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Tine
Plesch ist tot. Dieser Satz klingt unglaublich, ganz gleich, ob
ich ihn schreibe oder laut vor mich hinspreche. Er klingt so
unglaublich, weil Tine wie kein anderer mir bekannter Mensch ganz
im Leben stand, voller Tatendrang war, der auch auf andere
ansteckend wirkte. Ich habe sie das letzte Mal „live“ während
der Buchmesse in Frankfurt gesehen. Tine hatte mich für ein paar
Tage besucht und uns, dem „Ventil Verlag“, beim Messestand
ausgeholfen. Wir redeten an diesen Abenden bis in die
Morgenstunden, vergaßen die Zeit und das frühe Aufstehen am nächsten
Tag. Gespräche mit Tine waren anregend, lebhaft, auf ungemein
bereichernde Weise impulsiv. Keine Minute davon hätte ich missen
wollen.
Diese
nur ein paar Wochen zurückliegenden Abende habe ich gerade während
dem Schreiben vor Augen. Sie machen das Unglaubliche noch
unglaublicher. Sie sind so fern von allem, was man mit Tod in
Verbindung bringt. In ihrer Helligkeit, in dem ungebrochenen
Einsatz für ein Besseres als das, was diese Gesellschaft ist, in
ihrem moralischen Rigorismus und in ihrem gleichzeitigem
Interesse, alles nur Erdenkliche aufzunehmen, sich für andere
Menschen zu interessieren und die Welt geradezu in sich
aufzusaugen, war Tine in diesen Stunden einmal wieder das genaue
Gegenteil dieser Sattheit und Resignation, die so viele in unserem
Alter ergriffen und gelähmt hat. Tine war ein vitaler Mensch,
hatte an jedem Thema Interesse und war zugleich von einer
Bescheidenheit, wie man sie selten findet. Ihre Menschlichkeit war
bestechend, jede Form von Falschheit war ihr fremd.
Seit
der im Jahr 2000 erschienenen „Gender“-Ausgabe war Tine Plesch
Mitherausgerberin der „testcard“-Buchreihe. Wir hatten uns
nach einer meiner Lesungen in Nürnberg kennen gelernt und bereits
an jenem Abend heiß diskutiert. Tine stellte die berechtigte
Frage, warum der Musikjournalismus fast ausschließlich in Männerhand
ist und daher auch Musikerinnen in der Berichterstattung fast
immer zu kurz kommen. Ein Vorwurf, den sich damals auch „testcard“
gefallen lassen musste. Was lag da näher, als Tine zu bitten,
Teil der Redaktion zu werden und uns zu helfen, diese Schieflage
zu korrigieren? Seither hat Tine nicht einfach nur geholfen,
sondern mit ihrer Arbeit, also ihren eigenen Beiträgen und den
Autorinnen, die sie zum Schreiben motivierte, einen Beitrag zur
„Genderisierung“ des Popjournalismus geleistet, der im
deutschsprachigen Raum einzigartig ist.
Ein
Teil ihrer menschlichen Größte bestand darin, stets genau zu
differenzieren, feministischen Floskeln und
Ausgrenzungsmechanismen zu misstrauen und damit „Gender“ als
Infragestellung männlicher wie weiblicher Geschlechterrollen zu
betrachten. „Mann“ und „Frau“ waren für sie nie
essenzialistische Kategorien. Sie waren abhängig von
gesellschaftlichen Gegebenheiten und jener Bequemlichkeit von
Rollen, in die sich Tine selbst nie gefügt hat. Einer ihrer
letzten veröffentlichten Texte, die „junge Welt“-Kritik zu
Annie Sprinkles Buch „Hardcore von Herzen“ zeugt davon: Tine
hat stets eine Lanze für jene gebrochen, egal of Frauen oder Männer,
die sich nicht in bequeme Rollen gefügt haben, sondern aus Liebe
zum Leben etwas Besseres, ja Intensiveres als das bequeme Festgefügstein
suchten. Menschen, die auf der Suche waren, für die Leben kein
abgeschlossener Prozess war, sondern ein Abenteuer mit offenem
Ausgang. Das Gegenteil von Tod.
Hinzu
kamen ihre Arbeit für „Radio Z“, ihre Beiträge als
Journalistin, ihre Lesungen und Vorträge, unter anderem im Rahmen
der „Ladyfeste“. Und all dies hatte Tine nebenher erledigt,
neben ihrer Arbeit in der Apotheke – aber nicht nebenher im
Sinne von beiläufig, sondern immer mit der für sie typischen
Leidenschaft, auf andere Menschen zuzugehen, mit ihnen zu
debattieren und ihnen Dinge nahe zu bringen, für die sich Tine
selbst begeisterte. Diesbezüglich war Tine eine Kämpfernatur,
wie man sie in unserer Zeit kaum mehr findet.
Viele
Leute, die über Pop schreiben oder Kulturjournalismus im
weitesten Sinne betreiben sind abgebrüht, unreflektiert
hedonistisch, desillusioniert oder an Karriere interessiert.
Nichts von dem traf auf Tine zu. Sie hätte sicher eine der
gefragtesten deutschen Musikjournalistinnen werden können, doch
sie behielt ganz bewusst den Job in der Apotheke, denn das
ersparte ihr den Sprung ins Haifischbecken, über das sie
distanziert lachen konnte. Lieber führte sie in ihren Texten und
während ihrer Vorträge das Gegenteil von Einzelkämpfertum vor:
Sie zeigte auf herzliche und einnehmende Weise, dass es noch möglich
ist, aus Freude an der Sache zu arbeiten – eine Sache, die Tine
immer auch politisch begriffen hat: Der feministische Kampf,
darunter auch der Kampf für mehr Anerkennung von Musikerinnen,
ist noch lange nicht zu Ende! Und sie führte ihn auf eine ebenso
herzliche wie überzeugend entwaffnende Weise, die so manchem „Indie-Kavalier“
die Augen geöffnet hat – die ihn also seine eigene enge Männerwelt
ein wenig in Frage hat stellen lassen. Bloße Rhetorik war nie
Tines Sache. Ihr ging es um Veränderung, um das konkret Machbare.
Etwa darum, Netzwerke unter Musikerinnen und Journalistinnen
aufzubauen. Tine Plesch war damit Wegbereiterin dessen, was in den
„Ladyfesten“ eine Form finden sollte. Und sie wusste, dass Veränderungen
nicht einfach auf dem Papier möglich sind, sondern dass sie
bessere Menschen voraussetzen. Tine war ein solch besserer Mensch.
Die
Lücke, die ihr plötzlicher Tod reißt, lässt sich mit nichts füllen.
Von der menschlichen Lücke möchte ich erst gar nicht reden, denn
diese Trauer lässt sich nicht in Worte fassen. Die Lücke, die
ihre Arbeit reißt – wenn sich das bei ihr überhaupt hat
trennen lassen – lässt sich dagegen sehr wohl benennen: Sie ist
enorm und widerspricht damit so ganz der zynischen oder
desillusionierten Auffassung, dass ein Mensch in der
„verwalteten Welt“ ersetzbar sei. Tine ist nicht ersetzbar.
Natürlich werden andere nachrücken und Radiosendungen machen,
andere Autorinnen werden für „testcard“ schreiben, doch
vielleicht schon in ein oder zwei Jahren wird deutlich werden,
dass Tine nicht nur als Mensch fehlt, sondern dass mit ihr auch
ein einzigartiges Engagement für Künstlerinnen und deren
Arbeiten weggebrochen ist. Tine Plesch, die ihre eigene Person und
ihre enorme Leistung nie in den Mittelpunkt gestellt hat (nur die
wenigsten wussten beispielsweise, dass sie einen Doktortitel besaß
– mit so etwas zu prahlen war ihr viel zu albern), hat stets für
andere gearbeitet, sich für Künstlerinnen stark gemacht. Und
doch will das Klischee der Selbstlosigkeit nicht auf Tine
zutreffen, denn alles, was sie tat, tat sie nie als Aufopferung,
sondern immer aus Lust an der Sache. Was mit ihrem Tod
weggebrochen ist, ist gar nicht zu ermessen. So hatte Tine
beispielsweise geplant, ein Buch zum Thema „Popfeminismus“
herauszugeben, das in seiner umfassenden Aufarbeitung des Themas
sicher ein Standardwerk geworden wäre. Alleine die ganzen
Lesungen und Vorträge, die Tine diese und die kommenden Wochen hätte
halten sollen, deuten darauf hin, welche Bedeutung ihre Arbeit
hatte und wie sehr sie überall gemocht wurde: Obwohl sie all das
nur nebenberuflich machte, häuften sich die Anfragen und machen
deutlich, dass Tines Arbeit eben nichts Selbstverständliches war,
sondern einzigartig.
Tine
hat selbst gerne Nachworte geschrieben oder angeregt, um auf den
Verlust von Künstlerinnen aufmerksam zu machen, die in dieser von
Männern bestimmten Kulturlandschaft zu Lebzeiten nie die ihr gebührende
Würdigung erfahren haben – zuletzt war ein Nachwort auf die
verstorbene Musikerin Lizzie Mercier Descloux für die kommende
„testcard“ geplant. Niemand von uns hätte jedoch je gedacht,
einen Nachruf auf Tine schreiben zu müssen. Ihn zu schreiben
schmerzt mich, weil ich bemerke, wie sich menschlicher Verlust
nicht in Worten ausdrücken lässt und wie sehr ein solcher
Nachruf deshalb zu einer Art „Werdegang“ verkommt, als der er
doch nicht gemeint sein soll. Und doch halte ich es für
angebracht, Tine ähnlich zu würdigen wie sie selbst eine der von
ihr geschätzten Musikerinnen gewürdigt hätte: Als große Künstlerin,
im Fall von Tine eine Künstlerin des Wortes, deren Leben und
Arbeit andere Menschen bereichert hat. Tine, du warst großartig!
Martin
Büsser
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