Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Brown Spirits, Solitary Transmissions

Soul Jazz Rec.,  2023 - 7 Songs, 43 Min.

Zunächst einmal lerne ich, dass es auch in Australien ein Coburg gibt. Bei Melbourne. Da kommen sie nämlich her, die drei Herren von Brown Spirits. Und die braunen Geister, die sie beschwören, sind wahrscheinlich aus Sand und Staub.

Brown Spirits: Die 70er, mal wieder und immer noch. Krautrock, Psychedelic, Hawkwind. Und manches andere, das ihr 4. Album nicht zu Unrecht beim britischen Label Soul Jazz Rec.andocken liess. Zugegeben, hier wird kein Rad neu erfunden. Aber das vorhandene wird mit einem gewissen Nachdruck und einiger Energie weitergerollt. Und das läuft gar nicht schlecht, auch wenn HörerIn vieles durchaus vertraut vorkommt. Aber darin liegt das quasi heimelige solcher Musik, die unerhörte Momente eines explodierenden Gestern aufnimmt und an uns weiterreicht. Schön sortiert eigentlich, das Ganze, aber noch winden sie sich und zucken höchst lebendig, die elektrischen Geister, die für immer drinnen stecken.

Die spirituellen Grenzerfahrungen der 1970er sind ins Wohnzimmer gewandert, werden dort gehegt und gepflegt. Doch manchmal brechen sie aus, drängeln sich erneut in Gitarren, Bässe, Synthesizer und setzen immerjunge Geister frei. Die wollen nur spielen, und dafür haben sie sich diesmal ein Instrumentaltrio wie die BrownSpirits auserkoren. Tim Wold, Agostino Soldati und Ash Buscombe sind dann auch sehr handfeste Wiedergänger einer Musik, deren Pattern und kosmischen drones sich weiterhin züngelnder Energiefluss und partielle Entgrenzung abgewinnen lassen. Da bleibt was, einigermassen eingängig, aber nicht unbedingt beliebig. Vertraut, aber mit neuem Schwung aufgemischt. Die Brown Spirtis haben mit Solitary Transmissions eine Botschaft, die ich ganz gerne vernehme.

Anspieltipps: Space Race, Seven 8ths Of Madness, Who's At The Door  

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.2.2024


Hilary Woods, Acts of Light

Sacred Bones, 2023 - 9 tracks, 31 Min.

Mit dem Licht ist hier erstmal nicht so viel los. Es fehlt eher in diesen düster glosenden Strecken Musik von Hilary Woods 4. Album Acts of Light, das nicht ganz freizusprechen ist vom Avantgardeverdacht. Einer durchaus im Popgeschehen eingebürgerten Avantgarde freilich, mit Namen Drone und Dark Ambient. Von daher natürlich auch nichts Neues, wie so vieles, das auf Strophe und Refrain verzichtet.

Eine abgezirkelte Prozession lässt Hilary Woods an unseren Ohren vorüberziehen, von getragenem Glanz umwoben. Tiefe Streicher, Feldaufnahmen, Synthesizer und  Chorstimmen entfalten sich zu einem recht intimen Ritual. Das in sich freilich ziemlich üppig texturiert ist. Von daher strahlt, was von der Stimmung her eher verfinstert ist, etwas Samtiges, Persönliches, und Bergendes aus. Was freilich das Gefühl, dass der Boden unter uns brüchig ist, nicht völlig ausschliesst. In dieser Ambivalenz entfaltet sich das Tableau dieser neun Klangstudien.

Hilary Woods ist Irin, bildende Künstlerin und Bassistin, aber auch mit anderen Instrumenten vertraut. Seit knapp zehn Jahren ist sie als Solokünstlerin unterwegs. Ihre Musik ist Ausdruck persönlichen Empfindens, gefiltert in abstrakten Klangkonglomeraten. Was hier so technisch klingt, birgt in sich eine wohlabgewogene Mixtur diverser Klangebenen. Sie entfalten sich hier auf Acts of Light zu einem beinah majestätischen Panorama. Bei aller musikalischen Beschwörung von Verlust und Abwesenheit gipfelt diese Musik nicht in Leere, sondern bewegt sich, atmet. So entsteht alles in allem eine Form, die offen ist, verletzlich und lebendig. 

Anspieltipps: Burial Rites, Where The Bough Has Broken, Acts Of Light, Blood Orange

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.2..2024


Reverend Kristin Michael Hayter Presents... SAVED!

Perpetual Flames Ministry, 2023 - 11 Songs, 46 Min.

SAVED! - Gerettet1!1 also. Aus den Finsternissen dieser Welt, den Verstrickungen einer Lingua Ignota - Kristin Hayter hats, hoffentlich, geschafft. Ob der Reverend irgendwie erarbeitet wurde oder ihr durch Berufung zuteil wurde, an dieser Stelle: nebensächlich. Hauptsache ist die Musik, und die ist, zwar von Lärm und Geräusch gesprenkelt, letztlich pfingstlich. Am präparierten Klavier erhebt sich die Seele aus dunklen Gründen. Mit ihrem vorherigen Projekt, Lingua Ignota, fühlte sich Kristin Hayter unentrinnbar an ihre Traumata gefesselt. Dies hier ist eine Anstrengung, davon loszukommen, ins Licht einer erhofften, ersungenen Erlösung. Nichts Geringeres.

Geistliche Pop-Musik jeder denkbaren Art gibt es ja schon zu Genüge. Die fb-Gruppe Bad Album Covers schafft  es immer wieder, mich mit in dieser Richtung noch gruseligerem Zeug zu überraschen. Aber hier ist Reverend Kristin Michael Hayter nicht wirklich zu verorten. Denoch ist das ernst gemeint. Auch wenn die Neuerfindung der Musikerin für mich etwas travestie-hafte Züge aufweist, es steckt ein blutendes Herz darin. Und das Umfeld ist nicht dazu angetan, einfache Sorten an Trost zu bieten. 

Ich habe noch keine Triggerwarnung ausgesprochen, aber Leben und Werk dieser ausserordentlichen Künstlerin würde wohl so einige erfordern. Das liegt einmal mehr am Da-sein als Frau. Da klemmt auch gerade die europäische Gesetzgebung, das nur nebenbei. Katholische Erziehung, gefolgt von Gewalterfahrungen, ein bohrend-exzessives Künstlerinnentum und nicht zuletzt eine extrem ausdrucksstarke Stimme verknüpften sich bei Hayters Projekt  Lingua Ignota zu einem finsteren Maelstrom, der zuletzt die Künstlerin mit sich zu reissen drohte. Hayter, die sich auch immer wieder mit verschiedenen Formen von amerikanischer Frömmigkeit beschäftigt hat, sah sich genötigt, die Reissleine zu ziehen und auf einem quasi nebenbei errichteten Fundament einen durchaus wiederum verstörenden Neuanfang ins Werk zu setzen.

Folk, Gospel, Blues, eingefärbt in american Gothic und so ein nicht völlig loszukriegendes Gefühl von Unheil vereinigen sich auf diesem Album, das wie aus alten Zeiten in die Gegenwart gebeamt klingt. Ein geistliches Theater wird vor unseren Ohren aufgeschlagen, eine von pulsierendem Blut erfüllte Performance. Reverend Hayter mag eine im Internet ordinierte Person sein, die pfingstliche Sendung, auf der sie sich befindet, ist ebenso befremdlich (für die meisten von uns) wie ein lebensnotwendiges Herzensanliegen (FÜR SIE). 

Anspieltipps: ALL OF MY FRIENDS ARE GOING TO HELL, IDUMEA, MAY THIS COMFORT AND PROTECT YOU, THE POOR WAYFARING STRANGER, I KNOW HIS BLOOD CAN MAKE ME WHOLE

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.2.2024


Uboa, The Origin of My Depression

Flenser Rec., 2023 - 7 Songs, 40 Min.

Wenn es eine Hitliste der abturnendsten Albumtitel gäbe, rangierte Uboas The Origin of My Depression für Viele wohl ziemlich weit oben. Und ob Hilfe zur Selbsthilfe darin steckt, muss offen bleiben. Auch wenn Uboa in diesem Jahr beim Roadburn als artist in residence auftreten wird. Und ihr das Beste zu wünschen ist, bleibt diese Künstlerin eine einigermassen beunruhigende Person. Besonders da, wo sie leise ist, aber nicht still.

Uboa hat eine Geschichte, die so ungewöhnlich nicht ist. Eigentlich. Aber als solche in den Augen einer breiten, und nicht unbedingt freundlich gesonnenen Öffentlichkeit markiert wird. Es geht, auf kürzesten Nenner gebracht, ums trans-sein und um Neurodivergenz. Eine Welt im Krisenmodus fühlt sich da „irgendwie“ überrannt und schafft für Betroffene „mal eben“ ein feindliches Umfeld. Und darin müssen diese Menschen dann überleben. Ja, SO EINFACH lässt sich Material für künstlerische Betätigung gewinnen. Kunst kommt halt von Leiden. (Ironie AUS). Ok, manchmal stimmt es  und wir zumindest Randbetroffenen (Depression zB ist keine besonders seltene Krankheit) dürfen daran teilhaben. Und uns, soviel steht zumindest für mich fest, auch überwältigen lassen. Mit eintauchen in unerhörte Abgründe, Zustände, Vorstellungen, die uns hoffentlich weitmöglichst erspart bleiben (werden). Oder die wir hier anhand von ergreifenden sounds ein wenig nachvollziehen. Uboa, Namensgeber, ist übrigens ein schreiendes Gespenst aus einem alten japanischen Computerspiel.

Uboas Album The Origin of My Depression ist schon 2019 erschienen, jetzt ist es auch als Schallplatte herausgekommen. Hinter Uboa steht die australische Künstlerin Xandria Metcalfe, die sich seit mehr als zehn Jahren in den Randbereichen visceraler Musik umtut. Und mit The Origin of My Depression hat sie, leider aus eigenem Erleben, ein vielschichtiges, oft beängstigend leises, sich anschleichendes und Dich dann massiv aufbäumend angehendes  Kunstwerk geschaffen, das, ich möchte mal sagen, bleiben wird. Wie ein Stachel in der Haut, ein Klemmbaustein unter der Fusssohle, ein unwillkürliches Zuschnüren der Kehle. Ein Windstoss Atemnot. Ein Fallbeispiel in den Akten der menschlichen Existenz, und unsere Akten liegen nebenbei. Würden sie aufgeschlagen, entströmte den Meisten von ihnen wahrscheinlich nur ein schwaches Stöhnen und auch das strengte uns bereits aufs Äusserste an.

Ein Album wie dieses euch ans Herz zu legen fällt gleichzeitig leicht und schwer. Leicht, weil es in seiner Verfasstheit zumindest mich existenziell anspringt. Schwer, weils halt auf diese und jene Weise unerhört ist, anstrengend, Gewalterfahrungen aufruft und so etwas wie einen gleissender Schatten von Lebensentwürfen, die den Meisten erspart geblieben sind. Kaum jemand will sich das Leben absichtlich schwer machen. Ausser Alpinisten vielleicht. Wir begleiten hier Uboa auf einer ungesicherten Solotour über einem erdentiefen Abgrund. Sie hat schon reingeschaut. Und wir?         

Anspieltipp:     Unbedingt durchhören!

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.2.2024                             

Jaimie Branch, Fly Or Die Fly Or Die Fly Or Die ((world war))

International Anthem Recording Company, 2023 - 9 tracks, 47 Min.

2018 hatte ich das Glück, die faszinierende Jaimie Branch live erleben zu dürfen, 2022 ist sie, 1983 geboren,  unerwartet gestorben. Eine unglaublich lebendige Person, vielseitig, ambitioniert. Mit dem Album Fly or Die betrat sie 2017 ihre eigene Bühne, eine gleichnamige Fortsetzung folgte wenig später ebenso wie ein live-Album. Mit Fly Or Die Fly Or Die Fly Or Die ((world war)) - der Titel ist ebenso Anrufung wie Beschwörung - hat sie sich unerwartet verabschiedet. Und zeigt wie aus dem Handgelenk, welche wunderbaren genreübergreifenden Mischungen sie brauen konnte (einschliesslich eines Meat Puppy Covers).

Jamie Branch hat nie klein gedacht, bis zuletzt. Sie war eine enorm schöpferische, wenn auch gefährdete Person und die Art, in der ihre Kunst entstand, die Beziehung zu Räumlichkeiten und dem Publikum, waren ihr ebenso wichtig wie die Musik. Anfang 2022 kam die Idee zu diesem Album auf, das ihr Vermächtnis werden sollte. Umständehalber wurde es in Omaha, Nebraska aufgenommen, wo Jaimie Branch als artuist in residence eingeladen war. Dieses Album, so weit weg von den hot spots des zeitgenössischen Jazz entstanden, ist, vielleicht durch diese Entfernung, grösser, bunter und vielseitiger als womöglich erwartbar. Es zeigt die Musikerin nicht nur als Instrumentalistin an der Trompete, sondern auch als Sängerin, am Keybord, am Schlagzeug. Mit ihr auf dieser musikalischen Reise, für die auch Instrumente vom örtlichen Symphonieorchester ausgeborgt wurden: Lester St. Louis, Cello, Stimme, Flöte, Marimba, Keys - Jason Ajemian, Bass, Chad Taylor, Schlagzeug, Pauken, Marimba undd Mbira - sowie einige Gäste.

Wer sich als Rock-Fan ein Jazzalbum zulegen wollte, sollte dieses nehmen, heisst es an anderer Stelle. Da ist was dran. Jaimie Branch war zwar ohne Chicago und seine äusserst vielseitige Musikszene nicht denkbar. Aber sie war sehr offen für alles, was ihr musikalisch noch so  zusagte. So war sie lange in der Rockszene ebenso unterwegs wie sie sich Avantgarde-Techniken einverleibte und in ihr Ausdrucksspektrum aufnahm. Neben der Trompete, dem Instrument, das durchaus ihre Stimme war, setzte sie zunehmend ihre eigene, charakteristische Stimme ein. Grenzen kannte sie kaum. Forsch, entflammt, berstend vor Vitalität, aber zu Zeiten auch gequält, wie das Leben halt, läuft sie auf   Fly Or Die Fly Or Die Fly Or Die ((world war)) zu einer Form auf (mit ihren musikalischen Begleitern), die ihren Tod umso schmerzlicher bewusst werden lässt.

Anspieltipps: Aurora Rising, Borealis Dancing, Burning Grey, Take Over The World, World War ((reprise))        

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.2.2024


Squirrel Flower, Tomorrows Fire - Polyvinyl Record Comp., 2023

Wenn am nächsten Tag noch ein Feuer brennt, ist die Welt noch nicht untergegangen. Ella Williams interessiert sich zwar stark für die Apokalypse, will die Hoffnung aber nicht aufgeben. Nicht einmal in den ungemütlichen Situationen, die sie in ihren Songs beschreibt. Mit ätherischer Stimme wirft sie sich in die Sounds schabender Gitarren und knackiger drums unnd hält die Flamme der Hoffnung am Leben. Zumindest für ein Weilchen.

Årabrot, Of Darkness And Light - Pelagic Rec., 2023       

Årabrot erfindet sich auf dem 10. Album zwar nicht neu, aber, mit Licht und Dunkelheit ein wenig anders. Die Zeiten ausgelebten Noiserocks liegen schon um einiges zurück. Jetzt: Ein Stück weit Selbsterkundung, ein bisschen Show, wie sie einer dem Suff verfallenen Truppe aus singenden Wanderpredigern gelingen könnte. Das ist durchaus noch melodischer geworden als zuvor, ohne an schaurigschöner Dunkelheit einzubüssen.