Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Unknown Mortal Orchestra, Sex & Food,Jagjaguwar, 2018 - 12 Songs, 43 Min.

Unknown Mortal Orchestra, das Orchester eines unbekannten Sterblichen ist vor allem ein Projekt des Neuseeländers Ruban Nielson, der mit seinem mitwirkenden Bruder Kody vor Jahren nach Portland gezogen ist. Sex & Food ist das mittlerweile vierte Album der Band und die Begriffe des Albumtitels stehen natürlich für fiebrigen Soul und dreckigen Rock´n´Roll. Gleichzeitig bringt es die Musik fertig, morbide, manchmal gar abgeschlafft und verpeilt zu klingen. Eine interessante Mischung, zu der sicher Ruban Nielsons hohe Stimme beiträgt, die immer wie durch Filter gepresst klingt und so für eigenartige Hörerlebnisse sorgt. Sex & Food ist so etwas wie die Essenz aus den drei vorherigen Alben von Nielsons Orchestra. Und James Brown, Jack White und Led Zeppelin sind so etwas wie die Paten dieser Sounds. Persönliches und ein Blick auf politisch turbulente Zeiten gehen dabei Hand in Hand und auch mal auf die Tanzfläche. Funky Verschrobenes und charmante Psychedelica reichen sich da die Hände, immer dicht dran an der Ohrwurmtauglichkeit, ohne sich davon überwältigen zu lassen. Ruban Nielsons Rastlosigkeit, sein Interesse an Pop- und Rockmusik der letzten 50 Jahre, all das spiegelt sich in den Songs, wobei der Schritt zur Massenkompatibilität sorgsam vermieden wird. Oder irre ich mich da? Es sind ja alles 1a Zutaten, die diese gar nicht unzugängliche Musik ausmachen. Aber es ist eben auch eine diffuse Dringlichkeit drin. Und um eine Lebensstation der Idole Iggy Pop und David Bowie nachzustellen, nahm Nielson Musik im geteilten Korea auf, wo ungeachtet aller Spannungen das Leben der (Süd-) Koreaner eben doch seinen Gang geht. Sex & Food lässt HörerIn leicht orientierungslos zurück – ein Zustand, den der Musiker, selber ständig unterwegs, angenehm findet. Den Blick beherzt nach vorn gerichtet, aber zugleich gefühlvoll neben der Spur und das bewusst auf dem Karren des ausgelutschten Gitarren-Rock´n´Roll: Aus solchen Diskrepanzen entsteht eine irritierende, manchmal angespannte, manchmal ausgebremste und gefühlvolle, aber kaum je auf einen Nenner zu bringende Musik.

Anspieltipps: Ministry of Alienation, Hunnybee, American Guilt, The Internet of Love (That Way), Not In Love We´re Just High

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.7.2018 


Lucrecia Dalt, Anticlines, RVNG Intl., 2018 - 14 tracks, 36 Min.

Welche Lebensform macht solche Musik? Eine artifizielle? Eine menschliche? Die Antwort ist einfach. Eine Frau: Lucrecia Dalt. Eine Geoingenieurin aus Kolumbien, die jetzt in Berlin lebt und schon mehrere Alben veröffentlicht hat. Eins wie dieses allerdings noch nicht. Immerhin schälen sich unversehns Rudimente lateinamerikanischer Rhythmen aus dem stoischen Klanggewand, das von terrestrischen Anomalien handelt, wo das Unterste an die Oberfläche drängt. Dalts Album Anticlines erzählt von der Erde und von Wesenheiten, die darauf leben. Es versammelt seine versponnene Ideen über einem ausgespartern, aber aparten  Klanggerüst. Kühn konstruiert eröffnen Dalts Sounds ein Panorama, halluzinatorische Räume zwischen der bewohnbaren Geosphäre und einem Weitaussen, in dem sich die Existenz von Leeren verflüchtigt. Das gilt auch für ihre Stimme, die zunächst noch stoisch Geschichten vorträgt, sich im Verlauf aber immer mehr zurückzieht.  So gesehen fühlt sich HörerIn zwar noch an Laurie Andersons Big Science erinnert, aber die Essenz dieses Albums scheint sich zunehmend zu verflüchtigen, einen vaporösen Zustand anzunehmen. Der Boden ist nicht länger fest, und eigentlich war er es nie. Ätherisch, driftend, halluzinatorisch: Solche Beschreibungen kommen mir in den Sinn bei den ersten Klängen dieses Albums, das nicht wie von dieser Welt erscheint. Und trotz aller metallischen Präzision, allem quecksilbrigen Mäandern: Lucrecia Dalts existenzielle Musik kriecht und gleitet jederzeit in atemerfüllte Zwischenräume, füllt Körper in jeder Form und bleibt somit immer noch die lebendigste, menschlichste Form von Kunst.    

Anspieltipps: Edge, Tar, Atmospheres Touch, Errors of Skin, Axis Excess, Glass Brain

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.7.2018


Goat Girl (same), Rough Trade, 2018 - 19 Songs, 40 Min.

Gute Laune, in einer Welt wie dieser? Die Musik der vier jungen Frauen aus Südlondon taugt in ihrer Schnoddrigkeit freilich dazu. Und mit einer Portion grimmigem Humor kann mensch sich auch Widrigkeiten stellen, wie dem Brexit oder der Gentryfizierung, die die Gegend um die Windmill grad eben noch nicht erreicht hat, wo alles losging. Eher spontan, ohne grossen Anspruch, mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne und der Liebe zu Steve Reich und Philip Glass – die hier freilich allenfalls sehr diskrete Spuren – in kurzen Instrumentals - hinterlassen hat. Hier regieren die Gitarren. Und einen Hoffnungsstreif am Horizont wollen sich die Goat Girls auch nicht nehmen lassen.

Die Menschheit: Leider ists mit ihr nicht weit her. Anlass zum Schämen, die männlichen Exemplare ragen da noch ein Stück weit vor. Also ab dafür. Und rein in die Musik der Goat Girls, die recht genau weiss, wo sie herkommt und in nächster Zeit hinwill (vielleicht: Die Aufmerksamkeitsspanne, ihr erinnert euch). Die Existenz als solche ist ja oft von Doppelbödigkeiten durchzogen. Ein und derselbe Tag brachten das Ergebnis der Brexit-Abstimmung und die Unterschrift unter den Plattenvertrag. Bedeutete dann für die Goat Girls den Ausstieg aus dem reinen DIY-Ding und die Ankunft in gewissen Verbindlichkeiten. Sei´s drum. Das unbetitelte Ergebnis kann sich jedenfalls hören lassen. Vier junge Musikerinnen lassens hier ordentlich krachen. Viel Indie, allerlei Postpunk, eine Prise Southern Goth, überhaupt Rock´n´Roll werden hier rotzig verquirlt. Das hat schon Stil. Dreh- und Angelpunkt des Albums ist eine ziemlich abgerockte Grossstadt, lasst es meinetwegen London sein. Eine Stadt potemkinscher Fassaden, hinter denen kaum mehr Menschen wohnen und leben und wenn doch, dann sinds oft Mängelexemplare, wenn auch gut angezogene. Goat Girl machen in ihren auf den Punkt gebrachten Songs natürlich niemals Musik zum Fünf-Uhr Tee und werden so wohl auch nicht bei der Queen eingeladen, auch wenn sie im Video schon mal eine vom Kopf auf die Füsse gestellte Beatlemania nachstellen lassen. Und Feminismus muss diesen Songs nicht übergestülpt werden, er steckt als selbstverständliche Essenz einfach drin. Und das ist selbstverständlich gut so.

Anspieltipps: Salty Sounds, Burn The Stake, Creep, Viper Fish, Slowly Reclines, The Man, Country Sleaze

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.7.2018 


Essaie Pas, New Path, DFA, 2018 - 6 tracks, 38 Min.

Philip K. Dicks Texte sind ja ein unerschöpflicher Quell popkultureller Anregung und ein Ende ist wohl nicht abzusehen. Zu den jüngsten Inspirationen zählt das neue Album des Künstlerpaars Marie Davidson und Pierre Guerineau, die als Essaie Pas kühle elektronische Klanglandschaften entwerfen. Davidson war auch mit Soloveröffentlichungen recht erfolgreich war (Adieux au Dancefloor, 2016) und wirkte bei eigenwilligen Bands wie Land of Kush und Les Momies de Palerme (2012 in ZORES) mit. A Scanner Darkly heisst die Vorlage, es geht um Drogen und um die kühne Geschäftsidee, Produktion und Entzugsprogramm in einer Hand zu vereinen. Das aber muss eins gar nicht wissen, um die Musik nachzuvollziehen, die Coldwave mit Techno unterfüttert und Momenten des Verstrahlten kombiniert. Und alles, was da an Paranoia, Druck und Missbehagen an der Welt, wie sie ist, aufgefahren wird, kann doch, in Musik umgesetzt, erstaunlich viel Spass bereiten. Der Neue Weg, er führt alsoin die Finsternis. Oder doch nicht? So wie sich Philip K. Dick seine Obsessionen wohl auch ein Stück weit vom Leib schrieb, so verarbeiten Davidson und Guerineau eigene Erfahrungen in dieser Musik. Mit einer Sprachmischung aus Französisch und Englisch, mit kühlem, metallischem Klang und federnden Rhythmen wird dem Ungeheuer zu Leibe gerückt. Es ist dabei ein kaum zu unterschätzendes, weil passendes Detail, dass die Aufnahmen zu New Path in einem leerstehenden Bürogebäude entstanden sind und sich diese tote Struktur wie ein Echo in den Klang des kurzweiligen Albums eingeschrieben hat. New Path ist nicht weniger als ein präzise gezirkelter Trip ins Dunkle, gespeist von literarischen und Jugenderinnerungen, kühn, kühl, verstörend und erfrischend zugleich.  

Anspieltipps: ´s muss schon der ganze (Hör-) Film sein!

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.7.2018 


East Man, Red, White & Zero, Planet Mu Rec., 2018 - 12 tracks, 38 Min.

Die KollegInnen vom Ghettoblaster feierten ja jetzt 30jähriges Jubiläum und dafür gibts jede Menge Respekt. Aber nicht nur deshalb gibt’s hier bei ZORES das neue East Man-Album, sondern weil wir uns ja gelegentlich auch voller Interesse dem Thema Hip Hop zuwenden. Hinter East Man steckt Anthoney J. Hart, ein Musiker, der mit seinen Projekten Imaginary Forces den Bereich Industrial und musique concrete und mit Basic Rhythm Bass Music auslotet. Hier (als East Man) feiert er mit zahlreichen features den Geist von Piratenradio-Sessions, in ein metallisch karges Grime-Gewand gehüllt. Unterfüttert ist alles mit kritischen Überlegungen über Politik und Jugendkultur, einem mehr als hundertjährigen Missverständnis. Und es ist nach wie vor nicht leicht, auf Sparmassnahmen aller Art kreative Antworten zu finden. Und dabei gehört zu werden. Das Album Red, White & Zero schart eine Wahlfamilie um sich und will das ändern. Auf der Basis von Grime also, hier vielleicht noch mal ramponiert und runtergestrippt zu Hi Tek in den Worten Anthoney J. Harts und damit perfekte Basis für spoken words einer Londoner Familie aus Gleichgestimmten wie Saint P, Darkos Strife, Lyrical Strally, Irah oder Eklipse. Worte als Selbstermächtigung in einer Grossstadt, die zu einem neuen Babylon mutiert ist – hab ich ja alles schon zu Goat Girl und darüber hinaus geschrieben. Die Prämissen sind ähnlich, der Ausdruck findet eine andere Form. Wo die Selbstermächtigung – welch leider abschreckend klingendes Wort – eben nicht zur Gitarre greifen lässt, sondern zu Text wird, Reim, Rhythmus. Und auf Red, White & Zero formt sich aus Individuen ein Wir. Die Situation ist nicht zu beschönigen. Gewalt ist da, richtet sich aber oft genug gegen seines- oder ihresgleichen. Festzustellen bleibt allerdings, dass dieses Projekt ein rein männliches ist, eines das male people of colour unterschiedlicher Herkunft versammelt. Das Prekäre der Situation findet sich gespiegelt in der ausgesparten Musik, die ein weisser Mann verfertigt hat. Der Underground bildet den Humus, er bereitet den Boden für mehr und Grösseres. Musikalisch ist das auch bei Grime der Fall, zunächst eine räudige Spielart von Dubstep, später ein angesagter und auch kommerziell nicht uninteressanter style. Für East Man bleibt es nicht dabei. Zwischen den glitzernden Versuchungen der Popkultur und der unübersehbaren Repression zugunsten einer marktkonformen Bürgerlichkeit gilt es Kurs zu halten. Und dabei die Kunst der Widerständigkeit anstrengungslos erscheinen zu lassen. "Life can be quite difficult but I still keep it movin'." hören wir bei Darkos Strife. Und so gilt auch hier die alte Künstlerdevise: Kann ein Mensch auch nicht von der Musik leben, so ist die Musik doch für ihn ein Lebenselixier. Ziemlich unterschiedliche, oft adrenalingeladene Sichtweisen auf eine wenig erfreuliche Welt, und manchmal brechen Witz und Humor durch (war bei muttersprachlichen reviews zu lesen). Gefallen will das nicht unbedingt. Es will gehört werden.

Anspieltipps: East Man + Darkos Strife, Cruisin´ - East Man + Killa P, Mission - East Man + Irah, War - East Man + Kwamm, Tear Down - East Man, And What? (Blood Klaat Vers.)

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 3.7.2018  


Courtney Barnett, Tell Me How You Really Feel – Milk!/Rough Trade, 2018

Das “schwierige” zweite Album: Kein Problem für Courtney Barnett. Die neuen Lieder sind allerdings nicht mehr jene verschlafenen Nonchalance-Juwelen von zuvor, sondern intensiv ausformulierte Fahrten auf der Rock-Achterbahn, persönlicher, psychedelischer und zuweilen beklemmend.

Ceramic Dog, YRU Still Here? – Yellowbird/Enja, 2018

Mark Ribot, Shahzad Ismaily und Ches Smith ist in der Welt der Musik kaum etwas fremd, und diese Prämisse spielen sie auf diesem rasanten, angriffslustigen und immer auch beherzt verspielten Album weidlich aus. Muslimisch-jüdischer Widerstand gegen die Trampel dieser Welt tut not und damit ist die Frage des Albumtitels ja schon beantwortet und ausserdem ists ein unbändiger musikalischer Spass, der notwendigem Rowdytum niemals aus dem Weg geht.