Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz 

 

 

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Z o r e s   Jahresrückblick 2019, 7.1.2020

Einige unserer Lieblingstonträger des vergangenen Jahres.

Anguish (same)

Pein, Qual, Schmerz - Anguish kann vieles bedeuten, dabei aber kaum Angenehmes. Kann mensch als Statement nehmen und sich abwenden, verpasst dann aber eine Menge hoch intensiver, dabei rabendüster grundierter Musik. Vielleicht kein Zufall, dass etwa die Encyclopedia Metallum rund ein Dutzend Bands listet, die den gleichen Namen tragen. Aber diese Anguish gehören nicht dazu. Auch wenn die Beteiligten ohne weiteres für heftige Musik stehen. Am Synthesizer Altmeister Hans Joachim Irmler von Faust, dazu Saxophonist Mats Gustafsson und Drummer Andreas Werliin vom Jazzcore-Trio Fire! sowie Will Brooks und Mike Mare von den Noiserappern Dälek. Und letztere geben schon die Richtung vor auf düsteren, dystopischen Hip Hop mit ein paar besonderen Haken und Ösen. Und wer das Ganze doch für eine zu kuriose Zusammenstellung von Musikern hält, der sei auf die Faust vs Dälek Kollabo von 2004 verwiesen: Nochmal Derbe Respekt, Alder. Allgemein sehr umtriebige Künstler trafen sich im Sommer 2018 in Imlers Faust-Studio und nahmen innerhalb von nur drei Tagen neun von Energie strotzende Tracks auf. Ein womöglich kleiner Schritt für die Künstler, ein deutliches statement in Sachen zukünftiger Hip Hop wird da hörbar – weit entfernt von allem Prangen mit Bling Bling, Aufstiegsfantasien und Kapitalismusbejahung.

 


Die Heiterkeit, Was Passiert Ist

Neue Besetzung, mehr Keyboards, weniger Gitarre. Wer freilich damit auch einen Stilwandel verbindet, liegt falsch. Heiter ist nicht lustig, sondern vornehmlich ungerührt. Stella Sommer liefert Hymnen und Hits, wie angekündigt und wird mehr denn je dabei so etwas wie die upgedatete Version einer Hildegard Knef. Chanteuse mit Stil und ab und zu weht sogar Posaunenklang vorüber.


Ebow, K4L

The bloody germans und die sog. "Ausländer": Ein Thema, das den einen die Zornesröte in die dampfigen Gesichter treibt, anderen dagegen feine Distinktionsgewinne verheisst. Dazwischen leben: Menschen. Und werden laut, ohne auf ein Handzeichen zu warten. Mittendrin sind wir da schon im Deutschrap und die harten Kerle, die sich da in den Vordergrund schieben, sind oft kein richtiger Anlass zur Freude über so viel Selbstermächtigung. Und sie stürzen sich ja alle freudig in die Klischees des Greller, Lauter, Krimineller. Aber sei´s drum. Das ist die Seite der Welt mit der schlechteren Lebenserwartung. Denn es gibt, selbstbewusst, wortmächtig und womöglich mit Abschluss, auch Frauen. Frauen, denen die Frage, woher sie so gut Deutsch können, gehörig auf die Nerven geht, weil ihre Familie schon seit langen Jahren hier ansässig ist, weil Deutschland ihr Geburtsland ist und weil sie nicht so blöd sind wie die Kartoffeln, die in unbeholfenen Halbsätzen gegen die bunte Gefahr stänkern. Racial Profiling ist ebenso billig wie beschämend, daher als Herrschaftstechnik so beliebt. Kanak For Life heisst folgerichtig Ebows neues, drittes Album. Ebow ist einer der Künstlerinnennamen von  Ebru Düzgün, die auch als blaqtea performt und Teil ist des englischsprachigen Future-R’n’B-Trios Gaddafi Gals. Aufgewachsen ist sie als Kind alewitischer Eltern in München und mischt jetzt von Wien aus wortgewaltig, aber nicht gerade einem Sprachknauser wie Bastian Sick verpflichtet die Szene auf. Künstlerinnen wie M.I.A. und Missy Elliot haben sie schon früh inspiriert und beflügelt. Dass sie mit ihrer Herkunft einmal Bühnen bespielen sollte, war nicht unbedingt vorhergesehen. Als Frau, als Kind nichtdeutscher Eltern lag eine Karriere als Fachkraft im Reinigungsgewerbe in den Augen vieler Deutscher einfach näher. So sind die Themen schnell gefunden, Themen, die auch zB im Migrantenstadl verhandelt werden und wo das Wort Heimat sich auf Albtraum reimt. Besserung ist nicht in Sicht.


Sharon van Etten, Remind Me Tomorrow    

Sharon van Etten: Singer/Songwriterin mit bitterschönen Liedern. Seit 2005 aktiv mit Höhen und Tiefen, in neuerer Zeit Auftritt in Twin Peaks, Familie, Sohn, Psychologiestudium. Für Arbeit an einer Filmmusik ein Proberaum, in dem ein Jupiter 4-Synthesizer stand - Zeit für etwas Neues in einer Welt, in der privates Glück und nationales Missvergnügen (Präsident Trump) auf seltsame Weise ineinander verknäuelt sind. So ein Synthesizer lädt ja förmlich zum Ausprobieren ein, wenn er da schon rumsteht und Sharon van Etten hat das ausgenutzt, um ein paar etwas kantige Demos aufzunehmen und ins Studio zu tragen. Dort überliessen sich alle Beteiligten dem Fluss der Musik und dem Produzenten, was sonst für Van Etten nicht das übliche Vorgehen war. Doch es ging alles gut. Lieder, die ins Ohr gehen, ohne weichgespült zu sein, Melodien, denen der gewisse Biss nicht abgeht und das ist sicher auch das Verdienst von John Congleton (St. Vincent-fame), der das Album druckvoll und auf dem Punkt produziert hat. Ein musikalischer Seelenstriptease kann durchaus heilend wirken - Sharon Van Etten hat diese Fähigkeit und hat sich auf ihren ersten Platten dadurch von allerlei Misshelligkeiten befreit. Das hätte auch so weitergehen können, aber das Leben meinte es mit der Künstlerin nach einem Durchhänger in letzter Zeit unerwartet gut. Sich da in Gejammer zu ergehen schien Van Etten da nicht gerade als sinnvoll. So wurden die Songideen, die sich schon wieder angesammelt hatten, diesmal mit einem Packen Ermutigung versehen, mit einem Optimismus, der den Zweifel zwar noch in sich trägt, ihn aber nicht überhand nehmen lässt.


Ex Hex, It´s Real

Einfach mal Spass haben, dachte sich Mary Timony, als sie diese Band ins Leben rief. So geht es mit Volldampf voraus in die Gefilde des Classic Rock, mit Ausschlägen hin zu den Ramones und Thin Lizzy.

It´s Real strahlt vor Uuuh-Chören, groovy Rhythmen und Dance with me-Refrains, Timony singt cool und schön und schnippst die grossen Gesten aus dem kleinen Finger.

 


Farai, Rebirth 

Alles nicht so lustig da draussen, im UK wie der Welt als solchen. Und auch der Weltraum ist nur mehr ein Ort, der den Superreichen zur Verfügung steht. Da könnte eins schon verzweifeln. Oder sauer werden. oder schliesslich eine Musiktherapie machen, an deren Ende aus lauter Verdruss doch so etwas wie Spass steht. Farai, der Londonerin mit Wurzeln in Simbabwe, ist genau das gelungen. Rebirth heisst ihr Album, eine Wiedergeburt aus dem Geist von Trotz und Musik. Haltung zeigen angesichts einer miesen Welt. Vielleicht verbindet das Farai mit Greta Thunberg und anderen, hier umgesetzt in kantige, beinah karge Musik, für die überwiegend der guyanisch-walisische Produzent Tone zeichnet. Adressiert wird, wie schon von den Sex Pistols, ua die aus Funk und Fernsehn bekannte Lizzie, die weltenthoben über dem Scherbenhaufen thront, den ihr Bodenpersonal angerichtet hat. Nun gut, sie hat ja eigentlich keine Macht über die National Gangsters, die ungehinderten Zugriff auf das Volksvermögen haben und ihre Kohle zugleich angesichts des Brexits ausser Kronland schaffen. In blühenden präapokalyptischen Zeiten wie diesen, in denen es an den Hängen des Vulkans nicht ganz Wenigen einigermassen gut geht: Was ist da zu tun, um die in den Blick zu bekommen, die von den Brosamen existieren, die vom Tisch der SUVisten aller Länder fallen? Ihnen zuhören, dieser disparaten Menge, denen zuhören, die ihre Stimme erheben und dann was sagen, was sich in der wohleingerichteten Blase gar nicht gut anhört? Ich weiss es auch nicht, denn es gibt für mich auch Grenzen des Missvergnügens. Hier jedoch nicht, wie ich meine. So, aber ich bin vom Thema abgekommen, wieder mal. Harte Zeiten also. Gute Zeiten eigentlich für sperrige Musik, die das Unwohlsein nicht in Watte packt. Doch das taugt halt all den Fischer-Chören nicht, die sich gern mal durch die Nacht träumen. Farai träumt nicht, sie hat genug gesehen. Knurrige Synthesizer, sperrige Bassläufe, das ausgezehrte Arsenal, das Grime und Postpunk zur Verfügung stellen, kommt hier auf den Punkt zum Einsatz und taugt prima als Grundlage für die sehr souveräne Stimme. „It’s time for the bright young things to rise“ singt Farai Bukowski-Bouquet, und angesichts der mosernden alten Männer (und Frauen allen Alters), die an ihrem hergebrachten Erbe kleben, ist ihr da zuzustimmen. Nicht nur, weil das Album eine neue, migrantisch geprägte  Formulierung von Punk ist, sondern weil es trotz allem Freude macht (Farai=Freude).


Girl Band, The Talkies

Über psychische Probleme wird im Musikbusiness nicht gerne geredet. Manchmal ist Musikmachen ein Ausweg. Manchmal gehts aber dann erst richtig los. Über das Loch am Ende von ausufernden Tourstress konnte mensch auch bei diversen Tonträgern, die wir hier in ZORES vorgestellt haben, einiges erfahren.  Mit ihrem ersten Album gingen Girl Band vor einigen Jahren sozusagen durch die Decke, und es endete in Erschöpfung. Und als es dann keine Erwartungen mehr zu erfüllen gab, versammelte man sich und zog ins hochromantische Ballintubbert House, eine gerne für Hochzeiten genutzte Location am Lande. Und veranstaltete dort eine Art Pendant dazu, eine, na sagen wir, musikalische Bluthochzeit. The Talkies vom irischen Männerquartett Girl Band ist grossartig. Wenn eins auf musikalische Zermürbung abfährt. Songstrukturen? Wer braucht denn sowas. Zusammenhängende Texte? Lass dich lieber vom Gedankenstrom mitreissen. Melodie und Rhythmus? Frisch aus dem Schredder. Dara Kiely (vocals) klingt inmitten des Tobens, das Alan Duggan (guitar), Daniel Fox (bass) und Adam Faulkner (drums) veranstalten, erstaunlich ungerührt.

 


Kim Gordon, No Home Record                                                                          

Kim Gordon wollte zeitlebens bildende Künstlerin sein, aber dann kamen bekanntlich Sonic Youth dazwischen. Und auch diese Zeit betrachtete Gordon gewissermassen als performativen Akt, zumal das meiste Songmaterial da von Thurston Moore und Lee Ranaldo entwickelt wurde. Zwischenzeitlich gestattete sie sich allerdings auch eigene musikalische Exkursionen, ua mit Lydia Lunch (Harry Crews) Free Kitten oder Body/Heat. Nun, Sonic Youth ist Geschichte, Thurston Moore ein Ex und Gordon ist auch noch als Autorin („Girl in a Band“) in Erscheinung getreten. Zeit für (bildende) Kunst? Tja, wenn da nicht immer wieder die Musik wäre…Und auch wenn sie sich eigentlich immer wieder anderweitig orientieren wollte, gelang ihr mit diesem Album (No Home Record) eine veritable Überraschung. Nicht nur, das es nicht die angekündigte Jazzplatte wurde. Es ist ganz anders. Es ist rauh, ungebärdig und unmittelbar geworden, ein Lebenszeichen einer Künstlerin, die sich nichts diktieren lässt. Und die Dinge selbst in die Hand nimmt. Womöglich kein Zufall nach allem, dass der letzte Song einen einprägsamen Titel trägt: Get Yr Life Back.

 


Aldous Harding, Designer

Allerlei trübe Gedanken bestimmten Aldous Hardings zwei vorherigen Alben, aber jetzt hat sie alle Unsicherheiten abgestreift. Und alle Maskeraden. Hier singt sie, beflügelt von ihren Ideen, beinah unbeschwert, passgenau dazu geschneidert sind die durchhörbaren Songs. Die Spannung, die Irritationen: fast zu überhören. Aber das wäre ein Missverständnis.

 


Holly Herndon, Proto

Computer spielen inzwischen perfekt Schach, Go und Poker, malen wie Rembrandt und klöppeln Canons und Fugen wie Johann Sebastian Bach. Nicht mehr nur Sachbearbeiter und Buchhalter aller Geschlechter müssen somit fürderhin um ihre berufliche Existenz fürchten, sondern auch Kreative und Spieler*innen, die doch das treiben, was den Kern menschlicher Existenz ausmachen soll. Gut, ab und zu muss die KI vielleicht noch auf den Weltverstand polnischer Hausfrauen zugreifen, aber trotzdem… Trotzdem hat Holly Herndon zugegriffen, und mit Mathew Dryhurst und einem alten Spielecomputer Spawn („Brut“) entwickelt: Ihr Baby, das lernt zu singen. Holly Herndon, studierte Komponistin, beschäftigt sich schon seit Jahren mit elektronischer Musik und dem Spannungsbereich zwischen Kreativität und Kontrolle. Und auch wenn mit den elektronischen Helferlein auch inzwischen allerlei Musik von der Stange produziert werden kann, ist für sie das Potential damit keineswegs ausgeschöpft. Schliesslich muss ihre Spawn lernen. Und dafür greift Herndon auf eine andere, sehr analoge Vorliebe zurück: das Singen im Chor (was ja mit allerlei Rudelsingen inzwischen eine eigene Dynamik entfaltet). Chorgesang, zum Teil auch mit Publikumsbeteiligung ist der Übungsraum, in dem die KI Spawn ihre Möglichkeiten trainieren kann. So wird sie schliesslich zum Ensemblemitglied und es bleibt immer wieder die spannende Frage, herauszuhören, wer denn da jetzt singt auf Herndons drittem Album namens Proto. Denn Spawn schreibt keine Musik, sie singt sie, angeleitet von menschlichen Vorbildern. Proto zeigt nichts Fertiges, Vollkommenes, es ist ein Prototyp, ein Protokoll des Möglichen. Es nähert sich auf kulturellem Feld einer Zukunft, die noch nicht recht fassbar ist, aber mit Hoffnungen und Verwertungsabsichten vorangetrieben wird. Und zu aufregenden Dystopien berechtigt. All das spiegelt sich in den Stimmungslagen dieses Albums.

 


Lena Hessels, Billow

Mit Musikereltern aufzuwachsen, in deren Haus regelmässig Musiker*innen zu Besuch sind und auf Touren mitgenommen zu werden, kann nervig sein. Oder, wie im Fall von Lena Hessels, inspirierend. Nach dem Schulabschluss letzten Sommer war es dann soweit. Die Künstlerin schloss sich ein und binnen drei Wochen war Billow fertig. Billow, klingt nach viel, nach wogender Welle, aber das führt in die Irre. Schon das Album ist nicht sehr lang geraten, leider. Und die Songs sind karg, gestrippt bis auf den Grund, was Lena Hessels ausdrucksstarke Stimme natürlich umso mehr in den Vordergrund bringt. Mit The Ex als familiärem Hintergrund ist es nicht schwer, eingefahrene Hörgewohnheiten zu vermeiden. Lena Hessels hat auf ihrer ersten Platte – denn ich hoffe, es wird nicht die letzte sein – alles richtig gemacht. Gesang, Gitarre, Klavier, etwas Elektronik und vielleicht ein Akkordeon verdichten sich zu einem seltsam traumverlorenen Stimmungsbild. Ohne allen Schnickschnack wird das vorgetragen. Lena Hessels Stimme ist, auch wenn sie zurückgenommen wird, immer noch eindrücklich. Dazu ein paar gut gebaute Melodien, unaufgeregt, aber doch ins Melancholische gerückt. Da ist diese Welle, die sich aufbaut. Aber wenn jemand in sie greift, fühlt sie sich sehr leer an. Das leider allzu kurze Album Billow von Lena Hessels zeigt, dass die junge Liederschreiberin schon sehr genau weiss, dass weniger mehr ist. Und das ist natürlich eine Kunst, die manche nie auf die Reihe kriegen (oder es auch nur wollen): Hier aber passt es prima. Ebenso die Stimmung, die alles Aufgedrehte vermeidet, aber dafür einen schönen eigenen Ton findet. So wie vor einem Abgrund, in den wer schaut, um festzustellen, dass der Abgrund zurückblickt. Das alles klingt nie bemüht, nie nach schwarzer Romantik. Aber die Verlorenheit, die da sicht- und hörbar wird, berührt uns doch mit einem sehr lebendigen Schauer. Die Ungewissheit eines Aufbruchs. Ich hätte da gern mehr davon.


Julia Holter, Aviary    

Steck den Kopf in eine Voliere voller Vögel und lass dich von ihren Flügeln davontragen. So darf mensch sich den ersten Eindruck von Julia Holters neuem, in jeder Hinsicht üppigen Album Aviary vorstellen. Und für sie war der Satz Inspiration. Und dich trägt es davon, in alle möglichen Richtungen, unterschiedliche Zeiten, unerwartete Räume. Zwischen verträumtem Kammerpop und gewaltig brodelndem Songwriting ist Julia Holter hier auf der Höhe ihrer Kunst und umschifft die Kliffs von blossem Schönklang durch ihre Fähigkeiten, ihre Musik auch bezaubernd sperrig und schräg klingen zu lassen. Zuviel Musik, zuviel Verweise, zuviel Songs – von allem zuviel: So könnte der Eindruck auch lauten nachdem Julia Holters Doppelalbum erstmal durchgelaufen ist. In Zeiten von Spotify-Playlisten ein so ambitioniertes Werk herauszubringen grenzt so gesehen schon an Grössenwahn. Zumal es doch alles disponiert ist, voller Bezüge, quasi rhythmisch durchkomponiert (obwohl improvisatorisch entstanden). Aber das ist die Herausforderung, die nicht eben dadurch kleiner wird, das Aviary so „kulinarisch“ einherkommt, allerdings ohne sich stilistisch einordnen zu lassen. „Lecker“ diese üppigen Sounds, delikat die Klänge, angenehm im Ohr die Melodien. Opulent, nachgerade barock, strahlend exaltiert: Alles, was an Julia Holter und ihrem Faible für kulturelle Verankerungen schon bislang zu bestaunen war, steuert hier auf einen Höhepunkt zu, der nicht einmal vor einem Dudelsack zurückschreckt (und Trompeten schon gar nicht). Und Glanzlicht ist ohne Zweifel ihre strahlende Stimme. Aviary ist eine akustische Wunderkammer, in der die Gedanken und Erinnerungen frei herumstreifen und sich immer wieder zu betörend-irritierenden Songs zusammenfinden.


Chris Imler, Maschinen und Tiere    

Chris Imlers neues Album Maschinen und Tiere ist erneut ein Album geworden, das allen FreundInnen von Voodoo und Hypnose, aber auch Suicide und DAF nur gefallen kann. Wellen von mächtiger Energie übertragen sich und werden überstrahlt von einer Textwelt, die Politisches und Profanes, Irrwitz und Kritik in eins blenden. Wobei es zutrifft, dass einmaliges Hören zum Verständnis der Texte nicht unbedingt ausreicht. Aber es ist der Mühe wert. Auch wenn die Vielfalt der eingesetzten Rhythmen jederzeit ebensolche Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen darf.  Trotz allem wirkt Maschinen und Tiere, und nicht zu seinem Nachteil, etwas fokussierter als der Vorgänger.


Kathryn Joseph, From When I Wake The Want Is

Liebe, das blöde Ding – kommt und geht nach Belieben wie´s scheint. Das hat auch Kathryn Joseph erfahren müssen, die sich der Angelegenheit stellt, mit einem Klavier zuvörderst und ein paar anderen Instrumenten. Genug Reibungsflächen, unter denen Josephs Stimme die Schönste ist und kaum als Unterhaltungsmusik zu buchen.


Kazu, Adult Baby

Kazu Makino, bekannt als Frontfrau des unbeschreiblichen Trios Blonde Redhead, präsentiert sich erstmals als Solokünstlerin. Für ihre betörend traumverlorenen, aber auch mal Kante zeigenden Songs hat sie sich illustre Gäste an Bord geholt, unter anderem Ryuichi Sakamoto. Entstanden ist ein ebenso charmant abseitiges wie eindrückliches Album. Erwachsen, aber unverkrampft.


Lafawndah, Ancestor Boy                    

Oh über diese wurzellosen Kosmopoliten. Des Jammerns ist ja kein Ende, in dem „die“ Heimat zum Wert an sich erklärt wird, um die Reihen zu schliessen. Für diese Leute grenzt es vermutlich an Kindesmisshandlung, wenn die Tochter iranischer und ägyptischer Eltern in Paris aufwächst. Um später in Mexico zu leben, wo sie in einer Postpunkband singt, und in New York, USA. Die Rede ist natürlich von Yasmine Dubois, die unter dem Namen Lafawndah ihr Album Ancestor Boy veröffentlicht hat. Und das wäre kaum ohne die Ortlosigkeit entstanden, die Begegnung mit unterschiedlichen Kulturen und des Hinterfragens von Traditionen. Und das wäre sehr schade.

 


le butcherettes, bi/MENTAL   

Wenn jemand in den USA geboren wird und dann als Jugendliche aus familiären Gründen in Mexiko aufwachsen muss, kann das schon mal einen Kulturschock auslösen. Teresa Suárez ist genau das widerfahren in Form eines machismo, den sie so nicht kannte. Aus Teresa wurde Teri Gender Bender und sie gründete 2007 Le Butcherettes, deren einziges konstantes Bandmitglied sie seither ist. Auf der Agenda: Widerstand in Form von mitreissendem Garagepunk. Viele Auftritte folgen und die Band erarbeitet sich einen Ruf, der sie ins Vorprogramm von Jack Whites The Dead Weather oder der Yeah Yeah Yeahs bringt. Mars Voltas Omar Rodriguez-Lopez produziert das Debut-Album und wird langjähriger Wegbegleiter. Auch John Frusciante und Iggy Pop haben Gastauftritte bei Le Butcherettes, während auf der aktuellen Veröffentlichung bi/MENTAL niemand Geringerer als Jello Biafra zu hören ist. Sowie Alice Bag. bi/MENTAL ist die 4. Veröffentlichung der mexikanischen Le Butcherettes um Teri Gender Bender und sie springt uns HörerInnen energisch ins Gesicht. Gleich zeigen sich auch die Facetten von Teris Stimme: zwischen zart und zerbrechlich bis rau und kraftvoll hat sie alle Register drauf. Hier steckt die Energie, die die Band vorantreibt. Alejandra Robles Luna am Schlagzeug, Riko Rodríguez-López u. Marfred Rodríguez-López an Gitarre und Bass vervollständigen die spielfreudige Band. Live gibt es noch eine ordentliche Portion Theatralik drauf – das steckt in dieser Musik einfach drin. Ums mit einem Zitat zu sagen: „Nach so vielen Jahren in der Schule und den Versuchen, akzeptiert und nicht als sonderbar aufgefasst zu werden, geht es darum, das Sonderbare und Wilde zu umarmen und zu erforschen“.

 


Lydia Lunch, Marchesa        

Die Künstlerin ist gebieterisch. Die Künstlerin ist streng. Ziemlich streng. Genaugenommen spannt sie eine/n auf die Folter, aber was lässt die Marchesa denn anderes erwarten hinter ihren in Stein gemeisselten Zügen? De Sade, sagt Lydia Lunch, war für sie stets eine grosse Inspiration. Hier zeigt sie, was sie von ihm gelernt hat. Der Marquis de Sade, Namensgeber dominanter Lebenspraktiken, ist auch ungeachtet seines literarischen Auswurfs keine besonders erfreuliche Erscheinung in einem Zeitalter der Aufklärung, der Selbstermächtigung des Menschen. In der zugleich ein Schlaglicht auf die Rückseite aller edlen Bestrebungen gerichtet wird. Diese Dichotomie begleitet den Westmenschen seither offengelegt, aber nie völlig eingehegt. Im besseren Falle laben sich Künstler*innen an der offenen Wunde und veredeln den dunklen Nektar zu scharfen Monumenten der Verstörung, Spiegeln des Unerträglichen, Landkarten der Ausweglosigkeit. Damit niemand im flachen Wohlsein verdämmern muss. Da sind wir schon beim vielgestaltigen Wirken von Lydia Lunch, 1959 als Lydia Anne Koch in Rochester geboren. Ihre Karriere startete 1977 mit Teenage Jesus and the Jerks, bevor sie in rotzigem No Wave als Solistin durchstartete (und bis heute aktiv ist). Mit Big Sexy Noise gabs in den 2000ern eine weitere Band und Zusammenarbeit mit Musiker*innen aus allen Bereichen ständig sowieso. Daneben Film, Buch und Spoken Word. Und trotz aller musikalischen Einbettung ist Lydia Lunchs aktuelles Album Marchesa am ehesten als Spoken Word zu rezipieren. Und das bleibt eine Herausforderung, die mit ebenso zurückhaltender wie herrischer Geste vorgetragen wird. Ein paar Lektionen der Finsternis.


Maulgruppe, Tiere in Tschernobyl

Jens Rachut, das möchte ich mal feststellen, ist seit Jahrzehnten einer der besten deutschsprachigen Songschreiber. Auf diesem Album ist das konkreter denn je, auch wenn die altgewohnte Vertracktheit der Rachutschen Wortschmiede weiter im Raum steht. Der dringliche Sprechgesang trifft hier auf heftig pulsierenden Noisepunk, der wuchtig abgeht. "Ein Ausflug auf der Kratzbürste" (Visions). Langweilig ist nie, was Jens Rachut macht. Dazu kommt seine musikalische Neugier, die seine Vorstellung von Punk in immer neue Richtungen lenkt. Orgelsounds musste sich Hörer*in ja bekanntlich schon aussetzen, das neue Trio Maulgruppe ist auch ziemlich elektronisch geraten und geht dabei drastisch ab.Dafür sorgen Frank Otto und Markus Brengartner mit dem Yass/Kurt resp. Ten Volt Shock-Hintergrund, die amtlich Gitarre und Schlagzeug spielen. Das ist wie stets keine Unterhaltungsmusik, aber voller grosser, bitterer Momente. Selbstmitleid trinken muss mensch an einer anderen Theke.

 


Josefin Öhrn + The Liberation, Sacred Dreams

Etwas unscharf nennt Josefin Öhrn ihr Genre Psychedelic Shoegaze. Den hat sie aber, zusammen mit Fredrik Joelson, hier neu justiert. Weniger Fuzz, mehr Synthies bestimmen die durchhörbaren Songs, über denen Öhrns ätherische Stimme zum Tragen kommt: Hier sind Traumschamanen am Werk, die manchmal auch ziemlich abgehen.

 


Orsak:Oslo (same)     

Ganz im Stil der Gegenwart veröffentlichten Orsak:Oslo ihre ersten Alben nur digital. Für FreundInnen physischer Tonträger kompilierte das Duo, das inzwischen zum Quartett angewachsen ist, eine feine Auswahl ihrer Musik zu diesem sozusagen Debutalbum ohne Titel.Postrock ist das Genre, das hier gekonnt, mit Melancholie und Wucht bedient wird.Gesang können andere womöglich besser, deshalb wird er hier ohne Nachteil weggelassen. Orsak:Oslo überzeugen mit ihren episch-differenzierten, aber nicht langatmigen Stücken, die gerne auch mal ins Psychedelische abdriften.

 


Amanda Palmer, There Will Be No Intermission

Amanda Palmer (ex-Dresden Dolls) ist zwar eine rastlose Künstlerin, aber auch bereit, Ideen ihrer Unterstützer*innen einzubeziehen. Das zeigt sich auch im crowdfunding-finanzierten aktuellen Album. Sehr Privates, aber auch der Zustand der Welt findet seinen Niederschlag im ihrem unverwechselbaren Musikkosmos. Kurze instrumentale Zwischenspiele sorgen für Erholungspausen im Sog des von grossen Gesten geprägten Albums. Zwischen Vaudevilleklängen, Zirkusmusik und aufrauschender Klavierballade verweigert sich Amanda Palmer wie gewohnt der üblichen Radiotauglichkeit.


Pascow, Jade

Jetzt, da Pascow milde geworden sind, können wir sie auch ZORES HörerInnen zumuten. Ha, nur ein Scherz. Aber es stimmt schon ein bisschen. Offen für Neues zu sein ziert aber auch das Publikum. Zumal Pascows neues Album Jade jederzeit abwechslungsreich Finten setzt und Haken schlägt. Der Gimbweiler Vierer zeigt sich gut aufgelegt wie je und grüsst auch gerne die Guten wie Crass. Wer freilich ein Album, aus einem Guss durchgeknüppelt erwartet hat, muss gewisse Abstriche in Kauf nehmen. Aber das ist gut so. Mittelmass ist manchmal keine Lösung, hier schon gar nicht. Weniger kryptischen Scheiss als vorher wollten Ollo Pascow, Botho Iommi, Flöter und Alex Pascow machen, aber das ist ihnen vielleicht nicht völlig geglückt. Geschenkt. Die grundlinke Haltung steht und der musikalische Rahmen ist weit, aber straff gespannt. Raffinesse und Eingängigkeit gehen hier Hand in Hand und legen einen hoch positiven Eintrag ins Schwarzbuch Deutscher Postpunk nahe. Dabei spielen Pascow seit Jahren schon in einer eigenen Liga, auch wenn der Alltag in Form von Broterwerb und Familienpflichten manchen Tribut fordert.

 


Jessica Pratt, Quiet Signs

Dieses dritte, arg kurze Album verarbeitet in traumschönen Melodien eine etwas disparate Phase im Leben der Sängerin. Davon ist allerdings kaum etwas zu hören. Mit Matt McDermott und Al Carlson an ihrer Seite bewegen sich die Songs zwischen Dream Pop und 70´s Folk, ans Herz rührend und von unaufdringlicher Intensität.

 


Emma Ruth Rundle, On Dark Horses

Dem Drang nach Freiheit, auch von der eigenen Folk-Vergangenheit, gibt Emma Ruth Rundle auf ihrem 4. Album konsequent nach. Mit grosser Intensität eröffnet sie neue Klangräume, ohne ihre Wurzeln völlig ausser Acht zu lassen. Mit ihrer Band erschafft sie dabei ein ebenso abgründiges wie klangvolles Werk, das sich aller Verletzlichkeit mit Entschlossenheit stellt.   


schubsen, stühle rücken in formationen          

Schubsen, rempeln, rumtanzen – es ist jede Menge Bewegung bei Konzerten der Band im Spiel, auch wenn beim neuen Album Stühle in Formationen gerückt werden. Da ist ja auch eine Choreographie möglich. Stühle andererseits sind bei einem schubsen-Konzert ziemlich unvorstellbar, es seien denn Barhocker irgendwo weit hinten. schubsen entwickelt Bewegung, die sich aus den vier recht unterschiedlichen Bandmitgliedern speist: Friedo, Habery, Tornado und Krupski. Die alle schon in der einen oder anderen Kapelle gespielt haben und so für eine prima Mischung aus Rock, Noise, Punk stehen – was gerne zum griffigen Schlagwort Postpunk verrührt wird, das hier eben auch trifft, versehen vielleicht noch mit dem Beiwort lyrisch, denn auch die deutschen Texte sind prägenden Teil des Bandkosmos. Krupskis kantiger und akzentuierter Gesang zu erfreulich ruppiger Musik, so lässt sich das Album stühle rücken in formationen von schubsen kurz zusammenfassen.

 


Sedlmeir, Senioren gegen Faschismus

Sedlmeir, Deutschlands härtester Schlagersänger ist zugleich ein einsamer Kämpfer für den den Lichtstrahl im Dunkeln. Er kennt das alles und macht Geschichten daraus, die sich reimen und ist gewillt, die Lebensfreude nicht perdu gehen zu lassen. Mit seinem rauhen Charme zaubert er aufs Neue unaufdringliche Lieder, die doch eine Menge Welt in sich tragen. Diese Lieder haben das Talent zum Ohrwurm, sie wenden sich gegen den Stumpfsinn, ohne in platten Wendungen steckenzubleiben. Wenn ich mal träumen darf: Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn beim Bier in der Kneipe nebenan in der Jukebox Sedlmeir-Songs laufen würden.


Show me the body, Dog Whistle        

Äusserst angefressen, angekotzt und alles andere als klangsatt: Die NY Band Show me the body machen keine Musik zum Wohlfühlen. Wie auch? New York zeigt nur exemplarisch den Kampf Reich gegen Arm, der längst auch in Deutschland angekommen ist und was zuerst runterfällt sind die Nischen, die Brutplätze für kommerziell weniger taugliche Ideen. Ohne die Situation von Alleinerziehenden, Rentner- oder Hartz4-EmpfängerInnen schönreden zu wollen. Show me the body, seit ein paar wenigen Jahren am Start, legen mit Dog Whistle ihr meistenteils rasantes, hingefetztes 2. Album vor. Thema: siehe oben. Die Hundepfeife ist bekannt, aber bekanntlich können auch Menschen diskret abgerichtet werden, zumeist ahnungsarm ihren Interessen entgegen zu handeln. Mit stark verdichtetem, rohen Lärm treten Show me the body dagegen an. Dabei sind sie nur zu dritt: Julian Cashwan Pratt (voc, banjo), Harlan Steed (b), Noah Cohen-Corbett (dr). Ihr habt das Instrument bemerkt? Das ansonsten so schön schrabbelig klingende Banjo hat hier eine ziemlich schrottigen Auftritt, inmitten der Bestandteile Sludge, Rap, Noise, die sich zu einem krätzigen Punk/HC Gebräu vereinen.


Sleater - Kinney, The Center Won´t Hold                        

Die Mitte, die nicht gehalten werden kann, ist auch das Bandgefüge selbst. Schlagzeugerin Janet Weiss ist nach Abschluss der Aufnahmen ausgestiegen. Die Sängerinnen und Gitarristinnen Corin Tucker und Carrie Brownstein sind geblieben, hatten sich für das Album zuvor aber der Unterstützung von Annie Clark aka St. Vincent versichert, die der Musik einen neuen Dreh ins Glitzernd-Künstliche verschafft. Ein Rundumschlag gegen die herrschenden Verhältnisse bleibts aber so oder so. Sleater-Kinney haben sich auf ihrer neunten Platte für die Veränderung entschieden, die das rastlose Künstlerleben mit sich bringen kann. Raus aus der Komfortzone, auch wenn die eher eine Nische war. Sleater-Kinney bleiben musikalisch nicht am gewohnten Platz, sondern suchen neue Herausforderungen. Der kritische Blick auf die Welt ist geblieben, aber wird jetzt eingerahmt durch ein Arsenal an Synthies und Störgeräuschen. Aus den Grrrls sind Frauen geworden, die ihre Erfahrungen gesammelt haben und jede Menge musikalische Praxis. Das ist, auch in dieser geänderten musikalischen Ausrichtung, in jeder Gesangszeile deutlich zu hören. Hinter dem schönen Schein verbirgt sich die stöhnende und ächzende Maschinerie, die diese Welt antreibt und diese Anwesenheit ist ständig zu hören, darüber wollen auch die gewohnt feinen Melodien nicht hinwegtäuschen. Keine runde Sache, wie auch?


Sneaks, Highway Hypnosis

Highway Hypnosis – das klingt nach einem Fall für Kraftwerk. Aber eine Autobahn ist kein Highway, auch wenn die mantraartig vorgetragenen Worte des Beginns eine falsche Fährte nahelegen. Denn Eva Moolchan biegt gleich wieder ab, sie hat ja keine Zeit für die Langstrecke. Wie es geht? Jedenfalls nicht episch. 13 Songs in 28 Minuten, das schafft sonst fast nur Crust. Trotzdem nicht unerwartet. Die Bassistin mit dem Künstlerinnennamen Sneaks kommt ja immerhin vom Punk her. Ein eigener Planet, verfertigt aus Skizzen und Fragmentiertem: So liesse sich Highway Hypnosis von Sneaks aka Eva Moolchan deuten. Aber auch skizzenhaft anmutende Zweiminüter können in sich erstaunlich geschlossen sein. Hier ist jedenfalls nichts Überflüssiges dran, kein Schnickschnack, kein Bling Bling. Manchmal klingts nichtmal richtig ausgearbeitet, ist schon Schluss, wo andere erst richtig loslegen. Manchmal ist das sogar schade. Aber in einer Welt des Mehr ist nicht genug ist das vielleicht  die bessere Strategie und dafür gibt’s eine unaufgeregte, etwas nölige Stimme mitten zwischen  Singalong und Rap auf merkenswert feinen Melodien. Highway Hypnosis ist Sneaks 3. Veröffentlichung und ihre bislang „ausuferndste“. Minimalismus in Abgrenzung zum allfälligen Rockismus ist die Strategie, die auf Spass keinesfalls verzichten will. Der Witz ist natürlich auch, dass alle Musik bei ihrer Luftigkeit einen kompakten Kern besitzen soll. Und wenn dieser Kern auch keine unmittelbare politische Aussage trifft, so ist das ganze Projekt Sneaks doch eine. Als woman of colour, als queere, feministische Musikerin schafft sie sich einen eigenen Raum in einer nach wie vor patriarchalisch ausgerichteten Welt. Und wie dieser beschaffen sein sollte, davon erzählt der bunte Genre-Mix auf Highway Hypnosis auch ohne Parolen eine Menge.


Vouna (same)                      

Im Westen des nordamerikanischen Kontinents zieht sich die kaskadische Gebirgskette die Küste entlang, sie erscheint mir (und anderen) wie der genius loci zum aktuellen Album von Vouna. Auch wenn Vancouver und Seattle in dieser Region liegen, Grosstädte und vielleicht überhaupt die Menschen erscheinen da fern. Nur die elegische, wo nicht gar kummervolle Stimme von Yianna Bekris ist übriggeblieben, zusammen mit Instrumenten wie Gitarre, Bass, drums und Synthesizer, die sie praktischerweise gleich mitspielt. Vouna ist das aktuelle 1 Frau-Projekt einer Künstlerin, die auch anderweitig ziemlich aktiv ist (zB in den Metalbands Eigenlicht und Sadhaka). Vouna ist das griechische Wort für Berge (soweit ich das recherchieren konnte) und die ebenso gleichmütige wie erhabene Natur Kaskadiens wird hier zur Leinwand. Metal ist natürlich das Genre, und Aufnahme und Produktion fanden bei den Brüdern Weaver von Wolves In The Throne Room statt, was natürlich auch schon ein Statement ist. Nur handelt es sich bei Vounas Musik  nicht um (atmosphärischen) Black Metal, sondern um die wesentlich nischigere Richtung Funeral Doom (est. 1990er Jahre, Winter, Thergothon). Somit geht das Aggressionspotential dieser Spielart gegen Null, das Tempo auch. Dafür wird das Ohr durch weitläufige, orchestrale Synthieflächen mehr als entschädigt. Und ein paar Einsprengsel härterer Art werden bei Vouna auch geboten, aber auch Anklänge an griechische Volksmusik.

 


Voodoo Jürgens, ´S Klane Glücksspiel          

Austropop hat seinen Lauf, aber das Wiener Liedgut sitzt lieber im Beisl und wartet. Es wird ja ohnehin gebraucht, allem Feschismus zum Trotz. Denn sie sind ja alle noch da, die Abgehängten und Rumtreiber, die Tachinierer, die Taxler und die, die auch beim kleinen Glücksspiel keine Trümpfe ziehen. Und dann kam David Öllerer und nahm das Wienerlied fest in den Arm. Und liess es nicht mehr los. Nach Ansa Woar ist jetzt Voodoo Jürgens´ ´S Klane Glücksspiel erschienen und macht viel Freude. Freude ist ja das, was die Beteiligten in Voodoo Jürgens Liedern nicht so oft abkriegen. Grund, sich die Welt schön zu saufen gibt es genug und kann ja auch gar nicht früh genug damit angefangen werden. Hier kann keiner seinen Namen tanzen oder hat es jedenfalls längst verlernt, denn vor dem Absturz ist fast niemand gefeit. Ja, Arme wie Reiche dürfen unter Brücken nächtigen, weshalb das gerne verboten ist. Dem Einen macht das nichts aus. Aber noch, gerade eben noch, ist es nicht so weit und im Beisl an der Ecke brennt noch Licht, wartet flüssiger Trost und spielt eine ganz unfesche, aberlustige Musik.


Chelsea Wolfe, Birth of Violence

Das ist seit 2013 das vierte Album von Chelsea Wolfe, das wir Euch hier in ZORES vorstellen und es wird nicht langweilig. Nach Pain Is Beauty, Abyss und Hiss Spun nun also Birth of Violence. Nein, direkt anheimelnd und hoffnungsfroh gehts hier nach wie vor nicht zu, auch wenn sich Wolfe nun aus der kauernden Stellung des letzten Albumcovers hoch erhoben hat. Das Lagerfeuer glost immer noch düster, die Nacht ist finster und weltverschlingend. Auf Birth of Violence, ihrem sechsten Studioalbum, gehts zurück zu den Wurzeln. Sehr folkig, sehr fein und minimal instrumentiert, steht hier Chelsea Wolfes Stimme im Mittelpunkt, wo auch sonst.


Xiu Xiu, Girl with Basket of Fruit

Forget, das letzte Album von Xiu Xiu, galt doch als einigermassen verträglich. Nun hat Jamie Stewart das Ruder wieder einmal herumgerissssssen. Girl with Basket of Fruit heisst das aktuelle Werk und verheisst somit zunächst kunstgeschichtlich Schönheit und Wohlsinn. Hat sich aber was damit. Denn: Boy turns to girl. Wobei der Obst präsentierende Knabe auf Caravaggios Gemälde sich bei aller Lebensfreude schon auch in einem Dunst von Missbrauch bewegt haben mag. Und das Obst verdirbt bereits, auch wenn sich noch keine Made zeigt. Ein Mädchen mit Fruchtkorb dagegen schwebt ohnehin in Gefahr. Jederzeit. Das ist eine Lektion, die wir gelernt haben könnten und die unnötig zu machen ein wichtiges, dringendes Ziel sein muss. Heftigkeit selbst noch in den brüchigsten Momenten war immer schon ein Element, das die Musik von Xiu Xiu charakterisierte und das Publikum vor Herausforderungen gestellt hat. Hier, bei Girl with Basket of Fruit, hat Jamie Stewart mit diversen Mitstreiter*innen wieder mal ein Schippchen draufgelegt in Richtung permanentes Chaos.