Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Disappears, Irreal, Kranky, 2015 - 8 tracks, 45 Min.

Mit dem Namen Disappears drängt eine Band nicht so wirklich ans Licht der Öffentlichkeit. Und auch ich brauchte Jahre, bis ich einem ersten Tonträger dieser Disappears die gebührende Aufmerksamkeit schenkte. Hier ist Irreal.

Wunderwelt der Möglichkeiten, von Wunsch- und vor allem Alptraumwelten, dabei auf merkwürdige Weise introspektiv. Noiserock ist das Metier, in dem sich Disapperars anfaags tummelten, aber spätestens hier wird sozusagen dessen Innerstes nach aussen verkehrt. Und rastlos dagegen angerannt. Allerlei Echos erklingen, wenns hier gegen diverse Wände geht. Disko und Cold Wave, Industrial, Dub und Krautrock werfen irrlichternde Schatten angesichts von Anstrengungen, die zugleich vom Stachel des Selbstzweifels imprägniert erscheinen. Disappears stammen aus Chicago, hatten früher mit Steve Shelley einen ausgewachsenen Sonic Youth-Schlagzeuger an Bord, von dem aber inzwischen Noah Leger übernommen hat. Graeme Gibson und vor allem Brian Case sind die anderen Bandmitglieder und von einem 4. Mann ist die Rede, der aber nirgends genannt wird. Konsequenterweise gibt es auch den Albumnamen „Irreal“ im amerikanischen Englisch nicht. Einen Trip in den notorischen Kaninchenbau nennt das Label dieses Album und ich folge ihm dabei gerne. Klaustrophobie sowie dysphorischer Schall und Hall sind die Begleiter und solang die Reise voran geht, besteht vielleicht noch Hoffnung im Schwarzen Loch dieser, nun ja, zunehmend beängstigenderen Musik.

Andreas Borcholte (SPON) ging nach Anhören dieses schon mal einen Kajalstift kaufen. Recht hat er, auch wenn die Band mit diesem 5. Album namens Irreal sicher kein Gruft-Revival einleiten werden. Dafür ist es zu streng und zerfahren zugleich. Diese unübersichtliche Welt folgt am ehesten einem Scenario von J. G. Ballard und Disappears liefern den Soundtrack dazu. Alles verschiebt sich und bleibt doch in einem engen Gerüst, das aber irgendwie auch den Eindruck eines weiten, leeren Raums erweckt. Brian Case zelebriert dazu Textzeilen, die sich nicht wirklich zu Songs fügen. Dennoch entbehrt diese Musik nicht einer gewissen Grossartigkeit, einem stählernen Glanz. Zwiespalt also, die Gänsehaut, die diese Musik erzeugt, das Kribbeln löst höchst angenehme Schauder aus.   

Anspieltipps: Interpretation, I_O, Irreal, Halcyon Days, Mist Rites                     

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.5.2015


Godspeed You! Black Emperor, Asunder, Sweet And Other Distress, Constellation, 2015 - 4 tracks - 40 Min.

Die "ZEIT" formuliert nahezu göttlich, um was es jetzt geht, nämlich "Widerstand ist wortlos. Zärtlichkeit der Zerstörungswut: Mit Gitarren, Geigenbögen und schweigsamer Vaterlandsliebe formulieren Godspeed You! Black Emperor die wichtigste Protestmusik Kanadas." (Daniel Gerhard)

Mit Worten aufbegehren ist ja leicht. Ein kritisch-liebevolles Dagegensein, das wortlos einherkommt, ist dagegen eine eher vertracktere Sache und zugleich Kernanliegen des musikalischen Kollektivs Godspeed You! Black Emperor. Da wird dann schon mal ein gediegener kanadischer Musikpreis in Abwesenheit angenommen. Das Preisgeld wandert dafür in musikalische Arbeit in örtlichen Gefängnissen. Das ist immerhin ein Statement, so deutlich wie ein Protestsong. Oder sogar deutlicher. Was uns auf die Musik bringt. Die ungefügen, brodelnden, hymnischen Brocken Musik von Godspeed You! Black Emperor entziehen sich konsequent dem kommerziell radiotauglichen Format. Die unverwechselbare Mixtur aus Strenge und Schönheit sucht im Postrock ihresgleichen, und das seit ja schon immerhin 20 Jahren. Pathos und Geräusche, Melodien voller Abglanz des Utopischen und grimmiges Dröhnen fügen sich zu einem Klangkosmos, der ohnegleichen ist. Sieht mensch mal vom Schwesterprojekt des Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchester ab. Nach längerer Pause nun also zwei Lebenszeichen dieses erstaunlichen Kollektivs: Das erste firmierte ja unter dem Namen God´s Pee und nun eben hier Asunder, Sweet and other Distress. Es handelt sich um einen vierteiligen, quasi symmetrischen Zyklus. Zwei geräuschhafte Innenteile werden von je zwei grossangelegten, zwischen Wut und Hoffnung wechselbadenden Liedern ohne Worte gerahmt. Musik, die die Band in den letzten Jahren live spielte und unter dem Moniker Behemot Teil eines umfassenden Ganzen ist. Nicht alles ist immer zwingend geraten, aber in menschliches, gerade auch künstlerisches Tun ist ja das Scheitern immer schon eingeschrieben. Ein enormer Wurf, dessen gewisse Makel ihn eine sehr eigene Würde verleihen. Was wir auf Tonträger nicht mitbekommen, ist die zugehörige Filmprojektion.

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.5.2015 


Liturgy, The Ark Work, Thrill Jockey Rec., 2015 - 10 tracks, 56 Min.

Die heiligen Teufel, die Apostaten des Black Metal sind wieder da. Liturgys neues Album The Ark Work  ist billig, blasphemisch (von orthodoxer Warte aus), bombastisch und tja, auch ziemlich überwältigend.   In seinem Talmi-Glanz aus Orgeln, Streichern, elektronifizierten Tröten, Glockenspiel, seinem Geknüppel, dem zweifelhaften Gesang und den choralmässigen Einschüben vereint die Musik ernsthafte Banalität und spitzbübische Verweigerungshaltung. Transzendenz, Metalhead! Zugänglich ungemütlich zugleich ist diese Musik, die sich mit Kunstanspruch vollgesogen hat, dass es quietscht.

Grosses Welttheater mit Aussicht auf den Untergang dieser Laus im Pelz des Erdballs, dem Menschen: das mag ein wenig die Essenz der geistigen Haltung von Black Metal sein. Daraus ergab sich einigermassen folgerichtig ein furchteinflössendes musikalisches Imago, wobei die Frage "Keyboard  oder nicht? nie wirklich abschliessend beantwortet werden konnte. Es sind jedenfalls musikalische Charakteristika, die auch HipsterInnen die Frage nach der Stilrichtung einer Band beantworten können, ohne das mensch sich mittels Songtexten oder anderen Äusserungen ein genaueres Bild von der innewohnenden, ichsagmal Philosophie machen muss. Kommen wir also zu Liturgy, der Band aus Brooklyn, die so in manchem der grimmigen Sphäre des Black Metal zuzuordnen sind, ihn aber, wie diversen Äusserungen zu entnehmen ist, wie schon bei dem Vorgängeralbum Aesthetica, zu ihrem eigen Ding machen wollen. Ob das jemand darf, ist für manche strittig. daher der Spalter-Status für Liturgy, die dem wenig bis gar nichts entgegenzusetzen gewillt sind. Lange Rede, kurzer Sinn: Wer ein Album mit ebenso schundigen wie hinreissenden Bläser-Fanfaren wie hier bei The Ark Work aufmacht und dies Treiben dann auch noch konsequent fortsetzt, schreckt wirklich vor nichts zurück. Nicht vor Prog, vor Rap, vor IDM, Glitch und anderem untrvem Teufelszeug einer heillos heruntergekommenen Gegenwart. So wird die Musik von Liturgy, von stilleren Momenten abgesehen, immer weiter mit irrlichterndem Content aufgefüllt. Dass das gut geht, glaubt niemand. Und trotzdem erledigt sich das nicht, kriegt sogar die Kurve und erweist sich je als mächtiger, schillernder Brocken von einem Song. Ein heller Kopf wie Hunter Hunt-Hendrix, Mastermind von Liturgy, weiss, dass er HörerIn eine Erklärung  für sein Treiben liefern darf. Daher finden sich dem Werk beigegeben Diagramme, die das hypertrophe Treiben zwischen Kunst, Musik und Vorstellungen auf diesem Album einordnen sollen, aber leider nur  für Eingeweihte funktionieren. Es geht halt: Um Überforderung. Und Erlösung im treibenden Rausch einer Musik, die wie ein Chamäleon seine Farbe, ständig ihre Parameter verändert, wobei ein Fuss dann doch immer noch auf dem finsteren Grund des Black Metal steht. Wahrscheinlich ist es ein Pferdefuss. Ansonsten ist The Ark Work ein heilloses Werk. Hunt-Hendrix´ eher klarer Gesang grenzt an eine Zumutung, die Musik ist über lange Strecken massiv mit Details überfrachtet, wobei sich andererseits so etwas wie nervige Routinen der Selbstähnlichkeit eingeschlichen haben. Das Klangbild ist ein wenig eng, wird ja auch soviel reingestopft. Drummer Greg Fox ist wieder dabei, er trommelt lässig um sein Leben. The Ark Work ist arg überlebensgross geraten, aufreizend strapaziös und auf seine grössenwahnsinnige Weise ebenso ein Mummenschanz wie der Wahre Black Metal. Jedoch ein Ritual, das immer wieder Horizonte aufreissen kann. Und das meint nicht nur musikalische Weltbilder. Wer ein Stück wie das ätzend treibende Vitriol zustandebringt, der hat mich auf seiner Seite. Das hat er dann davon.    

Anspieltipps: Follow, Kel Valhaal, Quetzalcoatl, Haelegen, Vitriol

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.5.2015


Phantom Orchard Ensemble, Through the Looking-glass, Tzadik, 2015 – 12 tracks, 50 Min.

Durch den Spiegel ins Kaninchenloch, auf einen Abstecher zu Alice und ihren Freunden und dann weiter, Reise ins sonderliche Wunderbare der Feenländer der Welt. Es zirpt, gurrt, keckert, klingt und singt, es dreht sich und erhebt sich, es lauscht und staunt und macht daraus Musik: Phantom Orchard, das irisierende Duo aus Ikue Mori und Zeena Parkins, für diesen Auftritt als Ensemble erweitert zum Sextett. Eine musikalische Reise in eine Zauberwelt durch inspirierende Künstlerinnen, denen vielleicht nichts unmöglich ist, ausser ein Publikum zu langweilen. Ikue Mori, Zeena Parkins, Sara und Maggie Parkins, Sylvie Courvoisier und Maja Ratkje haben sich zu einem exquisiten Ensemble zusammengefunden. Stimme, Elektronik, Harfe, Klavier, Violine und Cello gelangen in vielfältigen Kombinationen zum Einsatz und erkunden die archetypische Wunderwelt von Märchen und Fantasmen, die den meisten von uns doch geläufig sind. Spinne und Meerjungfrau, die Mondprinzessin Kaguya und Schneewittchen, die Schöne und das hässliche Entlein: Sie alle rufen Vorstellungen in uns wach, wecken Erinnerungen, taugten für Ballette, Musicals und Filme. Das Phantom Orchard Ensemble formt aus ihnen musikalische Miniaturen. zwischen Geistererscheinung und Fata Morgana.                                                                                                                        Ein Film in Musik: mysteriös, von exotischer Schönheit, abenteuerlustig. Aus komponierten und improvisierten Partien erwachsen diese zwölf Portraits der Welt hinter den Spiegeln, gleichermassen inspirierend wie inspiriert. Ein Projekt, ursprünglich aus einer Zusammenarbeit von Phantom Orchard und dem norwegischen Improquartett Spunk erwachsen, hier auf sublime Weise mit traditionelleren Instrumenten wie eben Streichern und Klavier wieder aufgegriffen:  Through the Looking-glass ist auch eine Grenzerkundung, ein Kaleidoskop der Klänge zwischen aufblühender Üppigkeit und Geräusch, das Bizarres ebenso wenig scheut wie die Schönheit des Schlichten.

Verspielte Kammermusik an den Schnittstellen von Dreampop und Impressionismus, klanglich fein ausbalanciert. Das ist der vorherrschende Höreindruck von diesem Album, das das Duo Phantom Orchard mit einem gewitzten Quartett von Musikerinnen vereint. Der häufige Einbruch der Geräuschwelt ist allerdings konsequent, nicht nur wegen Ikue Moris elektronischer Wunderkiste, sondern auch durch die Beteiligung von Maja Ratkje, bekanntlich Sängerin und Elektroakustikerin bei Spunk, deren Mitwirkung ja am Ursprung dieser eigenwilligen Feerie gestanden hat. Sicher ist hier das Ergebnis filigraner, die Streichinstrumente von Sara und Maggie Parkins haben einen starken Anteil am Klangbild dieser Reise durch die Welt von Märchenfiguren und Feen. Abgründiges findet auch seinen Platz, gewinnt aber nie die Oberhand. Kann man bedauern. Aber es zählt der Gesamteindruck dieses Kompendiums der Phantasie und der ist einfach zauberhaft. 

Anspieltipps: Luminous Fairies, Goblin Spider, Alice in Wonderland, Kaguya, Hedgehog in the Fog

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.5.2015


ausserdem in ZORES:

 

Courtney Barnett, Sometimes I sit and think and sometimes I just sit – Mom + Pop Rec., 2015

“Eine schlaflose Nacht in einem New Yorker Hotelzimmer. Ein Besuch im Schwimmbad oder eine Hausbesichtigung in der öden Vorstadt. Auf den ersten Blick total belanglose Themen. Aber nicht, wenn Courtney Barnett darüber singt. Bei ihr bekommen die lapidarsten Dinge plötzlich ein ganz eigenes spannendes Leben.“

Seb Black, On Emery Street – Noisolution, 2015 

Emery Street in Montreal. Auf den ersten Blick hat sie nichts zu bieten. Doch dann kommt No 333 und hier hat Seb Black seine als Tonstudio getarnte Wunderkammer installiert. Zwischen Delta Blues, Chanson, Roots Folk, Rock´n´Roll und Punk ist hier alles möglich und noch besser. Es geht auch gut zusammen. Seb Black ist ein begnadeter Geschichtenerzähler und wenn er auch nur ein bisschen so weiter macht, ein legitimer Erbe von Mr Tom Waits.