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Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten Jeden 1. Dienstag im Monat 21 - 24 Uhr bei Radio Z 95,8 MHz |
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Liturgy,
Aesthetica
Thrill Jockey, 2011 - 12 songs, 68 Min. Kopfüber
kopfunter... Für
Hunter Hunt-Hendrix, die kreative Kraft hinter den
a n d e r e n Liturgy, spielt seine Band Black Metal. Übrigens,
wie Wolves In The Throne Room, bevorzugt in Alltagsklamotten. Die
Realitäten müssen strapaziert werden, die Erwartungen
unterlaufen. Da ist es folgerichtig, dass das Album Aesthetica,
ihr zweites, bei Thrill Jockey erscheint, no home of metal, wie
ihr wisst. Sprengkraft und Beharrlichkeit gehen indes eine
kraftvolle Gemeinschaft ein, gute Voraussetzung für Musik, die
auch immer wieder irritiert. Die Sehnsucht nach ästhetischer Auslöschung
ist ja eine der Triebfedern von black metal. Sie wird nur immer
wieder und auch hier konterkariert von der Lust am
erfindungsreichen Erschaffen des Immerähnlichen. So auch hier.
Tremolierende Gitarrensounds fressen sich fest und werden
geschreddert, was enorme Energien freisetzt. Drums rasen. Die
Stimme kreischt. Die perfekte Leere ist angefüllt mit Schall und
Hall und ein bisschen auch Wahn. Was auch sonst? In der Loge sitzt
Glen Branca und zeigt zwei Finger nach oben. Und dann gehts auch
in die Höhe, die Klänge werden dünn und magisch, beinah
durchscheinend. Und stehen erneut in Flammen purer Energie.
Hunt-Hendrix heulender Gesang setzt noch eins drauf an dringlichem
Furor und das Staccato der Soundpatterns legt die Reste letzter
Nerven frei. Es sind Posen, die nachgestellt werden, es finden
sich Nachklänge von Filmmusik und spätromantischer Symphonik in
diesen Stücken, die so von Energie geflutet sind, das sie darin völlig
aufzugehen scheinen. Aber es bleibt immer ein Rest, ein Spiegel,
in dem das Andere aufscheint. Dann singen die Männerstimmen einen
Choral. Rohe Physis und diskrete Anspielung: das Album Aesthetica
von Liturgy spielt munter auf der Bedeutungsschiene, auf der das
Genre unbeirrt einherrollt. Ein Etikett wie Post Black Metal macht
die Posse aus Hunter-Hendrix (voc, git), Bernard Gann (git), Tyler
Dusenbury (b) und Greg Fox (dr) in der traditionsverhafteten
community nicht eben beliebter. Aber das macht dieser
grossartigen, inspirierenden und zu Zeiten nervenden Musik nichts
aus. Und eine der verwirrenden Eigenheiten von metal war und ist,
dass eine so grundkonservative Sparte Musik leichter Verbindungen
zu Avantgardistischem aller Art einzugehen scheint als sonst eine.
So auch hier, in Grenzen. Die Offenbarung findet sich in der
Intensität und Erleuchtung in ihrer finalen Aufhebung. Anspieltipps:
High
Gold, Tragic Laurel, Helix Skull, Red Crown, Glass Earth, Harmonia Hans
Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.11.2011 |
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PlanningToRock, W
DFA, 2011 - 12 Songs, 50 Min. „W“: DoubleYou…der Buchstabe ist noch anders in Erinnerung und hier, als Titel, findet er sich wieder. Verdoppel dich, also wohl Ms Janine Rostron und da PlanningToRock, das (nicht nur) hybride Überwesen. Aber doch keine Spaltung wie bei Jekyll & Mr Hyde, sondern eine synästhetische Ergänzung, getränkt in tiefes, unergründliches Blau. Damit sind wir beim neuen, dem zweiten Album, von PlanningToRock. Es zeigt keine Scheu vor satten Streicherarrangements, Disco, Minimalmusic und (Bariton-)Saxophon, um das vorwegzuschicken. Nun, PlanningToRock wurde auch schon als Boltons (Rostrons Geburtsort) Antwort auf Grace Jones apostrophiert und es ist auch kein Zufall, dass es auf James Murphys Label DFA erschienen ist, wobei Ms Rostron bei der Produktion sehr freie Hand hatte. So ist W ein sehr persönliches, monumentales Werk geworden. Was nicht bedeutet, das nicht auch Verletzlichkeit zu finden wäre - hier aber wird sie gewendet und wird zur Kraftquelle. Vor allem unerschrocken ist PlanningToRock, nicht nur hinter ihrer Maske, die nicht einmal mehr androgyn ist. W ist weit draussen, ein Planet für sich und dabei nicht zuletzt mit allen Verwandlungen und Verzerrungen ihrer Stimme, doch ganz nah. Und die tracks entwickeln eine Wucht, einen Sog, ziehen auf den Dancefloor. Sie gehen ins Ohr und in die Beine zugleich. Sie sind manchmal etwas verhangen oder etwas düster, aber daraus erwächst ja für mich die schönste Euphorie. Der Vergleich liegt nahe - Mens Talk
About Body vs PlanningToRocks W: Und er fällt für mich
musikalisch zu Gunsten PlanningToRocks aus. Dabei sind die
musikalischen Mittel ziemlich ähnlich und die beats auf W womöglich
noch abgehangener. Aber sie werden mit einer besonderen Spannung
gefüllt, die nicht nur der offensichtlichen Anciennität
geschuldet ist. Das muss sich mensch schliesslich auch erstmal
trauen, so tief in die 1980er Jahre einzutauchen und auch noch mit
einem verrufenen Saxophon wieder hervorzukommen. Aber das
musikalische Material wird von Janine Roston auch noch zwingender
arrangiert, klingt weniger poliert, sondern vor allen unergründlich.
Das gilt auch für ein im Prinzip schlichtes, um sich selbst
rotierendes Instrumental wie Black Thunder. Theatralisch ist das
Meiste auf PlanningToRocks neuem Album mit dem schlichten Titel W,
dramatisch und manchmal schmerzerfüllt. Oder verspielt und leicht
albern, wie das Eingangsstück mit der grotesk gepitchten Stimme.
PlanningToRock bietet keine Lösungen, sie bleibt strikt bei sich
selbst. Damit ist aber zugleich ein Identifikationspotential
verbunden, das in ihrer Musik zum Tragen kommt. Denn sie scheut ja
keine sogenannte Peinlichkeit, sie bindet sie ein und baut sie um
zu den ganz besonderen Songs. Planningtorock kommt "I am,
what I am", entschlossen auf die Punkte ihrer Existenz und
nimmt uns dabei an die Hand. Selbst das Saxophon hat alles
Schmierige abgestreift, seine sonoren Läufe bieten im Kraftfeld
dieses Albums einfach Halt. Anspieltipps: Doorway, Going Wrong,
The Breaks, Living It Out, #9, Black Thunder Hans
Plesch für ZORES
auf Radio Z,
6.9.2011
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Colin
Stetson, New History Warfare Vol.
2:
Judges
Constellation,
2011 - 14 Songs, 44 Min. Es
geht mal damit los, dass unsereinem der Mund aufklappt: Was ist
das? Wer hat, und wie wird das gemacht, dieser irrwitzige
Maelstrom aus rasendem, reissenden Geräusch? Nun, technisch
gesehen ist die Antwort einfach, wenn auch komplex. Colin Stetson
spielt Blasinstrumente, bevorzugt Saxophone. Er beherrscht die
Zirkularatmung, d.h. er braucht sein Spiel nicht zu unterbrechen
um nach Luft zu schnappen. Er schlagwerkt auf den Klappen des
Saxophons. Und er singt, röchelt, röhrt durch die finsteren Höhlen
seines Instruments. So, das ists im Wesentlichen. Es kommen hinzu:
eine ausgefeilte, eigenartige Aufnahmetechnik - Stetson ist
umgeben von einem Blütenkranz aus 20 mics und gelegentlich eine
weitere Stimme, hier vor allem Laurie Andersons, kühl und
hypnotisch. Ein erster Teil von New History Warfare ist vor
einigen Jahren herausgekommen. Judges, auf Constellation, ist die
Fortsetzung. Die Techniken, die der phänomenale Saxofonist Colin
Stetson für sich erschlossen hat, werden hier noch
intensiver präsentiert, ziehen HöreIn noch tiefer,
fassungsloser ins Geschehen. Und, ums nochmal zu wiederholen, es
ist ein einziger Mensch, der in einer einzigen Aufnahmesession
dieses überwältigende Klanguniversum erschafft. Die Quellen sind
weit gespannt: Techniken und Energie eines Peter Brötzmann oder
Anthony Braxton hat Stetson zumindest parat. Klassische Einflüsse
verweisen an Johann Sebastian Bach und amerikanische Minimal
Music, dazu kommt die rastlose Erschliessung musikalischen
Neulands, wie sie Jimi Hendrix und Albert Ayler betrieben haben.
Aber auch Gospel ist für ihn kein unbekanntes Terrain. Ansonsten
bewegt sich Stetson, was seine Auftritte angeht, zwischen dem
Vorprogramm von Arcade Fire und dem Festival in Moers. TV on the
Radio, Tom Waits oder Bon Iver haben ebenfalls seine Talente zu
nutzen gewusst. Bell Orchestra und Sway Machinery sind Bands, an
denen er beteiligt ist. Doch all diese Historie verblasst vor der
enormen physischen Präsenz dieses Albums, das noch in Momenten
grosser Stille vor Energie zu vibrieren scheint.
Rastlos und getrieben, zu Teilen weit von Hoffnung entfernt
und dabei von strenger Schönheit: Das ist das Feld, das Colin
Stetson mit seiner Musik für uns erschliesst. Selten klangen
Desaster so intensiv und betörend zugleich, und das mit den
geringstmöglichen Mitteln, nämlich bis auf gelegentlichen
Gastgesang allein. Ein Wirbel an Klängen fächert sich immer
wieder auf, scheint sich fraktal zu weiten, um schliesslich in der
Flut repetitiver Klänge zu ertrinken. Da findet sich kaum ein
Ruhepunkt, es sei denn eben im Cover eines Songs von Blind Willie
Johnson. Alle Farben verbleichen zu weiss, heisst es in einem
anderen Song. Nie
verblasst hingegen die sonore Wucht dieses erstaunlichen
Saxophonklangs. "...als
habe er zwei Herzen, vier Lungen und singe von zweierlei Sorgen
zugleich..." ist in einer Rezension zu lesen. Das triffts
meiner Meinung nach auf den Punkt. Stetsons Musik ist intensiv und
zugleich ausbalanciert, verstörend und zu Herzen gehend. Auf der
Basis eines Jazzinstruments wie dem Saxophon entfaltet Colin
Stetson auf Judges eine sehr eigentümliche Musik, die durchaus
Pop ist, aber auch weit mehr als das. Efrim Menuck (Godspeed/A
Silver Mt Zion) hat aufgenommen, Shazad Ismaily war Produzent und
Ben Frost hat das Album abgemischt, was den exzeptionellen Rang
dieser bewegenden Musik noch unterstreichen mag. Für mich, wie
andere auch, eins der Alben des Jahres.
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Die vorliegende Platte der großartigen Schweizer Begräbnisband heisst Wunderkammer. Die Schweizer mischen dabei wie immer verschiedenste Musikstile. DEAD BROTHERS-Sound – die ruhenden Leichenbestatter verstehen es einfach, eine Atmosphäre aufzubauen, die vielleicht im ersten Moment etwas schwermütig erscheinen mag, aber sicher lebensbejahender, warmherziger und fröhlicher ist als Musik, der man ansonsten sofort eine positive Grundstimmung zuschreiben würde. Wenn zu Tode betrübt sein auch mal richtig Spaß macht, dann sicher bei den DEAD BROTHERS, die hier eine wirklich nette vierte Platte gemacht haben, die vor wunderbaren Einfällen und faszinierenden Details nur so zu platzen scheint. Erschienen ist Wunderkammer bei Voodoorhythm. |