Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Chris Imler, Operation Schönheit , Fun In The Church, 2022 - 10 Songs, 40 Min.

Grunge war für Chris Imler vermutlich ein Tiefpunkt. Zumindest in Sachen Stil. Denn Imler praktiziert zumindest äusserlich ein lässig-entspanntes Dandytum, bei dem das Detail sitzt. Dass er daneben ein Musiker ist, der die Dinge lässig auf den Punkt bringt, hat er inzwischen auch hinlänglich bewiesen. Brillante Betrachtungen zwischen tiefer Einsicht und gehobenem Blödsinn trägt er dabei nonchalant hinter dem notorischen Stehschlagzeug vor, unterfüttert von allerlei elektronischem bling bling, das nichtsdestotrotz an dieser Stelle eine tiefe Wertigkeit entfaltet. So auch hier.

Ein tiefes Verlangen nach Schönheit durchströmt in warmen Klängen Chris Imlers aktuelles Album. Es ist eben ein Thema, dass nicht nur Teenies jeden Alters umtreibt und jederzeit Akzente setzen kann. Chris Imler, Grandseigneur des Berliner Untergrunds, lässt sich davon inspirieren und legt zehn dezent akzentuierte Songs vor, bei denen die Worte nicht von vornherein dominieren. Dafür fallen sie später mit grösserem Gewicht, aber nie mit erhobenem Zeigefinger. Diese Schönheit atmet Diskretion, sie schreitet mit schwingenden Hüften auf einem sorgsam geklöppelten Klangteppich. Hier setzt Imler behutsam und gekonnt Akzente. Dabei verfügt er über die Fähigkeit, auch Trashiges so klingen zu lassen, als habe sich ein Programmierer den Sound exakt für diese spezielle Gelegenheit ausgedacht. So zeigt sich Grösse auch und gerade im Detail. Chris Imlers so geschaffene Schönheit überrumpelt nicht, sie nimmt uns mit gebotenem Abstand sensibel an die Hand und geleitet uns in eine Welt, die vermutlich besser, sicher aber auf unaufdringliche Weise schöner ist als die, aus der wir heraustreten.

Abschliessendes Zitat, vom Promo: Man muss übrigens keine Fachkraft aus dem Berliner Post-Punk-Underground sein, um zu spüren: Dieser Imler-Groove besteht aus Rhythmus, der singt, Gesang, der tanzt, und Look, der sitzt.

Anspieltipps: Disappoint me, Schau hin, Operation Schönheit, Whip Me,Spooky Action At a Distance  

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.7.2022


Miira, Wellness                                                                                                       

12Pylons Records, 2022 - 4 tracks, 41 Min.

Zwei Menschen. Mehr brauchts nicht, um enorme Energien, ein waghalsiges Spiel, diskrete Zartheit zu entfesseln. Beweise gibts zu Genüge zwischen Dÿse und Nadja, die die Konstellationen zwischen Gitarre und Schlagzeug resp. Bass und/oder Stimme ausloten. Miira aus Nürnberg gehören inzwischen auch dazu, ein Postrock-Duo der Selbstbeschreibung nach. Das ist ein Begriff mit viel Spielraum und der Albumtitel Wellness erleichtert die Sache auch nicht gerade. Vorweg: Dies ist kein Spa mit Räucherstäbchen und Duftölen, sondern eine knapp dreiviertelstündige wortlose Klangreise - in die sich freilich gerne gebettet werden darf auch über sprichwörtlichen Stock und Stein der Sounds. Live, davon konnte ich mich überzeugen, klappt das prima. Aber auch auf dem bei 12Pylons Records erschienenen und im Saal des Z-Baus aufgenommenen Album bleiben kaum Wünsche offen.

Wärme ist Wellness, zumindest für Viele. Da wäre dann die Wärmflasche auf dem Albumcover ein Hinweis, aber ist dem zu trauen? Zumindest was die Wärme des Klangs angeht, wird hier mit offenen Karten gespielt. Das schliesst natürlich Rohes und Brachiales nicht aus. Ein ausgefeiltes Spiel, das sich auf alle denkbaren Gegensätze bis an die Grenzen der Stille erstreckt, setzen die beiden Protagonisten von Miira in Gang. Eine Pantomime zwar, da ohne Gesang, aber den Emotionen wird viel Raum gegeben. Bis zum Zerreisen spannt sich die Musik immer wieder mit grosser Wucht, aber sie läuft sich dabei  nicht tot. Im Gegenteil, bei aller Abstraktion, findet sich dann ein einzelner Ton, der bleibt. Zögernd erweitert sich der Klangraum wieder, lotet akkordisch Möglichkeiten des Wachstums aus, tritt erneut in Dialog. Diese Klänge, zart bebend oder massiv aufgetürmt, verhallend oder niederwalzend, sie bleiben in einem sehr lebendigen Feld aufhoben. Nichts ist dabei auf Dauer. Das wäre zu einfach. Aus dieser immer neuen Spannung erzeugt     Miira kunstvoll ein Kraftfeld, das vitalisiert und belebt mit Aufregung, Interesse, Gespanntheit. Insofern also Wellness, wenn auch vielleicht nicht für alle.

Anspieltipps: alles!

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.7.2022


Buñuel,  Killers Like Us, La Tempesta International/Profound Lore Rec., 2022 - 10 Songs, 45 Min.

Wie Killer sehen sie nicht aus, die vier Herren. Eher distinguiert und etwas verwegen. Aber sei´s drum. Der namengebende spanische Regisseur widmete sich jedenfalls gerne den mörderischen Aktivitäten einer distinguiert-enthemmten Bourgeoisie und etwas davon färbt hier sicher ab. Killers Like Us ist der dritte Tonträger des Italienisch-amerikanischen  Noiserockprojekts seit 2016. Zusammengefunden haben sich die sturmerprobten Xabier Iriondo von Afterhours, Pierpaolo Capovila und Franz Valente von Il Teatro Delli Orrori sowie niemand Geringerer als Eugene S. Robinson von Oxbow... oha - doch eine ziemlich explosive Mischung. Und es geht schnell in die Vollen. Wuchtig, drönend, massiv. Und zwischendrin eine Spur beschwingt.

Nichts für Zartbeseitete. Buñuels  Killers Like Us wurzelt tief im Noiserock der 1980er und 90er Jahre und spielt alle einschlägigen Trümpfe aus. Ein sehr amtlicher Sound mit brachialen Verzerrungen erzählt von einer Höllenfahrt, einem Trip ins Herz der Finsternis. Eugene S. Robinson erspart weder sich noch uns stimmlich irgendetwas und tut natürlich gut dran. Das liegt in der Natur der Sache, dem schlimmen Ende, dem Teufel, dem nicht mehr Aufwachen können. Da gibt es dann keinen Unterschied mehr zu den Toten, nicht wahr? So irrlichtert das hin und her und liegt zugleich beinah behütet in einem tiefen Bett verzerrten Sounds.

Es ist zu spät, das Chaos herrscht, die abschüssige Bahn ist nun mal betreten. Auch ein ansehnlicher Kerl wie der Erzähler kann hier nichts mehr retten und die Musik entfaltet grad  nochmal ein letztes glamouröses Leuchten, bevor die Lichter ausgehn. Auch ansehnlicher Frauengesang kann hier nichts mehr geradebiegen (Kasia Meow). Die Welt stürzt zusammen, geflutet von einem zähen Brei Gelärm. Mit der überraschenden Wucht einer Lawine fährt das Album in den Abgrund.   Heavy? Jederzeit. Aber nicht die zurückgelehnte Sorte. Hier ist die Schwere wild geworden, unvorhersehbar und voller Unlust auf alle Nettigkeit. Nicht etwa aus Unvermögen, steht zu vermuten. Davor, dazwischen und inmitten kriecht Eugene S. Robinsons peinerfüllte Stimme, wütet und grollt. Alles eine schöne Partie für zeitverzögerte Adrenalinjunkies, für gesettelte alte Männer mit einem Bourbon in der Hand und quietschfidele Headbanger.

Anspieltipps: When God Used A Rope, Crackshot, Roll Call, When We Talk, A Prison Of Measure, Even the Jungle           

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.7.2022


Carambolage, s/t, Tapete Rec., 2022 - 13 Lieder, 43 Min.

Lieder, die auch nach 40 Jahren sofort präsent in meinen Ohren sind: sie stammen von Carambolage. Ja, das waren die berühmt-berüchtigten 80er Jahre, die mich zumindest musikalisch weitgehend geprägt haben, eine Zeit, in der Popmusik aus Deutschland eine in den besten Fällen wunderbar ungelenke und nervöse  Stimme gefunden hatte. Das kam nicht aus dem Nichts, Vorbilder zumal aus Grossbritannien gabs ja zu Genüge, hier aber war es das Umfeld von Ton Steine Scherben, das eine selbstbewusste Frauenband aufblühen liess. Ein Stück weit wurde sie allerdings dann auch wieder erdrückt. Davon aber erst einmal noch nichts. Carambolage wurde Ende der 1970er Jahre ins Leben gerufen von Britta Neander, Angie Olbrich und Elfie-Esther Steitz. Britta Neander hatte ja schon für die Scherben getrommelt, aber sie wollte mehr. So fand sich ein vitales Frauentrio, das einen ganz eigenen New Wave Sound von hohem Wiedererkennungswert auf die Bretter stellte (wichtig war auch der eigene, von den Scherben abgetrennte Übungsraum - die zeitgemässe Variante von Virgina Woolfs eigenem Zimmer für eine Frau).

Drei Frauen mit einer Band, die schnell auf eigenen Füssen stehen konnte. Dabei war der musikalische Background von Neander, Olbrich und Steitz durchaus divers. Gewiss, in manchem färbte die Umgebung ab (sog. Nordfriesische Welle), aber Carambolage fand schnell den eigenen, ruppig überdrehten Ton - der sich mir unmittelbar erschloss. Dazu kamen die schnoddrigen, zum Teil auch auf naive Art „schweinischen“ Texte - so lang lag die Zeit der sog. sexuellen Befreiung auch noch nicht zurück. Das hatte überhaupt Spuren hinterlassen, die aus heutiger Sicht manchmal befremdlich wirken. Dafür wurde aber auch mit klischeehafter Weiblichkeit kokettiert und dieser damit konterkariert. Insgesamt konnten sich Carambolage jederzeit mit einschlägigen Jungsbands messen und auch eine Band wie The Slits taugte, dubbereinigt, als Referenzpunkt. Carambolage brachten, als eine der frühesten deutschsprachigen Frauenbands, die Sache mit  unwiederstehlichem Sound voran. Immer noch „Vorbilder, die jedes siebenjährige Mädchen haben sollte“. Und für alle mit offenen Ohren nach wie vor ein schräges, schönes Hörvergnügen.

Drei feine Alben sollten Carambolage herausbringen, bevor das Ende kam. Alle wurden jetzt wiederveröffentlicht, ein unbedingter Gewinn für alle Interessierten. Aber auch so bleiben Spass und Spielwitz über die Zeiten hörbar, eigensinnige Stimmen, die sich Gehör verschafft haben. Und über Britta Neander, die viel zu früh gestorben ist, zog sich eine Linie umwerfender Frauenbands weiter: Lassie Singers und Britta am Anfang, fortgesetzt durch Bands wie Parole Trixie oder Doctorella. Nach vorn ist freilich noch viel Platz. Besetzt ihn!

Anspieltipps: Rampenlicht, City-Grossmarkt, Das Männlein, Die Farbe war Mord, Johnny, Fussgängerzone, 22 Rue Chenoise

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.7.2022

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch noch hinweisen auf  

These Girls Too, zweiter Band der feministischen Musikgeschichten, wieder herausgegeben von Juliane Streich und im Ventil Verlag erschienen (300 S., 20,-). Von Bessie Smith über      Éliane Radigue oder Doro Pesch bis Alyona Alyona werden Musikerinnen und female bands vorgestellt, die die Behauptung Lügen strafen, das nur Männer interessante Musik machen. In Zeiten, in denen selbst progressive Festivals nach wie vor einen eher marginalen Frauenanteil aufweisen (und die grossen kommerziellen Veranstaltungen sowieso) gibt es hier genügend Denkanstösse und Rollenvorbilder für gewitzte Mädchen jeden Alters. Es ist halt so, das sehr viele Musikerinnen als Singer/Songwriterin umwerfende Musik machen, aber das ist halt doch eher eine Nische. Da ist schon spannend, was da im stark maskulinistisch geprägten Hip Hop abgeht, in dem starke Frauenstimmen sich schon auch breitbeinig Platz verschaffen. Aber das, was für die Öffentlichkeit und Offensichtlichkeit am Meisten zählt, ist live halt immer noch die Rockband. Und so überständig dieses Modell auch sein mag, es hat seine Anziehungskraft bewahrt, nicht nur wegen der unermüdlichen Rolling Stones und diversen Wiedergängern aus den 1970er Jahren. Hier also ist der Platz, denen Frauen selbstbewusst einfordern sollten. Ein Doom-Duo wie Divide/Dissolve ist vielleicht nicht jedermensch´s Sache, zeigt aber die Möglichkeiten, die inzwischen offenstehen. Eine Band wie Goat Girl steht dafür für einen weniger speziellen Zugriff und sie sind nicht die Einzigen. Greift also zu These Girls, findet Inspirationen, entdeckt musikalisches Neuland aus allen bereichen der populären Musik. Die Artikel sind zumeist persönlich gefärbt und vermitteln einen spannenden Eindruck in einen Teil des musikalischen Universums, der gerne grösser und vielgestaltiger werden darf.

NB: Es gibt darin auch einen Beitrag von mir über Les Reines Prochaines.


Lady Blackbird, Black Acid Soul - Foundation Music, 2021

Lady Blackbird erweist sich umstandslos als legitime Nachfolgerin von Mahalia Jackson und    Nina Simone. In Marley Munroes gospelgeschulter Stimme bündeln sich Verlorenheit, Sehnsucht und Aufruhr. Nur ein paar ausgesuchte Instrumente tragen diesen ebenso starken wie verletzlichen Gesang und so es ist keine Anmassung, dass die Musikerin sich nach einem Song von Nina Simone benannt hat.


Euroteuro Volume II,  Siluh Rec., 2021 - 12 Songs, 40 Min.

Nun, Euroteuro sind nicht auf dem Schlagermove zu finden. Auch wenn sie da ein paar markante Akzente gesetzt hätte und manchen Teilnehmern womöglich den Kopf verdreht. Aber so ist´s auch besser. So haben wir die Wiener Gruppe ganz für uns, die wir das Besondere, das Abgefahrene, den Dreh und den Schmäh so schätzen. 

A biessel NDW, Elektropop, ein gewisser Postpunk Einschlag und Schlagereskes in Melodie und Rhythmus, so becircen Euroteuro mit ihrem klingelnden Namen all jene, die auf den neuen heissen Scheiss abfahren. Da sind sie hier, nach Jahren noch, goldrichtig. Mit einer Melange aus Unernst und teilnahmsvoller Besorgnis, zwischen Georg Kreisler, B-52 und XTC, graben sie tief an der schimmernden Oberfläche des Lebens.

Schlagerbewusstsein und wache Schnippigkeit - Euroteuro bringen das nonchalant rüber. Oder auch mal mit hellem Trompetenklang. Nachdenklicher Dadaismus, hedonistische Melancholie - hier stellt sich die Kunst ein bissel dümmer, als sie ist. Eine Camouflagetechnik angesichts österreichischer Zustände? Wohl eher eine Antwort auf die Zumutungen einer Welt, die unter den Möglichkeiten, die sie aufbieten könnte, agiert. Ja mei. Die Kunst kann da auch nicht mehr helfen. Sie macht halt ab und zu einen Raum auf, in dem sich vorsätzlich herumlungern lässt, ein bissel sinnieren und die Welt nicht weiter  verschlechtern.

Anspieltipps: Insel, Ja Ja Ja, Wenn das alle täten, Franzi, Sag alles ab, Exzess, Bla Bla Bla

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.7.2022


God Is God, Metamorphoses - Bureau B, 2022

Metamorphoses ist das Debütalbum von God is God, einem Duo bestehend aus dem türkischen Musiker, Produzenten und Kinship Labelgründer Etkin Çekin und der belarussischen Multiinstrumentalistin, Komponistin und Sängerin Galina Ozeran. Seit ihrer ersten Begegnung 2015 in Berlin verbindet die beiden eine tiefe musikalische Beziehung. Aus einer sehr individuellen Sicht werden Dance-Elemente mit türkischen wie osteuropäischen Spielarten von Kraut und Psychedelic verschränkt. Der Gesang von Ozeran, der eine weitere Ebene eröffnet, ist improvisiert und verflüssigt die denkbaren Worte zu einem sirenenhaften Gesang.