Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Kelly Lee Owens (same), Smalltown Supersound, 2017 - 10 tracks, 46 Min.

Schon lange haben wir in ZORES nichts mehr vom feinen Label Smalltown Supersound vorgestellt – es war mir ein wenig aus dem Blickwinkel geraten. Mit Kelly Lee Owens unbetiteltem und grossartigem Album hat es sich mir aber wieder mit Macht aufgedrängt. Was bisher geschah: Kelly Lee Owens begann neben der Schule oder so in einem Plattenladen zu jobben und erweiterte auf diese nahezu klassische Weise ihren musikalischen Horizont. Sie spielte ausserdem Bass in der Noisepop Band History of Apple Pie. Sie lernte sodann DJ Daniel Avery kennen und sang auf einigen Stücken seiner Platte Drone Logic. Das half ihr zu einem neuen Verständnis gegenüber Techno und half ihr, ihre eigene musikalische Stimme zu finden.

Auf ihrem unbetitelten Debut zeigt sich Kelly Lee Owens jetzt schon als erstaunlich versierte Musikerin. Sie verbindet ihre Vorstellungen von gelassenem Songwriting mit ihren Fähigkeiten als Produzentin warm klingender elektronischer Musik. Beides geht Hand in Hand und fügt sich zu einem angenehmen, eigenwilligen Ansatz, der rasch einige Beachtung gefunden hat. Auf dem Song Anxi singt immerhin Jenny Hval, selber eine Künstlerin von einigem Renommee. Hier zeigt sich auch gut die fein austarierte Balance zwischen eher ruhigen atmosphärischen Sounds und einer untergründig brodelnden Nervosität, die dem Song eine ganz eigene Spannung verleiht. Dem musikalischen Maverick Arthur Russell ist ein auch track gewidmet. Russell, ein eigenwilliger Grenzgänger zwischen Klassik, Elektronik, Pop und Drone, wurde erst nach seinem frühen AIDS-Tod als grosser Inspirator (wieder-) entdeckt. Nun, derartig grenzüberschreitende Avantgarde-Qualitäten besitzt die Musik von Kelly Lee Owens nicht, aber das spricht gar nicht gegen sie. Sie baut jedenfalls mit sehr sicherer Hand feinverwobene Stücke Musik, die ins Ohr gehen, ohne dass sich jemand ihres vielschichtigen Aufbaus überhaupt bewusst sein muss. Arthur Russell wusste, was er wollte und Kelly Lee Owens weiss es auch. Das Feld auch nur tanzbarer elektronischer Musik ist (für mich) unüberschaubar, das sei hier vorangestellt. Es ist dann immer ein bisschen dem Zufall geschuldet, ob ich überhaupt auf irgendwen aufmerksam werde. Aber ich betrachte es als Glücksgriff, mir Kelly Lee Owens Album zugelegt zu haben. Es bezaubert mit seiner warm klingenden Vielfalt, seinem, bei aller innewohnenden diskreten Melancholie, schmelzenden Klangzauber, der in etwa Ambient mit Dream Pop und Techno verschmilzt. Gar nicht so betonte Ambivalenzen und ein sicheres Gespür für grosse, aber im Augenblick ihres Werdens unaufdringliche Momente kennzeichnen die Kunst dieser Musikerin. Kelly Lee Owens, die auch ihr Interesse an der Heilkraft von Klängen geäussert hat – und ist das nicht hier auch immer traumverloren umgesetzt? sticht mit ihrem Album jedenfalls auch aus der Heerschar begabter Elektromusiker*innen aufs Angenehmste heraus.

Anspieltipps: Arthur, Anxi, Lucid, Evolution, Bird,          Throwing Lines 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.7.2017


Mutter, Der Traum vom Anderssein, Die Eigene Gesellschaft, 2017 – 8 Lieder, 52 Min.

Du – bist zwar gemeint, aber du musst dich mit dieser Band nicht verbrüdern, schreibt sinngemäss DER SPIEGEL in einem Portrait der Band Mutter anlässlich ihres neuen Albums Der Traum vom Anderssein. Du kannst das auch nicht. Du musst schon dein eigenes Ding durchziehen, so wie Mutter das seit gut 30 Jahren tun. Und sie tun das natürlich in ihrer eigenen Liga, nicht frei von Wiederholungen, versteht sich, aber ohne auf die prekäre Kraft des Immergleichen zu setzen. Immer anders. Immer neu. So auch hier. Gelegentlich Autotune. Und Juliane Miess an den Tasten.

Ein Kommentar:„ "Wer hat schon Lust, so zu leben" bei youtube über mich ergehen lassen. Ich bin studierter Musiker und entsetzt über eine derartig üble Combo, bei der nichts (in Buchstaben NIX) stimmt!! Verstimmte Gitarren, Temposchwankungen, ein "Sänger" der nicht singt, ein Trommler mit rhythmischen Fragezeichen, ein Gesamtsound, der nach Rausschmiss schreit. Dass diese Rumpel-Kapelle tatsächlich 50 Leute in ein Konzert lockt grenzt an ein Wunder. Und jeder, der diese Band lobt, outet sich als unseriös und inkompetent! Diese furchtbaren Dilettanten als "künstlerisch eigensinnig" zu bezeichnen ist bizarr bis unverschämt!!““ - Ich weiss ja nicht, was diesen Menschen musikalisch allgemein so umtreibt, aber er hat ganz unbewusst doch herausgearbeitet, was die Qualität der Band für mich zumindest ausmacht. Das sind keine Schubert-Lieder, kein Stadionrock, kein Classic Pop, kein dezentes Singer-Songwritertum (Obwohl diese Momente, unterschiedlich gewichtet, bei Mutters Musik doch immer auch durchscheinen). Und natürlich „konfrontativer Krach“. Der umreisst halt das Spielfeld. Dabei ist alle Verweigerung der Band fremd. Sie ist nur unmittelbar. Max Müller meint, was er singt. Er singt von Vielem, auch von Hoffnungen. Ist nicht immer leicht rauszuhören, zugegeben. Aber wenn doch, dann wird die Erde noch „der schönste Platz im All“. Hörgewohnheiten! Hör mir doch damit auf, mit Rücksichtnahmen, die eine Band wie Mutter nie erfüllen wird. Wer an Hörgewohnheiten festhält, klebt auch in seiner lauschigen Filterbubble und enthebt sich der Chance, von einem musikalischen Zehntonner überfahren zu werden. Nicht alle werden diese meine Einstellung teilen. Und sie haben auch recht, vielleicht, ein kleines bisschen. Das will ich gar nicht bestimmen. Und Mutter sind natürlich wirklich gewaltig, brachial, erschreckend auch und dabei zugleich von grundgütiger Zärtlichkeit. Max Müller schaut ja eigentlich immer nur dahin, wo das Leben ins Eigentliche ausfranzt und dieser Blick weicht eben dem Unschönen gar nicht aus. So auch die Musik. Aber diese enormen, scheinbar windschief schlingernden Gebilde kippen nicht, sie fallen uns gar nicht auf die Füsse. Sie nehmen uns mit, treiben das Spiel voran, bis es ein Ende hat. Da stehn wir dann, zerrupft, durchgeschüttelt, fast erleichtert und immer wieder traurig, dass aus ist. Vorerst. Nun ja, „Menschen werden alt und dann sterben sie“. Zuvor noch nicht geträumt? Dann los, und verpass ihn nicht, den Traum. Und dann wach auf. Knack die Nuss, wie Tex Rubinowitz schreibt. Gott gibt Nüsse, knacken müssen wir sie selber. Die Möglichkeiten stehen vor uns, Mutter schenken uns ihre neue Platte. Machen wir was draus. Bevor es zu spät (s.o.)

Anspieltipps: Glauben nicht wissen, Menschen werden alt und dann sterben sie, Glorie, Der Traum vom Anderssein, Geh zurück 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.7.2017


Julia Holter, In The Same Room, Domino Recording, 2017 - 11 Songs, 59 Min.

Neues und zugleich nichts Neues von Julia Holter auf ihrem neuen Album In The Same Room. Neu sind die Aufnahmen, entstanden für die neue Reihe ihres Labels, nämlich Domino Documents, die durchaus in die Fussstapfen der legendären John Peel-Sessions treten soll. Die Songs dafür entstammen Julia Holters früheren Alben. Vor allem Have You In My Wilderness ist da vertreten, das es leider nie zu ZORES geschafft hat, obgleich es ganz grossartig ist. Nun eben hier, in ein neues Gewand gehüllt, das von Corey Fogel (perc, back-voc), Devin Hoff (b) und Dina Maccabee (va, back-voc) aufs Feinste gewebt wird. Mittendrin und vorneweg, Julia Holter (voc, kb).

Julia Holters Musik wies ja besonders zu Beginn einen kulturellen Überbau (Euripides) auf, der sie überhaupt ans Musikmachen heranführte. Davon hat sie sich mittlerweile gelöst, vielmehr: Ihre Songs können auch allein bestehen. Suchte sie zwischendurch noch eigentlich überflüssigen Halt in Opulenz und markanter Dramatik, was ja auch zu gefallen wusste, besinnt sie sich hier auf die eigentlichen Qualitäten des Songwritings. Abgespeckt und zügig eingespielt entwickeln Julia Holters Songs noch ganz ungeahnte Qualitäten. Eleganz und Melancholie zeichneten Julia Holters Musik schon immer aus. Zuweilen gekrönt von hyperbolischen Ekstasen formte sie gerne ein eigentümlich schillerndes Pop-Universum, dem ein gewisser Avantgarde-Gestus, ja eine Art von Verschlossenheit nicht fern war. Das habe ich durchaus geschätzt. Aber es geht eben auch anders, schlichter, unmittelbarer, offener. Julia Holters Stimme und die paar Instrumente, die sie begleiten, sind wie sich leichthändig zeigt, genug. Hörner und Feuerwerk sind zwar gern gelittene Sahnehäubchen, aber es geht auch ohne, ohne dass das als echter Verlust zu bezeichnen wäre. So gesehen ein schöner Auftakt zu einer neuen Musikreihe, der unsereins gleich ähnlich gehaltvolle Nachfolger wünscht. Mit Julia Holters Kammerpop-Album In The Same Room ist der Einstieg jedenfalls bemerkenswert gut geglückt und auch Julia Holter hat sich und uns damit ein schönes Geschenk gemacht. Zugegeben: Die quasi aufgebohrten Songs der vorhergehenden Alben haben ihre eigenen Qualitäten, die mir nach wie vor gefallen. Aber das hier, das ist die Essenz, pur und stark.  

Anspieltipps: Horns Surrounding Me, So Lillies, Silhouette, In The Green Wild, Betsy on the Roof

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.7.2017 


Ho99o9, United States Of Horror Toys Have Powers / 999 Deathcult, 2017 - 17 trax, 49 Min.


Heute in ZORES mal der neueste heisse Scheiss, ein echter Brecher, mit lustigem Zahlenspiel im Namen: Ho99o 9: Suche die andere Zahl, die darin steckt. United States of Horror nennt sich das Schmuckstück und das Motto lautet „Your Child Will Die Because You Let It Happen“. Tja, zumindest nah am Brunnen ist das Kind: nach wie vor unbegrenzte Erderwärmung, Atomwaffenarsenale ohne Aussicht auf Abrüstung, der fröhliche Weiterbetrieb von mehr oder weniger maroden Atommeilern auch in Europa, Kriegsherde an diversen Ecken und Enden der Welt, von Hunger und Seuchen ganz zu schweigen. Von Polizeiwillkür vor der (US-)Haustür gar nicht erst zu reden…
TheOGM und sein Kumpel Eaddy gründeten nach anderen Aktivitäten Ho99o9 ums Jahr 2012. Einflüsse kamen von Gangsta Rappern wie DMX, aber auch von Punkbands wie Japanther, ausserdem hinterliessen ua. Body Count, Milli Vanilli, Bad Brains, Horrorfilme und Rob Zombie merkliche Spuren in ihrem Schaffen. Mit Mutant Freax erschien 2014 eine erste EP, in dem Jahr spielten sie auch auf dem Afropunk Festival, 2017 waren sie bereits auf dem Glastonbury, etc etc. Die Auftritte sind legendär wild, aber die Jungs sind ja auch noch jung. „Es gehört einiges dazu, eine Berghain-Crowd zu verängstigen, aber Ho99o9 haben das ruhmreich hinbekommen“ schreibt The Quietus. Da war es nach einer weiteren EP und einer Single, endlich Zeit für einen richtigen Tonträger, der, immer mal wieder willkommen, das Adrenalin zum Kochen bringt. Und zwischendrin, zu spukhaften Sounds, vereist. Ho99o9 verstehen sich nicht als politische Band, wie zu lesen ist. Nicht? Sie reagieren nur einfach auf all das Zeug, das allen, die Augen und Ohren offen halten, einfach nicht entgehen kann und setzen es in frenetische Tracks um. Das kann kaum lieblich enden. Zwischen Hardcore und Trap, Industrial und Grime, Thrash und was-auch-immer fluktuiert die Musik hektisch wie eine Flipperkugel auf Trip. So also fasst das Album dich an, wenn du es lässt und entlässt nicht eher aus seinen grässlichen Klauen, bis du zuckend, kopfnickend, springend und mindestens auf der Bühne in deinem Kopf stagedivend schweissüberströmt, ausgetrocknet und verdorben auf der häuslichen Auslegeware niedersinkst. Prima. Nach einigem Nachdenken fällt dir aber ein, dass es doch in der Vergangenheit schon Erlebnisse solcher Art gegeben hat. Sei´s drum. Das ist das Update. Das hier ist auf herzzerreisende Art auch wieder wild und schön, betörend gewaltig und von der Magie eines malmenden schwarzen Lochs. 
Anspieltipps: War Is Hell, Street Power, When Death Calls, Bleed War, Money Machine, Knuckle up, Hydrolics 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 4.7.2017