Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Altın Gün, Garip

Glitterbeat, 2026 - 10 Songs, 44 Min.

Und nun erneut zu einer Grammy-nominierten Cover-Band aus den Niederlanden... Soviel wahrhafte   Irreführung darf mal sein, wenn es um Altın Gün geht und ihr neues Album Garip. Und damit um europäische Einwanderungsgeschichte, um den Reichtum anatolischer Musik, um kulturelle Aneignung, gelingendes Miteinander und viel Spass. Eigentlich reichen schon die Fakten, um eine faszinierende Band zu beschreiben. Der amsterdamer Bassist Jasper Verhulst war von türkischer (Rock-)Musik fasziniert und suchte 2016 Mitspieler mit anatolischen Wurzeln um seiner Leidenschaft vertieft nachgehen zu können. Daraus formierte sich Altın Gün (Goldene Tage) mit ihrer grossartigen Mischung aus Folk, Rock und Psychedelik auf Grundlage türkischer Musik - ebenso authentisch wie kunstvoll verspielt.  Erdinc Ecevit (vocals and keyboards), Thijs Elzinga (guitar), Jasper Verhulst (bass), Daniel Smienk (drums), Chris Bruining (percussion) legen mit Garip ihr 6. Album vor. Leider fehlt durch den Ausstieg der Sängerin Merve Dasdemir eine klangvolle Stimme, aber dafür gibts zusätzlich Orchesterklänge. 

Garip bedeutet soviel wie „seltsam“. Aber zumindest für meine Ohren klingen die Sounds auf diesem Album nicht so. Seltsam finde ich es eher, dass ich die lange in Berlin lebende Musik-Legende Neşet Ertaş nicht kannte, einen Mann, den die UNESCO noch zu seinen Lebzeiten (er starb 2012) zum „living human treasure“ erklärt hat. Ihm und seinem Schaffen ist nun, im Einverständnis mit seinen Erben, dieses reichhaltige, von Herzen kommende Album gewidmet. Ertaş wusste, was es bedeutet, die Dekaden zu vereinen. Hatte der zwischenzeitlich in West-Berlin beheimatete Sänger, Texter und Bağlama-Virtuose doch seit Ende der 50er-Jahre rund 30 Alben (oft als Cassetten) veröffentlicht. Und so wird seine Musik - auf Youtube finden sich genug Beispiele seines Schaffens - hier in Rock´n´Roll, Spacefunk mit Weltraumorgel und groovenden Psychedelica getaucht, was ihr einen frischen Anstrich verleiht. Aber so dringend ist der gar nicht nötig. Altın Gün öffnen auf Garip jedenfalls eine musikalische Schatzkiste. Und machen daraus unverschämt frisches Hörvergnügen.

Anspieltipps: Neredesin Sen, Niğde Bağlari, Benim Yarim, Bir Nazar Eyledim        

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.5.2026


V.A., A Selection of Music from Libyan Tapes  

Habibi Funk, 2025 - 15 Songs, 71 Min 

Zum Folgenden kann ich nun gar nichts sagen. Ich will nur den Enthusiasmus und die Findigkeit bewundern, mit der hier Cassettenmusik aus Libyen gesammelt und einem hörbegierigen Publikum präsentiert wird. Habibi Funk, betrieben von Jannis Stürtz und Malte Kraus, hat sich auf Popmusik aus dem arabischen Raum spezialisiert. Mehr als 30 Veröffentlichungen verweisen auf den enormen musikalischen Reichtum dieser Weltregion. Das Interesse gilt der Wiederveröffentlichung einzelner KünstlerInnen ebenso wie meist geographisch zentrierten Compilations wie dieser hier.

Zu finden ist auf A Selection of Music from Libyan Tapes Musik von den 1980ern bis zur Jahrtausendwende. Wie betont wird liegt der Fokus nicht unbedingt auf den Hits, sondern hier finden sich übersehene Tonjuwelen und MusikerInnen, die über ihre Heimat hinaus kaum bekannt waren. Musikalisch reicht die Spannweite von Reggae und Synthie Disco Pop bis zu House und Funk, ein Beispiel für die eklektische Musikkultur Libyens in politisch schwierigen Zeiten. Die Musik scheint darüber hinwegzusehen und sich ein privates Stück Lebensfreude erobern zu wollen. Vielleicht findet sich aber auch Kritisches unter der verspielten Oberfläche. Ich weiss es nicht. Aber auf alle Fälle dürfen wir jetzt auch zuhören.  

Anspieltipps: Cheb Bakr, Allom - Shahd, Erhal Keef Alsham Tgheeb - Stars of Africa, Baed Alfarha - Khaled Al Reikh, Zannik - Murad Najah, Hubbi Leeki - Adil Al Ramli, Mawoud

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.5.2026


Bobby Conn, Bobby´s Place 

Tapete Rec., 2025 - 3 + 6 Songs, 40 Min.

Bobbys Platz ist irgendwo im Nirgendwo neben dem Kaninchenloch im 2. Souterrain auf der Himmelsterrasse nahe dem Blauen Planet hinter dem Mond gleich links. Dort hat er einen Hutladen. So ist das mit Bobby Conn.

Dass sein neues Album Bobby´s Place dann aus Seite A und Side One besteht ist von daher zielführend. Aber das ist kein Zeichen einer gespaltenen Persönlichkeit, auch wenn es im letzten Album um Gesundheit ging. Bobby Conn selbst macht den Unterschied. Es ist eben alles da: Glamrock und Kritik, Songwriting und Performance. Und keine Angst vorm Scheitern.

Bobbys Place ist am Anfang ein lauschiger Balkon hoch über der Erde, wo die Musik farbig halluziniert und gelöst vor sich hinträumt. Nach 20 Minuten wird in die Erde hinabgezoomt. Eine Sitcom zeigt Bobby, den umtriebigen Geschäftsmann, wie er mit einem Laden nach dem anderen... nun ja, scheitert. Und weitermacht, gutgelaunt und in einem bonbonfarbenen Jacket serviert er drinks und macht die Nägel und hat billige Zigaretten. Schade, das der amerikanische Traum ausgeträumt ist. Die Musik ist es nicht, knallbunt und in schimmerndes Chrom eingefasst. An Bobby conn es nicht gelegen haben....

Experiment und Exzess sind tragende Elemente im langjährigen brillanten Wirken von Mr Conn, die sich besonders in liveshows entfalten. Auf einem Tonträger wirkt es manchmal etwas überkandidelt, aber dennoch hat Tapete Records wieder alles richtig gemacht. Bobby´s Place ist ebenso absurd wie persönlich. "Ich wollte ein Album machen, das sich wie Fernsehen anfühlt - aber mit der Emotionalität eines Traums", sagt Bobby Conn selbst. So folgen der musikalischen Landschaft des Beginns sechs ziemlich überkandidelte Glam-Rock-Stücke. Es ist schwer, sich da nicht gleich besser zu fühlen (wie es in einem Song heisst). Obwohl, allzu nah sollte niemand da dran rühren, sonst fallen die Glasaugen aus den leeren Augenhöhlen des Totenkopfs. So ungefähr darf sich das unsereins wohl vorstellen, wenn der funkelnde Glitzer von den Attrappen des schönen Scheins gekratzt wird, auf die er aufgeklebt war. Sei´s drum. Mit Booby Conns immer etwas überdrehten Gesangskünsten hat das nichts zu tun. Nur mit der schnöden Wirklichkeit.

Anspieltipps: Wretched, Bobby´s Place, Never Felt Btter, Nostalgia   

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.5.2026


The Dwarfs of East Agouza, Sasquatch Landslide                                                           

Constellation Rec., 2025 - 7 tracks, 42 Min.

Bei einem landslide = Erdrutsch ist viel in Bewegung. Dinge werden verschüttet, anderes wird freigelegt, Staub wirbelt hoch, womöglich schwappt Wasser und der Boden zittert und brüllt. Die Natur macht hier ihre Musik und die ist nicht unbedingt für uns Menschen gemacht. Durchaus anders im Fall der Dwarfs of East Agouza und ihrem Sasquatch Landslide. Wobei ich an dieser Stelle gleich ein paar Feststellungen treffen muss. Die Zwerge sind gar nicht so klein. Sie sind vielmehr in allerlei musikalischen Künsten bewandert. Sam Shalabi, Maurice Louce und Alan Bishop lebten alle 2012 in einem Gebäude in Kairos Agouza-Bezirk und beschlossen, alsbald zusammen Musik zu machen. Improvisation, Percussion Loops, Krautrock und Psychedelica waren die Basis, auf der sie ihre Klänge entwickelten. Die von den Titeln her immer einen gewissen Naturbezug aufwiesen. Hier ist es Sasquatch, der sagenumwobene Bigfoot. Und grosse Spuren hinterlässt für die, die sie zu lesen (und Hören) versteht, auch die fluide Musik der Dwarfs of East Agouza.

In vieler Hinsicht ist die Musik der Dwarfs of East Agouza Weltmusik. Von den vielfältigen Einflüssen her, die westliches und östliches kurzschliesst, vom Gründungsort in Kairo, den aktuellen Aufnahmen in einem Berliner Studio, dem kanadischen Label und einer aktuellen live-Aufnahme aus Shenzen (China) ziehen sich Fäden und Spuren über die Kontinente. Getragen von E-Gitarre, Keyboards, Electronica, Saxophon, Gitarre und gelegentlichem Gesang. Organisch wirkt, was sich so an Musik entwickelt. Immer etwas in der Schwebe, etwas wuchernd, nicht ganz erfassbar, traumverwoben. Dabei gibt es immer wieder auch Dramatik und überwältigende Momente von schöner Wucht. Die akustische Lawine wirbelt Tonflimmer genaus so hoch wie massive Klangbrocken ins Ohr. Wer sich ein bisschen auf psychedelische Improvisationen einlassen mag, ist hier gut bedient. 

Eine Frage bleibt: War es wirklich Sasquatch, der die Klänge hier in Bewegung gesetzt hat? Ihr unaufhörliches Wirbeln vorangetrieben, ihre stillvergnügte Seltsamkeit ins Rotieren gebracht hat? Sasquatch bleibt der Schrödingersche Joker hier im Spiel der Sounds.

Sasquatch ist ein Phantom, das grosse Spuren hinterlässt. Hier steckt womöglich Captain Beefheart im zotteligen Sasquatch Kostüm. Und wenn nicht, hätte er seine Freude am naturverbundenen Konglomerat schräger und schöner Töne.

Anspieltipps: Saber Tooth Millipede, Neptune Anteater, Goldfish Molasses

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.5.2026 


SANAM, Sametou Sawtan  

Constellation, 2025 - 8 Songs, 40 Min.

Stimme(n) hören hat keinen so guten Ruf. Es sei denn, die Stimme der Inspiration... Aber woher bezieht diese ihre Worte, Vorstellungen, Phantasmen? Jedenfalls bedeutet Sametou Sawtan genau das: Ich hörte eine Stimme. Und daraus macht das Libanesische Sextett SANAM bezwingende Musik, in der Vieles zusammenkommt.

SANAM stammen aus dem gerade wieder sehr geplagten Libanon. Ungeachtet aller zum Teil selbstgemachten Probleme existiert da immer noch eine brodelnde, experimentierfreudige Musikszene, der auch die Mitglieder dieser Band verbunden sind. Sandy Chamoun (Gesang), Antonio Hajj (Bass), Farah Kaddour (Buzuq), Anthony Sahyoun (Gitarre, Synthesizer), Pascal Semerdjian (Schlagzeug) und Marwan Tohme (Gitarren), wurden auf ihrem zweiten Album vom Produzenten Radwan Ghazi Moumneh (Jerusalem In My Heart) unterstützt. Hans Joachim Irmler von Faust hatte die sechs anlässlich eines Festivals in Beirut 2021 zusammengebracht. Ein bisschen ist damit schon der Klang der Musik vorgegeben. Aber in ein einschlägiges Schema lässt sich die Musik schon mal nicht drängeln. Sie entfaltet eine ganz eigene Kraft und Wucht.

Aber zurück zur Stimme, die sich hat hören lassen. Es ist eine Stimme, die inspiriert, aber auch von Verlusten spricht. Von einem geschundenen Land, das jede, die es sich leisten kann verlässt, aber auch von der nicht zu bändigenden Kraft der Inspiration, die sich nimmt, was sie braucht, woher auch immer. Es ist ja alles da, Krautrock und arabische Musik, westliche Pattern und östliche Melismen, Riffs und Versunkenheit, Drones und Ekstase. Die sechs MusikerInnen verschmelzen das mit aktuellen Texten und Versen des legendären persischen Dichters Omar Khayyam zu einer bezwingenden, gerne hypnotischen, auch kantigen und mit enormer Detailfülle fesslnden Musik. Dem Klang dieser Stimme, verkörpert von der phantastischen Sandy Chamoun, höre wiederum ich gerne zu.

Anspieltipps: Harik, Goblin , Hadikat Al Ams, Hamam

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.5.2026


Fauna, Taiga Trans 

Glitterbeat, 2026 - 8 tracks, 43 Min.

Wachsen in der Taiga Pilze? Das habe ich nicht recherchiert. Wir können unseren Blick (und unsere Ohren) dafür nach Schweden richten, wo ein musikalisches Kollektiv ähnliche Erfahrungen bei uns hervorrufen will, wie sie nach Pilzgenuss sich manifestieren könnten. Aber ohne auf einen bad trip zu geraten, eher in kosmische Weiten und vielschichtige Harmonien. Fauna, eine vielköpfiges Bandwesen, hat mit Taiga Trans sein erstes, reichlich hypnotisches Album vorgelegt.

Es ist eine ziemlich grosse Gruppe, die sich da zusammengefunden hat. Angefangen hat es mit Gitarrist Tommie Ek und Bassist Ibrahim Shabo, die tief in der Gothenburger Rockscene verwurzelt sind und mal was anderes machen wollten. Um sie scharten sich Caroline Kabat (drums), Cuneyd Kocalp (percussion), Jennie Magnusson (guitar), Ibrahims Schwester, Alexandra Shahbo (vocals) und der französiche Flötenspieler Fauna(!) Buvat.

Viele Hintergründe, viele Sprachen und Charaktere - die sich auf eine gemeinsame Reise machen wollten. Eine Geschichte erzählen, mit mächtigen Vibes. Die Welt um und in sich versinken zu lassen und dabei zu tanzen und schweben.

So wurde Fauna. Mit elektrisierenden Auftritten, halb planvoll, halb improvisierend. Mit Rückbezügen auf die grosse Zeit schwedischer Psychedelik-Bands und einer visionären Elektronik. Federnd fest auf dem Boden des Rhythmus und die Köpfe in Traumwolken aus Klang. Mit Spuren von Musik aus aller Welt im Allgemeinen und Rückgriffen auf Can und Acid House im Speziellen.

Was Pilze?! 

Ein bisschen Süchtig nach diesen treibenden und zugleich verwobenen Sounds kann ich schon hier werden, nur mit rhythmisch bewegter Luft.

Anspieltipps: en munfull sand, dunans torka, frusen mossa, du ska få se

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.5.2026


Godflesh, A World Lit Only By Dub                                                

Flesh, 2025 - 5 tracks, 46 Min.

2014, in finsteren Zeiten, veröffentlichten Godflesh das Album A World Lit Only By Fire. Nun, 10 Jahre später, in finsteren Zeiten folgte das Remix-Album A World Lit Only By Dub. Die nur durch Feuer erleuchtete Welt war ein Geniestreich an Grimm und Wut, aber noch nicht das letzte Wort. Die Welt, die nun von Dub ins Schwingen gebracht wird, erweist sich leider als voraussichtlich endgültig geformt, aber eher noch unheimeliger. 

Godflesh sind zäh, wie ja an ihrer langen Karriere zu sehen ist. Und Justin K. Broadricks Affinität zum Dub ist ja allbekannt. So existierten von einigen tracks schon lange sehr vorläufige Dub-Versionen, die nun zu voller, erweiterter Entfaltung gebracht wurden. Das Ergebnis ist definitiv Kontinente entfernt vom laid back feeling, das gerne und nicht zu Unrecht mit Dub assoziiert wird. Aber nicht erst Trip Hop hat vorgeführt, dass Dub Sounds auch eine eher unheimliche Atmosphäre schaffen können. Godflesh treiben hier das Spiel mit den Tonspuren auf sich in die Hörgänge fressende Spitze, denn das Ausgangsmaterial ist von unerfreulicher Brachialität. Was bei entsprechend veranlagten Personen Hörgenuss nicht ausschliesst. A World Lit Only By Dub walzt jedenfalls im Souterain fetter Bässe radikal mal eben alles aus dem Weg, was sich in denselben stellt. Selber schuld, wer in solchen Zeiten lebt.

Anspieltipps: Cursed By You All, Life Given Life Taken

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.5.2026

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FTBPD, Xenoglossie - Grubenwehr, 2025

Feine Trinkers bei Pinkels daheim ist seit einigen Jahren ein Soloprojekt von Jürgen Eberhard. Feine Trinkers bei Pinkels daheim war (und ist) so etwas wie die DADA-Variante des in Mord, Sex und Verfall badennden Industrial und harsh noise, worauf schon der Name zart hinweist. Andererseits wird die Klangerzeugung schon recht ernst genommen. Sehr delikat werden unterschiedliche Materiale konfrontiert und kombiniert. Atmosphärisches steht neben Geschäftigem, Rauhes und Ungeschliffenes neben fein Verwobenen. In manchen Zungen redet dieses Projekt inzwischen, einige davon verständlich, andere anregend abwegig. Herausgekommen ist diese Maxi natürlich als Cassette. Die Namen der Stücke hätte sich Eugen Egner ausdenken können: Tonstörung bei Psychosen etwa oder Austreibungsritual nach 4711.

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 5.5.2026