlei Volkslieder "An den deutschen Mond" waren das nächste Betätigungsfeld. Speziell das sog. Arbeiterlied versammelte das Album mit dem überwölbenden Titel "Marx". "Jugend" besah sich das romantische Kunstlied des 19. Jhdts. Mit "Arbeit Fassbinder Raben" beschritten die Musiker das Terrain der BRD, wobei mit "In 10 Sekuden ist alles vorbei" in Sachen des ebenso vernachlässigten wie genialen  Filmkomponisten Peer Raben noch einmal nachgelegt wurde. Freilich nicht mehr unter dem Projektnamen Arbeit firmierend, sondern in neuem, allerdings ebenso reduzierten Klanggewand von Oliver Augst & Marcel Daemgen verantwortet. "Dein Lied" rückte dann der Gegenwart auf den Pelz, eingespielt mit dem Schlagzeuger Sven-Åke Johansson. Genug Material also, nicht unbedingt "Fülle des Wohllauts" allerdings, denn die Lieder, durchweg zu geräuschhafter Kenntlichkeit gebracht, verlangten auch HörerIn ab, wovon der Name sprach: Arbeit. Nun also, nach 15 Jahren, ein Best of? Wie kann das funktionieren, bei dieser Fülle von Liedern in deutscher Sprache, mal schlicht, mal pathetisch, mal ganz bei sich und mal auf grösste Wirkung zielend (um die auch dargestellten Wolkenkuckucksheimaten des Schlagers mal ausser acht zu lassen, in dem Teile der dt. Seele ja auch zu sich finden)? Auch dieser Frage geht der Text im booklet von Bastian Zimmermann nach, der dazu Einiges an Listenweisheiten offeriert.

Das Best of Augst & Daemgen, der Rückblick auf die Liederalben der Gruppe Arbeit, geht das Ganze noch einmal neu an, nämlich über weiteste Strecken als Remix (Zwei Lieder sind unverändert, eines wurde bisher nur auf Konzerten gespielt). Eine berückende Idee. Es gilt nicht, es sich einfach zu machen. Marcel Daemgen, dem das ursprüngliche Klanggewand zu verdanken war, überliess Oliver Augst das Material, und der sah seine Aufgabe zuerst einmal darin, Tonspuren rauszunehmen. Ausgangspunkt für die neuen Fassungen war jedesmal die Stimme, die dann bedarfsweise neu eingekleidet wurde. Der ohnehin schon geringe "Bombast"-Anteil der Musik wurde als weiter zurückgefahren, der Klang aufs Nötigste, jedoch schon Intensivierende, zurückgefahren. Was so entstanden ist, war zuvor schon ziemlich einzigartig. Auch wenn der eine oder andere Song möglicherweise für andere Genres elektronischer Musik anschlussfähig wäre, so trifft das auf das Gesamtwerk des Duos (ehedem Trio) sicher nicht zu. 

Deutsche Lieder in den Versionen von Oliver Augst und Marcel Daemgen: Das ist schon mal eine enorme zeitliche Spanne vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Ebenso enorm ist der Spagat der Inhalte bzw. Befindlichkeiten: Vom oft genug totgesagten Volkslied über literarische Vertonungen, dem politischen Gebrauchslied hin zu Chanson und Schlager, alles vermutlich streng subjektiv ausgewählt, ist Vieles vertreten. So selbstverständlich all das einmal in seiner quasi „natürlichen“ Umgebung geklungen mag: Als Chor, mit Klavierbegleitung, mit Band oder Kapelle und damit unter Umständen akustisch aus unterschiedlichen Gründen kaum noch vermittelbar, so selbstverständlich setzen hier die beiden Protagonisten ihr Besteck an. Akustisch eher distanziert einander angeglichen, nämlich in der Einkleidung mit spärlichen Elektrosounds, wird hier trotzdem nicht nivelliert. Auch kein Text geht verschütt, wenn Augst & Daemgen ihre Fundstücke präsentieren mit klaren Konturen, die allfällige Spuren von Vernutzung nicht verhehlen. Die Spannung bleibt spürbar, die sich zwischen dem Lied in seiner alten Existenzform und seiner gegenwärtigen Umsetzung aufbaut und überhaupt damit den Funken zündet, der so ein Projekt wohl erst ins Laufen bringt. Bei einigen dieser neuen Versionen war der Funke besonders heftig. Aus ihnen, noch einmal kritisch erneuert, formt sich dieses Best of Augst & Daemgen.  

Anspieltipps: Die internationale, Lili Marleen, Maria durch ein Dornwald…, Die Moorsoldaten, Die grossen weissen Vögel, Über den Selbstmord

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.7.2015


Dødheimsgard, A Umbra Omega, Peaceville Rec., 2015 - 6 tracks, 67 Min.

Manche Bands beschränken sich auf kärgliche Lebenszeichen alle paar Jahre und niemand weiss, obs die Band denn noch gibt. So auch Dødheimsgard, die seit Langem das Gebiet des psychedelisch-psychotischen Black Metals auskundschaftet. Mit Resultaten, die nicht ungeteilt Beifall fanden. Zumindest galt das für das massiv elektronisch verseuchte letzte Album Supervillain Outcast von, eben, 2007. Inzwischen sind wir im 20. Jahr der wechselvollen Bandgeschichte der Norweger, die 1995 mit dem Klassiker Kronet Til Kinge begann. Viel hat sich seitdem getan, nicht zuletzt wechselte die Besetzung munter und der Name verkürzte sich zu DHG. Geschichte. Nun toben sie wieder: Als letzte Konstante der diversen Bandbesetzungen Mastermind Yusaf Parvez alias Vicotnik, die Herren Sekaran und Void sowie erneut mit an Bord das andere Gründungsmitglied Aldrahn (= Bjørn Dencker). Säckeweise Bedeutung und Tiefsinn haben sie geschultert und in die Musik abgeladen. Unter zehn Minuten geht ausser dem Opener gar nichts, klar. A Umbra Omega nennt sich das so entstandene Werk, und kaum etwas vom kunstvollen Artwork lässt vermuten, dass es hier um (black) metal geht. Tuts das denn überhaupt? In weiten Teilen sicherlich, auf theatralische Art verschnitten mit ganz anderen Sounds. Ja, es gibt sie, die langen Haare. Aber auch Gesichtsbemalungen, die an Kabuki-make up erinnern. Und der Geist tief verschatteter Melancholie weht über allem.

Kunstanspruch und Bedeutungsschwere sind zwei so Kristallisationspunkte, an denen gerade die drastischeren Ausformungen des Pop gerne pompös scheitern. Auch DHG wackeln da nicht unbeträchtlich. Yusaf Parvez´ Texte, beschreiben, womöglich nach wie vor satanistisch grundiert, eine Welt zwischen Schöpfung und Chaos, Schein und Wahn. Da ist die Messlatte ziemlich hochgesteckt, aber ein so vielseitiger Trickster kommt da auch mal elegant drunter durch. Schon sind wir bei der Musik, für die auch zu grossen Teilen Vicotnik aka Parvez verantwortlich zeichnet: Einem erneut grossartig irrlichternden Amalgam, was die Einbeziehung traditioneller akustischer Instrumente ebenso betrifft wie die üppige Verwendung harscher Elektronik. Auch für das Ohr des truen metallers wird reichlich aufgefahren, und das nicht ohne einschlägig schwarze Erwartungen massiv zu erfüllen. Aber es wird zugleich ständig widerrufen, dieses Versprechen, immer wieder überlagert, umgeschrieben in einem Strudel unerhörter, sich überstürzender Klangereignisse. Ja, DHG sind vom Metal nie soweit abgekommen wie zB die Kollegen von Ulver (zu denen über das zeitweilige Bandmitglied Czral sogar eine sehr lose Verbindung bestand), aber, was das Metal-Terrain betrifft, sind sie nach wie vor ziemlich weit draussen. Ohne, um auch so eine Avantgarde-kompatible Schiene zu benennen, vom Doom-Virus befallen zu sein.

"There is a place called reality, hidden to all man. You can reach it through insanity but never to return again" Dieser Satz, einer Möbius-Schleife gleich, ist wohl so etwas wie das innere Zentrum der neuen DHG-Veröffentlichung A Umbra Omega. Von hier aus betrachtet erscheinen alle krausen Windungen der Musik logisch, fallen alle Brüche zwischen zart und bizarr in Eins. Geleitet von der hypnotischen Stimme Aldrahns unternimmt die möglichst erwartungsfrohe Hörerschaft eine sinistre Tour durch die Abgründe der Existenz. Der Trip lässt sich nicht an Strophe und Refrain festmachen, wie auch. Das ist hier abgetan, denn hier regiert ebenso sympathischer wie perfektionistischer Grössenwahn, getragen vom sicheren Fundament der atemberaubenden Fantasie Yusaf Parvez´. Nun denn, Freund, tritt ein. Mach dir aber keine Hoffnung, als der herauszukommen, als der du eingetreten bist.      

Anspieltipps: Aphelion Void, The Unlocking, Architect of Darkness      

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.7.2015 


Kreng, The Summoner, Miasmah Rec., 2015 - 6 tracks, 42 Min.

Pepijn Caudron ist Kreng. Er macht seit langem Musik im Bereich des Dark Ambient und arbeitet ausserdem als Schauspieler und Sprecher. Vor allem für die düster-experimentelle belgische Theatergruppe Abattoir Fermé entstanden eine Reihe von Soundtracks. "Ich hatte damals diese riesige, dunkle Masse Musik auf meinen Festplatten. Ich wusste nicht, wohin damit. Als ich 'Galapagos' sah, wurde mir klar: Mein Sound muss auf die Bühne." Caudron kontaktiert den Regisseur und wird als Musikproduzent zentraler Bestandteil des Abattoir Fermé-Ensembles. Eine besondere Vorliebe hat er ausserdem für Filmmusik, bei der experimentelle Techniken für kommerzielle Zwecke einem ganz gewöhnlichen Publikum nahegebracht werden können. Krengs Musik formt sich bevorzugt aus Samples jeder denkbaren Herkunft. Das war der Stand der Dinge vor diesem Album, vor The Summoner. Dieses, sein aktuelles Album ist ein Neuanfang, geboren aus der Trauer um den Verlust nahestehender Menschen. Kreng verwendet diesmal keine Samples, sondern arbeitet vorwiegend mit einem Streicherensemble. Und der Band Amenra. Dass das nicht unbedingt bruchlos ineinander geht, erscheint logisch. Aber es geht ja auch ums Sterben, um dessen Nicht-Wahrhaben-Wollen, um Zorn, Feilschen & Verhandeln, Depression, bis das Schicksal schliesslich angenommen wird, wie so einige gängige Stationen dieses Prozesses eben ablaufen. Der Einstieg in The Summoner erfolgt ziemlich still. Dann exerziert aber zunächst ein Streicherensemble die Hexenkünste avantgardistischen Komponierens seit den 1960er Jahren durch, nicht ohne zwischendurch auch mal zu erlöschen. Furor und Verzweiflung eben.  Aber es bleibt nicht dabei. Es ist so ein finales Geschehen ja so unbegreiflich, eine solche Kränkung auch der Hinterbliebenen, das schwereres Geschütz aufgefahren werden muss, wobei zugleich der Weg zurück in Formen der zugegeben drastischen Konvention beschritten wird. Amenra, Doom-Band aus Belgien, tritt auf den Plan und liefert mit dem 15-minütigen The Summoning ein Herzstück des Albums, das allen fatalen Saitenzauber beiseite schiebt. Ziemlich plakativ, ja. Aber das trifft ja auch den Punkt. Jetzt wurde die Botschaft verstanden. Es gibt nichts zu deuteln, nur noch Endgültigkeit. Ein wenig Pfeifen noch im leeren Zimmer, in dem vielleicht gerade eben noch ein leiser Lufthauch zu spüren ist. Vorbei. Hadern, Zorm, alles Disparate ist vorbei, ebenso dieses merkwürdige Album, dem die Zerrissenheit seiner Mittel angesichts blinder Endgültigkeit tief eingeritzt ist. Das daher weder irgendwie als Einheit aufgehen kann noch will. Krengs The Summoning ist ein Exorzismus, ein Versuch in akustischer Therapie. Es ist kein Spass, sich darauf einzulassen. Aber es ist es wert.

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.7.2015 


Ausserdem in ZORES

John Zorn (feat. Stephen Gosling Trio), In the Hall of Mirrors - Tzadik, 2015

Der Meister ganz bei sich: klassisch, reduziert und doch voll Spiellaune. Die Tastenkünste des auch in der Avantgarde bewanderten Pianisten Stephen Gosling im Ohr, schneiderte John Zorn ihm und den Kollegen Greg Cohen (b) und Tyshawn Sorey (dr) sechs impressionistisch funkelnde Akrobatenstücke auf die Finger. Literarisch inspiriert, ohne bloss illustrativ zu wirken, hat John Zorn einen weiteren Meilenstein für diese klassische Jazz-Besetzung komponiert.   

Hodja The Band - Noisolution, 2015

Hier brennt die Luft. Mit dem Teufel im Rücken ist das kein Wunder. Voodooland, Christiania und New York bilden den spirituellen Background dieses abgedrehten Trios, das zugleich die Weisheit des Rock´n´Roll in sich aufgesogen hat: Don´t stop this madness!