Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Current 93, If A City Is Set Upon A Hill                                                                    

House of Mythology, 2022 - 7 Sermons, 37 Min.

Vielleicht gibt es kein Label, das schon vom Namen her für David Tibets Veröffentlichungen geeigneter wäre als House of Mythology. Denn aus Mythen, alten Sprachen (und viel Folk Music) baut sich der kreisende Kosmos von Current 93 nun schon seit Jahrzehnten. Der Titel des aktuellen Albums  If A City Is Set Upon A Hill klingt nach biblischer Verheissung, auch wenn weder das hochgebaute Jerusalem noch die Hügel des Capitols angesprochen werden, vielmehr verdankt er sich ungleich älteren akkadischen Texten. In denen ein unternehmungslustiger Künstler wie Tibet eben auch gerne blättert.

Der Ton ist von Anfang an gesetzt: Musikalisch bleibt Current 93s aktuelles Album  If A City Is Set Upon A Hill dem Neofolk in seiner elegischsten Ausprägung eng verbunden. Eine Riege vertrauter und grossartiger MusikerInnen unterstützt den deklamatorischen Sprechgesang beim Bahnen der Wege der Musik:

Alasdair Roberts: Guitars, Autoharp, Synthesizer, Backing Vocals.
Aloma Ruiz Boada: Violin.
Andrew Liles: Electronics, Guitars, Keyboards.
Michael J. York: PIpes, Whistle, Duduk.
Ossian Brown: DroneTones.
Reinier van Houdt: Fender Rhodes, Piano, Guitar.
Rita Knuistingh-Neven: Piano & Voice

Vor allem Aloma Ruiz Boadas Geigenspiel prägt das musikalische Geschehen über weite Strecken und verleiht ihm einen eigenen Ton. (Der ohne Tibets so eigene Stimme natürlich trotzdem undenkbar ist.)

Natürlich ist Current 93 ohne die integrierte Obsessionen nicht recht vorstellbar. Der apokalyptische Mond juxt halt über allem, trotzt der Stadt auf dem Hügel und schaut ungerührt dem Mord Kains an Abel zu, auf dem Cover in hübschen, fast naiven Holländischen Kacheln in Blau verewigt. Aber was heisst schon ewig. So sehr wir mit David Tibet in den Spuren der Vergangenheit wandern, so gilt doch stets auch, wir sind alle nur aus Staub. Manchmal aber bringt dieser Staub Dinge auf bemerkenswerte Weise zum Erklingen.

Anspieltipps: If A City, There Is No Zodiac, A Column Of Dust

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.6.2022


Savage Republic, Meteora                                                                                   

gusstaff records, 2022 - 9 tracks, 39 Min.  

Die 1980er, schon wieder. Savage Republic erschienen an ungewöhnlichen Orten in Los Angeles und behexten den üblichen auserlesenen kleinen Kreis mit Musik, in der Industrial, Postpunk, Ritual und (sogar) Surfgitarren ihren Platz fanden. Von den Gründern ist niemand mehr dabei, Thom Fuhrmann sowie Ethan Port immerhin aber seit 1985, dazu auch seit Jahren Alan Waddington und Kerry Dowling. In den 2000er Jahren gabs nur mehr alle paar Jahre akustische Lebenszeichen, das durchaus muntere Meteora trennen auch wieder sieben Jahre vom Vorgänger. Musste das also sein? Ich finde, ja. Das klingt, in seiner oldschool anmutenden Gestaltung wie prima über die Zeit gekommen. Markantes Scheppern und Hallen, dazu gehörige Intensität und eine Prise Pathos: Ein Rezept, das sich über die Jahre bewährt hat: Savage Republic sind sich da treu geblieben und setzen bei diesem kurzweiligen Album einfach wieder drauf. Standesgemäss wurde in so etwas in einer geheimnisvollen Höhle aufgenommen, was dem Klangbild kinoartige Weite verschafft. Hier rollt die Musik wie eine Welle, und lädt zum Einsteigen ein. Bei aller beschworenen Dystopie, für die Savage Republic ja auch steht, hat das was Belebendes.

Meteora überzeugt auch, aber nicht nur, mit seinem kraftvollen Sound. Natürlich ist der Gestaltungswille nicht zu überhören, auch die Präzision des militanten drummings. Ungehemmte Extase ist hier nicht vorgesehen, Emotionen äussern sich eher in klagloser Melancholie. Es ist kein Zufall, dass Graham Lewis von Wire einen Song beigesteuert hat. Wer gerne beinah ungestüme Musik gepaart mit Kunstwillen hört, ist hier jedenfalls richtig.

Anspieltipps: Nothing At All,   Gods & Guns, Bizerte Rolls, Unprecedented, Ghost Light

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.6.2022


Nurse With Wound, Opium Cabaret                                                                         

ICR, 2021 - 4 tracks, 75 Min.

Nurse With Wound könnte als ein einziger, vielgestaltiger Traum aufgefasst werden, in dem Steven Stapleton seit ca. 1978 musikalisch zuhause ist. Ein Traum, der mal kühn imaginäre Räume aufreisst, sich surreale Welten aufbaut, die sodann detailverliebt umrundet werden, und ab und zu Popsounds wie Schlieren einfliessen lässt durch Öffnungen, die alles andere als geheuer sind. Und dann zieht dieser weltenweite Traum sich auch immer mal in sich selbst zurück, träumt von sich, wie er einen Traum halluziniert und liegt und atmet, auf einer Chaiselongue und die Geräusche um ihn werden langsamer, schieben sich ineinander und dröhnen zuletzt wie eine starre gelbe Tapete. Sie bedeckt die Wände des Opium Cabarets. Ursprünglich zwei längliche Stücke als Vinyl, die auf der CD um zwei Tracks erweitert wurden, die Colin Potter, seit langem ein Mitstreiter Steven Stapletons, aus adäquatem Material zusammengefügt hat.  

Der Rausch, der dem Opium entwächst, heisst es, macht träge und gleichgültig. Aber doch auch empfangsbereit mit allen Sinnen. Die Poeten des Bösen im 19. Jahrhunderts haben dieser Vorstellung gehuldigt und auch für die Surrealisten, denen wiederum Nurse With Wound sich eng verbunden fühlen, war das vermutlich noch die zugänglichste Droge nach Haschisch. Ambient ist womöglich das perfekte musikalische Pendant dazu, mit Spuren von Psychedelica angereichert und einer Prise Geräuschmusik und so offeriert Opium Cabaret von NWW erstmal nichts Neues, vielmehr sogar einen Rückgriff auf die eigene Diskographie mit Soliloqui for Lilith. Hier aber wirkt alles zwar angenehm benebelt, aber doch auch auf eine interessante Art granularer, verspulter. In Zeitlupe schiebt sich die Welt vorbei und kippt in sich zusammen, es ist auf einmal hörenswert genug, um da nicht mitzutun.         

Anspieltipps: Floating Body, Pigment Drift

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.6.2022


Illusion Of Safety, New Rules, Same Game, Less Instruction                       

Drone Rec., 2021 - 7 tracks, 54 Min.

1994 veröffentlichte Illusion Of Safety knapp 20 Minuten Geräuschklang unter dem Namen Rules of the Game. Nun, im letzten Jahr und nach einer kurzen Schaffensunterbrechung des seit den 1980er Jahren aktiven Projekts folgte bei Drone Records New Rules, Same Game, Less Instruction. Dan Burke, den Mann hinter IOS, interessierten stets die Bedingungen sozialer, politischer und psychologischer Interaktion und Kontrolle. Die frühen Veröffentlichungen orientierten sich am harschen sound quasiklassischer Industrialproduktionen, aber das war Ausgangspunkt einer Entwicklung, die zu differenzierterer, auch an Stille sich orientierter Klang- und Verhaltensforschung führte. So ist auch diese Veröffentlichung eher subtil und vielfältig texturiert als dröhnend und imposant.

Das gleiche Spiel, aber mit neuen Regeln und weniger Anweisung. Was nach Spieltheorie klingen könnte, wird hier auf dem Feld von Musik und Geräusch ausgelotet. Subtil, ohne Schockmomente, dafür mit einer Art akustischer Lupe werden Klangpartikel unterschiedlichster Herkunft seziert und übereinander geschoben. All das in langem, ruhigem Fluss, was zunehmende Desorientierung von HörerIn nicht ausschliesst. Vielleicht sogar verstärkt. Das collagierte Artwork liefert zwar erste Hinweise, aber die Umsetzung in den einzelnen tracks ist noch um einiges halluzinogener. Illusion Of Safety zeigt mit dieser Folge elektroakustischer Versuchsanordnung ein ausgesprochen vergnügliches Spiel, das sich jedes mal aufs Neue geänderten Regeln unterwirft und das Beste daraus macht, was ja im Alltag nicht immer so gelingt.

Anspieltipps: Uneven Playing Field, Ignorance Is Bliss, Malicious Intent

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.6.2022


LINGUA IGNOTA, Sinner Get Ready                                                                     

Sargent House, 2021 - 9 Songs, 56 Min.

Da wäre schon mal die Gewalt. Gewalt in Beziehungen, Gewalt gegen Frauen. Gewalt durch Glauben. Kristin Hayter hat da Erfahrungen machen müssen. Und ist diesen mit Kunst begegnet, mit ihrem Projekt LINGUA IGNOTA (Unbekannte Sprache). Zunächst mit vokalen Ausbrüchen und in einem elektronischen Setting (Caligula, 2019), hier, bei Sinner Get Ready auf dem Boden und Grasland des verlassenen Pennsylvania, mit akustischen Instrumenten. Das macht nichts heiler. Denn da sind noch die Samples von Predigern und Konsorten. Da ist kein Höllenfeuer fern. Und nichtmal Heuchelei.

Kirchenatmosphäre und die entvölkerten Landschaften der Appalachen: Dieses Terrain reisst Sinner Get Ready von LINGUA IGNOTA mal andächtig, mal wild bewegt auf. Die furienhaften Ausbrüche vorheriger Alben sind hier zwar weitgehend einer sakralen Stimmung gewichen, doch beruhigend ist das an keiner Stelle. Weder Anna von Hausswolff noch Diamanda Galas machen ja Musik zum Wohlfühlen und die beiden Referenzpunkte muss ich bei allen Unterschieden erwähnen. Denn natürlich ist Sinner Get Ready, das im coronabestimmten Rückzug entstanden ist, ein zutiefst zerrissenes Album. Selbst oder gerade da, wo pennsyvanische Legenden und Landschaften stimmungsvoll mit Folk-Instrumenten untermalt werden. Denn auch davon gibts reichlich. Ryan Seton spielt überhaupt mit allerlei Klangerzeugern. Nicht nur Klarinetten und Saxophonen, sondern auch deren Mundstücken, Glocken und Triangel. Seth Manchester ist mit Keyboards, Elektronik und Percussion zu hören, Kristin Hayter singt und growlt, spielt Klavier, Orgel, Cello und Banjo. Es ist also auch rein musikalisch gesehen viel geboten in diesem akustischen Theater, auch wenn es sich gelegentlich in sich selbst zu verkriechen scheint. Ausdrucksstark und unausgewogen, monströs und lieblich lauter, voller Höllenhymnen und Klagegesängen: Sinner Get Ready ist nicht dazu angetan, HörerIn kaltzulassen. Ein musikalischer Exorzismus, und auch wieder nicht. Denn bei aller Entschiedenheit ist sich Kristin Hayter der Ambivalenzen bewusst, die sie beschwört. Der schmale Grat zwischen Inbrunst und Ignoranz, den nicht nur die Kirchen bespielen. Das Zwiespältige berechtigter Gefühle. Die Unbewegtheit der Natur angesichts menschlicher Schicksale, die doch auch vom Menschen zugerichtet wird. All das beschwört Sinner Get Ready von LINGUA IGNOTA. Und hinterlässt starke Bilder statt verbrannter Erde. 

Anspieltipps: The Order of the Spiritual Virgins, Many Hands, Repent Now Confess Now, The Sacred Linament of Judgement, Man Is Like A Spring Flower

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.6.2022


Amenra, De Doorn (Version 2)                                                                               

Relapse Rec., 2022 - 5 Songs, 47 Min.

Amenra sind stets mehr als eine Band. Bildende Kunst und Literatur sind Teil der Church of Ra, die sich als Künstlerkollektiv in verschiedener Ausprägung begreifen. Schmerzliche Erfahrungen und Verluste wurden in den Alben der „Mass“ Reihe verarbeitet. Bei De Doorn ist manches anders.. Es ist ein Projekt, in das Wünsche und Erfahrungen verschiedenster Menschen eingegangen sind, die von der Band aufgegriffen und musikalisch umgesetzt wurden Es gab ein Sulptur, es gab ein Ritual als Beginn und es gibt jetzt zwei Fassungen dieses Albums. Schon bei Mass VI gab es ja eine US und eine Europa-Version, hier sind Amenra noch einen Schritt weiter gegangen und haben sich gefragt, was unterschiedliche Mixe und Master (und partielle Neuaufnahmen) mit ihrer Musik anstellen (können). Hier aber kein Vergleich, dafür sind die KollegInnen von ZOSH besser präpariert. Hier nur eine Musik von dunkler Schönheit und abenteuerlicher Spannkraft. Tief geerdet wird diese Musik im Übrigen durch Songtexte in flämischer Sprache.

Düstere Atmophäre, zähe Riffs und verzweifelte Schreie machen des Kern der Musik von Amenra aus und ihre Grösse. Ein paar Nuancen finden sich aber auf De Doorn. Die Zeit zieht sich zunehmend, der Spannungsbogen geht näher ans Zerreissen - ohne dass des dazu kommt. Aber HörerIn wird da schon zusätzlich gefordert. Ebenso von den spoken words, die Colin van Eeckhout so gänsehauterzeugend flüstert, bevor die dröhnende Musik an Fahrt gewinnt und gewohnte growls die Atmosphäre bestimmen. Dann verschiebt sich der Fokus auf den Klargesang von Caro Tanghe (Oathbreaker), bevor sich die Musik in manischen Wiederholungen festläuft, ohne aber zu erstarren. Den etwas mulmige sound, der bei der Doorn in der 1. Fassung bemängelt wurde, kann ich so nicht feststellen, vielleicht liegt das am Mix von Seth Manchester (der auch bei LINGUA IGNOTA beteiligt war.) Auch sehr atmosphärische, offenbar ziellos irrlichternde Momente finden sich auf Amenras De Doorn. Nun, so ist ja auch das Leben, das eben nicht nur aus bewegenden und berührenden Momenten besteht. Es ist eine Zwischenzeit, die hier mehrfach ihren Platz findet, bevor die Musik zu gewohnter Brachialität, aber auch zu betonter Zähigkeit zurückfindet. Amenra erschaffen alles in allem erneut ein atemberaubendes Erlebnis, in das HörerIn am Besten mit Haut und Haar eintaucht und das so niemanden unberührt zurücklässt. „Was im Feuer verloren geht, findet sich in der Asche wieder.“

Anspieltipps: Ogentroost, De Evenmens, Het Gloren

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 7.6.2022