Zores: Musik abseits aller Hörgewohnheiten   

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Rocket / Freudental, Die Meisten Irren                                           Hafenschlammrekords, 2011 LP/CD - 11 Songs + 4 Jingles, 41 Min.

Aufm Weg von den Goldenen Zitronen zum Stadionrock in Stuttgart hängengeblieben - nein, gar durchaus wieder etabliert, zu eigener, strenger Schönheit erblüht: Rocket/Freudental, Wurzeln im Hardcore nicht zu vergessen, gedüngt später mit low-fi trash und Spuren von Country. Was dazukommt, sind rauer Minimalismus und ein Päckchen Wut. Die Sprache der sog. Provinz ist derbe, die musikalischen Vorlieben bodenständig. Und nicht zuletzt kann dort sogar dem verrufenen Hippietum Positives abgewonnen werden: Rocket/Freudental machen sich womöglich einen Spass draus, gängige Erwartungen und unterstellte Verbote zu unterlaufen. Sie kennen das.

Und sie wissen, was sie tun. Die Meisten Irren, so der Titel des aktuellen Albums von R/F steht ziemlich quer zu allerlei angesagter Musik. Es entdeckt die Freuden des Gitarrensolos für sich, auch wenn mangels eigenen Vermögens ein grandioser Gast (Hans-Jörg "Ali" Greiner) diesen Part übernehmen muss. Dafür gibts diese eigenartigen musikalisch-geräuschhaften Einsprengsel. Und die lapidaren, oft genug zeilenweise zitierbaren Texte zwischen zeitlich überdehnter Pubertät und melancholischer Gelassenheit, Rollenprosa nicht zu vergessen. André Möhl: Den Rio Reiser kann er auch. Und Schorsch Kamerun als weiterer gesanglicher Fixpunkt geht sowieso in Ordnung. Der Rest ist Eigenes, wie einer so singt ohne Anspruch auf überbordende Musikalität. Das aber klar artikuliert und in schönen geschnitzten (darf mensch das sagen?) Sätzen. Das ist unterfüttert mit Allerweltsweisheit und gerechtem Zorn, bissig auch und zuweilen poetisch. Robert Steng, der Partner im Duo, setzt darunter eben ein Fundament, das grundsoliden Rock´n´Roll ebenso einschliesst wie zugespitzten Bluesrock oder besonders zu Beginn, knackigen, knochentrockenen Punk. Ja, zum Ende zu wirds beseeligt, das sind dann auch leicht merkwürdige Instrumentaleinlagen an den Ohren vorbeigezogen. Die Meisten irren. Kein Album aus einem Guss. Die musikalische Tendenz geht letztlich zum mit Liebe bedachten Gitarrensolo. Die Texte kommen, im Guten wie im Bösen und Verbohrten, weiter von unten (cf Günter Wallraff), nähern sich dem Punkt (Kapitalismus) von allen Seiten und reimen sich zu Versen, so gut es geht.

Anspieltipps: Die Wohlgereiften Alten, Witz komm raus, Pferde, Meine Eltern haben ein Fischrestaurant in St. Peter Ording, Ich bin eine Katastrophe, Bitte warten Sie

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.5.2012 


Elfin Saddle, Devastates                                                                               Constellation, 2012 - 8 Songs, 43 Min.

Das in Eins verwachsene Vogelbündel auf dem Cover steht auch für anderes, ruft spätestens nach dem ersten Hören zumindest die Assoziation Schräge Vögel auf: Elfin Saddle haben ihr drittes Album am Start. Dessen Titel: Devastates lässt eineN auch ein wenig verstört zurück - vielleicht auch verheert und/oder schlicht umgehaun. Vom Einfallsreichtum, der Vielgestaltigkeit, dem schrägen Gesang oder hymnisch angehauchten Melodien.

Die Verheerungen, die Elfin Saddle thematisieren, liegen im Spannungsfeld von technischer Zivilisation und Natur begründet. Die Einbeziehung von klingenden Fundstücken in den wuchernden Klangkosmos des Albums verweist darauf. Und doch ist es natürlich DIY Folk der abgedrehten Sorte, voller Anmut, Hoffnung und Liebe zu klanglichen Details. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen, auch wenn es gut möglich ist, sich in den Tiefen dieser Musik zu verlieren. Aber delirierender Escapismus, wie in weirdem freefolk oder Vergleichbarem, ist nicht Sache dieser Montrealer Band. Hinter den drones, Refrains und der meist filigranen Instrumentierung stecken waches Bewusstsein und klarer Blick. Elfin Saddle besteht zunächst aus den MusikerInnen Emi Honda und Jordan McKenzie, die singen, Honda dabei auch auf japanisch und diverse Instrumente bespielen, von Gitarre und Ukulele bis zum Half-Accordion und der Singenden Säge, Schlagwerk sowieso. Dazu kommen Bassist und Tubaspieler Nathan Gage und die Cellistin Kristina Koropecki. Anfangs oft schlicht, später bedrängend und leidenschaftlich, stets funkelnd und archaisch kommen die Songs einher, die in einer leerstehenden Kapelle in der Peripherie eingespielt wurden. Alles unmittelbar Eingängige wird regelmässig auf Haaresbreite verfehlt, auch darin liegt die Kunst von Elfin Sadle. Die Nachhaltigkeit, die ein Anliegen der Band ist, eignet diesen Songs auf alle Fälle. Was in ihnen eingeschrieben ist, hat möglichen Verfall und Neuerungsmanien aufs Beste überstanden. Hört hin, hört oft und auch mal laut!

Anspieltipps: The Changing Wind, Kiboho, Chaos Hands, Invocation, In a Blanket of Leaves                

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.5.2012


Felix Kubin, TXRF                                                                                                    it´s, 2012 - 10 trx, 44 Min.

Grade gabs die proma Werkschau zum Schaffen von felix Kubin (Bruder Luzifer), schon steht Neues ins Haus. Das Album trägt den kryptischen Titel TXRF, das Cover zeigt in feiner Gestaltung ein physikalisches Phänomen. TXRF: 'Totalreflexions-Röntgenfluoreszenzanalyse'. Hinter dem Wortungetüm steckt eine Methode zur Materialuntersuchung, bei der die Röntgenstrahlen besonders flach einfallen. So ist diese Vorgehensweise, die vor allem in der metallverarbeitenden Industrie angewandt wird, besonders genau und gibt Auskunft über Menge und Art der Elemente, ohne die Probe zu verunreinigen oder gar zu zerstören. Felix Kubin hat diese Röntgenstrahlen in unterschiedlichen Varianten mit einem Filter, einem Synthesizer und einem Sequenzer kombiniert und so zehn spannende elektronische Miniaturen zwischen Spartechno und Hobbykeller produziert. So heisst es zumindest. Und wenn diese Erklärung ein Fake ist, dann jedenfalls ein adäquater. Natürlich gibts im Bereich ernsthaft betreibener elektronischer Spielereien kaum etwas, das Kubin nicht unternommen hat. TXRF bündelt denn auch ein Sträusschen feinsortierter purer Electronica. Lt De:Bug listet die Multielementanalyse mindestens folgende Spuren aus: Inländischer Pyrolator, Kontakt zu Stockhausen, Kraftwerk in 2D, der Geist von Zero Gravity, ein Tick Detroit, ein Trick Pink Floyd...kurz, ein kleines Manual abstrakter elektronischer Genres, das konsequent in freiem Spiel von Elektronen endet.

Anspieltipps: Total (2) Reflection (1), Reflection (2), Fluorescence

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.5.2012


Static, Freedom of Noise                                            Karaoke Kalk, 2011 - 10 tracks, 47 Min.

Statics neuestes Album Freedom of Noise wird mit einiger Verspätung nachgereicht, ist aber auch mit Abstand spannend und hörenswert. Das mal vorweg.

Static ist das Soloprojekt des hoch umtriebigen Hanno Leichtmann, den ganz alte ZORES-HörerInnen vielleicht noch als Beteiligten von Ich Schwitze Nie in Erinnerung haben. Static lotet die Möglichkeiten geloopter Musik aus, mit einem Schlag hin zu melancholischem Pop. Eine Reihe von Veröffentlichungen hinter sich, beschloss Hanno Leichtmann zuletzt, in diesem Rahmen etwas Neues auf die Beine zu stellen. Statics aktuelles Album Freedom of Noise ist somit unversehens auch zu einer Begegnung mit der Impro-Scene geworden.

Forest Jackson als weiteres Soloprojekt Hanno Leichtmanns sowie Groupshow als Trio waren einige der weiteren Aktivitäten, indes der Berliner Musiker Stoff für dieses Album sammelte. Ein einschlägiges Festival brachte ihn dann auf die Idee, Improvisationsmusiker einzubeziehen und sie in einem merklichen Popkontext spielen zu lassen. Die Harfenistin Clare Cooper, Trompeter Axel Dörner und Saxofonist Tobias Delius waren schnell überzeugt. Auch die weiteren Beteiligten lesen sich wie ein who´s´who der freien Szene: Sabine Vogel an Flöten, Kollege Nicholas Bussmann, Cello, der Vokalist David Moss, Andrea Neumann im Klavier, Magda Mayas, Orgel - um nur einige der weiteren Beteiligten zu nennen, die an einem oder mehreren Stücken mitspielen. Auch Vokalparts wurden vorgesehen, wir hören bei Bedarf Yanira Castro und Falko Teichmann.

Diese bunt gemischte Truppe bringt die repetitive Musik von Static leichthändig und präzise mit den expressiven Möglichkeiten der Gastmusiker zusammen. Static als (Big-)Band funktioniert, ums so zu sagen, ausgezeichnet. Der Sound ist ungemein vielfältig und farbig, die Loops bilden ein elastisches Gerüst, das auf vielfältige Weise umrankt wird. Das Album öffnet sich in die unterschiedlichsten Richtungen: melancholischer Ambient ist ebenso zu hören wie leichtfüssiger Pop, Geräuschhaftes weht herein und unter (oder über) allem läuft die selbstvergessen atmende Bewegung der von Hanno Leichtmann angestossenen Loops.

Die Freiheit des Geräuschs beinhaltet so selbstverständlich auch Schönklang, Grazie und heitere Empfindung.

Anspieltipps: Stubby Fingers, Freedom of Noise, The Heimlich Manoeuver, Collage, Holz Papier 2       

Hans Plesch für ZORES auf Radio Z, 1.5.2012