Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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All diese Gewalt, Andere                                                                                             

Glitterhouse, 2020 – 11 Songs, 39 Min.

All diese Gewalt - sie war oft wie nach innen gerichtet, wie im Taumel um sich selbst. Hier, beim 3. Album von Max Riegers Soloprojekt, zeigt sich schon auf dem Cover rotverhüllter radical chic und könnte zu dem Gedanken verleiten, ab hier alles anders. Wird aber nicht, jedenfalls nicht auf ganzer Strecke. Denn von Gewalt, von starken Emotionen hält sich diese Musik trotz mancher Ausbrüche und grosser Gesten eher fern. (Dafür gibts ja noch ein black metal Projekt...) Die Welt, deren Umtriebe und Zumutungen, verschwindet eben gerne hinter Schleiern. Was bildlich im booklet umgesetzt wird, schwungvoll bewegt. Und dieser Bewegungspuls durchzieht dann doch das ganze Album. Andere als dessen Titel kliingt schon lapidar und auch sonst firmieren überwiegend trockene Einzeiler als Überschriften. Es hat etwas Essenzhaftes, was über eine längere Strecke Zeit entstanden und als locker gefügtes Bündel hier auf einem Tonträger gelandet ist. Da wurde schon, und zwar bewusst auf Deutsch, runtergefeilt und weggehackt, was auswüchsig hätte werden können. Den Teil übernimmt dann passagenweise die Musik. Vom gerne genutzten Übermalungsprinzip hat sich Max Rieger aber weitgehend verabschiedet, dafür zeigen sich auch mal fast ungehemmt Bombast und Monumentalität, ohne freilich die Songs zu erdrücken. Heute hier, morgen fort: Ganz hats dafür nicht gereicht und das war wohl nicht der Plan. Das neue Album von All diese Gewalt funktioniert anders, bescheidener und zugleich selbstbewusst. Die Fassade wird zum Versteck - das eine ungeahnte Tiefe aufweisen kann. Ein Vieleck an Gefühlen kommt zum Tragen und macht mit sich aus, was andernorts in der Authentizitätsfalle zappelt. Ansonsten schlingert dieser neue Streich von All diese Gewalt zwischen Melancholie und Überschwang - und was vor Corona womöglich nur angemessen gewesen war, haut nun voll aufs Auge - tut gar nicht weh, lässt nach Luft schnappen - bitte Abstand - durchatmen. Durchatmen, das Gedankenkarussel abbremsen. Und sich in der Überforderung einrichten, jetzt erst recht.

Max Rieger ist mit diesem Album seines Soloprojekts All diese Gewalt einen Schritt weiter gegangen. Opulent, auch in der Stimmführung, voller Anklänge an catchiness und trotzdem immer ein Stück weit neben der Spur. Andere als Albumtitel bringt es auf den Punkt, denn allenfalls Max Riegers prägnante Stimme hält hier zusammen, was eben nicht auf einen Nenner zu bringen ist. Grosse Geste: Jederzeit, aber sie bedeutet trotzdem nicht die Welt. 

Anspieltipps: Halte mich, Dein, Grenzen, Gift, Andere

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.7.2021   


Patty Waters, An Evening In Houston 
Clean Feed, 2020, 12 Songs, 50 Min.

Am Anfang stand Albert Ayler. Nein, natürlich stand eine Stimme am Anfang, eine ungewöhnliche, irritierende Stimme. Eine Stimme, die imstande war, den Jazz aufzumischen, aber auch anderes. Und die sich dann zurückzog, um über Jahre hinweg an der Supermarktkasse zu sitzen, Geld zu verdienen, einen Sohn grosszuziehen. Alles lange her. 1946 wurde Patty Waters geboren und wuchs auf einer Farm in Iowa auf. An der Highschool begann sie zu singen, später tourte sie mit einer Jazzband. Und in den 1960er Jahren ging sie nach New York. Da war sie schon dem neuesten Jazz verfallen. Keine Einbahnstrasse. Sie selber machte Eindruck, mit ihrer Stimme, ihrer Art, der Musik damit eine besondere Gestalt zu verleihen. Albert Ayler hörte sie und über ihn konnte Patty Waters zwei Alben auf dem legendären ESP Label veröffentlichen. Ein Anfang war gemacht, aber wenige Jahre später kam die Familie dazwischen, siehe oben. Sie verschwand aus der vorderen Reihe der Musik.

Patty Waters: Nun also ein ruhigeres Leben in Kalifornien, ziemlich weit weg von der Bühne oder den Plattenstudios. Eine erzieherische Auszeit. Eher selten, dass sich ein männlicher Künstler zumindest damals so etwas geleistet - gegönnt? hätte. Ein Mutmassung, ganz unhinterlegt. Aber der Apfel war noch nicht gegessen, die Lieder noch nicht ausgesungen. Ein paar Auftritte gabs immerhin... 1996, nach einer Pause von 30 Jahren, erschien ein neues Album mit der Pianistin Jessica Williams. Es enthielt vor allem Standards, und war von der grossen Billie Holiday inspiriert. Und ein bisschen kam auch Waters Karriere wieder in Fahrt, mit Konzerten und Festivalauftritten (Monterey u.a.). Und ab und zu erschien ein Tonträger als zusätzliches Lebenszeichen einer weiterhin ungewöhnlichen Künstlerin, die in den aufregenden 60er Jahren den Gesang aufgemischt hatte.
Was hören wir hier? Es ist zumeist aus dem grossen Fundus des Amerikanischen Songbooks, vom Blues über Country hin zu Jazzstandards, die sich Patty Waters anverwandelt. Und es als eine beliebige Form von Jazzgesang zu bezeichnen, wäre völlig untertrieben. Patty Waters taucht mit ihrer Stimme tief in die mehr oder weniger zutage liegenden Abgründe der Lieder ein, tastet sie ab, schmeckt sie, wittert, hält inne, um nachzudenken. Dann kann es zögernd weitergehen, oder mal auch mit geläufiger Geschmeidigkeit, oder mit Ungestüm, ja Wut. Und manchmal bleibt sie nonchalant, aber geheuer ist das nicht unbedingt. Denn der Untergrund dieser Kultur ist und bleibt unheimlich, eine moosbedeckte Schädelstätte, über der trügerische Kulissen aufgerichtet wurde. Das alles klingt nach in den Interpretationen einer bemerkenswerten Sängerin. Immerhin Patty Smith, Diamanda Galas und Yoko Ono haben Patty Waters als wichtigen Einfluss benannt. 2018 wurde dieses Album An Evening In Houston aufgenommen, es wurde zum Zeitdokument. Barry Altschul spielte drums. Der Bassist war Mario Pavone, Pianist Burton Greene, die beiden verstarben in diesem Jahr. Ihr Zusammenspiel war feinnervig und zurückhaltend, eine perfekte Bühne für die alle Register durchstreifende Stimmkunst von Patty Waters. Nun, es geht nicht immer leicht ins Ohr. Aber hätten das denn diese Songs verdient?

Anspieltipps: You´re my Thrill, Strange Fruit, Nature Boy, Loverman, Hush Little Baby with Ba Ha Bed 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.7.221


Ela Minus, Acts of Rebellion 
Domino, 2020 - 10 tracks, 34 Min.

Acts of Rebellion ist schon ein anspruchsvoller Albumtitel... Und die Popmusik rebelliert ja seit knapp 60 Jahren nicht zu knapp und hat dabei wenigstens interessante Geschäftsmodelle auf den Weg gebracht. Nun ja, Gezeter eines älteren weissen Manns, den schon die Sex Pistols nicht durchgehend überzeugt hatten. Aber es zeigt immer noch Wirkung: Gabriela Jimeno hat jahrelang in ihrer Punkband Ratón Pérez das Schlagzeug gespielt, bevor sie wegen Musikstudien von Kolumbien in die USA gezogen ist und dort ein paar musikalische Erfahrungen gemacht hat, die durchaus erfreuliche Folgen nach sich gezogen haben. Soweit eins nicht Punk nach wie vor für den alleinigen Träger musikalischen Widerstands hält. Das wirkliche Geschenk von Punk an die Menschheit ist nämlich DIY - machs selber, so gut Du eben kannst. Und dazu ein paar tatkräftige Gedanken um Solidarität. So kommt Ela Minus ins Spiel und ihre handgemachte Elektronik mit Attitude. Acts of Rebellion steht für einen Neuanfang, in jeder Hinsicht.

 
Denn vor einiger Zeit musste Ela Minus dringend ins Krankenhaus, um zu überleben. Der Titel des 1. Tracks bezieht sich darauf, es sind die Koordinaten des Hospitals. Nun, es ging gut aus und im Alleingang erstellte die Künstlerin ein Album, das düster ist und trotzdem optimistisch, das Gemeinsamkeit vermitteln will, aber auch im Abstand gehört werden kann, nicht nur auf der Party, sondern auch zuhause. Das liegt natürlich an den ins Ohr gehenden Melodien, die auf dem harten Fundament aufscheinen und ungehemmt Pop-Appeal verströmen. Eine Affinität zu Kraftwerk ist unüberhörbar und die Liebe zu (Sound-)Maschinen darf Hörer:in durchaus wörtlich verstehen, Ela Minus kennt sie in- und auswendig seit ihrem Percussion-Studium in Boston, wo vor allem das Nachtleben punktete und ihre Liebe zur Elektronik anfachte. Ein bisschen Licht im Dunkel, eine Handreichung zur Selbstermächtigung: Ela Minus Album Acts of Rebellion steht nicht für die grosse, womöglich heroische Geste. Letztlich überwiegt der menschliche Faktor die maschinelle Kühle, die den Klang zwar grundiert, aber nicht bestimmt. Alles geht dabei geschmeidig, ja warmherzig ins Ohr und unterstreicht eine Botschaft, die zumindest verhalten optimistisch ist. Auch Empathie kann ein Akt der Rebellion sein in einer Welt, die es liebt, in Aufgeregtheiten zu Baden. Einfach mal den Stecker ziehen, die Ausschalttaste suchen, abschalten, nichts kaufen. 
Nur noch den Puls dieser Musik laufen lassen, sich mitwiegen und wissen, das andere mitschwingen. Clubkultur und DIY gehen hier Hand in Hand, freundlicher Hedonismus und die Kraft der Solidarität finden in Ela Minus feinem Album umstandslos zusammen. Und leider lässt sich hier grad gut feststellen, was wir an Öffnungen noch (notwendig) entbehren müssen... Ela Minus, die wohl wieder in Kolumbien lebt, hat aber nochmal ganz andere Sorgen, vermute ich, aber ihre Musik ist immerhin auch da ein Hoffnungsstrahl. 

Anspieltipps: N19 5 NF, El Cielo Es De Nadie, Megapunk, Dominique, Close feat. Helado Negro

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.7.2021


Josephine Foster, No Harm Done 
Fire Records, 2020 - 8 Songs, 40 Min. 

Schon mit dem ersten Song sind die Parameter gesetzt. Josephine Foster, eine der eigenwilligsten Stimmen des US-Folk, zeigt sich auf No Harm Done, ihrem aktuellen Album, verschmitzt und warmherzig. Mehr als nur begleitet wird sie vom vielseitigen Gitarristen u. Basser Matthew Schneider. Josephine Foster selbst lässt nicht nur ihre leicht schlingernde Stimme hören, sondern spielt Gitarre, Klavier, Orgel, Harfe u. Mundharmonika. Acht Songs umfasst das Album, das 2020 in Nashville aufgenommen wurde. Und es strahlt durchweg eine leicht amüsierte Gelassenheit aus, die in Zeiten wie diesen gut tut. 

Seit 2005 veröffentlicht Josehine Foster ziemlich regelmässig folkinspirierte Alben, wobei sie musikalische Ausflüge in ihre spanische Wahlheimat nicht scheut. Mit No Harm Done setzt sie diese Reihe fort, wobei der Albumtitel den Inhalt der Songs ungeachtet versteckter Irritationen bestens beschreibt. Es ist zumindest sehr zeitlos, wenn es nicht gar Erinnerungen an verschollene Aufnahmen aus den 30er oder 50er Jahren weckt. Eine Musik, die Gefühle wachruft, an wehmütige Heimeligkeit, an ein flackerndes Lagerfeuer im Herbst, an den Trost durch eine zärtliche Hand. So hört sich das zumindest an: Eine Auszeit. Somit ist auf Albumlänge die Welt mal halbwegs in Ordnung. 

Dieses Album bietet eine Musik, die sehr traditionell, dabei durchwegs klangvoll und durchhörbar einherkommt. Nahezu schlicht. Wäre da nicht Josephine Fosters ausdrucksstarke Stimme, die an den Rändern kippelt und bebt und sie damit selbstbewusst unverwechselbar macht. Diese spezielle Stimme braucht vielleicht gerade als Widerlager eine so gelassen ausbalancierte, folk-, country- und music hall-gesättigte musikalische Begleitung. Aber all das ist hier zuhause, oder es fühlt sich zumindest so an - eine akustische Fata Morgan, etwas dunstig, aber wohlvertraut, hervorgezaubert von dieser Stimme und ein paar simplen, gut gesetzten Noten. Da gibt es kein Bedauern.

Anspieltipps: Freemason Drag, Conjugal Bliss, Love Letter, How Come, Honeycomb?

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.7.2021 


The Bug ft Dis Fig, In Blue 
Hyperdub, 2020, 12 tracks, 51 Min.

Kevin Richard Martin aka The Bug hatte sich ja, abgesehen von Zonal, zuletzt mit Earth zusammengetan, um staubige Einöden zu kartieren. Nun unternimmt er mit Felicia Chen aka Dis Fig eine Fahrt ins Blaue, wobei dieses Blau in immer klaustrophobischer getunnelt wird. Brachiale Technosound sind ja eins der Markenzeichen von Kevin Martin, aber hier lässt er die Dampframme vor der Tür und werkt zumeist mit feinerem Gerät. Kongenialer Gegenpart ist die Stimme der durchaus sperrigen Sounds zugeneigten Elektronikerin Dis Fig, die hier mehr als einen Hauch von Wärme über frostgeneigte Zonen legt. 

Kevin Martins Beats pluckern hier meist stoisch, fast stets ohne Schmerzgrenzen auszutesten. Dabei zeigt er manchmal das Besteck und lässt dann doch zu, dass der ja duchaus sinnliche Schleier von Dis Figs Stimme sich darüber legt. Ein Bad in tiefen Bässen ists dann doch, in dem sichs entspannt treiben lässt, leicht narkotisiert und hypnotisiert von der feinabgewogenen Struktur einer dunklen, aber nicht wirklich erschreckenden Musik. Die Fertigstellung von In Blue fiel nach zweijährigem intensiven Austausch der Musiker:innen in die lock down Phase. Das sorgte für eine Intensivierung aller Gefühle von Anspannung und Ausweglosigkeit, die vorgesehen waren, aber für mich zumindest gar nicht so abschreckend wirken. Ein gesunder Verlust an Bodenhaftung ist der (blaue) Faden, der sich durchs Album zieht. Eher downtempo, eher delirierend, jederzeit souverän, ja beherrscht. Dis Fig und The Bug haben nichts undedingt Neues im Metier 
auf die Beine gestellt, aber eine durchgängig überzeugendes Strecke Musik vorgelegt. Bei aller maschinellen Präzision, die die Tracks formt, ist ihnen, getragen durch die Stimme, eine unerschütterliche Wärme eingeschrieben. So bleibt es bei einem gewissen Widerspruch im musikalischen Material. Aber er hört sich gut an, tief in den Eingeweiden.

Anspieltipps: Come, Blood, Blue to Black, You, End In Blue 

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 6.7.2021 

u n d 

Sons of Kemet, Back to Black - 2020, Impulse!

Manchmal ist so ein Hype einfach berechtigt. Shabaka Hutchins macht zur Zeit alles richtig und seine hoch lebendige Musik richtig Spass. Inspiriert von Scheiben wie Max Roachs We Insist! stellt der Saxophonist eine wilde Mixtur aus afrokaribischen Bühne, über die nur Jazz-Puristen den Kopf schütteln können - bevor sie dann doch mitwippen . Getrieben vom stoischen Puls der Tuba entwickelt sich auf Back to Black ein afrofuturistisch inspiriertes Tongemälde, das von ausgezeichneten Gästen wie Moor Mother oder Ife Ogunjobs) noch beflügelt wird. 

Godspeed You! Black Emperor,G_d's Pee At State's End! - 2020, Constellation

Eine Band, die den ersten track ihres neuen Albums betitelt mit der schönen Zeile - A Military Alphabet (Five Eyes All Blind) (4521.0kHz 6730.0kHz 4109.09kHz) / Job’s Lament / First Of The Last Glaciers / Where We Break How We Shine (Rockets For Mary) - kann ja gar nichts falsch machen, obwohl sie in der Trump-Jahren kein grosses Lebenszeichen von sich gegeben hat. Aber nun! Aufruf, Ansporn, und (wie gehabt) ein Quentchen Hoffnung in gewohnt grossem Format.