Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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The Notwist, Close To The Glass                                                                1.4.2014 City Slang, 2014 - 12 tracks

...und alle fanden es gut. Praktisch niemand ging unter den Moniker "Meisterwerk". Und so gehts los: MusikfreundInnen, hört die Signale: Die golden boys aus Weilheim sind zurück und das auf der Höhe ihres Könnens. Die Multiinstrumentalisten Markus und Micha Acher und der Klangtüftler Martin Gretschmann, der irgendwann vom Fan zum Bandmitglied aufstieg, bilden eine verschworene Einheit, die eine persönliche Zuordnung kaum noch zulässt. Auf der Platte und auf der Bühne holen sie andere Musiker hinzu, Max Punktezahl, Andi Haberl, Karl Ivar Refseth, auch sie treue Begleiter (Zit.: Die ZEIT). Auf dem Tonträger finden sich aber noch die Sängerin Sandra Hüller sowie Streicher und Klarinette. Erstaunlich die vertraute Präsenz von Markus Achers immer leicht belegt wirkender Stimme. Der Spagat zwischen Rockband-Drive und elektronischem Gefrickel zeigt sich auf Albumlänge in Mixtape-Ästhetik, also in der ununterbrochenen Abwechslung. Davon kündet schon das Cover mit seinen nebeneinanderstehenden Ausschnitten und -rissen von Alltäglichem, die Musik fügt aber alles in warmem Licht ein Stück weiter zusammen, verbindet, verschmilzt und reisst ab und zu einen Fetzen wieder raus. Und: Selten ist mir die Musikauswahl so schwer gefallen. Jedes Stück hätte es verdient, hier gespielt zu werden. 

Close To The Glass - Nah am Glas heisst dieses neue Notwist-Album. Wie üblich, haben sich die Musiker eine Menge Zeit dafür gelassen und rund 100 Tage im Studio verbracht, wie es heisst. Nicht zu wenig Zeit dafür, dass sie ihre Vorstellungen genau so umsetzen konnten, wie sie es sich vorgestellt haben. Das Ergebnis hätte tüftelig ausfallen können, ist aber ganz grossartig eben nicht aus einem Guss. Von einem falschen Ort zum nächsten geht es wie im richtigen Leben, von nicht allzuhäufigem Furor bis zur fragenden Melancholie reicht die Palette der musikalischen Mittel, die recht brüsk nebeneinander stehen und sich in ihrer Verschiedenheit doch prima ergänzen. Fast schon erschreckend perfekt ist alles geraten, ein würdiger Nachfolger des Überalbums Neon Golden (2002). Auf den Monolith folgt die Collage, die all das aufnimmt, was Popmusik sich in den letzten 20 Jahren an neuen Möglichkeiten erarbeitet hat. Und die werden mit spielerischer Gelassenheit besehen, untersucht und auf ihre Verwendbarkeit abgeklopft, bevor sie geduldig zu diesen dunkel strahlenden Songs umgeformt werden. Wobei jede Songidee ihr eigenes Material entwickelt, das schon mal schroff dem anderen gegenübersteht. Aber so finden sich Unrast und Abgeklärtheit, Aufbegehren und Zärtlichkeit so notwendig unaufgeräumt nebeneinander, wie es im Leben, von dem diese Platte ja auch handelt, so zugeht. Grosse Kunst, das, was The Notwist hier erarbeitet haben. Und das es kaum je nach Mühe und Anstrengung klingt, sondern nach Souveränität, setzt dem noch was drauf. Ein Glanzlicht, keine Krone: dieser Pop ist eine demokratische Kunst. Und allen Nerd-Gefahren, die ein Bandkonzept wie The Notwist mit sich bringen könnte, gehen sie gelassen aus dem Weg.

Anspieltipps: Signals, Close to the Glass, Into Another Tune, Hour-Drive,The Fifth Quarter of the Globe, Run Run Run, Lineri                                                          

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z,


Andreas Dorau, Aus der Biblioteque                                                                         Bureau b, 2014 - 13 Melodien, 45 Min.

Bureau b, Hamburger Label und feines Heim vergangener und zukünftiger Klassiker deutscher Popmusik, präsentiert zum 50. Geburtstag ein neues Album von Andreas Dorau. Dorau! 50 Jahre! Kinder, wie die Zeit vergeht, möchte manch eineR da wohl ausrufen! Und mit recht. Die 80er Jahre sind schon gute dreissig Jahre her und mit ihnen das, was einmal als Wave und Neue Deutsche Welle einen ebenso munteren wie abgedrehten Aufbruch deutscher populärer Musik gegen die gediegene Realität der späten Bundesrepublik probieren sollte. Und es ging ebenso schnell in lichte Höhen musikalischen Abenteuertums wie dann, als NDW kulturindustriell befeuert, ganz rasch den Bach runter. Das wars. Kralle Krawinkel (Trio) starb erst im Februar. Max Goldt schreibt nur noch verschraubt und liest. FSK gegeben ab und zu ein Lebenszeichen. Inga Humpe betreibt 2raumwohnung. Ich + ich (Annette Humpe) liegen dagegen auf Eis. Gudrun Gut macht auch noch Musik (elektronisch) und betreibt das schöne Label Monika. Felix Kubin kam aus biographischen Gründen zu spät und kompensiert das zu Recht mittels genialem musikalischen Retrofuturismus. Nur Andreas Dorau ist noch da wie eh und arbeitet an seiner Kunst. Mangels eines besseren Begriffs darf sie als Pop bezeichnet werden.

Andreas Dorau singt über einen seiner Lieblingsorte, die Hamburger Öffentlichen Bücherhallen. Um genau zu sein, die Zentralbibliothek an der Straße Hühnerposten. Hier verbrachte Dorau in den letzten Jahren einen Großteil seiner freien Zeit. „Die Bücherhalle ist das kleine Internet für Haptiker“, so Dorau. „Und warum soll ich Geld für Bücher, Musik oder DVDs ausgeben, wenn diese dann nur bei mir vollstauben?“ sagt er. Hier fanden sich auch die Themen für seine Songs, mit sicherer und geschmackvoller Hand herausgegriffen ua. aus den Abteilungen Hamburger Geschichte oder Wissenschaft. Auch an savoir-vivre fehlt es nicht, denn was wäre stilvoller als die Anfahrt zu diesem Sehnsuchtort per Taxi oder das verträumte, verständlicher Unschlüssigkeit geschuldete sinnierende Herausschauen aus dem Fenster? Mit leichter Hand fügt Dorau auch ephemere Themen zu stilvollen Songs. Nun ist die Zeit aber nicht stehengeblieben. Andreas Dorau hat sich für sein 9. Album nicht nur wie zuvor (Todesmelodien, 2011) Gäste, sondern eine komplette Band dazugeholt, nämlich die ähnlich gestimmten Kollegen von Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen. Und ein Anderes verdient ebenso Erwähnung. Andreas Dorau stöberte nicht nur in Büchern, sondern ebenso in diversen Tonträgern der vergangenen Jahre. Und zwar nicht des puren Gelingens wegen, das da ja auch vorhanden sein kann, sondern um unter Bergen an Mittelmässigkeit und Misslingen die oft genug trotzdem vorhandene "gute Stelle" zu finden und sie, nun ja, für eigene Zwecke zu amalgamieren, wie auch immer. Herausgekommen ist ein Album, das leicht schnörkelig Aus der Biblioteque überschrieben ist ist und alles in allem klassische Andreas Dorau-Songs enthält: Im guten - oder für allerdings kaum vorstellbare VerächterInnen - schlechten Sinn. Fein und farbig instrumentiert, mit dieser unverkennbaren Hand für schlichte, ohrmittelbare, aber niemals geschmacklose Melodien und Texten, an denen die grossen Themen des Pop-Universums unbesungen vorbeigehen. Denn es gibt Dinge, über die mit grösserer Notwendigkeit gesungen werden muss. Tannenduft, zum Beispiel. Oder Klischees. Oder Reden Wir Von Mir. Bei allem Charme und aller Freundlichkeit ist ein gewisser Zug von Melancholie nicht zu überhören. Der steht aber Andreas Dorau (und seinen Mitstreitern) auch nicht schlecht. Dazu kommt der feine, leicht altmodische Bandsound, der auch vor dem Einsatz von Melodica, Banjo und Saxophonen nicht zurückschreckt, und elektronische Klänge auf prickelnde Tüpfelchen beschränkt. Andreas Doraus Stimme klingt wie immer, leicht näselnd und ein wenig wie ein unvermeidlich älter gewordenes Kind, nach wie vor erfüllt von ernsthaftem Staunen. Aus wenigen Worten baut er mit den Songtexte kleine Welten, mal vergnügt (Der Monat), mal morbide (Tannenduft). Leicht weltverloren stehen diese aus hellwachem Dadaismus und Beach Boy-artigen Refrains gefügten Lieder in der musikalischen Gegenwart, aber das tut ihnen nichts. Wir laufen trotzdem bei jedem Hören Gefahr, uns schier rettungslos in ihnen zu verlieren. Und das ist gut. Eine Werkschau seines Schaffens namens „Hauptsache Ich!“ ist übrigens bei dieser Gelegenheit auch herausgekommen.                                                   

Anspieltipps: Hühnerposten, Der Monat, Reden Wir Von Mir, Tannenduft, Stählerner Adler, Faul Und Bequem

 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.4.2014


Malia / Boris Blank, Convergence                                                           1.4.2014 Universal/EmArcy, 2014 - 11 Songs, 45 Min.

1          Celestial Echo              4:09

Chic und elegant ist, was Sängerin und Texterin Malia mit Boris Blank auf die Beine gestellt hat. Und so warmherzig klang Coolness selten. Denn beides findet hier zusammen, eine Stimme, die im Jazz beheimatet ist und die erstaunlichen Klangfindungen eines Mannes, der bei Yello immer ein wenig im Schatten von Dieter Meier steht und Öffentlichkeit gerne meidet. So weit, so gut und eigentlich nichts für ZORES. Denn Perfektion liegt uns nicht so, und das ist ein Wort, mit dem sich die Zusammenarbeit der beiden so unterschiedlichen Künstler bestens bezeichnen liesse. Warum also hier und heute Convergence von Malia u. Boris Blank? Wegen dieser herrlichen, leicht heiseren, rauchigen Stimme, die sich als menschlicher Faktor so gut vom klangfarbenreichen Gerätepark abhebt? Oder wegen dieser raffinierten Instrumentalspuren, beats und clicks, bei denen aparte Spuren von Yello ebenso zu finden sind wie eine subkutane Melancholie? Lasst uns weiter raten.

3          I Feel I Like You                       3:40

"I ´m the mad storyteller" heisst es im ersten Song Celestial Echo. Und tatsächlich sind es abenteuerliche Geschichten, die Malia in ihren Songs verarbeitet. Persönliches ist dabei, aber auch die Story über ein transsexuelles Escort Girl und nicht zuletzt historische Reminiszenzen an Hunger und ein Sklavenschiff. |zit|: Malias Mutter stammt aus Malawi, der Vater ist Brite. Als Teenager siedelte sie aus ihrer Heimat über nach London und begann zu singen. Für die damals 14-jährige Malia geradezu ein Kulturschock. Den sie aber dankbar annimmt, gerade in Sachen Musik. Besonders die Liebe zum Jazz wächst immer stärker. Ihre Favoritinnen sind dabei Sarah Vaughan, Nina Simone und Billie Holiday. Sie übt sich regelmäßig im Gesang, und erhält nach Beendigung der Schule immer mehr Engagements als Background-Sängerin verschiedener Bands. Ihren Lebensunterhalt sichert sie sich zusätzlich mit Jobs als Kellnerin. Aber dabei bleibt es nicht, sie wird entdeckt und gefördert und veröffentlicht eigene Platten. Convergence ist die Nr. 5. Und zeigt viel von eigener Handschrift.

10        Tears Run Dry              3:42

Der Zeitschrift Jazzthing hat Malia im Interview erzählt, sie hätte sich selbst an Boris Blank für die Produktion ihres neuen Albums gewendet. Sie, die zuvor ein Nina Simon-Tribut aufgenommen hatte, wusste sicher, was sie wollte und erhielt ein massgeschneidertes Gewand für ihre Texte und Melodien, eins, das geschmeidig ist, aber auch voller präzise gestalteter Details. Boris Blank hat gezeigt, dass er nicht nur Yello kann. Das Ergebnis, leuchtend, inspiriert und auch ein wenig bitter, kann sich hören lassen. Sie selbst nennen ihren Sound übrigens Electronic Gospel.

11        Turner´s Ship                6:42                                                                      

 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z,


Adrian Raso And Fanfare Ciocărlia, Devil's Tale                                            Asphalt Tango Records, 2014 - 12 teuflische Stücke, 40 Min.

Teufel auch. Ein Meistergitarrist und die schnellste Blaskapelle der Welt treffen sich nach langem Ritt in einer einsamen Spelunke und singen uns eins zum Tanz. Und Django Reinhard schaut von oben zu und grinst vermutlich. Denn es macht Freude, was darüberkommt.

|Zit.:| Nein, Gypsy-Swing ist nicht ganz von der Bildfläche verschwunden. Aber für viele sind Django Reinhardt, der Hot Club de France, ja selbst Birélli Lagrène nicht mehr die Musiker, die man einfach so im Ohr hat. Diese Jazzer wurden in den letzten Jahren von ihren Cousins aus den verschiedensten Brassbands des Balkans übertönt. Adrian Raso, der kanadische Gitarrist mit italienischen Wurzeln pflegt den Manouche Stil seit einigen Jahren, und hat sich einen alten Traum erfüllt: mit der Fanfare Ciocărlia einen Teil seines Repertoires und einige neue Songs einzuspielen. - Bei einigen Sessions waren Gäste dabei: die legendären Gitarristen John Jorgenson und Rodrigo (Rodrigo & Gabriela) sowie Rockdrummer Kevin Figueiredo (The Extreme). Adrian Raso führt den Zug an, mit seinen Kompositionen auf Gitarre, Banjo und E-Bass, das ist unüberhörbar. Aber mit welcher Delikatesse und Spiellaune die Fanfare Ciocărlia darauf eingeht, das ist grossartig. Wenn eine Band auf ihrem Gebiet so ziemlich alles erreicht hat, was möglich ist, kann sie entweder weitermachen wie bisher oder sich eine neue Herausforderung suchen. Die Männer aus dem abgelegenen rumänischen Örtchen Zece Prăjin haben sich für letzteres entschieden und entschieden gewonnen. Hier geht es nicht um Durchschlagskraft und Geschwindigkeit. Das Tempo der Musik ist eher relaxt, aber ihr Radius ist weit. Das moderne Toronto, New Orleans und Paris treffen auf den verborgenen kulturellen Reichtum des Balkan und damit auf tiefe Wurzeln afrikanischer und indischer Herkunft. Was sich aufs Erste so unvereinbar anhört, nämlich das Zusammenspannen von Gypsy Swing und Balkangebläse, erweist sich hier als Zusammentreffen von Brüdern im Geist der Musik. Ein geglücktes Experiment, befeuert von Leidenschaft und Spiellaune. Der Teufel lugt ums Eck, aber hier muss ihm niemand seine Seele verkaufen. Das einzige Manko ist vielleicht, das hier alles letztlich so fein gearbeitet und apart arrangiert ist. Der Dreck unter den Stiefeln wurde säuberlich abgeputzt, bevor diese vereinigte Kapelle zum Tanz aufspielt. Und so es ist weder Rock´n´Roll noch Hora, was hier erklingt. Wenn getanzt wird, dann meist zu einem leichtfüssig melancholischem Musette-Walzer.

Anspieltipps: Urn St. Tavern, The Absinthe-Minded Gypsy, C'est La Vie, Charlatan's Waltz, Cafe Con Leche, Django

 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.4.2014  


Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Fuck Off Get Free We Pour Light     On Everything                                                                                  

Constellation, 2014 - 6 Protest Songs, 49 Min.

Einmal durch den Sumpf des Lebens und stets die Faust erhoben: So klingen Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra auf ihrem aktuellen Album. Es trägt den ausufernd-pathetischen Titel Fuck Off Get Free We Pour Light On Everything und atmet nach wie vor unablässigen Protest, aber auch wiedererrungenen Punk. Wobei das, wie bei Efrim Menuck üblich, unter dem Aspekt des Epischen gesehen werden muss. Die Welle der Wut steigt verdammt hoch, bevor sie bricht und alles unter sich begräbt.

|Zit.:| „We Guess We Love Each Other“, das naive, von einem Kind vorgetragene Statement gleich zu Beginn des eröffnenden „Fuck Off Get Free (For The Island Of Montreal)“, wird für lange Zeit das einzige Erbauliche bleiben, bevor sich ein tiefer Zorn über die Welt Menucks und seiner MitstreiterInnen legen wird. "All our cities gonna burn / All our bridges gonna crack / All our pennies gonna rot / There'll be mud across our tracks / All our children gonna die." Drunter machen es Menuck und Co. auch auf ihrer siebten Platte nicht. Wer will es ihnen verdenken: Schließlich haben sich die Welt, das Kapital, die Horden an Verbrechern dort draussen und überhaupt das ganze – ganz recht – Trallala seit Bandgründung noch nicht einmal verschlimmbessert. - Wut und Empörung im angemessenen Übermass giesst Efrim Menuck also in seine überbordend-zerschossenen Hymnen. Er verweigert sich nach wie vor weitgehend dem populären Drei-Minuten-Format mit massenkompatiblem Refrain und erschwert sich damit seine Arbeit nicht unerheblich. Denoch fliessen hier die Songs etwas geschmeidiger als gewohnt, widerstreben aber zugleich auch von der Besetzung her jeder platten Kategorisierung wie Postrock etc.

Drums, Organ – David Payant, Electric Bass, Contrabass, Piano [Plucked] – Thierry Amar, Electric Guitar, Acoustic Guitar, Mellotron – Efrim Manuel Menuck, Violin, Piano [Plucked] – Jessica Moss u. Sophie Trudeau. And Everybody sung: Das ist die nach wie vor ins Orchestrale schillernde Besetzung der aktuellen Thee Silver Mt. Zion. Sie ist gegenüber den Vorgängeralben etwas reduziert und Menucks massives Gitarrenspiel steht etwas mehr im Vordergrund. Geblieben ist aber die Verwendung von Elementen aus Hardcore, Blues, Garage und Dark Metal-Einflüssen, die zu einem einzigartigen Klangbild verschmolzen werden. Und damit ein Blick auf die Welt wie sie ist: Schäbig, von Gier getrieben, ungerecht und zukunftsvergessen. Was bleibt: Trotz, Empörung und der Versuch, mit den kargen Mitteln, die zur Verfügung stehen, dagegenzuhalten. Das mag zu nichts führen, wie wir alle wissen. Das verdient allen Respekt, während wir mit einem Bier oder Rotwein in der Hand zuhören. Und nicht schreien, das nicht. Menuck ist kein Apokalyptiker, denn was es zu erreichen gilt, ist nicht die Abschaffung der Menschheit. Sondern eine Verbesserung, hin zu einer solidarischeren, meinetwegen schlichter lebenden Gesellschaft, die eine Perspektive für sich und ihre Kinder sieht. Das steckt in dieser Musik, das ist es, was diese Band bewegt und antreibt und das Feuer dieser lohenden Musik anschürt. Da haben dann auch die Momente bewegender Schönheit inmitten aller Wucht und Drastik ihren Platz und lassen Raum für eine Spur Hoffnung. Aber der Ausgang der Geschichte ist bekanntlich offen. Protestsongs kann es angesichts der Umstände nicht genug geben, auch wenn diese sich nicht so leicht mitsingen lassen.

Anspieltipps: Fuck Off Get Free (For The Island Of Montreal), Austerity Blues, What We Loved Was Not Enough

 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.4.2014


The Hidden Cameras, Age                                                                                   EvilEvil, 2014 - 8 Songs, 34 Min.

Joel Gibbs Gay Church Folk ist zurück, älter und etwas abwechslungsreicher geworden, aber munter wie je. Age heisst das kleine neue Album der Hidden Cameras und es geht ums Erwachsenwerden. Das tut Kraft und Munterkeit der Musik erfreulicherweise keinen Abbruch.

„Gay Goth Scene, den ersten Song für dieses Album, habe ich vor zehn Jahren geschrieben“, erklärte Joel Gibb. „Es kamen nach und nach Songs dazu, die ich nur in Zusammenhang damit veröffentlichen wollte. So hat sich über die Jahre ein Konzept ergeben: Ein Teenager erkennt mit der ersten Liebe seine Homosexualität und lernt langsam, damit umzugehen.“ "Age", so Gibb, ist die Platte, auf der es weniger um die Frage geht: "Wer bin ich?", sondern vielmehr um die Frage "Wo komme ich her?". Wie entkommt zB mensch den Konditionierungen, nicht nur denen  der jungen Jahre und den Urteilen, die unhinterfragt immer schon feststehen? Eine Frage, die sich nicht nur queeren Jugendlichen und sicher auch Älteren immer wieder stellt. The Hidden Cameras gehen aber noch einen Schritt weiter, personifiziert am Beispiel Bradley, rsp. Chelsea Mannings. Er/Sie scheute sich um einen hohen Preis bekanntlich nicht, kompromittierende Geheimdokumente der US-Streitkräfte an WikiLeaks weiterzugeben. Es geht nämlich im Leben auch darum, Verantwortung zu übernehmen, zumindest fürs Lebensumfeld. Auch das ist eine Botschaft, die The Hidden Cameras auf Age in immer noch opulente, streichersatte Arrangements verpacken. Die Euphorie der Songs mag ein wenig heruntergefahren worden sein, mitreissend sind sie trotzdem. Und die ihnen mehr oder weniger deutlich eingeschriebene Traurigkeit erdet den Trotz, der dieser Welt immer aufs neue entgegengesetzt werden muss. Protestsongs kann es angesichts der Umstände nicht genug geben, habe ich bei Thee Silver Mt. Zion... gesagt; diese hier lassen sich leichter mitsingen. Und, einziges Manko, alles in allem hätten es gerne  mehr als acht Songs sein dürfen.

Anspieltipps: Skin & Leather, Bread for Brat, Doom, Gay Goth Scene,Afterparty, Carpe Jugular, Ordinary Over You, Year of the Spawn       

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.4.2014