Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Rubatong, Cataract                                                                                                       

Red Note, 2020 – 9 Songs, 35 min.

Bands, bei denen Ex-Mitglieder von The Ex mitspielen, interessieren mich. Denn da findet sich oft das angenehm Sturköpfige der ehemaligen Hausbesetzer-Band in anderen Zusammenhängen und erfreut aufs Neue. Ein Beispiel dafür sind Rubatong, eine vierköpfige Band aus Han Buhrs (Gesang und mehr), Luc Ex (Bass), Thijs Elzinga (Gitarre) und Tatiana Koleva (die ausser dem üblichen Schlagzeug noch ein Vibraphon als besonderes Klangelement einbringt).

Rubatong aus den Niederlanden: Gegründet 2006, als musikalisches Kollektiv der Impro-Szene zugehörig, aber von der Rock-Seite aus. Immer wieder Konzerte, aber nicht unbedingt eine richtig stetige Karriere: 2011 nämlich erfolgte erstes Lebenszeichen auf Tonträger. 2017 lässt sich  ein eindrucksvoller Auftritt auf dem Moers Festival festhalten und jetzt, in an der Gitarre geänderter Besetzung gibt’s frisch das ebenso muntere wie rappelige Album Cataract.  Das eineN schneller mitreisst als mensch denkt. Roh und ungebärdig, ab und zu selbstversunken und melancholisch: Die Musik von Rubatong schreit eigentlich nach einem live-Auftritt. Ansonsten fällt es schwer, die Füsse stillzuhalten. Dabei fängt alles mit einem erdschweren Blues an, und Blues überhaupt gehört zu den festen Bestandteilen dieser Musik. Kratzbürstig und intensiv, ungeschönt, aber auch herzlich entfaltet die Musik dieses niederländischen Quartetts eine Atmosphäre, die allerlei Spannungen erzeugt, aber auch aushalten kann.  Besondere Akzente neben dem grossartig grantigen Knurren Han Buhrs setzt immer wieder Tatiana Kolevas klingelndes Vibraphon, das sich eben nicht immer passgenau in das treibende Rhythmusgeflecht einfügt. Ansonsten ist alles in seiner Bärbeissigkeit energisch auf dem Punkt. Ein Klangbad in dieser Musik von Rubatong hat etwas von einem erfrischenden Peeling.

Anspieltipps: No Next Day, Alarmrabarber, It Ain´t Over Yet, Hot Pop, Lege Beetjes    

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.10.2020 


Pascal Comelade + Marc Hurtado, Larme Secrete                                                 

Klanggalerie, 2020 – 8 Songs, 41 Min.

Manchmal braucht es etwas länger. Sowohl Pascal Comelade wie Marc Hurtado sind französische Musiker (abseits des Mainstreams) und machen seit Jahrzehnten ihre eigensinnige Musik. Beim Album namens Larme Secrete machen sie zum ersten Mal gemeinsame Sache (und welch FreundIn ungewöhnlicher Klänge würde da nicht ein geheimes Freudentränchen verdrücken?)

Pascal Comelade begann mit Elektronik, bevor er die wunderbare Welt der Spielzeuginstrumente für seine Pop-Miniaturen entdeckte. Marc Hurtado war die Hälfte der Elektroavantgardisten Étant Donnés, bevor er eigene Wege ging. Beide waren musikalischen Kollaborationen gegenüber immer offen, aber erst jetzt kam es zu einem gemeinsamen Album. Naja, ein gewisser musikalischer Abgrund zwischen den eher heiteren und verspielten Welten Comelades und der eher düster-aggressiven Herangehensweise Hurtados musste ja auch überbrückt werden. Und das ist recht gut gelungen. Der repetitive Klang des gemeinsamen Albums von  Pascal Comelade u. Marc Hurtado wird von Klavier, Orgel und Elektronik getragen, Hurtado steuert ab und zu einige Sounds bei und dabei finden sich dann  auch Gitarre und Schlagzeug. Ansonsten bewegt sich  Larme Secrete  in einer eigenen, ziemlich versponnen Klangwelt, die von Minimalismus und der zwischen Raunen und Ausbruch changierenden Stimme Hurtados geprägt wird. Es ist natürlich in keinster Weise up to date, aber das wäre ja auch das Letzte, was hier zu gewärtigen wäre. Wozu auch? Hier sind andere Qualitäten gefragt. Atmosphäre und Intensität zum Beispiel. Düsterer und abgründiger als sonst ist die hypnotische Musik, die Pascal Comelade zum Gemeinschaftswerk mit Marc Hurtado beisteuert. Sie unterstreicht die Welt aus Tragik und Vergeblichkeit, die sich wie in einer Spirale einfaltet und wenig Hoffnung bietet. Auf französisch, wie hier von Hurtado exerziert und mit reichlich Schall und Hall im Hintergrund hört sich das angemessen existentiell an und erlaubt HörerIn ein Bad in wohliger Düsternis. Ein ebenso charmantes wie aus der Zeit gefallenes Album, das trotzdem in seiner Entschlossenheit überzeugt.

Anspieltipps: Infini, Ete, Cri, Larme

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.10.2020 


Toned, The Private Sector                                                                                              

Shhpuma, 2020 – 9 tracks, 42 Min.

Toned ist ein elektroakustisches Trio von der US-Westküste. Ihr zweite Album nennt sich The Private Sector und wurde auf dem offenherzigen portugiesischen Label Shhpuma herausgebracht. Der private Sektor, so eine weittragende Ideologie, sollte möglichst unreguliert agieren. Bei genauerer Betrachtung zeichnen sich jedoch inhärente, ontologische Muster ab, die auf die Handlungsweisen Einfluss nehmen. Ab da wird’s umstritten. In ökonomischer Sicht rechnet sich, soviel sei hier angemerkt, trotz maximalem Einsatz die Arbeit von Toned vermutlich nicht.

Toned sind gemacht aus Elektronik (Nathan Corder), Saxophon (Tom Weeks) und Schlagzeug (Leo Suarez) zu Zwecken von wie so oft offenbar maximaler Ungefälligkeit. Manisches Getrommel, kreischende Saxofonklänge und irrlichternde Soundeffekte bieten momentweise Anschlussmöglichkeiten an Punk/HC, freejazz und vergleichbare Geräuschwelten, ohne sich festzulegen und den brodelnden Zustand zu verfestigen. Toned misstrauen, darin sind sie allerdings nicht die Ersten, den gebräuchlichen Klangprinzipien der Gegenwart und halluzinieren sich ihr Material in rückgekoppelten, fraktalen Prozessen zurecht, setzen Ausblühung neben Protuberanz. Und mengen gelegentlich ein minderes schwarzes Loch darunter.  Wo genau Improvisation in manisch delirierendes Komponieren übergeht ist letztlich nicht auszumachen, und der Prozess findet ebenso umgekehrt statt. Eine solide musikalische Ausbildung (zumindest Nathan Corder und Tom Weeks geben sowas an) zahlt sich eben aus, wenn Begrenzungen ausgelotet und fallweise gesprengt werden sollen. Das gilt nicht weniger für den solide getrommelten HC Background von Leo Suarez.  Klangliche Sensibilität, akustisches Muskelspiel und undurchdringliche Abstraktion bilden das ungleichgewichtige Amalgam der Musik von Toned, dem Trio aus Nathan Corder, Tom Weeks und Leo Suarez. Keine durchgehend improvisierte Musik, auch wenn es so wirkt, versehen dafür mit Reminiszenzen aus einer Zeit, in der Punk und Hardcore noch geholfen haben. Hier hilft nichts mehr, keine Konstruktion trägt, es ist alles ausgelagert. Der private Sektor wird’s schon richten. Spüre ich dahinter so etwas wie einen grimmigen Humor?

Anspieltipps: Hostile Environment, Spirit and Teeth, Internal Affairs, Executive Buffet

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.10.2020


Zombi, 2020                                                                                                                

Relapse, 2020 – 9 tracks, 38 Min.

2020: Return of the Dead, nein, aber von Zombi immerhin. Es ist ein Jahr, das es in sich hat und es wird spannend sein, inwieweit sich das etwa in der Popkultur niederschlägt. Gerne epische Soundtracks liefert seit 2001 das US-amerikanische Synthie- und Percussion-Duo Zombi. Benannt vermutlich nach einem Soundtrack der Italo-Progrocker Goblin, auf deren Spuren sie zu wandeln pflegen. Hier, in und auf 2020, so der Albumtitel, aber nicht mehr im Breitwandformat, dafür sogar mal wieder mit Gitarre.

Steve Moore (Bass, Gitarre und Synthesizer) und Anthony Paterra (Schlagzeug) hatten sich zuletzt mit Soloprojekten verausgabt, für 2020 (Albumtitel und Jahr) fanden sie wieder zusammen. Ein gewaltiger, auch mal düsterer Soundtrack für den Film, in dem wir gerade alle leben müssen, könnte das sein. Da ist es nur logisch, dass es auch mal ein paar Durchhänger gibt. Vielleicht ist dieses Zombi-Album ja wirklich den seltsamen Umständen geschuldet, in dem auch künstlerische Arbeit stattfinden muss. So gesehen Musik auf der Höhe der Zeit, mit all ihren Schönheitsfehlern. Zwischen Prog und Metal ist die Musik von Zombi angesiedelt, wobei da schon mal Doom-Gefilde gestreift werden. Ansonsten klingts wuchtig und hypnotisch, triggern gewaltige Riffs und ab und zu blitzen auch mal eher kahle Stellen durch die monumentale musikalische Architektur. Der Mensch in Form seiner Stimme ist dabei verzichtbar und so gesehen rotiert die Soundgewalt von Zombi auch immer etwas im eigenen Saft. Aber das Selbstzweckhafte hat Methode, schliesslich soll damit ja hier wie andernorts HörerIn in den akustischen Film gesogen werden, den die beiden Musiker mit viel Aufwand und einiger Routine für uns ablaufen lassen.  Fazit: nicht ganz geglückt und somit gerade auf der Höhe der Zeit…

Anspieltipps: Earthscraper, XYZT, Mountain Ranges, Thoughtforms

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.10.2020 


Ulver, Flowers Of Evil                                                                                                    

House of Mythology, 2020 – 8 Songs, 37 Min.

Erst seit gut zehn Jahren sind Ulver immer wieder Bestandteil dieser Sendung gewesen. Das heisst, wir haben hier natürlich ganz wesentliche Teile ihrer Entwicklung unterschlagen. Eins aber war da schon offensichtlich, der Heisshunger der Band respektive ihrer Hauptprotagonisten auf musikalische Häutungen… Und dabei haben wir mal was übersprungen. ZB das songorientierte Album The Assassination Of Julius Caesar von 2017, dem sodann der ganz songbefreite Konzertmitschnitt namens Drone Activity folgte, der wiederum in der Sendung vorgestellt wurde. Nun gibt’s ganz aktuell wieder Songs, und was soll ich sagen (wie andere auch), bei den Blumen des Bösen ist für Ulver 1983 das neue 2020.

Neue Lieder von Unschuld und Erfahrung, Drama, Tod und Tanz, äusserst geschmeidig gearbeitet und mit einer Vielzahl feiner musikalischer Details: Ulver präsentieren mit Flowers of Evil ein Album mit unverschämten (Synthie-) Pop-Appeal. Dabei sind die Themen gar nicht heiter. Es geht um den Umgang des Menschen mit sich und Seinesgleichen, mit der Natur. Um Verrat, um selbstverschuldete Desaster und vielleicht auch ein wenig um Liebe. Das alles bemerkenswert leichthändig in Szene gesetzt und unter wuchtigem Synthie-Einsatz, der die Eleganz und Eloquenz der Songs noch einmal unterstreicht.  Ein regelrecht schimmernder Klang, ein dunkler Glanz trägt das Album voran. Was aber leicht zu einer Ode an Kühle und Distanziertheit hätte werden können,  überrascht zugleich durch offenkundige Wärme und Empathie.  Kristoffer Ryggs jederzeit intensive Stimme benennt zwar die Übel der Welt, aber kann sie nicht abschliessend verurteilen. Mitgefühl und Pathos, zwei nicht ungefährliche Emotionen, werden auf Ulvers aktuellen Album Flowers Of Evil zu Kernelementen bewegender Songs. Die Depeche Mode-nahe Welt des letzten Studioalbums wird aufgegriffen und verfeinert.  Der Kern der Band aus Jørn H. Sværen, Kristoffer Rygg, Ole Alexander Halstensgård und Tore Ylwizaker wird dazu von einer auserlesenen Zahl von Gästen unterstützt. Es gibt viele Details zu entdecken, aber die Musik wirkt nie überladen. Bewegende Momente und präzise Tanzflächentauglichkeit: Ulver schaffen den Spagat ohne sich zu verrenken.

Anspieltipps: Russian Doll, Hour of the Wolf, Little Boy, Nostalgia

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.10.2020 


s o w i e

Ursula Strauss & Ernst Molden, Wüdnis – Bader Molden Recordings, 2020

Die Wüdnis ist eine ebenso realer wie geträumter Ort, zu dem sich Liedermacher Molden und Schauspielerin Strauss, ein eingespieltes Paar, gemeinsam aufmachen. Lakonisch und verspielt, schlicht und traumverloren, melancholisch und dabei lustig: Weil das Leben eben so spielt.

The Heliocentrics, Telemetric Sounds – Madlib Invazion, 2020

Das Londoner Kollektiv bringt seit Jahren mit Verve Psychedelic und Jazz zusammen und einiges mehr. Das kann manchmal ein grosses, abgedrehtes Vergnügen werden, bei diesem Album lassen sie aber die dunklen Seiten ihres energetischen Spiels bevorzugt zu Tage treten.